Nachtrag zum Welttag des Buches

NEUE BÜROADRESSE in Naumburg: Heinrich-von-Stephan-Platz 1, zwischen Freizi und Kinderbibliothek!!!

Am 23. April war Welttag des Buches. Aus diesem Anlass hat der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung eine Geschichte in Einfacher Sprache herausgegeben.

Eine Geschichte in Einfacher Sprache zum Welt-Tag des Buches
von Marion Döbert

Einmal Schnitzel mit Buch

Seit 20 Jahren arbeite ich im Hotel „Zur schönen Aussicht“.
Ich bin Köchin. Natürlich bin ich nicht Küchen-Chef.
Küchen-Chefs, das werden nur Männer.
Ich bereite die Speisen zu, und der Meister segnet alles ab.
Manchmal schiebt er ein Salat-Blatt von rechts nach links.
Oder von links nach rechts.
So ist es 20 Jahre gut gegangen.

Und jetzt sollen wir nicht mehr Hotel „Zur schönen Aussicht“ heißen.
Jetzt heißen wir „Panorama International Hotel“.
Wir haben einen neuen Geschäfts-Führer.
Er hat jeden zu sich bestellt.
Einen Mitarbeiter nach dem anderen.
Auch mich.
Der neue Geschäfts-Führer sieht mich an.
Sehr ernst sieht er mich an.
Er spricht von einem neuen Hotel-Konzept.
Von moderner Küche.
Vorbei ist die Zeit von Schnitzel und Braten.
Vorbei ist die Zeit von Gulasch-Suppe.
„Vorbei ist auch Ihre Zeit in unserer Küche.“
Habe ich richtig gehört?
Der junge Mann serviert mich einfach ab.
Sie haben keine Verwendung mehr für mich.
Das sagt er mir mitten ins Gesicht.
Erst bin ich nur schockiert.
Tagelang hänge ich vor dem Fernseher.
Ich weiß nicht, wie das geht. Ohne Arbeit zu sein.
Tagelang sehe ich mir Koch-Sendungen an.

Bis es mir reicht.
Ich schwöre mir:
Ich mache es so, wie die Chinesen es machen.
Chinesen geben nie auf.
Chinesen sind zäh.
Und wenn die ganze Welt untergeht:
Irgendwo gibt es immer noch ein China-Restaurant.

So wie bei uns unten im Haus, das Restaurant von Frau Li Sing.
Li Sing hat mich gefragt, ob ich mal nach unten kommen kann.
Wir setzen uns an einen Tisch.
Li Sing hat Tränen in den Augen.
„Meine Mutter ist krank.
Ich muss zu ihr. Ich muss für einige Zeit nach China zurück.
Ich weiß nicht, für wie lange.
Was soll hier nur werden?“
Ich sehe mich um.
Das Restaurant ist nicht sehr groß.
Und ein bisschen kitschig, mit den roten Lampions.
Ich habe hier ab und zu gegessen.
Und manchmal sogar ausgeholfen.

Ich mag Li Sing.
Eigentlich hat Li Sing Literatur studiert.
Deutsche und chinesische Literatur.
Ihre Wohnung über dem Lokal ist vollgestopft mit Büchern.
„Wo soll ich nur mit den Büchern hin?“, fragt mich Li Sing.
„Ich hänge an den Büchern.
Aber ich kann sie nicht mit nach China nehmen.“
Ich lege meine Stirn in Falten.
Ich denke nach.
Dann fallen mir die Koch-Sendungen ein!
Da gab es einen Film über ein Lokal in Paris.
Die Wände waren voll mit Büchern.
Und dazwischen saßen die Menschen beim Essen.
Lesen und essen.
Das ist der Renner in Paris.
Dieses Restaurant der Wörter.

Am nächsten Tag räumen Li Sing und ich auf.
Der Wok kommt weg. Die Stäbchen auch.
In den Schränken stehen jetzt meine Töpfe und Pfannen.
Stundenlang schrauben wir Regale an die Wände.
Wir schleppen Bücher von oben aus der Wohnung.
Nach unten ins Lokal.
Wir räumen die Bücher in die Regale.
Wir schrubben die Tische aus Holz ganz blank.
Wir stellen Kerzen und Lese-Lampen darauf.
Und schließlich sitzen wir todmüde in unserem neuen Lokal.
„Ich halte die Stellung, bis du wiederkommst“, sage ich zu Li Sing.
„Zwei Wochen bin ich ja noch hier“, sagt sie.
„Da kann ich dir noch helfen.“

Und das war auch bitter nötig.
Blitzschnell hat sich herumgesprochen,
womit wir gar nicht gerechnet hatten:

Neues Kult-Lokal! Studenten-Treff.
Tolles Essen!
Frikadellen wie bei Muttern.
Schnitzel, die noch nach Schnitzel schmecken.
Chinesinnen kommen in Gruppen vorbei.
Sie lesen in den Büchern in beiden Sprachen.
Für sie ist hier Heimat und Deutschland zugleich.
Sie fotografieren meine Schnitzel und
schicken sie per Smart-Phone zur Familie nach China.

Der Laden ist voll.
Wir sind überglücklich.
Zwei Wochen später bringe ich Li Sing zum Flughafen.
Ich winke ihr zu.
Hoffentlich kommt sie bald zurück.
Während ich die Linsen-Suppe vorbereite,
klingelt das Telefon.
Ein Mann von der Behörde will den Namen wissen.
Ich sage meinen Namen.
„Nein“, sagt er, „ich brauche den Namen von Ihrem Lokal.
Wir müssen den Namen in die Akten eintragen.“
In meinem Kopf rattern die Gedanken.
An einen Namen haben wir gar nicht gedacht.
„Na, irgendeinen Namen wird Ihr Lokal doch haben!“
Der Mann von der Behörde ist ungeduldig.
Da rutscht es mir heraus:
„Die lesende Chinesin“.
Der Mann ist zufrieden.
Er legt auf.
Zum Glück kann er mich nicht lachen hören.
Ich lache, bis mir die Tränen laufen.
Denn erstens bin ich keine Chinesin.
Und zweitens kann ich nicht lesen.
Aber ein Leben mit Büchern, das gefällt mir richtig gut!


© Marion Döbert, 2015. Alle Rechte vorbehalten
Zum Teilen freigegeben vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. mit freundlicher Unterstützung durch die Ernst Klett Sprachen GmbH
4
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
2 Kommentare
1.234
Kornelia Lück aus Zeitz | 28.04.2015 | 05:10  
5.635
Erwin Zimmermann aus Bad Kösen | 28.04.2015 | 18:15  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.