Am Anfang gab es auch „Moralische Vorträge“, jetzt scheint das Ende nahe – 173 Jahre Berufsschulen in Naumburg

Naumburg (Saale): Seilergasse | Betrachtet man die heutige Naumburger Schullandschaft, so kann man eine gewaltige Schrumpfung im Vergleich zu früher feststellen. Besonders drastisch scheint mir das auf die Berufsschule zu zutreffen. Im Naumburger Markgrafenweg existieren noch spärliche Reste einer Schulform, deren Entwicklung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Naumburg begonnen hatte.

In Erkenntnis der Notwendigkeit, die praktische Lehre durch theoretische Unterweisungen zu ergänzen, eröffnete die Naumburger Kramerinnung am 1. Oktober 1838 eine Handelsschule, in der neben den neueren Fremdsprachen vor allem Buchführung, kaufmännisches Rechnen und Handelsgeographie gelehrt wurde. Aber auch 2 Std. „Moralische Vorträge“ standen damals im Lehrplan. Da es keine Berufsschulpflicht gab, war die Schülerzahl gering und der Unterricht wurde 1846 infolge zu hoher Kosten wieder eingestellt. Ein sog. „Cassa- Buch“ für die Handlungsschule, angefangen 1838 und fortgeführt bis 1905/06, befindet sich im Besitz des Stadtarchivs.

1875 gründete der Gewerbeverein eine gewerbliche Fortbildungsschule, mit dem Ziel, „die sittliche Tüchtigkeit der aus der Schule entlassenen Jugend zu befestigen und zu erhöhen“ sowie ihre „gewerbliche Tätigkeit zu fördern“. Obwohl die Obermeister der meisten Handwerkerinnungen der Stadt das Vorhaben unterstützten, wurde diese Fortbildungsschule nur wenig besucht und so ging die Schule 1891 ein.

Die Fleischer-, Gärtner- und Bäcker-, zeitweilig auch die Bauhandwerker- sowie Metallarbeiterinnung bildeten daraufhin eigene Fachschulen.

Am 20. April 1876 startete der zweite Versuch der Kramerinnung, eine kaufmännische Fortbildungsschule (Handelsschule) zu betreiben, der jedoch schon 1879 endete. Erst der dritte Versuch im Jahre 1897, insbesondere auf Veranlassung des damaligen Oberkramermeisters Mundt, war erfolgreich. Die Zahl der Schüler stieg von anfangs 26 auf 130 im Jahre 1919 an.

1912 wurde durch die Stadt ein Ortsstatut beschlossen, welches vom 1. April 1913 an den Besuch der nunmehr als städtische Berufsschule ins Leben gerufenen allgemeinen Fortbildungsschule für alle Lehrlinge zur Pflicht machte.

Am 1. Oktober 1913 genehmigte der Regierungspräsident von Merseburg die Gründung der "Städtischen Gewerblichen Pflichtfortbildungsschule“, ihr Direktor wurde der Lehrer Bischoff, der zuvor mehrere Innungsschulen geleitet hatte. Zunächst betreute die Schule die ab Ostern 1913 eingestellten Lehrlinge des Gewerbes, so weit sie nicht durch Innungsschulen erfasst worden. Metallarbeiter, Friseure und Perückenmacher, Buchdrucker und auch das Gastwirtsgewerbe besaßen eigene Schuleinrichtungen und durften sie weiterführen. Der Unterricht fand abends in der gehobenen Bürgerschule in der Schulstraße statt. Nachdem 1914 Direktor Bischoff auch die Leitung der Innungsschulen übernahm, wurden 1915 die buchgewerblichen Klassen und 1918 die Metallgewerbe Klassen städtisch. Aus jener Zeit ist eine Zeugnis-Liste erhalten, aus der unter anderem die Noten des noch allseits bekannten Naumburger Bürstenbindermeisters Kurt Steinbrück hervor gehen.

1920 erhielt die Schule mit dem ehemaligen Lyzeum in der Seilergasse endlich ein eigenes Schulhaus und die kaufmännische Fortbildungsschule wurde angegliedert. Gleiches geschah 1921 mit der „Handelsschule für Mädchen“, die 1912 unter der Bezeichnung „Kaufmännischer Fachkursus für Mädchen“ aus der kaufmännischen Fortbildungsschule der Kramerinnung hervor gegangen war.

