Timecaching - die Welterbestätten an Saale und Unstrut 4

4. Leseprobe:


Langsam setzte ich mich in Bewegung und zog Martin hinter mir her. Aber irgendetwas war komisch, nur konnte ich in diesem Moment nicht sagen, was es war. Mein T-Shirt schien ein bisschen auf meiner Haut zu kratzen und ich hatte den Eindruck, dass meine Waden umklammert wurden. Doch es tat nicht weh und so ging ich die Stufen nach oben, bis ich mit meiner linken Hand eine hölzerne Tür ertastete. Das wir nicht durch den kleinen Zwischenraum kamen, fiel keinem auf. Behutsam öffnete ich die Tür und blieb mit offenem Mund stehen. Von hinten schoben die anderen, doch ich spürte es überhaupt nicht.
„Was ist los, Sebastian, warum gehst du nicht weiter?“
Ich konnte nicht glauben, was ich hier sah, und ebenso wenig war ich in der Lage, etwas zu sagen, geschweige denn weiterzugehen.
„Sieh zu, dass du dich bewegst, wir wollen hier keine Wurzeln schlagen.“
Ein unsanfter Stoß in meinen Rücken ließ mich vollends über die Schwelle der Tür stolpern. Immer noch fassungslos drehte ich mich zu Martin um. Martin sah genauso entgeistert aus, denn wir befanden uns nicht mehr in der Schlosskirche.
Oder möglicherweise doch? Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse. Die Figurengruppe, die ich an der gegenüberliegenden Wand bewundert hatte, war verschwunden. Ebenso die dreifache Empore, stattdessen waren an den oberen Wänden riesige romanische Fenster und auch der Rest wirkte fremd, unbekannt und vor allem größer. Dort, wo die Emporen waren, gab es keine Wände mehr. Riesige Pfeiler standen an den Wänden und die Kirche schien größer, länger zu sein. In der Mitte erhob sich ein riesiger Altar, ein anderer Altar als gerade eben noch, bevor wir die Krypta betreten hatten.
Als endlich alle anderen in der Kirche standen, herrschte eine Stille, in der man die buchstäbliche Nadel hätte fallen hören können.
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, sah ich mich noch einmal in aller Ruhe um. Meine Blicke glitten dahin, wo ich den Eingangsbereich vermutete. Nur gab es den nicht mehr. Stattdessen stellte ich fest, dass wir nicht mehr in einer kleineren Schlosskirche, sondern im Querschiff eines Domes standen. In dem Moment waren das meine Gedanken. Ein hoher Rundbogen trennte das Längsschiff vom Querschiff der Kirche ab, an den Seiten standen acht Säulen, dahinter lagen weitere Gänge im Dunkeln. Ich hatte keine Ahnung, wie man diesen Teil eines Domes nannte. Langsam kam auch wieder Bewegung in unsere Gruppe. Adrian stand neben mir und hielt, sicherlich in diesem Augenblick eher unbewusst, Cigdems Hand fest.
Sieh an.
„Wo sind wir?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Das, das …“
„Adrian, ich habe wirklich keine Ahnung.“
„Sind wir vielleicht eine andere Treppe hinaufgegangen, weil Sebastian zu blöd war, den Rückweg zu finden?“ Ich drehte mich zu Isabel um: „Dann geh doch wieder hinunter und sieh nach, ob du noch eine andere Treppe findest, vielleicht hast du …“
„Ist gut, Leute, lasst es sein. Wir sollten die Ruhe bewahren, da helfen gegenseitige Schuldzuweisungen wenig. Möglicherweise könnte Isabel aber recht haben, was meint ihr?“
Conny, unsere kleine Streberin. Ich wollte gerade etwas in Richtung Isabel erwidern, musste aber zugeben, dass Connys beziehungsweise Isabels Einwand nicht ganz abwegig sein könnte, obwohl ich das nie zugeben würde.
Ich schaute in die Gesichter der anderen. Lilly sah wieder so aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Neben ihr stand Isabel und schaute sich unschlüssig um, sprach dann jedoch die um sie Stehenden an, ob sie sich nicht an den Händen greifen sollten, um nochmals in die Dunkelheit abzutauchen.
Begeisterung lag nicht in den Gesichtern unserer Gruppe, doch als Isabel Lilly packte und sie hinter sich herzog, folgten ihr die anderen. Adrian ging hinter Cigdem her und streckte seine Hand nach mir aus. Er zuckte mit den Schultern, als ich nicht gleich zugriff.
Irgendetwas war anders an Adrian, aber ich konnte es nicht einordnen. Adrian unterbrach meine Gedanken:
„Es ist zumindest eine Möglichkeit, diesem Alptraum zu entrinnen.“
„Ich kann mich nicht getäuscht haben, ich stand ja vorhin fast noch auf der letzten Stufe.“
„Trotzdem, komm bitte mit. Damit wir wenigstens zusammenbleiben.“
Ich ergriff seine Hand und trat abermals als Letzter über die Schwelle. Langsam nahm ich Stufe für Stufe, mich an den Wänden mit meiner freien Hand festhaltend. Die Stufen … Durch den Lichtschein, der durch die Tür fiel, erkannte ich, dass die Stufen alle aus Steinen bestanden. Plötzlich stockte Adrian.
„Was ist los?“
„Keine Ahnung. Frag du mal, was los ist, Cidi.“
Hä? Tschidi?
Ohne zu zögern sprach sie den vor ihr gehenden Martin an, der erst ein bisschen begriffsstutzig war, die Frage jedoch nach unten weitergab. Eine gefühlte Ewigkeit verging, ehe Adrian sich zu mir umdrehte und meinte, wir könnten alle wieder hoch gehen. Da ich mich fast noch oben befand, brauchte ich nur zu warten, bis auch Isabel wieder in der Kirche stand. Zu meiner Freude musste sie zugeben, dass sie dort unten in der Krypta keine weitere Treppe oder einen anderen Ausgang gefunden hatte.
Ha, eins zu null für mich, Trulla! Aber ich dachte dies nur und sprach es nicht laut aus.
Stimmengewirr erhob sich und jeder quatschte aufgeregt mit jedem. Ich stand mit Adrian und Cigdem zusammen und verstand kein Wort von dem, was die anderen erzählten. Bis zu dem Moment, als Arne laut „Ruhe“ brüllte, was in dem Gemäuer eigenartig widerhallte. Arne, unser Zwei-Meter-Hühne. Eigentlich war er eher ruhig, doch dieses Mal schien ihm der Kragen geplatzt zu sein.
„Wir gehen jetzt einfach nach draußen und dann werden wir sehen, dass wir sicherlich nur einen anderen Ausgang aus dieser Kirche nehmen werden.“
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