Marburger Oberbürgermeister – Teil 9: Walter Voß (1939-1945)

Der "Walter-Voß-Weg" zweigt vom Spiegelslustweg in 'Richtung Norden ab
 
Gedenkfeier für die Opfer des Bombenangriffs am 22. Februar 1944 (Anfang März). Foto: Friedrich Unkel, LAGIS - Historische Bilddokumente
 
1944 - zerbombte Augenklinik. Foto: „Bombenschäden in Marburg, 1944-1945“, in: LAGIS Historische Bilddokumente
Marburg: Rathaus | Die Amtszeiten des (kommissarischen) Oberbürgermeisters Walter Voß in Marburg fielen in die Zeit der Diktatur der NSDAP. Voss war seit 1923 Bürgermeister der Stadt und 1933 nach der Absetzung von Johannes Müller oberster Leiter der Stadtbehörde geworden. 1934 wurde Dr. Scheller Oberbürgermeister und Voß blieb Bürgermeister. Nach der Einberufung von Oberbürgermeister Dr. Scheller zum Kriegsdienst war Voss erneut ab 1939 oberster Beamter der Stadt. Den Titel Oberbürgermeister erhielt er jedoch erst im Jahr 1944, zudem nur mit dem Zusatz „Kommissarischer Oberbürgermeister“.

Der Lebenslauf von Walter Voß

Walter Voß wurde am 26. April 1885 in Neuschloss bei Lampertheim (damals Großherzogtum Hessen) geboren. Nach dem Abitur am Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Frankfurt studierte der Corpsstudent Jura an den Universitäten Erlangen, Göttingen und Gießen, wo er 1909 das Referendar-Examen bestand. Nach seiner Referendarzeit in Darmstadt legte er 1914 das Assessorexamen mit der Note „Im ganzen gut“ ab und erwarb damit die Befähigung zum Richteramt und höheren Verwaltungsdienst.

Von 1909 bis 1910 hatte er als Einjähriger seinen Wehrdienst bei Hessischen Infanterie-Regiment Nr. 118 in Worms abgeleitet. Er rückte bei Kriegsbeginn ein, war nach seiner Verwundung im Jahr 1915 nicht mehr „k. v.“.

Ab Oktober 1915 fand er eine richterliche Beschäftigung im Osten des Deutschen Reiches bis 1920. Er schied danach aus dem Staatsdienst aus und betätigte sich anschließend in einer Rechtsanwaltschaft. Bei seiner Betätigung in einer Kanzlei in Wismar/Mecklenburg-Schwerin war sein Betätigungsfeld vor allem Mietsachen, Arbeitsrecht und Strafsachen.

Ende 1922 bewarb sich Walter Voß erfolgreich auf eine von der Universitätsstadt Marburg ausgeschriebene Stelle als Magistrats-Assessor. Nachdem der Magistrat ein Jahr später davon Kenntnis erhielt, dass er aussichtsreicher Bewerber für die Position eines Stadtsyndikus´ in Guben war, wurde seine Stelle in das Beamtenverhältnis übernommen.

Ab 1923 war Voß in Marburg tätig

Am 1.10.1923 wird Voß Magistratsrat der Stadt Marburg und wird 1927 von der Stadtverordnetenversammlung zum besoldeten Beigeordneten mit der Bezeichnung „2. Bürgermeister“ gewählt. Satzungsgemäß versah er die Dienste des Stadtkämmerers. Politisch engagiert sich Voss ab 1925 in der DVP (Deutsche Volkspartei).

Nach dem hohen Wahlsieg der NSDAP in Marburg im Jahr 1933 wird der gewählte Oberbürgermeister Johannes Müller gesetzeswidrig entlassen. Müller hatte sich mehrfach mit einigen Maßnahmen gegen die NSDAP und deren Vorgehen gestellt. Nach dem Ausscheiden von Müller übertrugen die Nationalsozialisten Walter Voss die Leitung im Rathaus. Ein neuer Oberbürgermeister wurde mit Dr. Ernst Scheller erst im Jahr 1934 gewählt.

