Zauberflöte sprengt den Rahmen

München: Kulturzentrum Gasteig | Eine kleines Bild aus dem 19. Jahrhundert am rechten Bühnenrand gibt das Thema vor: Ein junger Mann, dem die Augen vor Neugier aus dem Kopf quellen, steigt aus dem Bilderrahmen. So sprengte die neueste Opernproduktion des Kulturvereins LINIE 1 einige Rahmen, denn der Opernnarr und Produktionsleiter Norbert Kästle wagte sich an die schwierige, umfangreiche und tiefgründige Zauberflöte. Und das kostendeckend und publikumsnah im zentrumsfernen Moosach, ja sogar unter ausdrücklicher Beteiligung von Laien. All das erreichte er, weit mehr als bei seinen bisherigen Produktionen, die das Kulturreferat und andere Sponsoren überzeugt hatten als einzigartig in Herstellung und Aufführung.

„Aufwändig und fantastisch, witzig und wundervoll, tolle Musik und klasse Bühnenspektakel„, begeisterten sich die Besucher der ausverkauften Aula in Moosach. Kein Wunder, denn die eigens errichtete Bühne im braven Berufsschulzentrum war durch die 60 Mitglieder des Chores in eine Augenweide verwandelt worden: Bunte Pappmache-Vögelchen flatterten mit ihren Flügeln, Pinguine zogen vorbei, ein Medizinball flog durch die Luft, ein Nachkriegsfahrrad fuhr herum. „Fast alle Requisiten wurden von den Mitarbeitern mitgebracht, gebastelt oder geliehen. In ihren eigenen Kostümen bilden lebende Tableaus“, erklärte Norbert Kästle, „ und dann ersetzen die Chorsänger die Bühnentechnik, bauen auf und schuften richtig. Ihr Enthusiasmus ist das Blut dieses Gesamtkunstwerks, dessen Herz hinter der Bühne schlägt.“ Und Norbert Kästle dirigierte sie alle in seiner Freizeit mit der Virtuosität eines Löwenbändigers. Im Stück schüttelte er nur die goldene Mähne seines chinesischen Löwenkostüms.

Die sieben imposanten Bühnenbilder des Moosacher Architekten und Malers Anton Barnard wurden mit EDV zusammengeführt und gedruckt. Sie zeigt raumfüllend, was die Oper so besonders macht: Plätze in Moosach inmitten des poetisches Realismus der Regisseurin Kristina Wuss: Der O2-Tower erscheint vervielfältigt in einer fantastischen Landschaft, die Tore der Borstei mit ihrem Hirschen bereiten auf die Tierköpfe des Chores vor, im Pelkovenschlössl , am Kirchturm der Alten St. Martinskirche und an den Fontänen des neuen Brunnens findet Mozarts Handlung statt.

Die erfolgreiche und erfahrene Regisseurin Kristina Wuss zauberte eine farbenfrohe und assoziative Inszenierung, Sie erlaubte zeitgemäße Deutungen, ließ die Musik erstrahlen und glänzte mit Professionalität in den symbolisch aufgeladenen Beziehungen. Ein einfallsreicher, witziger Bühnenzauber, wie ihn Mozart geliebt hätte. Der musikalische Leiter Matthias Bauernfeind ist bei „Moosach macht Oper“ schon bekannt und verantwortete den zauberhaften Gesamteindruck der Musik, von seinem versatilen Kammerorchester unterstützt.

Als die Stimme der menschlichen Seele wird die Zauberflöte im Stück verstanden. Und an schönen und klangstarken Stimmen konnten sich die Moosacher satt hören. Um die Menschwerdung und die Liebe geht Menschenkenner Mozart nämlich, deswegen sind seine Melodien so beliebt. Es geht ihm auch um Humanität und Freiheit. Diese zeitlosen Themen packten Sänger wie Zuschauer in der Premiere. Innerlich frei wird der Mensch erst durch den Ausgleich seiner Gegensätze. Gerade die Gegensätze in der Musik machen diese Oper so spannend - ihre Gestaltung durch die jungen, trainierten Stimmen der Solosänger mit ihrer klaren Aussprache und ihrer feinen Führung. Das Publikum fieberte mit wie eh und je, ob die Helden alle Prüfungen bestehen, ob die Liebespaare sich finden. Und die Moosacher Helden, ob Laie oder Profi, alle 110 Mitarbeiter der Produktion bestanden die Premierenprüfung spielend. Zum 25-jährigen Vereinsjubiläum sprengten sie den Rahmen dessen, was je in Moosach zu hören gewesen war. Karten für die Aufführungen am 26. und 27. September im Gasteig, Carl-Orff-Saal gibt es bei München Ticket.

Eva Speckner, München

www.muenchenticket.de
www.moosach-macht-oper.de
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Ute Kohler aus Fürstenfeldbruck | 18.09.2014 | 22:59  
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