Widerstand gegen neuen zentralen Ärzte-Notdienst für Neustadt, Wunstorf, Garbsen und Seelze wächst

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Umstrittene KV-Reform: Seit 1. Juli gibt es nur noch die neue zentrale ärztliche Bereitschaftspraxis für noch gehfähige Kranke aus Wunstorf, Neustadt, Garbsen und Seelze (Tel. 116117). Die bewährten Ärztebereitschaften in allen vier Städten wurden abgeschafft.
 
Diagnose von Hausarzt Dr. Kass: „Diese Reform hat die ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung im Nordwesten der Region Hannover verschlechtert und den Arztberuf nicht attraktiver gemacht." Bettlägerige Kranke müssten länger als bisher auf medizinische Hilfe warten. Bereitschaftsärzte haben nun viel weitere Anfahrtswege.
Neustadt am Rübenberge: Klinikum Neustadt |

Der Widerstand gegen den neuen zentralen Ärzte-Notdienst im Neustädter Klinikum für 190.000 Wunstorfer, Garbsener, Seelzer und Neustädter wächst: Haus- und Fachärzte aus den Städten, die Bürgermeister in Wunstorf und Garbsen, die Neustädter Grünen und einzelne andere Politiker dringen auf Verbesserungen. Denn die funktionierenden Ärztebereitschaften in allen vier Kommunen hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) abgeschafft.

Nur noch zwei Bereitschaftsärzte fahren mittwochs und freitags, an Wochenenden und Feiertagen zu bettlägerigen Patienten z. B. mit hohem Fieber in alle Teile des auf 617 Quadratkilometer gewachsenen Einzugsgebiets, wenn Arztpraxen geschlossen sind. Die Garbsener Hausärzte Dr. Jan Reimers und Boris Höppner: "Ab Mitternacht hat nur ein einziger Arzt Patienten in dieser weitläufigen Region zu versorgen. Unsere Vertretungsärzte fahren nun viel mehr und haben dadurch weniger bezahlte Einsätze."

Funktionierende Notdienste vor Ort ohne erkennbaren Grund aufgelöst

"Warum die KV-Bezirksstelle unsere vier funktionierenden Ärztebereitschaften in Wunstorf, Neustadt, Garbsen und Seelze zugunsten der neuen Zentralpraxis im Klinikum abgeschafft hat, kann ich nicht erkennen", sagt der Wunstorfer Allgemeinmediziner Dr. Sami Mohtadi. "Unter dem Strich brachte diese Reform den Patienten eine schlechtere ärztliche Versorgung, denn weniger als die Hälfte der bisherigen Bereitschaftsärzte als bisher kümmern sich um sie", ergänzt Dr. Reimers.

420 km Fahrten in einer Nacht

"Während einer Bereitschaft ist mein Vertretungsarzt in nur einer Nacht 420 Kilometer gefahren, denn er musste von hier aus in entlegenste Dörfer im Wunstorfer und Seelzer Stadtgebiet ", schildert Hausarzt Dr. Godehard Kass aus Neustadt-Schneeren. - Schon kündigten einige Vertretungsärzte aus Hannover an, in dieser Region nur noch bis zum Jahresende Bereitschaften zu übernehmen. Denn wegen weiterer Anfahrten hätten sie weniger bezahlte Behandlungen als zuvor.

Bereits im April hatt der Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle, Dr. Bernhard Specker, dem Neustädter Stadtrat die denkwürdige Reform angekündigt. - Nur der betroffene Hausarzt und Grünen-Ratsherr Dr. Kass und sein FDP-Kollege Thomas Iseke erkannten gleich die Nachteile für Patienten und Ärzte und meldeten Bedenken an. Der Rest des Rates schwieg.

Ein Bereitschaftsarzt in der neuen „Portalpraxis" im Klinikum ist nunmehr mittwochs und freitags von 17 bis 21 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 14 Uhr und von 17 bis 20 Uhr Ansprechpartner für alle gehfähigen Kranken aus Neustadt, Wunstorf, Garbsen und Seelze. Bettlägerige Patienten und Gebrechliche werden bis Mitternacht von zwei, anschließend nur noch von einem Mediziner versorgt. - Bislang erledigte das nachts ein Arzt in jeder der vier Städte.

Wunstorfs Bürgermeister: KV handelte arrogant und selbstgerecht

Doch die Kritik an der patientenfeindlichen KVN-Reform wird lauter: Wunstorfs Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt (CDU) befürchtet Qualitätseinbußen in der medizinischen Versorgung seiner Stadt und bescheinigt der KVN ein „arrogantes und selbstgerechtes Verhalten“ (HAZ v. 15.06.16). Die KVN habe die betroffenen Städte leider nicht an der Entscheidung beteiligt, bedauert auch der Erste Stadtrat Carsten Piellusch (SPD): „Für den 8. Juni waren wir nur zu einem Verkündungstermin in Neustadt eingeladen.“ Ihrem Unmut hat die Stadt schon in einem Brief an die KVN Luft gemacht.

