Ein Hauch von Wehmut

Elf Geschichten voller Emotionen

Ein Hauch von Wehmut zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten in diesem Buch. In einer Zeitreise zurück in die Vergangenheit, auf die der Autor seine Leser einlädt, werden Erinnerungen an Schönes und Heiteres, aber auch an Trauriges und Schmerzhaftes geschildert. Elf Geschichten mit Herz, die zum Innehalten und Nachdenken über eigene Erlebnisse und Empfindungen anregen und für kurze Zeit Alltagssorgen und Probleme in den Hintergrund drängen wollen.


Leseprobe

Bernhard

Ende der Fünfziger Jahre, ein paar Tage vor Weihnachten. Wir spielten wie immer auf dem Nachhauseweg von der Schule Fußball in einer Seitenstraße. Kein Problem damals, weil nur wenig Autos fuhren. Je zwei Schulranzen, im Abstand von fünf bis sechs Schritten auseinander auf der Straße ausgelegt, dienten als Torbegrenzung. Hans-Jürgen und ich saßen als Auswechselspieler auf dem Bürgersteig, im Saarland noch heute von Vielen als Trottoir bezeichnet. Letzte Spuren der sogenannten Franzosenzeit, als das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als französische Besatzungszone und danach als Protektorat unter französischem Einfluss bis zur Rückgliederung zur Bundesrepublik Deutschland stand. Hans-Jürgen durfte eigentlich nur mitspielen, weil er als Einziger einen Fußball hatte, einen mit Gummiblase und Lederschnürband versehenen braunen Lederball, der schon unzählige Male geflickt war und bei jedem Schuss drohte, den Geist endgültig aufzugeben. Auch ich kam immer nur zum Einsatz, wenn einer von den Guten nicht mehr wollte oder konnte. Umso größer war mein Ehrgeiz, allen zu beweisen, welch ungeahnte fußballerische Qualitäten in mir steckten. Zwar hatte ich einen relativ festen Schuss, doch dafür stand es bei mir in puncto Ballbeherrschung und Treffsicherheit leider nicht zum Besten. Als ein Mannschaftskamerad schließlich mit verstauchtem Fuß „vom Feld“ humpelte, stand meinem Einsatz nichts mehr im Wege, und den wollte ich unbedingt mit dem Siegtreffer krönen. Also schnappte ich meinem Gegenspieler den Ball weg und stürmte mit Macht vors gegnerische Tor. Aus zirka zehn Metern zog ich dann voll ab. Mit einer tollkühnen Parade wehrte der Tormann den Ball zwar zur Seite ab, aber der schlug statt im Tor dafür laut scheppernd in einem alten Sprossenfenster des unscheinbaren kleinen Häuschens ein, in dem ein mürrischer und wortkarger Sonderling namens Bernhard hauste, dem alle Leuten aus dem Weg gingen. Kurz nach dem Einschlag stand Bernhard mit dem lädierten Ball in der Hand vor der Tür und musterte uns mit bedrohlichen Blicken.

„Wer war das von euch Lümmeln?“, fragte er. Kleinlaut hob ich die Hand. „Na, dann geht mal ganz schnell zum Glaser und besorgt mir von eurem Taschengeld eine neue Scheibe. Die Maße habe ich euch aufgeschrieben. Morgen um diese Zeit bringt ihr die Scheibe vorbei, den Ball behalte ich so lange als Pfand“, sprach er, drückte mir einen Zettel mit den Maßen in die Hand, machte auf dem Absatz kehrt und war gleich darauf wieder verschwunden. Mühsam kratzten wir unsere letzten Groschen für eine neue Scheibe zusammen. Am anderen Tag machte sich eine Dreierdelegation, bestehend aus Hans-Jürgen als Ballbesitzer, aus mir als dem eigentlichen Übeltäter und aus dem Torwart als Mitverursacher mit neuer Scheibe auf den Weg zu Bernhard, der uns schon erwartete.

„Gib mal her, mal sehen, ob sie passt“, brummte er. Das tat sie zum Glück. Nachdem er sie mit kleinen Nägeln am Sprossenrahmen fixiert und eingekittet hatte, drückte er uns den Ball, oder besser gesagt, das, was von ihm noch übrig geblieben war, in die Hand. „Hab´ ihn noch zu flicken versucht, aber da war nichts mehr zu machen“, sagte er, worauf Hans-Jürgen ins Leid fiel und immer wieder „Mein Ball, mein schöner Ball“ schluchzte.

„Hab´ ich befürchtet, wartet mal einen Moment“, nuschelte Bernhard und war gleich darauf im Nebenzimmer verschwunden. Kurz darauf kam er zurück mit einem Fußball in der Hand. „Hier, den könnt´ ihr haben, ich brauche ihn nicht mehr“, sagte er und drückte Hans-Jürgen das Leder in die Hand, der sein Glück überhaupt nicht fassen konnte.

„Wo haben Sie denn den auf einmal her?“, fragte ich erstaunt.

In abgehackten Sätzen begann Bernhard zu erzählen. ...


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