Zwischen Meißen und Nossen: Über Öffentliche Infrastruktur jenseits der Bedürfnisse der Motorwelt

Das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude der Stadt Nossen ist verrammelt. Nur ein Teil wird an die Deutsche Bahn vermietet. Das Gebäude sollte 2012 versteigert werden. Obwohl eine Nachnutzung für einen zentralen Busbahnhof im Gespräch war, wollte die Stadt Nossen nach einer Meldung der Freien Presse nicht mitbieten.
Nossen: Stadt | Ich war am Wochenende mit dem Rad im Mittelsächsischen Hügelland zwischen Meißen und Nossen unterwegs. Dem Verlauf der Bahntrasse im beschaulichen Triebischtal konnte ich sehr gut folgen. Die Straße schlängelt sich mit gemütlicher Steigung aus dem Elbtal hinauf und war dank der parallel verlaufenden Bundesstraße 101 auf weiten Strecken nahezu frei von Verkehr.

Ich habe aber Hinweise auf Bahnhöfe bzw. Haltepunkte vermisst. Entlang der Staatsstraße stieß ich dagegen auf mehrere Bushaltestellen. Einen Bus habe ich dagegen nicht gesichtet. Es waren leider kaum Personen ohne Autos unterwegs, die ich hätte fragen können.

In Deutschenbora sichtete ich ein unscheinbares Straßenschild "Am Bahnhof". Ein Anlass, stehen zu bleiben und sich zu orientieren. Dann erwischte ich eine Frau, kurz bevor sie hinter ihrer Haustür verschwunden wäre.

Wie weit ist der nächste Bahnhof? In Erwartung einer gewissen Wartezeit auf den nächsten Zug erkundigte ich mich, ob das Bahnhofsumfeld belebt ist. Antwort: Zum Bahnhof Nossen geht es auf der Bundesstraße in Richtung Eula. Der Kfz-Verkehr wird wegen einer Baustelle derzeit umgeleitet. Ja, die Straße "Am Bahnhof" führt tatsächlich immer noch zu einem Haltepunkt der Deutschen Bahn. Der Bahnhof Nossen ist aber zu. Ich stutzte. Was heißt "zu". Bauarbeiten? Nein, Züge fahren, nur das Bahnhofsgebäude sei verschlossen. Aber wie die Züge fahren, habe ich nicht erfahren.

Na gut, in Nossen finde ich vielleicht noch etwas zu Essen, also weiter nach Nossen. Dort ging das Rätselraten hinsichtlich des Weges zum Bahnhof weiter. Wieder fragte ich nach und stieß schließlich auf die Gleisanlagen - leider aus der falschen Richtung. Die Döbelner Straße führte mich schließlich auf die andere Seite der Bahnstrecke. Aber auch auf den Wegweisern der Bundesstraße war offenbar kein Platz für einen Hinweis oder ein Symbol "Bahnhof" und Gastronomie oder Geschäfte des täglichen Bedarfs versüßten mir den Aufenthalt dort auch nicht.

Mein erster Eindruck vom Bahnhof: dunkel und tot. Nach Ausschlussverfahren entdeckte ich dann den Zugang zu den Bahnsteigen, die ein menschenleeres, aber halbwegs gepflegtes Erscheinungsbild abgaben. Erst als der Zug wenige Minuten später einfuhr, fühlte ich, dass ich endlich am Ziel angekommen sei.

Dass ich heute die nächste Autobahnauffahrt leichter ausfindig machen kann als die öffentliche Infrastruktur jenseits der Bedürfnisse von motorisierten Verkehrsteilnehmern, finde ich diskriminierend und inakzeptabel. Manche wirtschaftlich schwächeren Regionen scheinen für sozialen und umweltfreundlichen multimodalen Verkehr mehr zu tun als viele deutschen. Bemühungen um Abhilfe gleichen dem Kampf gegen Windmühlen. Als regelmäßiger Radtourist muss ich deshalb versuchen, das Defizit an öffentlicher Infrastruktur durch zusätzliche Ausrüstung, besondere Vorbereitung und angepasste Tourengestaltung zu kompensieren. Z.B. durch entsprechende Auswahl meiner Ausflugsziele. Auf Wiedersehen in Nossen?
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Hagen Riedel aus Naumburg (Saale) | 15.01.2014 | 18:45  
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