Aufruhr in Rawald - Von Larpern und Untoten
Jäh bricht der Gesang des Barden ab und die Laute der Bardin verstummt, als die Tür aufgerissen wird. Ein eisiger Lufthauch pfeift in die Taverne und läßt die Kerzen flackern.
"Die Untoten, sie greifen an! Zu den Waffen!", ruft der Hereinstürmende. Hastig springen einige der Männer auf, ziehen ihre Schwerter und folgen den Nachrichtenüberbringer hinaus in die Nacht. Eine Frau schließt hinter ihnen die Tür. Auch die Bardin hat mittlerweile ihre Laute beiseitegelegt und die Waffe gezogen. Der Wirt packt seine Kelle und streckt sie vor sich. Ich schaue an mir herab. Bis auf das Brotmesser habe ich keine weitere Waffe. Zu wenig gegen eine Horde Untoter.
Es klopft leise an der Tür. Unheimliches Geheul erklingt. Die Frau an der Tür greift nach ihren Schwert und hält mit der anderen Hand den Türknauf fest.
"Wir müssen uns verbarrikadieren", ruft einer der Männer und seine Stimme kippt. Zwei Männer packen eine Bank und stemmen sie gegen die Tür. Doch statt den Türknauf loszulassen, färbt sich das Gesicht der Frau an der Tür grau. "Ähm - Leute, hat von euch jemand daran gedacht, dass die Tür nach aussen aufgeht?", fluchte der Barde.
Ich sehe einen Schatten am Fenster. Dann starren mich zwei tote Augen durch das schmutzige Glas an. Blut spritzt gegen die Scheibe.
"Sie sind am Fenster", flüstere ich lautlos. Mein Eheweib drängt sich an mich. Gekrümmte Hände schlagen gegen die Scheiben.
"Weg von der Tür. Kommt in die Mitte des Raumes."
Das Klopfen an den Scheiben wird immer lauter. Dann klirrt es laut. Splitter fliegen herein. Der Wind bläst eine Kerze aus.
'Scheiße', denke ich. 'Jetzt seid ihr am Arsch.'
Einen Abend vorher...
Wir haben unsere Sachen ins Zimmer der Jugendherberge geworfen, haben uns umgezogen und lassen uns nun von Steffen in die Regeln des Larps einweisen. Dann ziehen wir auch schon los. Es ist an diesem Freitag zwar schon kurz vor Mitternacht, aber wir wollen unbedingt noch unsere "Bibliothek" sehen.
Wir, das sind Tina und Torsten Low, Eigentümer des Verlages Torsten Low. Als Treogen und Olhydra, der Buchbinder und sein Weib, kennt man uns schon in Weltentor, den Ronneburger Fantasy-Themenpark. Und nun werden wir zu Treogen und Olhydra, die Bibliothekare der freien Baronie Rawald, im Dienste von Baron Gero von Rawald.
"Habt Ihr Waffen dabei?", fragt Steffen.
"Keine Larpwaffen", anworte ich und klopfe an meinen Gürtel, wo mein Messer baumelt. "Und das hier ist nur zum Brotschneiden."
"Ok, egal was passiert - du nutzt das Messer nur zum Brotschneiden."
"Klar doch!"
Vorsichtig trapsen wir zu dritt durch die Dunkelheit. Ein paar Larper kommen uns entgegen, grüßen mit einem lauten "Für Bär und Eiche", was von Steffen erwidert wird.
Dann stehen wir auch schon im Burghof. Flammen schlagen aus einem Feuerkorb, doch das Licht schafft es kaum, die Dunkelheit zu durchdringen. Mittlerweile dürfte es Samstag geworden sein.
Wir lassen einen durch die Dunkelheit hetzenden Kriegertrupp vorbei, folgen ihnen zu einem erleuchteten Gebäude.
Vorsichtig steigen wir die vereisten Stufen hinauf und gehen durch den dunklen Vorraum, in dem sich die Massen scharen. Nahe an die Wand gedrückt, schieben wir uns an ihnen vorbei und öffnen die Tür zu unserem Refugium für die nächsten zwei Tage.
Die Bibliothek.
In einem Regal liegen einige Dutzend Schriftrollen. Vor dem Regal sitzen einige der Spieler, unterhalten sich, lesen, machen Notizen. Neben einem alten Ofen dann unsere Werkbank - ein alter, aber stabiler Tisch. Groß genug zum Arbeiten und Präsentieren.
