Damals wars ...

Jedes Jahr, wenn sich die Zeit des Kirschfestes nähert, muss ich mit Schmunzeln an eine Episode zu eben diesem Fest denken, die sich etwa 1955 abgespielt hat.
Die Anzugsordnung zum Festumzug für die Schüler bestand bei den Mädchen aus einem weißen, oder sehr hellem Kleid und einen Blumenkranz im Haar, und bei den Jungs war eine dunkle, kurze Hose, ein weißes Hemd gefordert, wobei das Pionierhalstuch für beide Geschlechter erwünscht war. Eine besondere Attraktion war für die Jungen die Lanze, die in verschiedenen Verkaufstellen für, ich glaube es waren damals 3 Mark, erworben werden konnte. Und eben diese Lanzen wurden in diesem Jahr zum Ärgernis für die vernebelten Genossen der SED-Kreisleitung, denn die Lanze hatte einen schwarzen Stiel, der im Normalfall noch mit einer grünen Girlande umwickelt werden sollte, eine weiße Lanzenspitze und ein rot/weißes, unseren Stadtfarben entsprechendes Fähnchen. Nun fiel diesen Klapperköppen im „Haus des Volkes“ doch auf, dass diese Farben genau die gleichen sind wie auf der früheren Fahne der Nationalsozialisten, nämlich Schwarz/Weiß/Rot. Das durfte nicht sein und so wurde kurzfristig eine Rückrufaktion gestartet, um die Lanzenstiele in eine graue Farbe zu tauchen. Alle Jungen bangten um ihre geliebte Lanze, vor allem deshalb, weil ja die 3 Mark nicht zurück erstattet wurden.
Nun, die Sache ging einigermaßen glimpflich aus, denn, die Schüler formierten sich schon auf den Schulhöfen, die Jungen noch immer ohne Lanze, als Fahrzeuge die Objekte des Ärgers und der Begierde doch noch brachten, mit schönem grauen Stiel. Zeit, um die Girlanden aufzuwickeln, blieb nicht, auch nicht um die Hände zu waschen, denn die nun grauen Stiele waren wegen des Tempos der Aktion noch nicht richtig trocken und die Farbe blieb an den Händen und natürlich auch auf der Bekleidung haften.
Und deshalb wurde man als Zuschauer den Eindruck nicht los, dass trotz der farbenfrohen Bilder ein grauer Schleier über dem Festumzug lag …

Weiterveröffentlichungen:

Naumburger Tageblatt | Erschienen am 19.05.2010
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2 Kommentare zum Beitrag
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Constanze Matthes aus Naumburg (Saale) am 15.05.2010 um 17:37 Uhr  
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Uwe Dorloff aus Bad Kösen am 16.05.2010 um 16:02 Uhr  
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