Die Berufsschüler, dieser Name ist seit 1925 eingeführt, erhielten durchweg 6 Stunden Unterricht je Woche, meist aufgeteilt in Fachstunde, Fachrechnen und Fachzeichnen. Die Wochenstundenzahl an der Handelsschule betrug 26.

Nach Hitlers Machtergreifung, aber insbesondere während des 2. Weltkrieges wurde der Schulbesuch mehr und mehr beeinträchtigt. Lagerschulungen, Werbevorträge durch die Wehrbezirksstellen und Luftschutzkellerbesuche unterbrachen oft den Schulunterricht. 1943 hatte die Schule 1459 Schüler, davon 662 gewerbliche, 441 kaufmännische, 277 hauswirtschaftliche, 79 landwirtschaftliche bzw. gärtnerische und sonstige. Mit der Unterbringung des Wirtschaftsamtes in den Parterreräumen des Schulhauses, musste die Handelsschule zeitweise in andere Schulgebäude ausgelagert werden (Marien-, Walter- Flex-, Georgenschule). In die Zeit der Osterferien 1945 fielen schließlich der Zusammenbruch des dritten Reiches und damit der Schulschluss.

Erst am 1. Oktober 1945 wurde der Schulbetrieb wieder aufgenommen.

Im Frühsommer 1946 wurde das Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule für die Länder der Sowjetischen Besatzungszone verabschiedet. Es brachte ab Herbst 1946 eine Verdopplung der Wochenstundenzahl durch Zufügung von Allgemeinunterricht. Da das Wirtschaftsamt das gesamte Schulgebäude in der Seilergasse beanspruchte, musste Anfang 1946 die Berufsschule in das Schulgebäude in der Weißenfelser Straße, den Naumburgern noch als Reformrealgymnasium mit Realschule bzw. Walter- Flex- Schule bekannt, umziehen. Erst am 28. Juli 1964 zog die Berufsschule wieder in die Seilergasse zurück.

Neben der kommunalen Berufsschule Naumburg- Nebra, die 1976 den Namen des Naumburger Antifaschisten „Walter Höhne“ erhielt, gab es bis zur politischen Wende 1990 im Umland zahlreiche Betriebsberufsschulen. 1982 wurde das Schulhaus in der Seilergasse erweitert: zwei Wohnhäuser in Richtung Windmühlenstraße wurden abgebrochen und ein Neubau errichtet. Bei den Bauarbeiten wurde eine alte Hausmarke gefunden, die auf einen Gasthof „Zum Goldenen Löwen 1737“ hinweist. Sie wurde über dem Seiteneingang angebracht.

Nach der Wende wurden die Betriebsberufsschulen geschlossen und ab dem 1. September 1990 die Berufsausbildung nach bundesdeutschen Gesetzen im so genannten dualen System durchgeführt. Das bedeutet Vermittlung beruflicher Fertigkeiten und praxisbezogener Kenntnisse im Ausbildungsbetrieb und fachpraktische Ausbildung sowie Ergänzung der Allgemeinbildung an der Berufsschule.

Existierte anfangs die Kommunale Berufsschule Naumburg noch an den Standorten Seilergasse, Neidschützer Straße, Markgrafenweg, Rathenaustraße und Golzener Straße in Laucha, so schrumpfte sie im Laufe der folgenden Jahre insbesondere infolge der stetig sinkenden Schülerzahlen zusammen. Auch die vom Burgenlandkreis als Schulträger errichteten Schulneubauten in Zeitz und Weißenfels trugen zum Niedergang der Naumburger Berufsschule bei.

Schließlich wurde 2007 nach der Fusion der Berufsbildenden Schulen Naumburg mit den Berufsbildenden Schulen Zeitz auch der traditionsreiche Naumburger Schulstandort Seilergasse geschlossen. Die Standorte Neidschützer Straße und Markgrafenweg wurden nun Standorte der Zeitzer Berufsschule.

2011 folgende der vorläufige letzte Akt: die Berufsbildenden Schulen Zeitz und Weißenfels fusionierten zu den Berufsbildenden Schulen Burgenlandkreis mit Hauptsitz in Weißenfels, auch am Standort Neidschützer Straße schlossen sich die Schultüren für immer.

Weiterveröffentlichungen:

Naumburger Tageblatt | Erschienen am 21.12.2011
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