Timecaching - die Welterbestätten an Saale und Unstrut 1

Im ersten Halbjahr dieses Jahres werde ich meinen neuen Roman in den Buchhandel bringen. An dieser Stelle möchte ich einfach ein paar Seiten im Voraus vorstellen, teils um neugierig zu machen, aber auch um vielleicht das ein oder andere Feedback zu erhalten. Los gehts...


Timecaching ist weder ein Wort noch ein Begriff.
Timecaching ist eine Erfahrung.

Prolog

„Meine Damen und Herren“, Frau Professor Lichtenau rieb sich die Hände und schaute in die Runde ihrer Studenten, „das soll es für heute gewesen sein. Ich erinnere meine Projektgruppe nochmals an Montag und wünsche Ihnen allen ein angenehmes Wochenende.“
Ihre letzten Worte gingen unter, allgemeines Geraune und Geklapper begann in unserem Hörsaal. Stühle wurden zurückgeschoben und alle packten Schreibzeug, Bücher oder was jeder sonst noch dabei hatte, in seine Taschen oder Rucksäcke ein.
„Sebastian, ich wünsche dir ein schönes Wochenende.“
Adrian schlug mir noch einmal freundschaftlich auf die Schulter.
„Ja, ich dir auch. Hau rein.“
„Du auch. Bis Montag.“
Damit verschwand Adrian im Gedränge der Studenten, die zum Ausgang des Hörsaales strömten. Mir fielen ein paar Blätter zu Boden und ich nahm mir fest vor, diese am Wochenende ordentlich in meine Unterlagen einzuordnen. Allerdings müsste ich das heutige Thema noch einmal überarbeiten, was die freie Zeit meines bevorstehenden Wochenendes erheblich verkürzen würde.
Irgendwann im Frühjahr zu Beginn des Semesters schrieben Adrian und ich uns in die Projektgruppe ‚Frühmittelalterliche Baukunst‘ ein. Insgesamt sind in dieser Projektgruppe neben unserer Professorin noch vier weibliche und acht männliche Studenten, mich eingeschlossen. Besondere Höhepunkte des Studiums sind in allen Semestern die praktischen Ausflüge wie der am kommenden Montag. Frau Lichtenau möchte mit den Leuten, die zu ihrer Projektgruppe gehören, nach Goseck fahren, um uns dort ‚die ehemalige Klosterkirche auf eine ausgesprochen ungewöhnliche Art und Weise etwas näherzubringen‘, wie sie sich ausdrückte.
Goseck ist ein kleines Dorf im Süden Sachsen – Anhalts, genauer im Burgenlandkreis. Berühmt ist es vor allem aufgrund des dortigen Sonnenobservatoriums, welches als ältestes der Welt gilt, selbst Stonehenge in England ist später errichtet worden. Leider ist die Anlage in Goseck ein Nachbau, da das Original seinerzeit aus Holzstämmen errichtet und somit die Jahrtausende nicht überdauern konnte.

Goseck

Nachdem wir am Montag mit dem Bus in Goseck ankamen, blieb uns nichts anderes übrig, als die letzten Meter der steilen Straße zum Schloss hinunterzulaufen. Unser Bus konnte die holprige Kopfsteinpflasterstraße, die von hohen Büschen und Bäumen flankiert war, nicht befahren.
Ein bisschen erinnerte mich der Fußmarsch zum Schloss auch an die Klassenfahrten während meiner Schulzeit: Vorneweg lief Frau Lichtenau und wir folgten ihr in Zweierreihen nach. Die Straße führte durch einen riesigen steinernen Torbogen und endete direkt auf dem großen Schlosshof.
Es war an diesem Junitag angenehm warm, sodass wir alle lediglich T-Shirts und Jeans trugen.
Und still war es. Bis auf das Zwitschern der Vögel konnte ich kaum etwas hören, keine Autos, keinen Lärm, nichts. Lediglich in der Ferne fuhr ein ICE im Tal über die Gleise.
„Das gibt es doch gar nicht, da wächst ja ein uralter Ginkgobaum.“ Isabel lief an Frau Lichtenau vorbei und steuerte auf den Baum in der Mitte des Hofes zu. Isabel … was für eine blöde Kuh, ich sprach seit Wochen kein Wort mit ihr. So schön ihre langen blonden Haare waren, genauso eingebildet und arrogant war sie auch. Sie trieb ziemlich viel Sport und sah sehr gut aus, das musste ich ihr lassen. Aber scheinbar schien sie Leute, die nicht so waren wie sie, generell zu ignorieren. Dabei hatte sie kaum Freunde.
Ich mochte sie auch aus dem Grund nicht, weil sie in meinen Augen ein absolut oberflächlicher Mensch war.
Selbst Adrian verdrehte die Augen, als er ihre Stimme vernahm. Er ging neben mir, an seiner anderen Seite lief Cidgem, unsere einzige Türkin in der Gruppe. Anfangs hatte ich Probleme, ihren Namen überhaupt auszusprechen, aber irgendwann war es pure Gewohnheit. Tschitem, so würde ich es schreiben.
Doch ich mochte sie. Sie war locker, witzig, geistreich und nie um eine Antwort verlegen. Adrian und Cigdem führten seit Langem eine Beziehung miteinander, aber wegen ihrer Angst vor Cigdems Familie versuchten die beiden, ihre Liebe möglichst geheim zu halten. Ich hatte zwar nie mit Adrian darüber gesprochen, doch war mir klar, dass mein bester Kumpel darunter litt. Aber er musste Cigdem sehr lieben, sonst wären die beiden sicherlich nicht mehr zusammen.
Ich glaube, ich hätte so eine Beziehung nicht führen wollen, aber das war die Angelegenheit von Cigdem und Adrian. Wobei ich nicht davon ausging, dass ihre Brüder ihm oder ihr wirklich etwas antun würden, immerhin kam ihre Familie bereits vor drei Generationen nach Deutschland.
Jedenfalls konnte ich es mir nicht vorstellen.
Wir versammelten uns alle um den großen Baum, bei dem es sich tatsächlich um einen Ginkgobaum handelte. Schade, ich hätte Isabel von Herzen gegönnt, sich ordentlich zu blamieren …
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