Von der Halle in die „Lagune“ - Delfine in Nürnberg

Die Delfinlagune im Tiergarten Nürnberg
 
Größe aller Becken zusammengerechnet im Vergleich mit Fußballfeld
 
Platz für einen Delfin etwa 10x10x7 Meter
 
Das zunächst beeindruckende Panoramafenster der Lagune
Nürnberg: Tiergarten |

Hat sich das Leben der Delfine im Tiergarten Nürnberg verbessert?


Ohne Zweifel haben sich die Bedingungen für die Delfine mit dem Bau der Lagune verändert und zum großen Teil auch verbessert. Endlich können sie den weiten Himmel über sich sehen, anstatt nur die Decke der Halle, in der sie vorher untergebracht waren. Sie können erleben, wie Regentropfen auf die Wasseroberfläche prasseln, wie die Sonne scheint, wie sich Wind anfühlt und alles andere, was zur Witterung dazugehört. Dies ist definitiv ein elementarer Schritt in Richtung artgerecht, wenngleich man auch hier die Tatsache nicht außer Acht lassen darf, dass es in Deutschland durchaus über längere Zeit zweistellige Minusgrade haben kann. Im Ozean bevorzugen Delfine hingegen gemäßigte Zonen. Dies führt dazu, dass die Tiere der Lagune im Winter mit speziellen Zelten über den Becken vor der Kälte geschützt werden oder doch wieder in die Halle umziehen müssen. Trotz Verbesserung durch Freiluft, ist „natürlich“ also nach wie vor nicht gegeben.

Die einzelnen, miteinander verbundenen Becken bieten den Delfinen nun endlich die Möglichkeit, sich ein wenig „aus den Augen“ zu schwimmen, freilich nur dann, wenn die Pfleger die Schleusen nicht schließen. Auch der zur Verfügung stehende Lebensraum hat sich merklich vergrößert. In der neuen Lagune befinden sich 5345 m3 Salzwasser, sie hat eine Oberfläche von 1600 m2 (vorher nur ca. 353 m2). Im Vergleich zu vorher ist das tatsächlich viel mehr, aber ist es genug?
Das endlose Meer gegenüber 20.000 gefüllten Badewannen und gegen die Fläche von gut einem Viertel eines Fußballfeldes?
Der Tierbestand im Tiergarten Nürnberg beläuft sich momentan auf neun Tiere. 13,4 Quadratmeter Oberfläche errechnet man pro Tier, welches selber allerdings auch bereits eine Länge von bis zu 4 Metern erreichen kann. Die Tiefe der Becken mit einbezogen, ergibt das pro Tier einen fiktiven Lebensraum von etwa 10 x 10 x 7 Meter.

Wer mit offenen Augen sieht, welchen Bewegungsdrang Delfine haben oder diese Spezies gar schon einmal im Meer hat springen, tauchen und dahin flitzen sehen, weiß sofort: Das kann nicht genug sein!

So viel zur Quantität der neuen Anlage. Vielleicht punktet die Lagune mit einer außergewöhnlichen Qualität einer natürlichen Gestaltung.


Der Tiergarten schreibt auf seiner Seite „Die Schlüsselmerkmale der Delphinlagune sind: ... die Möglichkeit für die Besucher, die Tiere in einer natürlichen Umgebung und mit einer verbesserten Unterwassereinsicht zu erleben. ...“

Und tatsächlich, für die Besucher sieht die Anlage recht natürlich aus und erinnert im Ansatz an echte Lagunen. Die Tribüne ist in einen Hügel integriert, Felsen und Baumstämme untermalen eine gewisse Idylle. Definitiv, das wirkt sehr positiv.
Wie sieht es mit der Natürlichkeit für die Delfine aus?
Von der Tribüne aus lässt sich diesbezüglich nur schwer ein Urteil fällen. Die einzigen Kriterien, die bereits hier zu einer natürlichen Umgebung fehlen, sind die erwähnte nicht vorhandene Weite und natürlich die fehlenden Wellen, ohne die man sich ein Meer nicht vorstellen kann.