Am 7. April 1933 trat Voß aus der DVP aus und Ende April 1933 in die NSDAP ein. Auf Ersuchen des Regierungspräsidenten Kassel um Mitgliedsnummer der NSDAP und Angabe des Wohnsitzes gab Voß im Jahr 1938 an: NSDAP # 2828843, Wohnung Adolf-Hitler-Platz 13 II (vom Jan. 1932 – Okt. 1934) und Orleansstraße 1 I (24.10.1934 – heute).

Zusätzlich wurde Walter Voß in 1933 „Förderndes Mitglied der SS“ und Mitglied in weiteren der NSDAP angeschlossenen Organisationen. Dies geht aus seinen persönlichen Eintragungen in zwei ihm vorgelegten Formblättern - zuletzt 1938 - hervor (übernommen aus Stadtarchiv Marburg, Personalakte Walter Voss, Pa 822/1 und /2).

Die Zusammenarbeit des Oberbürgermeisters mit dem Bürgermeister

Die Zusammenarbeit von Voß mit dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister muss nach anfänglichen Problemen durchaus positiv angesehen werden, zumal Dr. Scheller sich offensichtlich in erster Linie als Vertreter der Belange der Universitätsstadt sah und nicht als Vertreter der Partei. Allerdings war Voss in der Stadt angesehen als der Arbeiter im Rathaus, der sämtliche Anordnungen der Parteiführer umsetzen musste.

Zu den Aufgaben von Voß gehörte die Information der städtischen Dienststellen über die Verfügung zu „Bekämpfung des sogenannten Miesmachertums“. Dies sei die Fortsetzung der marxistischen Hetze, Miesmacher seien unverzüglich namhaft zu machen. Ebenso die Anordnungen, dass Angestellte und Arbeiter der Stadt sollten sofort aus SPD auszutreten hatten.

Für die Einführung des Hitlergrußes, einem Erlass vom 20. Juli 1933 galt ab sofort:
1) Hitlergruß bei Deutschem und Horst-Wessel-Lied für alle, auch ohne Mitgliedschaft NSDAP
2) Sämtliche Beamten, Angestellten und Arbeiter der Behörden grüßen im Dienst und innerhalb der dienstlichen Gebäude durch Erhebendes rechten Armes. Es wird von den Beamten erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen.

Nicht aufzuklären sind die Beweggründe auf die am 2. November 1936 erfolgte Verheiratung und die wenige Monate später am 29. Juli 1937 für „nichtig“ erklärten Eheschließung von Walter Voß. Auf dem im Jahr 1937 ausgegebenen Fragebogen bezüglich Ariernachweis hatte Voss in Bezug auf seine Ehefrau (Geburtsurkunde ihres Vaters) einige Lücken gelassen. Es heißt daraufhin: „Der Fragebogen Formblatt 2 bedarf in Bezug auf einige Daten noch der Vervollständigung“.

Wenig später erfolgte die Eintragung: „Die Ehe des Bürgermeister Voß ist inzwischen für ungültig erklärt. Es bedarf somit der Vervollständigung des Fragebogens 2 nicht mehr“. Und auf dem gleichen Blatt ist handschriftlich durch Dr. Scheller der Nachtrag zu lesen: „Die Angelegenheit kann vorläufig auf sich beruhen“. Inwieweit ein fehlender oder nicht möglicher Ariernachweis für die Familie der Ehefrau für die „Nichtigkeitserklärung“ der Ehe von Walter Voß eine Rolle spielte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären.

Walter Voß als Schulungsleiter der Partei

Voß führte zudem ab 1934 Schulungen für kommunale Beamte im Kreis aus, um sie mit der Neuordnung der kommunalen Selbstverwaltung bekannt zu machen.

