Delfinschwimmen, Canyoning, Thermalquellen und mehr - Reisebericht Sao Miguel, Azoren

Canyoning in Nordeste (Foto: Azorean Active Blueberry)
 
Gruta do Carvao - Höhlendecke, eisenhaltig
 
Lagoa do Fogo
 
Ananas-Produktion auf den Azoren: "ausgewachsene" Ananas
 
Farbspektakel Sete Cidades
1. Tag: Ponta Delgada
Flug mit TAP über Lissabon nach Ponta Delgada auf Sao Miguel. Die Temperaturen in der zweiten November-Hälfte betragen auf der bevölkerungsreichsten Insel der Azoren tagsüber zwischen 13 und 17 Grad Celsius. Die Wassertemperatur im Atlantik soll 16 Grad nicht unterschreiten, dennoch sehe ich nur vereinzelt Menschen, die sich von den schwarzen (vulkanischen) Sandstränden aus ins Meer begeben. Sonnenschein und Regen wechseln sich im Tagesverlauf ständig ab.

Stadtbummel durch Ponta Delgada zum Einkaufszentrum. Professionelle Graffiti-Kunst verschönert die bisweilen eher tristen Hauswände an so mancher Ecke. Weihnachten ist Mitte November bereits omnipräsent in Sachen städtischer Dekoration und Illumination. In der Altstadt sind alle Häuser direkt aneinander gebaut. Hin und wieder steht eine Bude leer, was zur Folge haben kann, dass die Flora die Leere zwischen den Steinmauern erobert. Der Friedhof ist vielseitig: Mit kleinen privaten Grabhäuschen, in denen teils auch Särge stehen. Mit opulenten Gräbern und Kreuzen. Mit nummerierten Steinen. Mit nummerierten Urnenkammern. Und ganz oben mit sehr blumig geschmückten kleinen Grabhügeln hinter einer weiteren Grabhäuschen-Reihe. Vom Einkaufszentrum aus - der Burger-Laden in der Fressmeile ist mit seinen interessanten Kreationen wie z.B. Kaffee-Soße oder einem Carbonara-Burger einen Happen wert - sind es gute zehn Minuten Fußmarsch zur Gruta do Carvao.

Gruta do Carvao: 13 Meter über der vulkanischen Höhle fährt die Autobahn und grasen Kühe. Wurzeln von Bäumen, die das Tageslicht sehen, ragen durch die Höhlendecke. Stalaktiten wachsen über Jahrtausende hier so gut wie gar nicht weiter. Die Decke glänzt und ist praktisch unversehrt, denn die Höhlenwände reagieren auf negative Einflüsse (z.B. durch Brechen oder Verschiebung) so, dass der Decke nichts passiert. Wände und Decke sind von einem gelben Material überzogen: Eisen. Der Eintritt mit Führung durch einen kompetenten und freundlichen Guide kostet 5 Euro. Die Höhle ist nicht allzu tief zugänglich, aber durchaus sehenswert.

2. Tag: Canyoning
Im Neoprenanzug mit festem Schuhwerk (wird alles von Paulo Pacheco von Azorean Active Blueberry gestellt), geht es durch tolle Wanderlandschaften mit Regenwald-Vegetation im Nordosten (Nordeste) der Insel. Abseilen am Wasserfall, eine kleine Rutschpartie ins kühle Nass und Klippenspringen im kleinen Stil (6 bis 10 Meter). Badehose und Badetuch nicht vergessen! Canyoning ist ein tolles Erlebnis! Für Einsteiger taugt die Halbtagsvariante für 65 Euro.