Ein Besuch des gerühmten Panoramafensters gibt Aufschluss über die Qualität der Natürlichkeit innerhalb der Becken. Die riesige Glaswand ist beindruckend und im ersten Moment wirkt der blau leuchtende Raum dahinter sehr groß.
Doch nicht einmal kleine Kinder lassen sich von dem ersten Eindruck lange täuschen. „Mama, warum schwimmt der Delfin immer nur im Kreis herum?“, „Mama, wo sind denn da Pflanzen“ und „Sind da keine Fische drin?“
Die Beobachtungen der Kinder bringen es auf den Punkt. Direkt an der Scheibe war man bei der Gestaltung der Lagune bemüht, einen aufgelockerten Eindruck zu vermitteln, wohlbemerkt eher nur wieder für die Besucher. Es sind einzelne Ritzen und kleine Mulden in den Beton geschlagen worden, damit die Wände nicht gänzlich glatt wirken, einige große Steine sind fensternah positioniert. Direkt an der Scheibe auf etwa 1-1,5 m Breite ein Streifen mit Steinen direkt
hinter der Scheibe.
Einige Besucher halten die sich leicht bewegenden Bänder für Pflanzen, doch das Kunstfasergewebe ist auf den zweiten Blick unschwer zu erkennen. Außer den grünbraunen Algen auf den Steinen befindet sich, soweit man blicken kann, keine einzige Pflanze in den Becken. Von Natur keine Spur. Im Hintergrund sieht man glatte Wände und am Boden gleichmäßige Reihen von Metallösen in den einzelnen Betonplatten. Sucht man in der Natur Symmetrie, wird man wahrscheinlich scheitern. Symmetrie bedeutet eine Art von Eintönigkeit. Die Natur ist viel, aber eintönig ist sie nie.
Die erste Begeisterung über den tollen Blick ins Becken weicht bei vielen Besuchern einer frustrierten Ernüchterung. Das Wort „trostlos“ und „traurig“ fällt und viele Kinder bedauern die armen Delfine, die dort monoton ihre Kreise ziehen.
Entertainment sieht anders aus.
So mancher Elternteil erklärt den Kindern, dass die Tiere nicht woanders hinkönnen und dass man sich mal vorstellen soll, wie es ist, die ganze Zeit in einem kleinen Raum eingesperrt zu sein.
Ein Vater schüttelt den Kopf: „Das ist doch nichts! Furchtbar!“

Was bringt die Vorführung für Mensch und Tier?

Bevor die Show beginnt, wird Moby ein Schlauch in den Rachen geschoben und Wasser eingeflößt. Moby ist ein Wildfang aus Florida, dort bereits etwa 1960 geboren. Für einen großen Tümmler ist das ein stattliches Alter. Moby hat Probleme mit den Nieren und da die aufgetauten Fische ohnehin weniger Flüssigkeit enthalten als frischer Fisch, muss man ihm zusätzlich Wasser in den Magen einführen. Delfine trinken nicht. Diese Prozedur ist vielleicht für das Tier weniger unangenehm, als es für den Betrachter wirkt. Und ob Moby ohne diese Maßnahme noch leben würde, ob er überhaupt in freier Wildbahn noch leben würde, lässt sich kaum beurteilen. Insofern tut man dort sicher das Beste für den alten Delfin.
Die guten Lebensbedingungen in Gefangenschaft werden gerne angeführt, wenn es um Mobys hohes Alter geht. In der Tat, die Delfine in den Becken bekommen immer ausreichend Futter, haben keine Feinde zu fürchten, sind keiner Meeresverschmutzung oder Fischernetzen ausgeliefert, werden medizinisch rundum versorgt und gegebenenfalls auch mit Medikamenten behandelt. Eigentlich müssten deshalb alle in Gefangenschaft lebenden Delfine uralt werden und alle Delfinbabys durchkommen. Die Fakten sehen allerdings anders aus.

Bevor die Vorstellung beginnt, erscheint an einem hinteren Ende der Lagune ein Mitarbeiter mit einer Sondergruppe von 5 Personen. Wahrscheinlich ist es eine spezielle Führung hinter den Kulissen.

Als die Trainer erscheinen, beginnen die Delfine sofort mit einem bettelnden Verhalten. Sie lassen die Trainer nicht aus den Augen, folgen ihnen am Beckenrand und reißen ihre Mäuler auf. Ein Mitarbeiter geht auf die Plattform und leitet die Vorstellung. Die Hinweise klingen einstudiert, monoton und fast gelangweilt. Die Erklärungen klingen wie Durchsagen in einem Supermarkt: „Heute im Angebot ...“ Sie vermitteln nicht den Hauch von eigener Begeisterung. Die Tribüne ist voll, doch die Stimmung nicht so euphorisch, wie man es erwartet hätte. Zu „Love Runs Out“ von OneRepublic ertönen die Trillerpfeifen und werden Kommandos gegeben. „I feel alright“ soll wahrscheinlich unbewusst zumindest die englischsprachigen Besucher beeinflussen. In den Momenten, wo die Delfine auf Kommando weit aus dem Wasser springen, zeigt das Publikum ein wenig Begeisterung. Im Großen und Ganzen ist es erstaunlich still auf den Rängen. Das Gegröle, das man in Werbejingles anderer großer Delfin-Showkonzerne sieht, fehlt gänzlich.