Die von Walter Voß vorgetragenen Thesen waren u. a.: „Zur Zeit der Weimarer Republik habe die Selbstverwaltung in jeder Beziehung gründlich versagt.“ In der Selbstveraltung des nationalsozialistischen Staates gelte die unbeschränkte Führerverantwortlichkeit. Beschlüsse einer Vertretungskörperschaft gebe es nicht mehr. Beigeordnete im Magistrat (als Beispiel) seien demgemäß nicht mehr beigeordnet, sondern nachgeordnet. Gemeinderäte und Beiräte bildeten kein Gremium, sie wären nur als Einzelpersonen tätig.

Sie könnten als Gremium nicht beschließen oder abstimmen und hätten auch kein Kontrollrecht. Und weiterhin führte Voss aus: „Sie hätten sich nicht, wie es die Stadtverordnetenversammlung es oft getan hätte, als Gegenspieler der Gemeindeverwaltung insbesondere ihres Leiters zu fühlen.“ Die Sitzungen wären nicht öffentlich. Die Mitglieder der Gemeinderäte würden vom Gauleiter ernannt. … (aus: Oberhessische Zeitung, 2. Februar 1934)

Differenzen zwischen den Amtsträgern der Stadt und den Parteiführern

Mit Oberbürgermeister Dr. Scheller, der sich nach Amtsantritt 1934 vor allem als Vertreter der Stadt und ihrer Interessen und nicht in erster Linie als Parteiführer gezeigt hatte, muss Walter Voß den Umständen entsprechend gut zusammengearbeitet haben. Für beide standen die Belange der Stadt an erster Stelle gegenüber Parteivorgaben bei geforderten Übernahmen von „alten Kämpfern“ in Dienststellen der Stadt.

Hier blieben beide oft erfolgreich im Widerstand gegen die Hoheitsträger der Partei. Dr. Scheller und Walter Voß müssen, so lassen viele akteneinträge erkennen, gut zusammengearbeitet haben und dies vor allem, wenn es um die Belange der Stadt ging und man sich gegen die Interessen der Hoheitsträger der Partei durchsetzen musste. Diese Gegensätze traten mehrmals im Schriftverkehr zu Tage.

Walter Voß ist alleiniger Leiter der Stadtbehörde nach dem Tod von Dr. Scheller

1939 war Oberbürgermeister Dr. Scheller sofort zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Walter Voss war dabei Dienstherr im Rathaus. Als Dr. Scheller 1942 auf der Krim einer Kriegsverwundung erlag, war Voss auch nominell Stadtoberhaupt von Marburg. Zu dem persönlichen Verhältnis von Dr. Scheller und Voss ist auch nach 1939 nichts Negatives zu erkennen. Aus dem vorliegenden Schriftverkehr persönlicher Art nach Einberufung des Oberbürgermeisters zum Heer kam es an keiner Stelle zu einem wie immer geartetes Zerwürfnis von Voss zu seinem Vorgesetzten. So gelang es Voß, den Kriegsteilnehmer Dr. Scheller zu einem mehrmonatigen "Urlaub" nach Marburg zu holen, um mit ihm wichtige Dienstgeschäfte zu erledigen.

In dem sechsseitigen Trauerschreiben an Dr. Schellers Schwester formulierte Walter Voß 1942 am Ende: „Seine Briefe beweisen uns, dass ihm Marburg am Herzen lag, er fragte stets nach den Belangen der Stadt, um die er sich sorgte, fragte, in denen er sich nach dem Ergehen eines jeden einzelnen von uns erkundigte … Das sind wir dem Toten schuldig … dem allseits gütigen und treusorgenden Vorgesetzten und Freunde, der immer fortleben wird in unserem Herzen und ein stets treuer und guter Kamerad.“

Für Dr. Scheller gab es keinen Nachfolger. Die Besetzung der Stelle wurde auf die Zeit nach Kriegsende verschoben. Bürgermeister Voss blieb bis 1945 Leiter der Stadtverwaltung. Am 17. März 1944 wurde er durch Verfügung des Regierungspräsidenten als „Kommissarischer Oberbürgermeister“ eingesetzt. Dienststellung und Dienstbezüge änderten sich jedoch für Voss nicht.