3. Tag: Lagoa do Fogo & Sete Cidades
Bei den engen Einbahnstraßen in Ponta Delgada möchte ich nicht selbst hinterm Steuer sitzen. Erst recht nicht in einem Van wie Wilson Silva vom Touranbieter UTC Azores. Sein Geheimrezept: Immer am linken Randstein orientieren und bloß nicht in den rechten Außenspiegel schauen. Wenn alle Autos korrekt parken, klappt es unter diesen Voraussetzungen meistens ohne Schrammen. Wir fahren einmal quer über Sao Miguel und erblicken herrliche Landschaften, blaue Seen, Gebirgszüge mit Tannen und grüne Wiesen mit Kühen. Es gibt mehr als doppelt so viele Kühe wie Menschen auf der mit 140.000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Azoren-Insel. Die Tour „Lagoa do Fogo & Sete Cidades“ kostet 50 Euro und geht von 9 bis 18 Uhr.

Erster Halt: Die Töpferei „Cerâmica Vieira“ - ein Familienbetrieb in Lagoa. Dort stellen die beiden Inhaberinnen täglich 30 große, 80 mittlere oder 150 kleine Töpferwaren pro Person her. Manche davon müssen mehrere Wochen trocknen. Die blaue Farbe auf der Keramik wird übrigens als rote Farbe aufgetragen und wechselt durch chemische Reaktionen während des Brennprozesses in ein sattes Blau. Ein Ausstellungsstück: Ein Kapuzenmantel, den Frauen auf den Azoren zur Zeit der Piraten trugen, um sich den Unholden nicht als Objekt der Begierde zu präsentieren und ungeschoren davonzukommen.

Dann genießen wir den Ausblick auf den malerisch gelegenen Lagoa do Fogo (Feuersee). Auf dem höchsten Punkt des Eilandes lassen wir unsere Augen über die ganze Insel schweifen – zumindest sehen wir Nord- und Südseite gleichzeitig. Auf dieser Tour gibt es noch mehrere Stellen, an denen wir beide Seiten zur selben Zeit betrachten können. Unterschiede gibt es von oben aus meiner Sicht kaum: Es bleiben herrlich grüne Landschaften, die ab und zu von Kühen, Städten oder einem kräftigen Blauton unterbrochen (Seen) oder umrahmt (Meer) werden.

In Caldeira Velha genieße ich ein Bad im vulkanischen Naturbecken (34 bis 39 Grad). Anschließend machen wir eine Stippvisite in Ribeira Grande. Diese Stadt profitiert offenbar nicht ganz so stark vom Tourismus; hier lungern mittags durchaus mehr offenbar arbeitslose Männer in zerschlissenen Klamotten und von Alkohol oder Schlimmerem gezeichneten Gesichtszügen herum als anderswo auf Sao Miguel. Die Dauerbeschallung auf den Straßen mit „Jingle Bells“ mag zwar die Weihnachtsstimmung im Keim ersticken, kann aber keine Erklärung dafür sein. Wir erfahren, dass die staatliche Alimentation auf den Azoren fast so hoch ist wie der Mindestlohn, weswegen sich einige potenzielle Arbeitskräfte absichtlich auf die faule Haut legen.

Doch wir sind nicht wegen des Stadtpanoramas und den Arbeitslosen in Ribeira Grande, sondern wegen der Likörfabrik Mulher de Capote. Erst werden einige Stamperl probiert, darunter Maracujalikör, Kaffeelikör, die lokale Spezialität „Arroz Doce Licor“ sowie „Queen of the Islands“ - schmeckt wie Baileys, nur besser, behauptet der Chef am Ausschank. Besser würde ich nicht sagen, aber ähnlich süffig. Die anderen Tropfen sind richtig lecker, süffig und mit geschmacklich geringer Alkoholnote. Eigentlich wollte ich keine Mitbringsel in den Koffer packen, aber für diese feinen Spirituosen ist eine Ausnahme drin.

