Der Roman für Naumburg VII

Ei weiterer Teil des Folgeromanes von "Weil die Zeit sich berühren will":

Ich konnte nicht antworten. Wie durch einen Schleier nahm ich wahr, dass die Sonne langsam unterging, es dämmerte und vom Sumpf stieg Feuchtigkeit herauf. Um uns herum war keine Menschenseele mehr zu sehen und es kam mir vor, als wären meine Knochen und Gelenke bewegungsunfähig.
„Was …“
„Gerda holt Eure Frau. Sie wird sich sicher schon Sorgen machen.“
„Was, was ist passiert?“
„Die alte Hexe ist in den Sumpf gegangen.“
Das wusste ich noch.
„Und danach?“
Karl und Siegfried wechselten einen verstohlenen Blick miteinander.
„Ihr könnt Euch an nichts erinnern?“
„Nein.“
„Ihr standet einfach so da.“
Langsam lichtete sich der Schleier vor meinen Augen und ich konnte die beiden Männer und meine Umwelt wieder klar erkennen.
„Ich stand einfach nur da?“
„Ja, Meister Hannes, als währet ihr von der alten Hexe in Stein verwandelt worden. Wobei, sie ist ja keine Hexe, wie wir heute gesehen haben. Karl und ich sind einfach bei Euch geblieben, damit es so aussehen würde, als müssten wir noch etwas besprechen. Ihr habt mir wirklich einen Schrecken eingejagt, so kreidebleich wie ihr gewesen seid. Steht einfach wie eine Salzsäule in der Gegend herum. Man, man, man.“
Mir kam in den Sinn, dass ich so einen Redeschwall von Siegfried noch nie gehört hatte. Hinter mir vernahm ich Schritte, die sich rasch auf uns zu bewegten. Maria kam in Begleitung von Gerda.
Ehe sie mir irgendetwas sagen konnte, versuchte ich krampfhaft, Maria anzulächeln. Sie ließ mich bei meinem Versuch nicht aus den Augen, ihr entging nichts.
„Alles in bester Ordnung.“
Maria hatte schon den Mund geöffnet, verstummte aber gleich wieder. Sie schien zu verstehen, was ich ihr damit sagen wollte … Kein Wort, das uns irgendwie verraten könnte!
Vorsichtig versuchte ich, meine steifen Glieder zu bewegen, und es ging besser, als ich dachte. Ein Gefühl der Wärme durchströmte meinen Körper und langsam setzten wir uns in Bewegung. Müssten nicht auch bald die Stadttore schließen? Ich musste unwillkürlich grinsen … Wenn jetzt Winter wäre, hätte ich bis hierher überlebt und wäre dann vor den verschlossenen Stadttoren erfroren. Was für ein dummer Gedanke, ich versuchte, ihn aus meinem Kopf zu vertreiben, aber es gelang mir nicht ganz. Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, wurde zu einem Lächeln, einem Lachen, welches ich nicht mehr unterdrücken konnte. Ich bog mich vor Lachen, nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie sich die Anderen entsetzt ansahen, die Köpfe schüttelten. Wortfetzen drangen an mein Ohr, ich konnte die Bedeutung nicht verstehen, verstand überhaupt nichts mehr. Erfroren. Mein Leben würde ich verlieren, wie Ingaris ihren letzten ‚Blubb‘, ihre letzte Luftblase, die aus dem Sumpf emporstieg, nachdem sie doch noch so schnell versinken durfte. Lachen entrann meinem Körper, Lachen, bis zu dem Augenblick, als ich nichts mehr wusste, nichts mehr wahrnahm und mich gnädige Dunkelheit umgab.
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