Mittlerweile bin ich das Improvisieren gewöhnt. Schnell entdecke ich im alten Mauerwerk einige wuchtige Nägel. Wahrscheinlich stecken sie schon ein paar Jahrzehnte in der Wand. Hier werde ich meine Lederauswahl aufhängen.
Argwöhnisch beäugen die Larper meinen Rundgang.
"Der Bibliothekar ist angekommen", erklärt unser Führer.
"Ach, das ist der Bibliothekar? Seid Ihr vielleicht schon mal auf den Gedanken gekommen, ein Register anzulegen?"
"Das ist eine sehr gute Idee, mein junger Freund", antworte ich. "Allerdings bin ich damit beschäftigt, ein gutes Leder aufzutreiben, in welches man die Schriftrollen dieser Bibliothek einbinden könne. Doch wenn Ihr mir helfen wollt, solch ein Register zu erstellen..."
Mißmutig dreht sich der Spieler wieder zu dem Regal um und zieht eine neue Rolle aus dem Stapel.
Super - da ist wirklich absolut kein System darinnen.
Während ich die Krieger vor dem Regal belausche, erfahre ich, dass wohl das Kind des Barons entführt wurde und man in den Schriftrollen nach der Lösung des Problems fahndet. Ich muß grinsen.
Wahrscheinlich wird der Schriftrollenstapel an diesem Wochenende noch sehr oft durchwühlt.
Wir verlassen die Bibliothek und besuchen den zweitwichtigsten Ort.
Die Taverne.
Hier gibts die Verpflegung, Met, Spaß, Gerüchte und Musik. Und wir sehen einige bekannte Gesichter. Wir platzieren uns an der Theke und fangen ein Schwätzchen mit dem Wirt an, während wir uns an Brot und Käse bedienen. Ein Ork fixiert mich mit seinen Augen, während er grunzt und mich seine Reißzähne sehen läßt. Ich ziehe die Nase kraus - die Anwesenheit des Orks ist mir unangenehm. Schnell werfe ich einige Holzschekel (die Währung der Baronie Rawald) auf den Tisch und bestelle einen Kirschmet. Wir lassen die Grünhaut stehen und mischen uns unter die Leute. Eine Bardin spielt auf ihrer Gitarre, ähm ihrer Laute und animiert die Tavernenbesucher zum mitsingen. Ein Goblin setzt sich zu uns und fragt uns aus nach dem Woher und wohin. Dabei erfahren wir die neuesten Gerüchte zum Verschwinden des Babys.
Der Wirt bringt uns eine große Schüssel Kartoffelsuppe. Genau das richtige in dieser kalten Nacht. Wir merken mit jeden Augenblick, wie wir immer ruhiger und entspannter werden. Irgendwann nach 2 Uhr stehen wir auf, verlassen die Taverne und streben unserem Schlafsack auf dem Dachboden der Jugendherberge entgegen.
Es ist früh am morgen, als wir aufstehen und in unsere Gewandung schlüpfen. Danach geht es ans Auto ausladen. In der Bibliothek sind schon wieder (oder immer noch) drei Unermüdliche am Studieren der Schriftrollen. Wir nicken ihnen kurz zu und nehmen unsere Buchbinderei in Betrieb. Endlich ist der Stand aufgebaut und dekoriert.
Nun kann das Spiel entgültig losgehen.
Wir verbringen den Tag zwischen Bibliothek und Taverne, zwischen Arbeiten und Essen. Immer wieder schauen Elben, Orks und Menschen, Krieger und Magier bei uns vorbei. Manche schauen sich unsere Waren an, andere durchwühlen die Rollen. Mittlerweile dürfte keine Rolle mehr an ihren ursprünglichen Platz liegen.
Und die Schriftrollen sind beunruhigend. Anscheinend taucht alle paar Jahre ein Vampir auf und löscht das komplette Dorf aus. In einer anderen Rolle taucht ein Liedtext auf, mit dem alte Vampire gebannt werden können.
Irgendwann lass ich den Pinsel fallen und höre auf zu arbeiten. Jegliches Zeitgefühl ist verlorengegangen. Draußen ist es stockdunkel. Wahrscheinlich geht es auf neun oder zehn zu. Zusammen mit meinen Weib kehren wir in der Taverne ein. Lassen unsere Schüsseln mit Suppe füllen und essen in Ruhe. Wieder singen die Barden, spielen ihre Lieder. Die Krieger an unseren Tisch lachen und trinken, sie treiben aus Spaß einen wilden Tauschhandel mit den Miniwürstchen. Dann leert sich wieder die Taverne, die Krieger haben nach wie vor das Rätsel um das Kind zu lösen. Nur wenige bleiben zurück. Entspannt lauschen wir der Musik. Unser Met geht langsam zur Neige.