Die letzten verbliebenen Juden werden aus Marburg deportiert

Inwieweit Voss in den Verfolgungen gegen die Marburger Juden tätig war, beispielsweise beim Zwangsverkauf der jüdischen Grundstücke, ist nicht belegbar. Einbezogen waren die städtischen Behörden jedoch auf jeden Fall. Auch für die Ausquartierung und Sammlung der allerdings nur noch wenigen Marburger Juden bis zum Abtransport fiel unter die Leitung der Stadtverwaltung Marburg. Entgegengetreten muss dabei jedoch der manchmal von Unwissenden vertretenen Meinung, dass alle Marburger Bürger von den Geschehnissen um die Judendeportation gewusst hätten.

Am 22. Juni 1942 hatte Jakob Schneider für seine Baufirma in einem Schreiben an Oberbürgermeister Voß darum gebeten, die die Beschäftigung von sechs ihm zur Zwangsarbeit zugeteilten Juden zu verlängern. Er bat darum, die drei Marburger Gottfried Goldschmidt und Ludwig und Walter Kanter sowie die aus Fronhausen stammenden Rosenberg, Stern und Hess „nicht für den nächsten Abtransport“ vorzusehen. Die Antwort von Voß ist nicht bekannt. Die letzten noch in Marburg befindlichen Juden wurden am 30. Mai 1942 vom Marburger Hauptbahnhof deportiert.

In der Presse wurden über diese Maßnahmen keine Mitteilungen verbreitet. Das Herrschaftswissen der Beteiligten blieb geheim. „Weitererzählen“ war streng untersagt und die Weitergabe von Informationen wurde verfolgt. Die heute aus dem Studium der Akten mögliche Rekonstruktion der damaligen Ereignisse belegt nicht den Wissensstand der damaligen Marburger Bevölkerung. Das Wissen über diese Ereignisse hatten die Personen aus dem Bereich der Herrschenden und diejenigen, die aus der Verwaltung, die mit der Ausführung der Maßnahmen beauftragt waren.

Notverwaltung in Kriegszeiten

Durch die Kriegszeit war es Walter Voss nicht beschieden, irgendeinen Einfluss auf die Stadtentwicklung zu nehmen. Er war bis Kriegsende damit beschäftigt, die aufkommende Not zu lindern und Versorgungsengpässe zu regeln.

Walter Voß war von 1938 an mehrmals als hauptamtlicher Beigeordneter und als Bürgermeister bestätigt worden: „Seine Berufsführung und sein persönliches Verhalten in und außer des Dienstes entsprechen den Anforderungen, die an das verantwortungsvolle Amt des Bürgermeisters gestellt werden müssen“. Er war 1941 „in Ermangelung einer anderen Personalsituation … unabkömmlich“. 1941 wurde Voss das „Luftschutz-Ehrenzeichen II. Stufe“ vom Führer verliehen und im Juni 1944 als weitere Ehrung das „Kriegs-Verdienst-Kreuz I. Klasse“.

In dem vom Regierungspräsidenten während des Krieges jährlich angeforderten Bericht zur Lage beschrieb Voss am 3. Dezember 1940 die Situation wie folgt: Wenig Arbeitskräfte, Obstversorgung mangelhaft, Kleidung knapp, Bestände Kleinkinderschule sehr gering. Zur Frage nach der Abwicklung bei Fliegeralarmen bemerkte Voss, dass die Disziplin in der Stadt merklich nachgelassen hatte.

