Chaos-Lesen - mit Überraschungseffekten

Neu-Ulm: Theater Neu-Ulm |

(rppr) Schaudern überkommt einen noch heute bei der Erinnerung an die zumeist missglückten wie bleiernen Versuche in unterschiedlichen Formaten, den Menschen Literatur schmackhaft zu machen. Von der intellektuell geschwängerten Runde der Eitelkeiten über Mehltau behangene Interpretationen bis zu kalauernden Lesungen unterhalb des Karnevals-Äquators. Dass es auch anders geht, zeigt die Reihe „Chaos-Lesen“ im Theater Neu-Ulm.

Frisch, wenig fromm, dafür fröhlich und frei werfen Theaterleiter Heinz Koch und der Autor und Galerist Florian Arnold dem Auditorium literarische Brocken hin, die sich das Publikum selbst ausgesucht hat. Wobei die Wahl eher dem Zufall geschuldet ist, zumal einerseits per Los ermittelt wird, aus welchen sechs der acht Themenbereiche vorgetragen wird: "Schmuddelecke" (Sex & Crime), "Giftschrank", "Humor-Kiste", "Gästebuch", "Unterste Schublade", "Heimspiel", "Flohmarkt", "Märchen". Jedes Genre ist durch ein eigenes Lied gekennzeichnet – wer es errät, darf Buch und Seite bestimmen, die gelesen wird.

Allein, die Bandbreite der Druckerzeugnisse ist so groß, wie der Überraschungseffekt. Dabei können Märchen in 6-Punkt-Sütterlin-Schrift ebenso zum Vorschein kommen, wie Werke von Max Gold, Robert Musil nebst politischen Abhandlungen der Zeitgeschichte: „Die Verteidigung der Diktatur des Proletariats in der DDR“.

Darüberhinaus bekommen Autoren die Gelegenheit, sich und ihre Werke zu präsentieren, als auch (prominente) Gastleser, die ihre Lieblingsliteratur vorstellen. Wobei künstlerisch mehrfach Talentierte auch gerne genommen werden, wie im jetzt im Januar-Fall Dr. Bernhard Maier, der ob seiner Musikalität gleich noch am Piano konzertant aufspielte und: statt der Spieluhren, die normalerweise eingesetzt werden, die zu erratenden Genre-Lieder pianisierte.

Koch und Arnold führen als kongeniales Duo durch den Abend, von dem man beiläufig im lockeren Dialog Hintergrundinformationen über Autoren, deren Motivation erfährt und anekdotenreich Zeitkolorit übermittelt bekommt. Vor allem aber erzeugt diese Darreichungsform Lust zum Lesen und macht auf kurzweilige Art deutlich, wie spannend und lustvoll Literatur sein kann, wenn man sich ihr richtig annähert.

„Chaos-Lesen“ findet einmal im Monat im Theater Neu-Ulm statt. Das Chaos-Lesen Februar ist für Donnerstag, den 13. terminiert. Das lebendige Gästebuch ist der Ulmer Buchhändler Samy Wiltschek (Jastram).

Am Samstag, 5. Juli dann soll ein im Rahmen des "Internationales Donaufest Ulm / Neu-Ulm" ein "Chaos-Lesen Spezial: Die Donau" über die Bühne gehen. Unter anderem mit dem "Lebendes Gästebuch: Walter Baco" (Wien).
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