Verheerende Hochwasser in Marburg (vom Mittelalter bis heute)

Die 1763 bei einem verheerenden Hochwasser eingestürzte Weidenhäuser Brücke wurde aus Geldmangel nur notdürftig repariert (erst 1892 entstand die jetzige Bogenbrücke). (Foto: Bildarchiv LAGIS Marburg)
Marburg: Lahnwiesen | Aufstellung der extremen Unwetter und großen Wasserfluten in Marburg

Die Stadt Marburg liegt im engen Lahntal. Die Lahnberge, der Schlossberg und der Marburger Rücken engen das Tal ein. Viele Wolkenbrüche haben Marburg getroffen. Die Bewohner mussten manchen Schaden erleiden. Die Aufstellung der Wolkenbrüche und Überschwemmungen fußt auf Darstellungen in verschiedenen geschichtlichen Quellen und - seit dem 19. Jhd. - auf zeitgenössischen Berichten Marburger Zeitungen.

1342, große Wasserflut
1472, Hochwasser, welches Grientpforte und die Brücke bei Cölbe zerstört hatte (Grient = Grün)
1475, 4. August, furchtbares Gewitter mit Hagel in der Marbach, „wie seit Menschengedenken nicht gesehen“. „Das Wasser kam mannshoch aus der Marbach und stand in der Deutschherren Hof“
1536, 18. Juli, Ketzerbach erneut überflutet, das Wasser ging durch alle Ställe, dass man „von den Pferden darin man nur die Köpfe gesehen hatte“.

1552 im Januar, anhaltendes Regenwetter brachte eine Überschwemmung zustande, die sich vom Lahnberg bis ind den Pilgrimstein erstrecke. Viele Menschen hatten sich auf der Weidenhäuser Brücke eingefunden, um sich die Flut von da anzusehen. Ein plötzlicher furchtbarer Regen veranlasste die meisten von ihnen, die Brücke fluchtartig zu verlassen. Trotzdem wurden b eim Einsturz des mittleren Teils der Brücke 24 Menschen mit den Fluten mitgerissen wurden und starben. Erst drei Jahre später wurde das Mittelstück der steinernen Brücke wieder eingefügt.

1614, 20. November, kamen aus dem oberen Lahntal solche Wassermassen bis Marburg, dass das Wasser mannshoch über das kurze Brückchen floss.
1643, 5. Januar, Hochwasser. In den Häusern von Weidenhausen stand das Wasser bis zu 6 Fuß hoch.
1704, wieder Hochwasser in der Ketzerbach
1711, wurde durch ein Hochwasser der östliche Pfeiler der Weidenhäuser Brücke schadhaft.

1717, 16. September, ging ein Wolkenbruches über Marburg nieder. Zwei Frauen, die den Hirschberg hinuntergingen, wurden von der Wassermassen, die aus den Gassen der Oberstadt kamen, mitgerissen. Sie konnten erst kurz vor der Weidenhäuser Brücke gerettet werden.

1739, 16. Januar, ertrank ein Passagier des von den Fluten umgeworfenen Postwagens in Cölbe. In Weidenhausen mussten die Bewohner in ihren Häusern in die oberen Stockwerke flüchten.
1757, 7. Februar, wurde am Elisabethentor ein Postwagen von den Fluten hinweggetrieben. Ein Kaufmann und zwei Pferde ertranken.

1763, 30. Dezember, Nach tagelangem Regen war die Lahn sehr hoch angestiegen. Der Chronist vermerkt: „Das Hochwasser war sich schrecklich, dass der mittlere Bogen der Weidenhäuser Brücke einstürzte, viel Vieh ertrank, Kramwaren der Lohgerber in Weidenhausen wurden weggeschwemmt. Zwei Häuser am kurzen Brückchen waren schwer beschädigt worden.“ Zuerst wurde der Verkehr von Weidenhausen über die Lahn von zwei Kähnen (Gebühr: ein Kreuzer) bestritten, 1765/66 wurde das verlorene Mittelstück durch eine hölzerne Konstruktion ersetzt.

1789, 5. Mai, wieder verursachte ein Wolkenbruch über Marbach ein starkes Hochwasser in der Ketzerbach. Das Wasser reichte auf beiden Seiten bis zu den Häusern. Die Bewohner mussten bis in die oberen Stockwerke flüchten.

1847, 3. August, zerstörte ein Wolkenbruch über Marbach die alte Mühle und ergoss sich über die Ketzerbach. Die Flutenwaren so hoch, dass sie über die Mauer in die Elisabethkirche eindrangen und dort den Fußboden aufrissen und Gräber zerstörten. Bis 1854 fanden die Gottesdienste im Michelchen statt.