Am 12. August 1940 hatte es bereits den ersten Bombenabwurf eines einzelnen Fliegers in der Universitätsstraße gegeben. Die Lokalzeitung brachte dazu noch nicht einmal eine kleine Notiz. Wahrscheinlich war den Marburger Parteiführern dieser erste gelungene Angriff auf Marburg peinlich. Die Schäden - vor allem an den Gleisen der Straßenbahn - wurden umgehend behoben.

Ein Jahr später vermerkte Voss im Lagebericht: „Es gibt Mangelbestände, aber man muss damit auskommen, die Alarmierung erfolgt in Marburg durch 4 Großalarmsirenen: Süd / Mitte / Nord / Tannenberg, 2 neue Sirenen beantragt. Jedoch suche 90 % der Bevölkerung bei Fliegeralarm die Luftschutzkeller nicht auf.“

Für einige Aufgaben war Voss nicht zuständig, da wichtige Aufgaben der SA übertragen worden waren. So war ab dem 1. März 1943 die NSDAP verantwortlich für Aufbau der Heimatflakbatterien. Folgende Kräfte wurden von der SA beauftragt:

- Betreuung Luftschutzgeschädigter - Laucht, Ockershäuser Allee 43
- Bergung von Schriftgut städtischer Dienststellen - Hagenbach
- Aufräumarbeiten - Dierschke, Lutherstr. 10
- Sparkasse - Hohmann, Biegenstr. 19

Die Marburger Feuerwehr und auch die Helfer des DRK mussten nicht nur in Marburg ihren Dienst ableisten. Sie wurden auch eingesetzt zu den großen Angriffen z. B. am 22. - 25. Oktober 1943 in Kassel und am 7. und 8. Dezember 1944 in Gießen.

Die Stadtverwaltung unter dem kommissarischen Oberbürgermeister Walter Voss war zuständig für die Ausgabe der Lebensmittelkarten und Verteilung sprich Rationierung der Lebensmittel in der Stadt. Zudem oblag ihr die Unterstützung der Familien der Einberufenen und die Umquartierung der durch Bombenschäden betroffenen Bevölkerung, teilweise durch Übersiedelung in Orte des Landkreises. Zudem musste Voss den Einsatz der Marburg zugewiesenen Kriegsgefangenen und „Ausländer“ organisieren, ihre Unterkünfte mit Barackenbauten, die Verpflegung und die Ausgabe der Arbeitslöhne samtmöglicher Urlaubsgewährung.

Gleichzeitig sollten die Bürger bei Laune bleiben. Filmaufführungen und Kundgebungen dienten diesem Zweck. Doch die Unterbrechungen des Tagesablaufs häufen sich durch immer häufigere Alarme. Aus den Aufzeichnungen im Betriebsbuch der „Straßenbahn der Stadt Marburg“ lassen sich die Zahlen der Fliegeralarmmeldungen mit jeweiligem Stillstand des Straßenverkehrs und Aufsuchen der Schutzräume auflisten:

November 1944 - 48x Fliegeralarm
Dezember 1944 - 28x
Januar 1945 - 39x
Februar 1945 - 41x
März 1945 - 52x

An mehreren Stellen der Stadt waren Schutzräume entstanden. Zusätzlich war veranlasst worden, dass - soweit möglich - die Häuser der Stadt von Keller zu Keller verbunden wurden, um Fluchtwege zu schaffen.

Ab 1944 traten durch Luftangriffe größere Schäden in der Stadt auf (handschriftliche Aufstellung von Hermann Bauer, Akte Stadtarchiv Marburg, aufgeschrieben nach Kriegsende):

22. Februar 1944 – 19 Häuser, 1 ½ Universität und Kliniken getroffen
12. Dezember 1944 – Häuser beschädigt
22. Februar 1945 – 13 Häuser, 93 Wohnungen

5. März 1945
– 23 Häuser total getroffen
16 schwer – mit 174 Wohnungen
102 mittel - mit 304 Wohnungen
126 leicht – mit 126 Wohnungen
12. März 1945 – 24 Häuser total getroffen mit 72 Wohnungen
58 schwer getroffen mit 253 Wohnungen
209 erheblich getroffen mit 627 Wohnungen
250 leicht getroffen
22 gewerbliche Betriebe

