Die arabische Wüste - hautnah

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"Sieh dich vor den wilden Hunden vor, vor allem aber hüte dich vor den Beduinen, die Touristen entführen," warnte der ägyptische Fahrer", bevor er zurück fuhr, um mich am nächsten Morgen wieder abzuholen.

In jener Nacht, in der ich in einem Linienbus die arabische Wüste durchfuhr, keimte in mir der Wunsch, diese vorbeihuschende, nur vom Vollmond in silbernes Licht getauchte, mystisch und geheimnisvoll sich fast senkrecht in den Himmel aufragende Gebirgswüste irgendwann einmal auf eigene Faust zu durchstreifen und eine Nacht dort zu verbringen.
Zwei Jahre später schüttelte mein ägyptischer Fahrer verständnislos den Kopf, als ich ihm nach 40 Kilometern Fahrt an einer Stelle der Straße, die vom Roten Meer nach Luxor führt, bedeutete anzuhalten und mir beim Transport meiner "Ausrüstung" in eines der ausgetrockneten Wadis hinter einer felsigen Hügelkette behilflich zu sein. Die "Ausrüstung" war bescheiden. Sie bestand aus einem Rucksack, zwölf großen Wasserflaschen, zwei Hoteldecken, einer Winterjacke, einem Handy, Fotoapparat, Sonnenschutz, Verpflegung und einem dicken Knüppel, den ich als Treibholz am Strand gefunden hatte. Eine Sonnenbrille hatte ich vergessen. Das rächte sich später.
Die Strahlung der Sonne war enorm, als ich aus dem Schatten des Felsens trat, hinter dem ich mein Lager aufgebaut hatte. Dabei war es erst Vormittag und Februar und mir fiel die Vorstellung schwer, wie heiß es hier im Sommer sein würde. Doch ich wollte die Zeit nutzen, und so erkletterte ich - den Rucksack voller Wasserflaschen - von der Sonne aufgeheizte braunschwarze Felshügel und durchwanderte blendend helle Sandflächen zwischen den Bergen, die nach kurzer Zeit meine ungeschützten Augen überforderten. Alles flimmerte und verschwamm, und nur im Schatten einer der aus dem Sand himmelhoch nach oben steigenden Felsen konnte ich wieder genauere Konturen der Landschaft wahrnehmen. Dann trank ich gierig aus den mitgeführten Wasserflaschen und mein mitgeschleppter Wasservorrat schmolz erschreckend schnell zusammen. Ich vergaß die Zeit und den Tag und immer wieder entfernte ich mich bei meinen Exkursionen - überwältigt und abgelenkt durch das Grandiose der Landschaft und hinter jedem Felsen oder Hügel etwas Neues, etwas Spannendes erwartend - viel zu weit von meinem Lagerplatz. Doch der Durst trieb mich rechtzeitig zu meinen Wasservorräten zurück und irgendwann war ich zu ausgepumpt für weitere "Ausflüge" und sehnte mich nach Ruhe und der bevorstehenden Wüstennacht.
"Sieh dich vor den wilden Hunden vor, vor allem aber hüte dich vor den Beduinen, die Touristen entführen," warnte der ägyptische Fahrer", bevor er zurück fuhr, um mich am nächsten Morgen wieder abzuholen. Ernst nahm ich die Warnung nicht, hatte ich doch einen Knüppel im Gepäck...
Ich wurde nicht entführt und für mich wurde kein Lösegeld fällig. Mein größter Feind war die Sonne, deren Wirkung mir die Tage danach zu schaffen machte. Doch die Freude darüber, diese mir fremde Landschaft für kurze Zeit auf mich einwirken zu lassen, glich alles aus. Es war die Stille der Natur, die mich andächtig machte. Eine Stille, die über der Landschaft zu schweben schien, die nur manchmal durch einen leichten Wind unterbrochen wurde, der den feinen Sand - ein fließendes Wasser vortäuschend - über die hellen Sandflächen trieb und dabei ein sirrendes Geräusch machte. Es waren die in der klaren Luft unwirklich plastisch erscheinenden Berge, die wie gemeißelt aus den Sandflächen bis in Höhen von über 2000 m herauswuchsen und in deren Spalten und Klüfte man, durch keinen Dunst behindert, zum Greifen nah, wie in einem 3- D Film, ungehindert hineinsehen konnte. Und es war das Licht- und Schattenspiel der hinter den zackigen Berggraten im Westen untergehenden Sonne, die zuerst die sandgefüllten Täler fremd und drohend mit Dunkelheit füllte, die Federwölkchen des Himmels und die Berge aber wie zum Trost erst messinggelb und dann rot färbte, bevor immer länger werdende schwarze Schatten, dunklen, kalten Fingern gleich, auch die Berge bis zu deren Spitzen hinaufkrochen und das Licht der Wüste auslöschten. Es war die plötzliche Kühle der Nacht, die mich in die Winterjacke und unter die mitgebrachten Decken trieb. Dann leuchtete schwach die auf dem Rücken liegende Mondsichel mit einem glänzenden Abendstern darüber, und als auch er hinter den Berggraten unterging, legte nur noch das kalte Licht der Milchstraße einen blassen Schimmer über den Sand, die schwarzen Berge und meinen "Schlaffelsen", den am Tage ein von der Erosion geformtes Tierbild schmückte.
Mittags, nachdem mich der der Fahrer am nächsten Morgen abgeholt und im Hotel abgesetzt hatte, starrte mich aus dem Spiegel ein "verkohltes Gesicht" an und ich wusste, unterwegs war ich, wie so oft, zu sparsam mit Sonnenmilch und ähnlich ekligen "Einschmiersachen" gewesen. Und trotzdem: Nach dem Sonnenbrand, den Strapazen, der Hitze, den Schatten und den "Felstierbildern", bin ich "so richtig heiß geworden" auf noch mehr Wüste und noch mehr Erleben und vielleicht auch auf mehr, als nur vierundzwanzig Stunden Wüste.
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Karin Franzisky aus Bad Arolsen | 08.04.2015 | 21:48  
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