Und dann...
Jäh bricht der Gesang des Barden ab und die Laute der Bardin verstummt, als die Tür aufgerissen wird. Ein eisiger Lufthauch pfeift in die Taverne und läßt die Kerzen flackern.
"Die Untoten, sie greifen an! Zu den Waffen!", ruft der Hereinstürmende. Hastig springen einige der Männer auf, ziehen ihre Schwerter und folgen den Nachrichtenüberbringer hinaus in die Nacht. Eine Frau schließt hinter ihnen die Tür. Auch die Bardin hat mittlerweile ihre Laute beiseitegelegt und die Waffe gezogen. Der Wirt packt seine Kelle und streckt sie vor sich. Ich schaue an mir herab. Bis auf das Brotmesser habe ich keine weitere Waffe. Zu wenig gegen eine Horde Untoter.
Es klopft leise an der Tür. Unheimliches Geheul erklingt. Die Frau an der Tür greift nach ihren Schwert und hält mit der anderen Hand den Türknauf fest.
"Wir müssen uns verbarrikadieren", ruft einer der Männer und seine Stimme kippt. Zwei Männer packen eine Bank und stemmen sie gegen die Tür. Doch statt den Türknauf loszulassen, färbt sich das Gesicht der Frau an der Tür grau. "Ähm - Leute, hat von euch jemand daran gedacht, dass die Tür nach aussen aufgeht?", fluchte der Barde.
Ich sehe einen Schatten am Fenster. Dann starren mich zwei tote Augen durch das schmutzige Glas an. Blut spritzt gegen die Scheibe.
"Sie sind am Fenster", flüstere ich lautlos. Mein Eheweib drängt sich an mich. Gekrümmte Hände schlagen gegen die Scheiben.
"Weg von der Tür. Kommt in die Mitte des Raumes."
Das Klopfen an den Scheiben wird immer lauter. Dann klirrt es laut. Splitter fliegen herein. Der Wind bläst eine Kerze aus.
'Scheiße', denke ich. 'Jetzt seid ihr am Arsch. Hoffentlich seid ihr versichert.'
Die Tür wird erneut geöffnet. Der Untote, der das Fenster auf dem Gewissen hat, steht auf der Schwelle. Sein Gesicht ist bleich geschminkt, die weit aufgerissenen Augen sind schwarz umrändert. Kunstblut klebt an seiner Wange.
"Ist irgendwer verletzt?"
Man schaut sich gegenseitig an, betastet die Glieder. Alles in Ordnung. Schnell sind die Scherben weggeräumt und das Fenster zugehängt. Und das Spiel geht weiter.
Nach einer kleinen Vampirjagd mit Kampf und Gesangseinlage verkrümeln Olhydra und ich mich in die Schlafsäcke. Wir werden wohl doch langsam alt.
Der nächste Tag geht ruhig an. Das Kind ist wieder aufgetaucht, Dämon und Vampir vernichtet. Bei der Namensweihe des Kindes kriegen wir noch einen Orakelkampf geboten. Die Aufträge, die wir am Vortag von einigen der Spieler entgegengenommen haben, sind abgearbeitet und ausgeliefert. Und kurz bevor es ans Abbauen geht, haben wir noch ein schönes Gespräch mit den Ronduspriestern über Fantasy-Bücher und meinen Verlag.
Alles in allem ein schönes, vor allem aber wieder entspannendes Wochenende.
Das ist etwas, was uns viele nicht glauben.
Egal, dass wir ein paar hundert Kilometer unterwegs sind.
Egal, dass wir am Donnerstag abend 3 Stunden lang das Auto beladen.
Egal, dass die Leute glauben, Buchbinden auf einem Con oder Markt ist Arbeit.
Wenn wir unsere Gewandung anziehen und die Uhr abnehmen, setzt bei mir sofort die Entspannung ein. Ich merke regelrecht, wie ich ruhig und gelassener werde. Und meinem Weibe, Olhydra (aka Tina) geht es ähnlich.
Schon alleine dafür hat es sich gelohnt.
Und deswegen sind wir gerne auch beim nächsten Mal in Rawald dabei, wenn wir wieder eingeladen werden.
Für Bär und Eiche!





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