19. März 1945
– 1 Haus total getroffen mit 5 Wohnungen
8 Häuser schwer getroffen mit 21 Wohnungen
40 Häuser erheblich getroffen mit 148 Wohnungen
60 Häuser leicht getroffen mit 180 Wohnungen
2 gewerbliche Betriebe

22.2.45 + 22.2.45 + 5.3.45 = Sprengbomben
12.3.45 + 19.3.45 = Sprengbomben und Brandbomben

An Opfer waren zu beklagen:

Tot: 46 Männer, 47 Frauen, 8 Kinder, 41 Soldaten
Verletzt: 93 Männer, 89 Frauen, 25 Kinder, 70 Soldaten

Die Kriegsschäden wurden in einer Meldung wie folgt zusammengefasst:

In Marburg wurden von 2.879 Häusern 87 total zerstört, 76 waren unbewohnbar, aber noch instandsetzungsfähig, zus. ca. 500 Wohnungen. Damit waren 10 % des Wohnraums nicht benutzbar. Außerdem wurden 800 Wohnungen leicht beschädigt (Dach und dergleichen). Von den 500 Wohnungen sind erst ca. 100 wieder hergestellt, weitere 200 können durch Wiederaufbau leicht gewonnen werden.

Diese Zahlen und Aufstellungen waren Herrschaftswissen. Kein normaler Bürger von Marburg bekam diese Informationen zu Gesicht oder zu hören. Die Lokalzeitung ging nach den beiden schweren Luftangriffen, jeweils im Februar 1944 und 1945, mit keinem noch so kleinen Artikel ein.

1944 wurde in die "Marburger Stadtzeitung" (Teil der Oberhessischen Zeitung) eine Woche nach dem Angriff nur ein Bericht über die Trauerfeier am Firmaneiplatz gebracht: Von "ständig steigenden Abschusszahlen der deutschen Luftabwehr" war dabei die Rede, von der "ruchlosen Tat", die Kliniken anzugreifen und schließlich hätte Universitätsrektor Prof. Dr. Reinhard eine "erschütternde Anklage gegen die Unmenschlichkeit der Anglo-Amerikaner" gehalten. In den zahlreichen Todesanzeigen musste offensichtlich jeweils gleichlautend die Beschuldigung "feindlicher Terrorangriff" verwandt werden.

Die Marburger konnten sich jedoch die Schäden an den getroffenen Gebäuden jedoch selbst ansehen. Allerdings war Fotografieren verboten. Weitergabe von Informationen wurde unter "Miesmachertum" geahndet. Wer Radio London abhörte und dabei erwischt wurde, dem waren ein Monat Haft sicher.

Das Kriegsende in Marburg

Nur wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Marburg, der am 28. März 1945 erfolgte, wurde der Volkssturm zu einer Übung am Bückingsdamm aufgerufen. Beim Einmarsch der Amerikaner blieben jedoch die Volksstürmer zu Hause. Von der Partei war der Befehl ausgegangen: „Marburg ist mit allen Mitteln zu verteidigen!“

Hermann Bauer schreibt ein Jahr nach der Kapitulation in seiner Zeitung, dass von Kampfmitteln keine Rede sein konnte. „Wohl schickt Kassel in letzter Minute 22.000 Gewehrgranatgeräte, 7.000 italienische Maschinenpistolen und 800 Panzerfäuste, doch zu den beiden ersteren fehlt die Munition und zu den Panzerfäusten fehlen die Zünder.

