Buchtipp: Christoph Hein: Glückskind mit Vater

Was verdankt ein von der Mutter "Glückskind" genannter Sohn dem Vater? Der ist in dem neuen Roman, in dem Christoph Hein alle Register seiner erzählerischen Kunst und seiner geschichts-diagnostischen Kompetenz entfaltet, eine unausweichliche Antriebskraft. Jedoch in einem alles andere als positiven Sinn: Der Sohn, in der entstehenden DDR lebend, muss seit seiner Geburt im Jahr 1945 vor dem kriegsverbrecherischen toten Vater sein ganzes Dasein im Fluchtmodus zubringen: psychisch, physisch, beruflich, geographisch, in Liebesdingen.
Es gibt zahlreiche Versuche, aus dem Schatten des Vaters herauszutreten: Er und sein Bruder, sowie die Mutter, nehmen deren Geburtsnamen an. Er will im Alter von 14 Jahren in Marseille Fremdenlegionär werden und haut von zu Hause ab. Kurz nach dem Mauerbau reist er wieder in die DDR ein, darf dort kein Abitur machen, bringt es trotzdem, glückliche Umstände ausnutzend - ein Glückskind eben -, in den späten DDR-Jahren bis zum Rektor einer Oberschule - fast.

Am Ende erkennt er: Eine Emanzipation von der allgemeinen und der persönlichen Geschichte ist zum Scheitern verurteilt. Durch solche Verkettung von Vergangenheit und Gegenwart wird aus dem Glückskind ein Unheilskind.

Gerade dadurch verkörpert er wie in einem Brennspiegel bis ins kleinste Detail die unterschiedlichsten Gegebenheiten Deutschlands in den politischen, gesellschaftlichen und privaten Bereichen. Ironisch-humoristisch, anrührend, ohne Sentimentalität oder Sarkasmus erzählt Christoph Hein ein beispiellos-beispielhaftes Leben in mehr als sechzig Jahren deutscher Zustände.

Ein Geschichtsunterricht der besonderen Art !

Suhrkamp, 2016, 525 Seiten, Leinen, gebundenes Buch, 22,95 €

ISBN-13: 9783518425176
ISBN-10: 351842517X
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