1867, großes Hochwasser der Lahn

1876, 12. März, ein Orkan wütet über dem gesamten Deutschen Reich. Der Eisenbahnverkehr wurde an vielen Stellen wegen Dammbrüchen unterbrochen. Auch in Marburg wurden große Schäden verzeichnet: abgedeckte Dächer, Verletzungen durch umher fliegende Dachziegel. Der fast vollendete und schon 28 Meter hoch errichtete Aussichtsturm auf Spiegelslust („Siegesturm“) stürzte in sich zusammen und der Obelisk, der 1814 auf der Augustenruhe errichtet worden war, soll vom Sockel gefallen sein. Wälder und Obstbäume wurden entwurzelt. Mehrere Tage berichteten im ganzen Reich die Zeitungen von den Unwetterkatastrophen.

1882, 28. November, höchstes Hochwasser des Jahrhundert an Lahn und Rhein
1894, Bückingdamm wird zum Schutz des Südviertels vor den Hochwassern errichtet
1896, Juni, schwere Unwetter, Straßen in der Stadt wegen Schlamm und Morast gesperrt, Häuser mussten abgestützt werden, viele Leute brachen sich Arm und Bein, weil sie in den Straßen und Gassen entstandene Löcher fielen.
1898, Juni, schwere Gewitter über Marburg
1903, Juni, wieder schwere Gewitter und Schäden in der Stadt
1918, 17. Januar, „größtes Hochwasser seit 1867“ mit Überflutungen im Südviertel
1920, Hochwasser überflutet Weidenhausen
1922, Errichtung des Trojedamms zum Schutz von Weidenhausen

1946, Juli,
Hochwasserkatastrophe, vier der fünf Holzbrücken über die Lahn in Marburg werden zerstört oder stark beschädigt. Alleine der Steg am Universitätsstadion (heute „Hirsefeldsteg“ benannt) blieb unbeschädigt. Der Pioniersteg am Bückingsdamm und der Wehrdaer Pioniersteg, 1938 nahe des Lahngartens zum Afföller hin errichtet, wurden mangels Material nicht wieder aufgebaut. Allein der Steg am Schülerpark, der unbedingt gebraucht wurde, konnte wieder repariert werden. Der 1946 schwer beschädigte Holzsteg an der Rosenstraße (zum Gaswerk hin) erhielt im nächsten Frühjahr bei einem erneuten Hochwasser der Lahn den Gnadenstoß und wurde nicht wieder ersetzt. Selbst die Eisenbahnbrücke bei Gisselberg wurde so beschädigt, dass der Bahnverkehr unterbrochen werden musste.

1947, Wolkenbruch über Marburg, Überflutung der Ketzerbach
1953, erneut Wolkenbrüche über der Stadt. Das Wasser der Marbach überflutet erneut die Ketzerbach mit Schlamm und Morast. In der Hohen Leuchte führen die herabströmenden Wassermassen Kränze vom Friedhof bis zum Dallesplatz (vor Lebensmittelgeschäft Peil)
1965, Wasserstand der Lahn bei Hochwasser von 5,16 Meter
1972, 14. August, Wolkenbruch über Marburg
1979, 14. Dezember, starke Überschwemmungen durch Wolkenbrüche
1984, 7. Februar, nach Schneeschmelze und Wolkenbrüchen wird an der Lahn bei Marburg mit 5,33 Meter der höchste Wasserstand gemessen.

Das Ansteigen der Lahn durch Unwetter wurde gemildert durch jetzt drei große Rückhaltebecken: an der Ohm mit Schleuse bei Schönbach, an der Perf (Staubecken mit 10 Mio. cbm) und an der Wohra.

Wer weitere Berichte von Unwettern über Marburg und entstandene Schäden berichten kann, wird hiermit aufgefordert, diese aufzuschreiben und dem Bericht anzufügen (wenn möglich mit Jahresangabe).

Örtliche Wolkenbrüche werden immer wieder verheerende Folgen haben. Zum Glück hat es im engeren Raum von Marburg seit vielen Jahren keine solch verheerenden Wolkenbrüche mehr gegeben. Wenn sie wieder auftreten sollten, werden die Schäden hoffentlich nicht so hoch sein und das Leben von Tieren oder gar Menschen kosten.

Früher machten die Betroffenen den Teufel oder böse Geister für solche unvorhergesehene Katastrophen verantwortlich. Heute trägt für die aufgeklärten Zeitgenossen an vergleichbaren Unwettern die Erderwärmung die Schuld.

Angaben entnommen aus folgenden Büchern:
Wilhelm Bücking, Mitteilungen aus Marburgs Vorzeit, Marburg 1886
E. Schneider, Marburg-Führer, Marburg 1914
Walter Kürschner, Geschichte der Stadt Marburg, Marburg 1934
Wilhelm Kessler, Geschichte der Universitätsstadt Marburg in Daten und Stichworten, Marburg 1984
Karl-Heinz Gimbel, Marburger Holzbrücken über die Lahn im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Marburg, 2010
Karl-Heinz Gimbel, Der Marburger Kaiser-Wilhelm-Turm, Marburg, 2012
Berichte aus Marburger Lokalzeitungen von 1870 bis 1950

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4 Kommentare
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Hans-Rudolf König aus Marburg | 03.08.2014 | 18:55  
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Volker Beilborn aus Marburg | 04.08.2014 | 12:11  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 05.08.2014 | 21:37  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 09.08.2014 | 11:22  
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