Erinnerungsort Verdun in München-Neuhausen

"Kiefer 998, Verdun 07:59 Uhr", 2014, Tusche auf Papier, 48 x 36cm; copyright: Konstanze Sailer
München: Galerie Christoph Dürr |

Am Sonntag, dem 21. Februar 2016 begann vor genau 100 Jahren die Schlacht von Verdun. Es war die erste der gewaltigen und zugleich schrecklichsten Materialschlachten des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Verdun ist zu einem der bedeutenden Erinnerungsorte geworden, der Frankreich und Deutschland über Jahrzehnte trennte, der nunmehr aber zu einem Ort der Erinnerungskultur werden konnte. Zeitzeugen der Schlacht leben nicht mehr, die etwa 167.000 französischen und die etwa 143.000 deutschen Toten sind keine einander feindlich gegenüberstehenden Soldaten mehr, sondern „nur noch“ Tote in einem „Weltkrieg“ genannten Menschheitswahnsinn.

Ein Anlass, in diesen Tagen der Galerie Christoph Dürr in München-Neuhausen wieder einmal einen Besuch abzustatten. Der politisch und historisch überaus versierte Galerist Christoph Dürr zeigte in seinen Räumen Arbeiten der Malerin Konstanze Sailer zum Thema Verdun. Titel der Ausstellung: Die Kiefer von Verdun.

(Katalogtext:) Hunderttausende menschliche Kiefer fallen bei Verdun zu Boden. Es sind die blutigsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. Bei Verdun sterben Franzosen und Deutsche. Die toten Kiefer sind zum Teil geöffnet. Zum schmerzerfüllten Schrei aufgerissen. Ausrufe, die den nahenden Tod beschwören. Schreie, die um Aufschub flehen. Um Beendigung der Schlacht von Verdun. Um Abbruch des Menschenschlachtens.

Die Abbildungen der Kiefer: Klare Linienführungen. Kiefer sind in das Bild gesetzte sprachliche Zeichen. Jeder Kiefer hebt sich plastisch von seinem Hintergrund ab. Löst sich von seiner Herkunft. Konstanze Sailer malt Köpfe. Schädel. Kiefer. Jahrzehnte der Arbeit am Porträt und seinen Teilen.

Tuschen auf Papier sind konservierte Aufschreie. Zum Bild gewordene Rufe. Einige der Kiefer haben scharfe Konturen. Andere lösen sich malerisch im Hintergrund auf. Sie sind wie Notrufe gegen das Getöse der Welt. Hilferufe gegen das Vergessenwerden im Weltgebrüll.

Die Farbgebung der Kiefer von Verdun: Unzählige Schattierungen von Blau. Jedem Kiefer, jeder Tusche auf Papier ist eine Uhrzeit ausdrücklich zugeordnet – der Augenblick seines zu Boden Gleitens. Helle Blautöne für die Uhrzeiten jener grausamen Materialschlachten an sonnendurchfluteten Tagen und dunkle, nebelige Blautöne, die das Morgengrauen eines heranbrechenden weiteren Kriegstages repräsentieren. Klänge von Schreien formieren sich zu einem Bild, zu einem Nachhall des Daseins.



Konstanze Sailer: "Die Kiefer von Verdun"
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Nicole Freeman aus Heuchelheim | 20.02.2016 | 06:00  
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