Timecaching - die Welterbestätten an Saale und Unstrut 3

Fortsetzung - Teil 3


Ich schob Martin vor mir her und betrat als Letzter die Treppe, die in die Dunkelheit hinabführte. Es war nicht komplett dunkel, denn in den Wänden befanden sich kleine romanische Fenster, die etwas Tageslicht hereinließen. Als ich durch die Tür trat, brauchten meine Augen trotzdem eine ganze Weile, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, welches hier herrschte. Wir kamen in einen Raum, von dem aus sich eine weitere Treppe noch tiefer in die eigentliche Krypta hinabschlängelte. Diese war noch steiler und enger als die ersten Stufen.
Unten in der Krypta herrschte ein sonderbares Dämmerlicht und es roch muffig, nach Feuchtigkeit. Die Decke der Krypta wurde in der Mitte von einer einzigen Säule getragen, was nach Frau Lichtenau eine Besonderheit darstellte. Ansonsten war es leer, karg und dunkel. Was wollten wir hier unten?
„Unheimlich, was?“
Martin stand so nah neben mir, wie er es sich erlauben konnte, um nicht gleich als Feigling dazustehen. Vor der Säule baute sich unsere Professorin auf. Es schien irgendwie noch dunkler zu werden, als sie zum Sprechen ansetzte.
„Meine Damen und Herren …“, hatte ich etwas mit den Augen oder fing Frau Lichtenau an zu leuchten? „… da ich davon ausgehe, dass mir heute niemand von Ihnen gedanklich wirklich gefolgt ist, habe ich mir eine besondere Art der praktischen Vorlesung überlegt: Ich werde Ihnen …“, ich musste Probleme mit meinem Kreislauf haben. Frau Professor Lichtenau wurde weiß und halbdurchsichtig, oder lag es an meinem Wochenende? „… jeweils ein Rätsel stellen. Sie werden diese Rätsel lösen und anschließend zu mir zurückkehren. Nennen wir die ganze Sache einfach Timecaching.“
„Die wird ja durchsichtig!“ Lillys kreischende Worte drangen schrill in meine Ohren. Lilly, die sonst nie etwas sagte und so aussah, als würde sie jeden Moment anfangen zu heulen. Aber wenigstens schien es mir nicht allein so zu gehen, dass ich Frau Lichtenau weiß und durchsichtig sah. Beinahe wie eine weiße Frau in einem schlechten Horrorstreifen.
„Diese Rätsel werden Sie an mehrere, verschiedene Orte führen. Ich denke, diese Orte werden auf jeden von Ihnen ihren eigenen Reiz ausüben. Sollten Sie zu mir zurückkehren, kann ich behaupten, dass unser Projekt für jeden von Ihnen ein Erfolg gewesen ist. Haben Sie Fragen?“
Undurchdringliche Stille herrschte in der Krypta. Niemand schien in der Lage zu sein, sich zu regen. Ich spürte, wie sich Martin an meinem Arm festhielt, ignorierte ihn aber, da ich zu sehr damit beschäftigt war, das eben Gehörte und Gesehene zu verarbeiten.
„Da dies nicht der Fall zu sein scheint, möchte ich es Ihnen zu Beginn ihrer Reise einfach machen und nenne Ihnen den ersten Cache. Die nächsten werden Sie suchen müssen. Also, hören Sie mir dieses eine Mal gut zu: ‚Gehen Sie in den Mittelpunkt des Kalenders und begeben Sie sich in Richtung Sommersonnenwende. Dort werden Sie die neue Adelheid auf der Burg springen sehen.‘ Wenn Sie dies gelöst haben, begeben Sie sich auf die Suche nach dem nächsten Rätsel. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.“
Schlagartig verschwand der halbdurchsichtige Umriss unserer Professorin und undurchdringliche Dunkelheit umfing uns. Schwarz und still war es mit einem Mal, kein Lichtstrahl drang mehr in die Krypta hinein. Niemand sprach ein Wort und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Eine gefühlte Ewigkeit stand ich so in der Finsternis der Krypta, bis ich ein Flüstern vernahm. Es kam von Fred.
„Wir sollten langsam und vorsichtig die Treppe suchen, damit wir hier wieder herauskommen.“
„Wo ist Frau Lichtenau?“, kreischte Lilly.
„Beruhige dich, wo Frau Lichtenau ist, kann uns doch erst einmal egal sein. Wir müssen wieder hinauf.“
Da ich der Letzte war, der hier vorhin heruntergekommen war, musste ich mich nur umdrehen und mit meinem Fuß die erste Stufe finden, was mir auch recht schnell gelang. Ich spürte zwar nicht mehr die Holzstufen, sondern steinerne Stufen, doch ich machte mir in diesem Moment keine Gedanken darüber.
„Hier, ich steh auf der Treppe.“
Vorsichtig löste ich Martin von meinem Arm. Ich nahm seine feuchte Hand. „Fasst euch alle an die Hände oder einfach an die Klamotten und sagt mir, wenn wir alle haben. Dann gehe ich langsam nach oben und ziehe euch mit. Habt ihr euch?“
Mehrere Stimmen bejahten meine Frage.
„Ist noch jemand unberührt?“
„Ich.“
„Wer?“
„War ein Scherz.“
„Cigdem?“
„War wirklich ein Scherz.“
„Dann weiß Adrian ja wenigstens Bescheid.“
Nervöses Gelächter durchbrach die Dunkelheit.
„Ich gehe jetzt vorsichtig Schritt für Schritt nach oben und jeder zieht den anderen mit. Falls jemand seinen Nachbarn verliert, schreit sofort, damit ich warten kann, bis ihr euch wieder habt. Okay? Fertig? Ich gehe jetzt los.“
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