Fränkische Kerwalieder

„Und auf die Kerwa freier mi,
Do danz i mit der Baieri,
Die hat a z’riss’n‘s Hemmerd uh,
Do hängi mi hindn dru."

Das heißt: „Und auf die Kirchweih freu ich mich, da tanze ich mit der Bäuerin, die hat ein zerrissenes Hemd an, da häng ich mich hinten dran."

Fränkische Kirchweihlieder sind ein Gedicht, buchstäblich. Die meisten jedenfalls.
Bei so mancher fränkischen Kerwa werden sie noch gesungen, rau und hemmungslos von den Kerwabuben, aber inzwischen genau so gern von den überall mitfeiernden Kerwamadli, den Mädchen. Viele Verse sind lustig, manche deftig. Nicht alle sind jedem Publikum zumutbar.

„Schön“ ist ein Kerwalied für mich, wenn der Text in der Schwebe bleibt, wenn seine Metaphern und Bilder, im Idealfall aus dem bäuerlichen Leben, jedem Zuhörer und jeder Zuhörerin den bisweilen erotischen Inhalt auf unverfängliche Weise vermitteln („Gestern is der Gieker gfreggd…“)
Zudem zeichnet es sich aus durch das Spielen mit der Sprache, eine perfekte Form, einen möglichst reinen Reim und eine genaue Übereinstimmung von Text und Melodie.

Die meisten Kirchweihbesucher kennen die Texte und müssen doch immer wieder lachen, wenn sie die Lieder hören. Man wird in eine überschaubare, kuschelige, längst vergangene Welt entführt.

Als ich ein Kind bzw. Jugendlicher war, saß man vor dem Wirtshaus auf hölzernen Bänken, und der Zwick aus „Windschba" spielte auf, mit Tuba, dudelnden Klarinetten, hell schmetternden Trompeten und einer Posaune. Manchmal kam noch ein Akkordeon hinzu.

Das Singen von Kirchweihliedern ging reihum. Die angesehensten Bürger ließen sich dazu hinreißen, ein Verslein zu singen, a cappella versteht sich. Nach jedem Vers wurde die Melodie von der Musik wiederholt bzw. variiert.

Die schönsten Texte vermitteln den Eindruck, es singe ein armes Bauernbüblein, das sich einmal im Jahr kräftig amüsieren darf: an der Kirchweih. Das bäuerliche Leben war hart und karg. Nur am Kirchweihfest, fränkisch „Kerwa„" bayerisch auch „Kirta" = Kirchtag, im Schwäbischen und Hessischen als „Kirwe„ oder „Kirbe" auftauchend, konnte man sich ein bisschen amüsieren, etwas Gutes essen, Bier oder Wein trinken und tanzen.

Und der wohlhabendere Bauer, das „Herrla“, machte sich lustig über die Söhne der armen Häusler, die sich vielleicht nicht einmal an der Kirchweih ein Scheifela oder ein paar Bratwürste leisten konnten.

„O ihr arma Kerwabiebli,
o ihr arma Schluggerli,
messter nix wi Ebbirn fressen
wie die klaana Suggerli."


Dafür waren die Söhne der Armen unbekümmert nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert":

„Dass ich a lustigs Berschla bin, des sicht mer an mein Haus,
Der vordere Giebel wackelt scho, der hinter licht scho draus.
Und dass des Haus net eifalln konn, do is scho g‘sorcht derfür,
Wall hintn hats die Hypothek und vorn der G‘richtsvollzieher."

So hatte jeder seinen Spaß und niemand war böse oder beleidigt.

Das Einzige, was an der Kerwa Unmut erregte, war, wenn einer, der nicht singen bzw. dichten konnte, sich anmaßte, ein Lied zum Besten zu geben:

„Doo hat aaner gsunga, des hat si net greimt…“

Die zweite Hälfte dieses Verses ist fäkalsprachlich und soll deshalb hier nicht zitiert werden.
Aber dass sie den schönen Reim „Zunga“ auf „Gsunga“ enthält, weiß jeder Franke.
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