Porn Chic - Die Pornifizierung des Alltags

Porn Chic (Foto: dtv (Cover))
Vor wenigen Jahren fragte meine Lehrerin im Psychologie-Kurs ungläubig in die Runde, ob es denn stimme, dass die Bezeichnung „Psycho“ was Schlechtes und „Porno“ was Gutes sei. Bei Jugendlichen ist das inzwischen so. Porno gilt als cool, hip, allgegenwärtig. Zumindest vermitteln die Medien diesen Eindruck, insbesondere neue Medien.

Mit „50 Shades of Grey“ mutiert ein SM-Roman zum Bestseller, auf dem Schulhof schicken sich Teenager Fotos von ihren Geschlechtsteilen (Stichwort: Sexting) oder filmen sich beim Sex. Diskotheken-Betreiber veranstalten Porno-Mottopartys, Werbung ohne nackte Haut ist die absolute Ausnahme geworden und in einer Berliner U-Bahn-Station hat es vor Kurzem ein Pärchen ungeniert getrieben. Frauen, die ihre Brüste zeigen, kassieren richtig ab. So wie Erotikmodel Micaela Schäfer, Boxenluder Katie Price, Pornostar Jenna Jameson, die singende Schauspielerin Miley Cyrus oder Sängerin Rihanna, die bei Konzerten schon mal aufreizend und spärlich bekleidet einen Lapdance hinlegt. Doch diese erfolgreichen Frauen sind die Ausnahme.

In ihrem Buch „Porn Chic“ beleuchtet Nicola Steffen, deren Forschungsinteresse vorrangig der Darstellung von Geschlecht und Sexualität in den neuen Medien gilt, die Pornifizierung des Alltags. Porn Chic, das ist „eine Entwicklung, durch die Pornografie als ein akzeptierter, teilweise sogar idealisierter Bestandteil unserer Kultur in das alltägliche Leben eindringt“ (S. 10, Definition nach Brian McNair). Nicola Steffen fasst in ihrem Werk zusammen, wie sich die Wahrnehmung von Pornografie verändert hat, wie sie seit Jahrzehnten einen Wandel erlebt und gleichermaßen ungefragt wie aufdringlich in unser Leben eindringt. Sie erklärt, wie Kinder und Jugendliche sexualisiert werden; berichtet davon, dass zwölfjährige Mädchen Oralsex praktizieren und Jungen „einen runterholen“, um dazu zu gehören. Gruppenzwang und Gewalt inklusive.

Pornodarsteller werden als Popstars gefeiert, die breite Masse identifiziert sich mit ihnen, eifert ihnen in Form von Amateuraufnahmen nach. Doch hinter den Kulissen sieht es nicht so rosig aus, wie es den Anschein erweckt. War in den 1970ern ein „Deep Throat“ noch ein Höhepunkt der sexuellen Handlungen vor der Kamera, sind heute Praktiken an der Tagesordnung, die überwiegend auf Schmerz und Erniedrigung der Frauen abzielt: CumShots, also das Abspritzen auf das Gesicht der Frau, darf als „Markierung“ aufgefasst werden, das immer beliebter werdende Genre „Gonzo“ reiht Sexszenen aneinander, ohne eine Geschichte zu erzählen oder Zärtlichkeiten zu zeigen und beim „Ass to mouth“, dessen bekanntester Vertreter der kostenlos im Internet kursierende Clip „Two girls one cup“ sein dürfte, wird es nur noch eklig. Frauen werden in den meisten Hardcore-Produktionen zu Sexobjekten degradiert und erniedrigen sich obendrein auch noch selbst durch Aktionen wie Blowjob-Rekordversuche. Die Pornobranche ist schnelllebig; Darstellerinnen werden schnell „verheizt“, werden nach wenigen Auftritten bereits als „gebraucht“ oder „benutzt“ betrachtet und müssen sich für Gang Bangs und schlimmere Inszenierungen zur Verfügung stellen. Über Nacht zum Star zu werden wie einst Linda Lovelace, deren wahres Leben hinter der ruhmreichen Fassade schrecklich verlief, oder Jenna Jameson, die in ihrer Karriere ohne Analsex auskam, ist eine Utopie.

Nicola Steffen versucht eine Grenze zwischen Kunst, Literatur und Werbung zur Pornografie zu ziehen. Dabei geht sie auf die Folgen der Pornifizierung ein, erläutert dabei auch Auswirkungen auf die Vergewaltigungsrate und Verhütung. Der einfache Zugang zu Nacktfotos und Sexfilmchen im Internet hat einige Nachteile. Einer der schwerwiegendsten: Amateurpornos können Existenzen ruinieren und bei Pädophilen bricht ihre Neigung offenbar teils erst durch den Konsum von Kinderpornografie aus. Auch die Beauty- und die Modeindustrie verdient kräftig mit an der Pornifizierung. Kinderbekleidung gibt’s mit dem Aufdruck „Pornostar“ und Schönheitsoperationen haben Hochkonjunktur. Vorbilder für tolle Körper und Brüste kommen aus der Celebrity-Ecke und tragen gerne ultraknappe Outfits oder lassen gleich intime Stellen vor Kameras aufblitzen. Wo wir wieder bei schlechten Vorbildern wie Miley Cyrus und Rihanna angekommen sind, die dafür sorgen, dass Porno ein Teil der Popkultur wird.

Weitere Informationen zum Buch:
Titel: Porn Chic
Autorin: Nicola Steffen
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum: 23. September 2014
ISBN: 978-3-423-26031-2
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1 Kommentar
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Silvia B. aus Neusäß | 05.10.2014 | 11:11  
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