Nach dem inkludierten Mittagessen (gut, 3 Gänge, gehobenes Restaurant) besuchen wir ein Ananas-Gewächshaus. Ananas braucht auf den Azoren 18 bis 24 Monate, bis sie geerntet wird. Aus einer Knolle sprießen bis zu fünf Pflanzen, die dann sieben Phasen durchlaufen. Wegen der Wärme und Feuchtigkeit passiert dies in Gewächshäusern. Dafür soll die Ananas hier fruchtiger sein – inklusive der bei uns eher weniger genießbaren Mitte. Ihr besonderes Aroma bekommt sie durch das Räuchern in der vierten von sieben Phasen bis zur Ernte. Ananaslikör ist auch nicht zu verachten. Portugiesen können in Deutschland übrigens sowohl Ananas als auch Maracuja in ihrer Sprache bestellen, auch wenn die Früchte Ananasch und Maracuscha ausgesprochen werden.

Einen königlichen Ausblick gibt’s am Aussichtspunkt Vista do Rei, der angeblich der schönste Portugals ist. Seinen Namen hat er bekommen, weil König Carlos Anfang des 20. Jahrhunderts diesen Ausblick bereits genossen hat. Grund genug, hier ein Luxushotel zu eröffnen. Nun ja, geöffnet war es nur ein Jahr lang, irgendwann machte sich auch die Security vom Acker, inzwischen ist das Gebäude eine verfallene Bruchbude. Wer sich von Sprüchen wie „Don't go“ oder „Don't enter. Kabal is eating“ nicht abschrecken lässt und seine Füße in die Ruine setzt, hört ein Plätschern, während er eine zerbrochene Toilettenschüssel sieht. Nachts alleine durch dieses Gemäuer wandern, dürfte Stoff für einen Horrorfilm bieten.

Ein paar Kurven weiter auf der Serpentinen-Strecke wartet mit dem Lagao do Santiago bereits der nächste malerische See. Richtig idyllisch ist auch Sete Cidades. Der Ort hat seinen Namen („Sieben Städte“) bekommen, weil Menschen aus sieben Dörfern ihn besiedelt haben – jedes Dorf hat sich architektonisch in Sete Cidades verewigt. Doch traumhaft ist vor allem die Landschaft. Wir fahren über eine Brücke, der den blauen vom grünen See trennt. Nächster Fotostopp: ein altes Viadukt. Letzter Fotostopp: Pico do Carvao. Ein weiterer Aussichtspunkt, von dem aus wir erneut Nord- und Südseite von Sao Miguel gleichzeitig sehen. Mit Kühen in einem Ring von Bäumen, der auf die Entfernung doch glatt wie eine natürliche Umzäunung wirkt.

4. Tag: Furnas
Ganztagsausflug von 9 bis 18 Uhr mit Azores „Magic Tours“ für 55 Euro. Erster Halt: Pisao Aussichtspunkt mit Blick auf Caloura und sein Konvent. Weiter geht’s im historischen Ortszentrum von Vila Franca mit sieben Kirchen, die teils Tür an Tür liegen. Weiter draußen liegt das achte Gotteshaus Nossa Senhora da Paz mit wundervollem Ausblick auf das Meer vor Vila Franca und dem Red Bull-Klippenspringer-Standort der Azoren.

Am Lagoa das Furnas schauen wir zu, wie das im Erdloch gedünstete Mittagessen Cozido ausgebuddelt wird. Eine leichte Schwefelnote dringt in unsere Nasen. Auf den Teller kommt dieses traditionelle Schmorgericht, bestehend aus Schwein, Rind, Blutwurst, Chorizo, Kartoffeln, Karotten, Kohl und Yams aber erst nach einem ausgiebigen Thermalbad. Dieses gibt es im Parque Terra Nostra, der die Flora der Azoren auf einem Fleckchen Erde zusammenträgt und mit einem vom Eisengehalt gelb-orange gefärbten Wasser im großflächigen Rundbecken aufwartet.

