Madagaskar Rundreise 1/8: Antananarivo & Kinderspielzeug

Obststand bei Mahovetse auf dem Weg nach Marozevo
 
Galgen und protestantische Kirche in Tana
 
Müllsammler von Antananarivo
In acht miteinander verlinkten Kapiteln erzähle ich hier von meiner Rundreise durch Madagaskar. Gemeinsam mit meinem Vater habe ich diesen Inselstaat östlich vom afrikanischen Festland für zwei Wochen im August 2015 im Rahmen einer organisierten Tour mit Chamäleon Reisen besucht. Der Auftakt handelt hauptsächlich von meinen ersten Eindrücken in der Hauptstadt Antananarivo.

Nach elf Stunden Flug von Paris aus landet der Flieger der Air France um Mitternacht in Tana, wie Madagaskars Hauptstadt Antananarivo im Volksmund abgekürzt wird. Die Koffer werden phasenweise aus dem großen Vogel gespuckt, meiner liegt erst um 2:30 Uhr nachts, mehr als eine Stunde nach Abwicklung der Grenzformalitäten, auf dem Gepäckband. Beim Verlassen des Flughafens muss ich noch vier oder fünf Mal den Pass zücken, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eben.

Tag 1, Tana: Fahrer Julien lenkt den Hyundai County mit der Reisegruppe aus Deutschland an Bord sicher durch den Alptraumverkehr mit etlichen Berganfahrten und noch mehr Schlaglöchern. Beifahrer Faniri attestiert. Tana ist unterteilt nach Reichtum. Die Reichen wohnen um den Königspalast in der alten, oberen Stadt. Dort lässt uns Reiseleiter Rado (gesprochen: Radu) noch mit Kamera herumlaufen. Aus mehrfacher Erfahrung mit Diebstählen untersagt er uns dies auf dem Weg die große Treppe hinab zum Zoma (Markt).

Bescheidene Könige und Alltagsprobleme in Tana

Watch your step! Watch your belongings! Bettelnde Kinder und aufdringliche Souvenirverkäufer tummeln sich an der großen Treppe. Armut, Wassermangel und teils Hunger prägen den Alltag der Menschen. Ein erwachsener Mann, barfuß und in zerlumpter Kleidung, bettelt und betont in den wenigen englischen Worten, die er spricht, kein Geld zu wollen – man möge ihm etwas zu essen kaufen. Auf dem Markt werden Früchte und Speisen feilgeboten, von deren Verzehr Rado europäischen Mägen tunlichst abrät – darunter ungekühltes Hackfleisch, das in der Sonne brutzelt. Jede Menge Brautkleider werden verkauft, ebenso gebrauchte Schuhe aus unseren Altkleidercontainern. Wie der Handel mit deutschen Altkleiderspenden in Afrika funktioniert, veranschaulicht dieser lesenswerte Blog.

Als lokaler Guide angeheuert, zeigt uns Rastamann Benji – wie Rado, dem Volk der Merina angehörig, optisch von der Physiognomie und der Hautfarbe her aber ganz anders – vor allem den Königspalast. Einst war hier alles aus Holz errichtet, da Madagasy – so werden die Einwohner Madagaskars genannt – Stein als kalt empfinden. Das Herrscher-Wohnhaus , in dem jede Ecke eine bestimmte Funktion gemäß ihrer Himmelsrichtung hat (z.B. Feuer also Kochen im Nordwesten, Beten im Nordosten), ist sogar noch komplett aus Holz. Verglichen mit etlichen anderen Ländern und Kulturen wirken Größe und Ausstattung des Königspalastes fast schon spartanisch.

Kakteen und Weihnachtssterne um die Bauwerke herum erweisen sich als Spinnenmagneten. Außerdem sehen wir die erste, sehr schlichte protestantische Kirche des Landes, daneben einen Galgen, sowie das Bad der Königin, das mit einer Statue zu Ehren madagassischer Bibelübersetzer verziert wurde. Die Namen darauf beginnen alle mit Ra, was laut Rado „Blut von“ (entspricht „Sohn von“) bedeutet, in anderem Kontext aber „Wasser“ heißen kann. Sauberes Trinkwasser ist in Madagaskar Mangelware, insbesondere in der Hauptstadt mit ihren 2,5 Millionen Einwohner. Unsere Zähne putzen wir mit Flaschenwasser. Unser Spaziergang endet am Bahnhof, den nur noch Güterzüge passieren und der sonst eher zum exklusiveren Shopping umfunktioniert wurde.

