Die Spinnen die Römer – die Maihinger auch
Eine gesellige Einführung in die Faserverarbeitung
Wenn vor 100 Jahren in den Wintermonaten die Feldarbeit ruhte und es schon zeitig dunkel wurde, warteten in der warmen Stube all die Arbeiten auf Erledigung, für die im Sommer keine Zeit blieb. Die Männer reparierten Werkzeug und Gerät, die Frauen flickten die Wäsche oder spannen den Flachs zu Garn. Winterarbeiten sind eines von vielen Themen der aktuellen Sonderausstellung „Wohlig warmer Winter“ im Rieser Bauernmuseum Maihingen.
Mit einem Spinnkurs wurde an diese alte Tradition angeknüpft. Die Textilkünstlerin Gabi Bauer aus Lehmingen führte zwölf interessierte Frauen an zwei Abenden in die alte Kulturtechnik ein und besprach die Arbeitsschritte vom Waschen der Rohwolle bis zum fertigen Garn. Mit ein wenig Theorie vor dem Spinnen fanden sich die Anwesenden bald zurecht in Begrifflichkeiten wie Stapellänge, Vlies oder Kammzug und erhielten einen Einblick in die Vielfalt von spinnbaren Fasern. Denn schon bei Schafwolle gibt es je nach Rasse und Struktur eine große Bandbreite unterschiedlicher Qualität. Hinzu kamen eine Reihe weiterer tierischer Fasern wie Maulbeerseide oder Alpaka. Unter den pflanzlichen Materialien konnten auch moderne Fasern wie Bambus oder Ramie im Vergleich begutachtet und vor allem gefühlt werden.
Den praktischen Teil begannen die Teilnehmerinnen jedoch zunächst mit Rohwolle vom Schaf, die sie mit der Hand in Ordnung zupften und mit Handkarden kämmten, damit sich die Fasern in eine Richtung legten. Nun wurde mit Hilfe eines Holzstöckchens das Verdrillen der Faser geübt, wobei man die Geschwindigkeit noch selbst bestimmen konnte. Etwas schwieriger wurde es schon beim Arbeiten mit der Handspindel, galt es doch hier, die Spindel in Bewegung zu halten und gleichzeitig mit deren Tempo die Faser zuzuführen.
Am zweiten Abend stand die Arbeit mit den Spinnrädern im Mittelpunkt. Diese präsentierten sich den Frauen ohne Vorkenntnisse zunächst mit all ihren Tücken, wenn die Faser sich zu sehr verdrillte oder in Windeseile aus der Hand flutschte und keine Chance zum Anstückeln ließ. Denn bis die Bewegungsabläufe in Fleisch und Blut übergegangen sind, ist eine gute Koordination von Auge, Hand und Fuß gefragt, aber auch die richtige Einstellung des Spinnrades. Gabi Bauer stand deshalb jeder zur Seite, korrigierte die Spannung am Spinnrad und die Verspannung bei der Spinnerin. Und da auch hier Übung den Meister macht, hatten nach einiger Zeit alle Teilnehmerinnen den Dreh heraus und es surrten bald Spinnräder der unterschiedlichsten Formen und Bauarten um die Wette. Für die nächsten Arbeitsschritte spannen die meisten auch noch eine zweite Spule voll, so dass sie das Zusammenzwirnen der beiden gesponnenen Fäden ausprobieren und das Garn auf die Haspel abwickeln konnten. Motiviert von ihrem Ergebnis und angesteckt vom Spinnvirus, versorgten sich etliche Hobbyspinnerinnen noch mit Material, um ihre Arbeit daheim fortsetzen zu können.


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