Zu den Abläufen am letzten Kriegstag, den Marburg durchleben sollten, gibt es verschiedene Versionen. Hermann Bauer stellt den Kommandeur des 519. Inf.-Regiments heraus, der den Befehl verweigerte, in Marburg zu kämpfen. Unterstützt worden sei er vom Rektor der Marburger Universität Prof. Dr. Reinhardt. Letztlich hätte Hauptmann Venzke von der Schutzpolizei Marburg eine Patrouille zum Rudolphsplatz gesandt, um zu erkunden wie es dort aussähe. Diese hätten einem Hilfspolizisten zum Rathaus geschickt und die Warnung mitgegeben: „Wenn ein Schuss in Marburg fällt, wird die Stadt unter Beschuss genommen!“

Als dann einige Amerikaner vor dem Rathaus vorgefahren waren, hätte Oberbürgermeister Voss die Stadt übergeben. Dem Wahnwitz der Partei zum Trotz war die Stadt Marburg unzerstört geblieben. Ein Amerikaner zeigte auf, was hätte geschehen können (wie Bauer aufgeschrieben hatte): „Dreihundert Bomber standen uns zur Verfügung, um Ihre Stadt zu zerschmettern, wenn sich hier Widerstand gezeigt hätte!“

Für Walter Voß war es die wichtigste Handlung, wie er später schrieb, dass er Marburg ohne einen Schuss kampflos an die Amerikaner hatte abgeben lassen. Die Amerikaner entließen ihn, Stadtrat Dierschke und weitere vier Beamte am 28. März 1945 nach ihrem Einmarsch. Beim Entnazifizierungsverfahren wurde Bürgermeister Walter Voss als „Unbelastet“ eingestuft. Ein Verfahren gegen Dr. Scheller unterblieb wegen „Verstorben“.

Die Parteiführer flüchten

Am 27. März 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner, hatte Kreisleiter Krawielitzki die Uniform eines Unteroffiziers des Volkssturms angezogen. Seine Frau hatte er schon vorher per Auto aus Marburg weggeschickt. Krawilitzki wurde acht Tage später in Luxemburg verhaftet.

Berichtet wird, dass Krawilitzki vor den Amerikanern aus Marburg mit einem Taxi der Firma Rösser nach Norden geflüchtet ist. Das Taxi wurde im Harz von Russen beschlagnahmt. Der Taxifahrer musste sich zu Fuß nach Marburg durchschlagen. Die anderen höheren SA-, SS- und SD- (Staatssicherheitsdienst-) Führer von Marburg hatten sich ebenfalls aus dem Staub gemacht.

Polizeihauptwachtmeister Köter soll noch am 28. März mit dem Fahrrad nach Kassel gefahren sein und Meldung erstattet haben. Dort hatte man keinerlei Informationen zu Marburg gehabt. Später gab es im Radio eine Meldung: in Marburg gäbe es starke Kämpfe, der Bürgermeister hätte sich erschossen.

Nicht alle Parteiführer wurden vor Gericht gestellt und erhielten ein Spruchkammerurteil. Prof. Dr. Pfannenstiehl, ein glühender Parteivertreter, beispielsweise konnte noch lange weiter an der Universität lehren. Der oberste HJ-Führer von Marburg, Georg ("Schorsch") Ernst, der noch am Kriegsende seine Jungen zum Widerstand brachte, entging in Gänze seiner notwendigen Verurteilung.

Bis zuletzt hatte dieser fanatische NS-Führer seine Jungen aufgefordert, gegen den Feind zu kämpfen. Er hatte ihnen Panzerfäuste gegeben, um Marburg und das Reich zu verteidigen. Einige von ihnen hatten sich - von HJ-Führer Ernst verblendet - sogar den Amerikanern entgegen gestellt. Sie hatten an der Bahnlinie Marburg - Kirchhain den Feind unter Beschuss genommen. Die Amerikaner vernichteten sich jedoch. Ihr HJ-Führer allerdings hatte das Weite gesucht.

Später wurde der hohe HJ-Führer sogar - ohne im Geringsten belangt worden zu sein - Oberstudiendirektor und Leiter der Christopherusschule in Oberurff (Bad Zwesten).