Wir atmen weiterhin Schwefel ein, denn die Region um das Dorf Furnas strotzt nur so vor vulkanischer Aktivität. Hier muss die Pforte zur Hölle liegen. Neben dem Gestank weist ein Schild mit der Aufschrift Caldeira do Asmodeu vor einem blubbernden Loch auf die Anwesenheit des Teufels und seiner Spießgesellen hin. Die hier lebenden Menschen und Kühe sind laut Guide Paula bereits medizinisch untersucht worden, allerdings kerngesund. An jeder Ecke plätschert Trinkwasser aus dem Stein, das komplett unterschiedlich schmeckt (salzig, schweflig, mineralhaltig, neutral und sogar Tonic Water). Zum Abschluss der Wasserverkostung verspricht uns die quirlige Paula Wasser mit Zucker. Warum gehen wir dazu in einen Souvenirladen? Ach, der hat auch lokale Liköre. Mein Zuckerwasser-Stamperl besteht aus wohlschmeckendem Mandarinenlikör. Auf der Heimfahrt gönnen wir uns noch einen Blick vom Pico de Ferro auf den Lagoa das Furnas und einen Schnelldurchlauf durch die Teefabrik Gorreana, in der im November allerdings kein Betrieb mehr herrscht.

5. Tag: Pinhal da Paz
Heute ist Wandertag auf eigene Faust. Vom Hafen aus geht es einmal längs durch Ponta Delgada und den Parque Urbano. Dort spaziere ich aus einem anderen Tor heraus, als ich hereingekommen bin und reibe mir verwundert die Augen: Auf dem Ortsschild steht Faja de Cima. Auf der Landkarte ist dieses Dorf eigentlich ein ganzes Stück weiter weg. Daher ignoriere ich den einsetzenden Regen mal und stapfe doch noch bis zum „mystischen Wald“ Pinhal da Paz. Immer wieder gießt es aus Eimern. Im langgezogenen Ort Faja de Cima schaue ich mir die Windmühle (von außen) an und werfe einen Blick in die innen vergleichsweise unspektakuläre Kirche. Im mystischen Wald angekommen (kein Eintritt), wandere ich einmal durch das hölzerne Areal. Vom Aussichtspunkt aus zeigen sich mir quasi nur Nebelschwaden. Schlechtes Timing. Nach einer guten Stunde Aufenthalt trete ich den Rückweg an – ist letztlich „nur“ ein Stück Wald. Eineinhalb Stunden dauert der Marsch in die Altstadt von Ponta Delgada, 30 Minuten von Pinhal da Paz zum Ortseingang von Faja de Cima, eine weitere halbe Stunde durch Faja de Cima und knappe 30 Minuten durch Ponta Delgada. Die Beine sind schwer wie Blei, die Klamotten recht nass.

6. Tag: Schwimmen mit Delfinen
Im Atlantik mit freien Delfinen schwimmen – mein Hauptgrund für die Azoren als Reiseziel. In der Weite des Ozeans in Zweier-Teams vom Zodiac (motorisiertes Schlauchboot) ins Wasser gleiten, wenn eine Schule des Gemeinen Delfins vorbei schwimmt. Ohne die Tiere mit Futter anzulocken oder ähnliche Tricks – beim Anbieter Futurismo (2,5 Stunden für 70 Euro) ist neben dem Bootskapitän auch eine Meeresbiologin an Bord. Die Delfine entscheiden, ob sie sich nähern oder abtauchen. Sie tauchen auch prompt ab, sobald ich im Wasser bin. Die Jagd ist heute wichtiger als der Spieltrieb. Wobei: Hin und wieder schwimmen die Delfine Bauch an Bauch, sodass das untere Exemplar neugierig nach oben schaut. Ein oder zwei Minuten können wir sie unter Wasser beobachten, bis sie davon geschwommen sind. Denn es sind viele. Mal 20, mal 30 oder mehr – insgesamt fünf Mal beobachte ich die intelligenten Tiere direkt in ihrem Element. Beim letzten Aufenthalt im Wasser gibt’s sogar ein Konzert, denn die Delfine unterhalten sich in Pfeiftönen. Ein gelungener Abschluss meines Azoren-Urlaubs.
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