Glosse: Schlimm

von Tom Buntrock aus München | am 11.05.2010 | 252 mal gelesen | 9 Kommentare | 0 Bildkommentare | 0 Bilder

Im Zeitalter der Krise sind wir an Katastrophen-Meldungen gewöhnt. Auch, wenn wir dabei stets im Hinterkopf behalten müssen, dass sich die wahren Dramen woanders abspielen. Im Kleinen.

Dabei ist auch in Zeiten echten Mangels, vormals bekannt als „saure Gurken Zeit“, die Versorgung zumindest mit schlechten Nachrichten sichergestellt. Allen voran die Bild-Zeitung, die uns mit allem versorgt, was das Leser-Leben sehr sehr lebenswert und vor allem lesenswert macht: Krisen, Kriege, Knast und jede Menge Alliteration.

Doch neben Veronica Ferres’ neuer Liebe und der Meldung, dass die Merkel vom Papst eine Klarstellung fordert, ist es vor allem das zumeist traurige Schicksal des nur unzureichend bekleideten Mädchens von Seite eins, das uns anrührt. Peta kommt, wie wir erfahren müssen, immer zu spät. Das brünette Modell (22) aus England verzettelt sich andauernd. Schlimm. „Ich bin schlecht organisiert und komme ständig viel zu spät“, will der Bild-Reporter ihr entlockt haben. Dass sich dies offenbar auf ihre Arbeit als Modell auswirkt ist ebenfalls schlimm, denn das Geld für Kleidung scheint ihr zu fehlen. Auch schlimm.

Da treten andere Meldungen glatt in den Hintergrund. Das mit dem Papst zum Beispiel. Denn der hat sich wohl geirrt. Und das, wo wir doch eben noch Papst waren. Dann hätten wir uns doch auch geirrt. Keine Sorge, denn auch wenn wir Papst sind, unfehlbar sind wir damit nicht. Und selbst der Papst ist nur dann unfehlbar, wenn er es dazu sagt. Hat er aber nicht. So beruhigt uns Pro7 mit einem Sonderbericht. Bild schweigt sich da aus, obwohl das ZDF das Thema zum Anlass für ein ZDF-Spezial genommen hat.

Überhaupt gibt es viele Gründe für einen ARD-Brennpunkt oder ein ZDF-Spezial: schlechtes Wetter, der Papst hat sich geirrt, irgendwo in der Republik wird mal wieder gestreikt. Ich kann mir den unmotivierten Aktionismus der Brennpunkt- und Spezial-Redaktionen nur damit erklären, dass sie überbesetzt sind. Doch zumindest Peta mit ihrem Zeit- und Organisationsproblem hat es noch nicht zu einem Brennpunkt gebracht. Schade.

Apropos Pro7. Die haben sich mit ihrer Titelgeschichte für Focus-tv weit in eine Bild-Domäne vorgewagt: nämlich die der Alliteration, des Stabreim, des Rap des Bildungsbürgertums. Mit: „Wann reichts im Reich der reichen Scheichs?“ haben sie im ewigen Wettbewerb sinnentleerter Überschriften Bild endlich den Rang abgelaufen. Und die lagen mit „Yeah! Fußball! Ballaballa!“ schon ganz weit vorne. Schlimm.

Doch während wir hier so nett plaudern friert Peta mit ihrer Unfähigkeit sich an Termine zu halten immer noch auf dem Titelbild vor sich hin. Ein Wunder, dass sie es überhaupt rechtzeitig in die Mittwochsausgabe von Bild geschafft hat. Die Bild-Redaktion scheint sich mit diesem Missstand offenbar abgefunden zu haben. Das ist ersichtlich aus der Bitte, die Bild ihr mit auf den Lebensweg gibt: „Peta, bleib einfach so wie Du bist, ganz genau so…“ Von der Ferres, der Merkel oder dem Papst wünscht sich Bild das nicht. Schlimm. (tb)


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