Nach Kriegsende wurde Voß entlastet

Voß bat am 21.6.1945 um Versetzung in den dauernden Ruhestand. Dies wurde ihm am 25.6.1945 gewährt, „aus gesundheitlichen Gründen“, jedoch ohne Versorgungsbezüge. Voss stellte daraufhin mehrere Anträge auf Versorgung. Erfolg hatte er 1947 mit Erlangung des Freispruchs durch die Spruchkammer Marburg. Er wurde bei der Entnazifizierung in die Gruppe 5, die Gruppe der Entlasteten, gewertet.

Die Spruchkammer folgte seinen in einem neunseitigen Antrag vorgelegten Begründungen. Voss stellte dar, dass er nicht als nominelles Mitglied der Partei NSDAP gewertet werden könne. Er habe 1937 das Parteibuch verweigert, sei nie aktiver Nationalsozialist gewesen. Einige Personen bestätigen ihm, dass er eine antinazistische Gesinnung gehabt hätte. Er hatte der Partei und seinem Vorgesetzten, einem aktivistischen und nationalsozialistischen Oberbürgermeister, „nicht mehr Widerstand entgegensetzen können als er getan habe“. Mit seinem Parteieintritt 1933 habe er "im Interesse der Allgemeinheit und des Dienstes gehandelt".

Auf die Zugehörigkeit von Walter Voss zur SS als „Förderndes Mitglied“, mehrmals in den Akten belegt, und die erfolgten Ordensverleihungen ging die Spruchkammer nicht näher ein. Man bescheinigte Voss, dass er vor 1933 sich in einem Vortrag für die parlamentarische Demokratie eingesetzt hätte. Dass er nach 1933 in Parteiveranstaltungen für die neue Ordnung des Hitler-Staates mit Primat des Führerprinzips und gegen den Parlamentarismus aufgetreten ist und die NS-Führer in die neue Ordnung eingewiesen hatten, kam nicht zur Sprache.

Als seine verbriefte Anti-Gesinnung zur NSDAP brachte Voss in seiner Niederschrift die Bemerkung ein, dass der Parteiführer Krawielitzki ihn einmal "unser komischer Oberbürgermeister" (statt "Kommissarischer Oberbürgermeister") genannt habe. Wie immer dies gemeint gewesen war, für die Spruchkammer müssen die Auslegungen von Voss überzeugt haben.

Bewertet wurde - und dies ist die Marschrichtung aller in den nächsten Jahren folgenden Beurteilungen - in erster Linie die von Voss angeblich bewirkte kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner am 29. März 1945.

Nach seiner Rehabilitierung leitete der versierte Verwaltungsfachmann bis 1965 die Abteilung Marburg des Verwaltungsseminars Kassel. 1960 wurde ihm anlässlich seines 75. Geburtstages die Ehrenmedaille der Stadt Marburg verliehen „in Würdigung seiner besonderen Verdienste um das Gemeinwohl, … insbesondere aber für die Rettung der Stadt Marburg vor der Zerstörung im März 1945“. Würdigungsschreiben und hohe Ehrungen erhielt er in Abständen zu seinen runden Geburtstagen von den Oberbürgermeistern Georg Gaßmann und Dr. Hanno Drechsler.

Zu seinem 85. Geburtstag benannte die Stadt eine vom Spiegelslustweg abzweigende Straße nach ihm: „Walter-Voss-Weg“. Da es im Allgemeinen nicht üblich war, eine Straßenbenennung für noch lebende Personen durchzuführen, gab es anfängliche Widerstände. Doch die Stadtverordnetenversammlung machte eine Ausnahme. Walter Voss verstarb im Alter von 87 Jahren am 5. Juni 1972 in seiner Wohnung Friedrich-Naumann-Straße 1.
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2 Kommentare
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Werner Szramka aus Lehrte | 16.06.2016 | 15:28  
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Volker Beilborn aus Marburg | 16.06.2016 | 17:35  
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