Gravierende Nachteile für Patienten sieht auch der Garbsener Hausarzt Dr. Reimers: „Wie soll jemand, der kein Auto hat, mit dem Bus von Seelze oder Garbsen nach Neustadt fahren?“ Das könne man den Patienten doch nicht zumuten. Dazu Dr. Kass: „Gehfähige Kranke aus Seelze, Wunstorf und Garbsen brauchen länger, bis sie in Neustadt die neue Zentralpraxis erreichen.“

"Insbesondere Familien und Alleinerziehende mit mehreren Kindern sowie noch mobile, aber geschwächte Ältere aus den Nachbarstädten stellt die weite Anreise nach Neustadt vor große Probleme", steht für Carsten Piellusch fest. Abends oder nachts müssten sie teuere Taxen nehmen, da öffentliche Verkehrsmittel kaum noch fahren.

Längeres Warten auf ärztliche Hilfe

„Bettlägerige Patienten und Gebrechliche müssen nun länger warten, bis ein Arzt kommt“, kritisiert Dr. Kass. Die Fahrtstrecken für mobile Ärzte im Bereitschaftsdienst im vergrößerten Einzugsgebiet hält er für zu weit und zu zeitraubend, um Patienten rasch und angemessen versorgen zu können. Seine Diagnose: „Ungünstige Krankheitsverläufe und mehr Rettungsdiensteinsätze werden nun wahrscheinlicher. Denn entnervte Patienten werden häufiger die schnellen Retter alarmieren, die eigentlich nur bei Lebensgefahr ausrücken sollen.“

Der Bereitschaftsarzt in der Neustädter Praxis sitze bei ausbleibenden Einsätzen seine Zeit künftig ohne Honorar ab, meint der Hausarzt. Den fahrenden Kollegen drohten Marathondienste, wenn sie nach ihrer Arbeit in der eigenen Praxis Bereitschaften fahren und anschließend wieder in der Praxis tätig sind. Dr. Kass: "Das kann zu Dienstzeiten bis zu 36 Stunden führen. Doch wer möchte schon einen übermüdeten Mediziner als Behandler, was Risiken mit sich bringt?"

KVN-Funktionär spricht von Vorteilen

Kritiker beruhigt KVN-Funktionär Specker mit angeblichen Vorzügen der Reform und zog schon drei Wochen nach dem Start der neuen Zentralpraxis für Neustadt mitten in den Sommerferien eine positive Bilanz: „Alle 205 Haus- und Fachärzte in den vier Städten haben weniger Bereitschaftsdienste und Einsatzfahrten, was sie entlastet.“ Da die neue Praxis im Klinikum angesiedelt sei, könnten Patienten bei Bedarf rasch ins Krankenhaus eingewiesen werden.

Nachteile für Patienten sieht Dr. Specker nicht: „Zum Beispiel aus dem Landkreis Celle haben Bereitschaftsärzte nach 23 Uhr vielleicht noch drei Anrufe.“

Neustadts Grüne für bürgerfreundlicheren Ärztenotdienst

Doch seinen Argumenten können die Kritiker wenig abgewinnen: Unter dem Strich stünden nun in allen vier Städten weniger Bereitschaftsärzte bereit als bisher, steht für sie fest. "Diese Notdienstreform verschlechtert die ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung in allen betroffenen Städten", sind die Neustädter Grünen überzeugt.

Die Grünen fordern einen wirklich bürgernahen Ärztenotdienst und echte Entlastungen für niedergelassene Mediziner. Dazu Uwe Lötzerich, Fachredakteur für Gesundheit und Pflege und Grünen-Kandidat für Schneerens Ortsrat und den Stadtrat: „Das wäre auch ein wirklich guter Beitrag, Neustadt für die so dringend benötigten neuen Hausärzte reizvoller zu machen.“

Weitere kritische Stimmen

Inzwischen haben sich auch der SPD-Landtagsabgeordnete Mustafa Erkan (Neustadt) und der CDU-Regionsabgeordnete Eberhardt Wicke (Garbsen) den Kritikern angeschlossen. "Was von einem Schreibtisch in Hannover aus als attraktive Kostenreduzierung erscheint, trifft die Menschen vor Ort empfindlich", schrieb Erkan dem KVN-Vorstandschef Mark Barjenbruch."

Dass die KVN bei der ärztlichen Versorgung nur auf die Kosten schaue, kann Wicke nicht verstehen: „Es geht um die Sicherung eines wichtigen Bausteins der Grundversorgung.“ Zudem würden die Krankenhaus-Notaufnahmen durch die Reform stärker belastet. Dort fehle dann zunehmend Zeit, wirklich dringende Fälle vernünftig zu behandeln.
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