Benjis Haare sind angeblich von Natur aus so verfilzt. Im Winter (Juli) wäscht er sie nur einmal pro Woche, da sie bei kalten 20 bis 25 Grad Celsius länger zum Trocknen brauchen und sehr schwer sind. Im Sommer wäscht er sie täglich. Wo? Wer mit aufmerksamen Augen durch die Straßen läuft, bemerkt immer wieder, dass Einheimische ihre Haare oder ihren ganzen Körper in Rinnsalen am Wegesrand säubern. In diesem Land herrschen große Armut und Korruption. Die Lebenserwartung der Menschen ist niedrig. Die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet in der Landwirtschaft. Armut, Gesundheit, Müll und Wasser zählen zu den eklatantesten Problemen. Außerdem wissenswert: Trotz Religion haben die Ahnen auf Madagaskar eine große Bedeutung. Ihr Alphabet verzichtet auf die überflüssigen Buchstaben C, Q, U, W und X.

Womit spielen Kinder auf Madagaskar?

Kleinkinder wühlen in Müllkippen nach verwertbaren Resten. Sie spielen mit selbst gezimmerten „Skateboards“, erfreuen sich an Hula Hoop mit Autoreifen, ziehen Holzautos an Bindfäden hinter sich her, lassen Papierflieger durch die Luft segeln, haben Spaß mit Luftballons oder sitzen neben Müttern, die Steine klopfen oder Wäsche im Fluss waschen. Nicht jeder Basketballplatz hat einen Korb oder zumindest einen Ring – manchmal muss ein Brett genügen. Kinderprostitution ist offenbar ein großes Thema in Madagaskar, denn überall machen Plakate auf die Thematik aufmerksam.

Enten und Gänse picken in Nassanbaufeldern. In Collectivos steigt man hinten ein. Eine Katze stiert in das geöffnete Fenster eines Hauses, dessen Fassade eine gemalte Werbung für Hühnersuppe ist. LKW-Fahrer drapieren gerne Kuscheltiere auf ihrem Armaturenbrett. Ein Mann trägt ein Schneidebrett mit zwei Madagaskar-“Broten“ samt Messer auf dem Kopf. Es gibt Dörfer, die von Stroh leben und dieses ballenweise anbieten, hinter der „Rikscha-Stadt“ Moramanga. Verkehrte Welt: Eine Rikscha mit der Aufschrift „Relax“ überholt eine Rikscha mit „Sprinter“-Schriftzug. Menschen stellen sich als wandelnde Wahlwerbung mit dem Konterfei von Präsidentschaftskandidaten samt Stimmzettelnummer auf dem T-Shirt zur Verfügung. Bei Mahovetse prägen gelbe Obststände das Bild der Serpentinen. In der Auslage liegen und hängen Bananen, Mispeln, Pomelo, Ingwer, Yams und Ananas, überwiegend gelbe Früchte eben.

Weitere Reiselektüre:
Hier geht es zu den einzelnen Kapiteln meines chronologischen Madagaskar-Reiseberichts:
2/8: Chamäleons & Lemuren
3/8: Lehmziegel & Reisfelder gehören zusammen
4/8: Bonbons, Edelsteine und Kunst aus Zebuhorn in Antsirabe
5/8: Schulbesuch, Prozession & Übernachtung im Gemeindehaus
6/8: Regenwald, Rum, Kattas & Vanille
7/8: Strandurlaub und quirlige Kinder auf Anakao
8/8: Ambohimanga und letzte Eindrücke von Madagaskar

Weitere Reiseberichte aus Afrika:
Botswana: Okavango-Reise
Namibia: Rundreise aus Sicht einer Leopardin (Übersicht der 14 Kapitel)
Tansania: Auf Safari in der Serengeti
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Romi Romberg aus Berlin | 15.02.2016 | 00:25  
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