Der Roman für Naumburg IV

Der vierte Teil des Fortsetzungsroman, den ich gerade über Naumburg schreibe...

Wir schauten alle in Richtung des Weges, der aus der Stadt kam und sahen, wie Ingaris in einem rauen, weißen Gewand auf einem Wagen hierhergebracht wurde.
Sie war weder gefesselt, noch schien ihr Körper, sofern er nicht durch das Gewand verdeckt wurde, Spuren einer Misshandlung aufzuweisen. Ich war froh, wenigstens war ihr das erspart geblieben.
Als sie vom Wagen stieg, stellte ich jedoch zu meinem großen Entsetzen fest, dass ihr die Folter doch nicht erspart geblieben war. Ingaris hielt sich die rechte Seite in Höhe ihrer Rippen mit der Hand, humpelte sichtlich und ging gekrümmt. Nur ihren Kopf hielt sie hoch erhoben, sie schien in der Menge der Menschen nach jemand Ausschau zu halten.
Die Stadtbüttel stießen sie sanft vor sich her, eine Gasse öffnete sich und Ingaris kam geradewegs auf uns zu, wobei sie vielmehr in unsere Richtung getrieben wurde. Nicht brutal, sondern eher mit sanftem Druck. Zwei Stadtbüttel gingen jeweils vor und hinter ihr, rahmten Ingaris auf ihrem wahrscheinlich letzten Gang ein.
Wahrscheinlich deshalb, weil nur ein Wunder sie noch retten konnte. Aber wann geschehen schon Wunder? Wenn sie in den Sumpf ginge, würde sie sterben. Im Gegenzug dazu wäre sie unschuldig und ihre Seele würde zu Gott aufsteigen. Sollte sie wider Erwarten das andere Ufer des bösen Stromes, der eigentlich ein großes Sumpfgebiet war, doch erreichen, würden die Menschen sagen, Gott wollte sie nicht aufnehmen. Das Ergebnis würde das Gleiche sein. Ingaris wäre tot, nur würde man sie dann eben verbrennen.
Ich konnte von meinem Platz aus erkennen, wie sie ihren Blick durch die Menge schweifen ließ. Plötzlich schaute sie geradeaus, sah mich direkt an. Ein Schaudern durchlief meinen Körper, als sich ihre stahlblauen Augen in mich hineinbohrten, in die tiefsten Winkel meiner Seele schauten. Ein eisiger Wind blies über meinen Kopf hinweg, es schien, als würde die Menge verstummen, kein Wort drang mehr an mein Ohr. Dann stand Ingaris neben mir, mich mit ihren Blicken immer noch durchbohrend. Ich war unfähig, auch nur den Hauch einer Reaktion zu zeigen, mein Körper schien versteinert.
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