Einige Tiere haben Kratzer und Schrammen, was aber auch bei Delfinen in freier Wildbahn völlig normal ist. (siehe Bilder)

Wer aufmerksam hinhört, dem entgehen auch die kritischen Stimmen nicht. Aber selbstverständlich sind auch noch viele Besucher begeistert. Insbesondere bei den nicht deutsch sprechenden Gästen lässt sich das an dem Tonfall ihrer Bemerkungen gut erkennen.

Positiv ist, dass zumindest diese Show nun keine Elemente mehr enthält, in denen ein Trainer zu den Tieren ins Wasser geht, wie das früher der Fall war. Bedenkt man jedoch, dass der Tiergarten inzwischen das lukrative Geschäft der Delfintherapie für sich entdeckt hat und somit wahrscheinlich häufig Leute zu den Tieren ins Wasser gehen werden, relativiert sich der positive Aspekt sofort wieder.

Unnatürliche Tricks kommen ebenfalls vor, denn ein Delfin würde freiwillig kaum das Wasser verlassen. Sein Instinkt sagt ihm, dass er dann stirbt. In der Wildnis gibt es jedoch einige wenige Regionen, wo Delfine nahezu stranden, um Fische zu jagen. Dies sei fairerweise erwähnt.

Nach der Vorstellung der Mitarbeiter des Tiergartens mit der Sondergruppe am größten Showbecken und betritt mit ihnen die Plattform der Trainer. Die Personen dürfen den Delfinen Bälle zuwerfen und auch anschließend diese aus den Mäulern der Delfine nehmen. Als Belohnung gibt es Eiswürfel und Streicheleinheiten. Ob vor der Berührung besondere hygienische Maßnahmen getroffen wurden, kann man nicht beurteilen. Jedenfalls sieht man beim genauen Betrachten der Fotos, dass eine Frau sehr spitze Ringe an den Fingern trägt und extrem lange Fingernägel hat. Zudem benutzen die Sondergäste direkt am Becken immer wieder Handys zum Fotografieren. Sie könnten leicht ins Becken fallen.

Die kleine Nami, geboren 2014, scheint sich am meisten für die Bälle begeistern zu können. Sie spielt auch noch damit herum, als es für das Apportieren keine Belohnung mehr gibt. Moby hingegen ist nur interessiert, solange es Eiswürfel gibt. Danach nimmt er öfter einen Ball in sein Maul und schwimmt stur Kreis nach Kreis. Überhaupt fällt auf, dass Moby extrem monotone Schwimmbewegung macht. Sicher ist einiges seinem hohen Alter zu schulden, bestimmt zollt aber auch ein langes Leben in Gefangenschaft Tribut.

Als die Sondergruppe das Gehege verlässt und Ruhe einkehrt, sind in den Freiluftbecken kaum noch Delfine zu sehen. Man kann nicht beurteilen, ob sie sich freiwillig in die geschlossenen Bereiche zurückgezogen haben, oder ob man Schleusen geschlossen hat. Moby zieht noch lange seine monotonen Runden im großen Becken. In den Bereichen der Tribüne, die den Becken am nächsten sind, patrolliert ständig Aufsichtspersonal. Umso überraschender ist es, dass nach der letzten Show recht nah am Becken ein heruntergefallener Schuller unbemerkt bleibt. Ein zufälliger Tritt durch den Fuß eines Besuchers und schon wäre das Plastikteil im Becken.

Es wird ruhig in der Lagune, keine Show, es gibt nichts Spektakuläres zu sehen. Freilich gibt es auch im Meer Ruhephasen, doch dürften dort die Sinnesreizungen allein durch die Wellen und die anderen Meerestiere nie diesen Leerlauf zulassen.

Die Umwälzpumpe läuft an. Der Tag geht zu Ende. Die Besucher verlassen das Gelände. Sie fahren nach Hause, oder gehen erst noch wo essen. Sie machen vielleicht noch einen Spaziergang oder gehen abends tanzen oder ins Kino. Sie werden wahrscheinlich noch viele Sinneserfahrungen an diesem Tag machen, neue Dinge sehen, andere Menschen treffen. Sie werden es wahrscheinlich selbst entscheiden.

Die Delfine nicht.
Sie bleiben dort.
24 Stunden täglich. 365 Tage im Jahr.




Video - Delfine in Menschenhand (Youtube)


Quellen zu Beckenmaßen:
http://www.nordbayern.de/2.192/die-lagune-in-zahle...
http://www.zoolex.org/zoolexcgi/view.py?id=1645&ex...
http://tiergarten.nuernberg.de/entdecken/hoehepunk...
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4 Kommentare
5.964
Holger Finck aus Langenhagen | 16.07.2016 | 20:51  
54.277
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 17.07.2016 | 00:27  
6.115
Barbara Steffens aus Ebsdorfergrund | 17.07.2016 | 14:33  
54.277
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 17.07.2016 | 17:18  
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