Marburger Oberbürgermeister, Teil 8c: Dr. Scheller (1934-1939)

 
Blick zum Ortenbergviertel - ab 1936 Kurviertel mit dem "Kurhotel Ortenberg" (links) - Ansichtskarte
Marburg: Rathaus | Nach der im März 1933 vollzogenen Machtübernahme der NSDAP in der Stadtverordnetenversammlung und im Magistrat kam es zur Absetzung von Oberbürgermeister Johannes Müller. Die NSDAP ließ die Stelle des Oberbürgermeisters für etwa ein Jahr unbesetzt. Für die Verwaltung war Dr. Ernst Scheller 1933 als ehrenamtlich Beigeordneter dem weiterhin im Dienst befindlichen Bürgermeister Walter Voss an die Seite gestellt worden.

Am 27. April 1934 wurde die oberbürgermeisterlose Zeit beendet: Dr. Scheller wurde als besoldeter Oberbürgermeister der Universitätsstadt und nominelles Stadtoberhaupt eingeführt. Dr. Scheller führte diese Funktion von 1934 bis 1939 aus.

Die Politik der Stadt wurde jedoch nicht vom Oberbürgermeister bestimmt. Entscheidungsträger der Politik in Marburg waren die Führer und Hoheitsträger der Partei. Die Anordnungen von Kreisleiter Krawilitzki und von Gauleiter Weinrich waren für die Verwaltung bindend. In vielen Belangen zeigen sich bei Durchsicht der Akten gegensätzliche Auffassungen von Partei und Verwaltung, die teilweise zu starken Reibungspunkten führten. In die Öffentlichkeit sind diese Auseinandersetzungen nicht gedrungen.

Bezeichnend für die unterschiedliche Bewertung von Partei und Stadtverwaltung kann die Tatsache sein, dass die Führer der Marburger NSDAP (Kreisleiter, die SA-Führer) 1939 zu Kriegbeginn nahezu sämtlich als UK gestellt wurden. Dagegen wurde Oberbürgermeister Dr. Scheller und weitere führende Verwaltungsbeamte zu Kriegsbeginn als abkömmlich angesehen und umgehend zum Kriegsdienst einberufen.

Dr. Scheller hatte wie die meisten Marburger Oberbürgermeister seine Wurzeln nicht in der Universitätsstadt. Doch er hatte offensichtlich mit seinem Studium in Marburg an der alten Stadt Gefallen gefunden. Er hatte sich bald kommunalpolitisch engagiert gezeigt und war auch in der Bürgerschaft eingebunden. So war er offensichtlich eifriger und in seiner Stellung als Hauptschriftleiter der Oberhessische Zeitung anerkanntes Mitglied einer Bürgervereinigung, die sich „Käsebrett“ nannte.

Im Gasthaus „Hannes“ in Weidenhausen trafen sich Professoren und andere honorige Bürger der Stadt. Es gab einen wöchentlichen Kegelabend. Die Teilnehmer des „Käsebretts“ bildeten einen den Marburgern bekannten einflussreichen Stammtisch. Dieser Bürgertreffpunkt wurde in Marburg als konservativ bis nationalistisch eingeordnet (so kann man Darstellungen von Hermann Bauer, dem anerkannten Gegner der NSDAP, deuten).

Aus dem Lebenslauf von Ernst Scheller, der Partei vorgelegt zum Antritt als Oberbürgermeister von Marburg

(Angaben übernommen aus der Personalakte Dr. Scheller, Stadtarchiv Marburg, Pa 827/3)

Ernst Scheller, evangelisch, wurde am 18. Juli 1899 in Sandbauernschaft (heute: Norden) als Sohn eines Oberlehrers geboren. Er besuchte die Schule in Höxter/Weser - zuletzt das Gymnasium - bis März 1917. Nach dem Abitur trat er als 18-Jähriger noch im gleichen Monat als Kriegsfreiwilliger in das Heer ein. Im Herbst 1917 wurde er verwundet. Bei Kriegsende war Scheller Oberleutnant.

Nach dem Krieg studierte er in Göttingen, Würzburg und Marburg die Fächer Geschichte, Kunstgeschichte, Deutsch, National-Ökonomie und Wirtschaftsgeografie. 1923 unterbrach er sein Studium und wurde Bankangestellter in der Darmstädter Nationalbank. Er arbeitete für die Bank in Frankfurt als Gruppenführer im Effektenbüro. 1924 war er wieder nach Marburg an die Universität zurückgekehrt. 1925 promovierte er an der Philipps-Universität mit einer Arbeit über die Außenpolitik Bismarcks.

Seit dem Frühjahr 1925 war Scheller in Marburg politischer Redakteur der Oberhessische Zeitung und übernahm im Juli die Hauptschriftleitung der Zeitung. Diese Funktion nahm er bis zu seiner Ernennung als Oberbürgermeister wahr.

Dr. Scheller schreibt in seinem Lebenslauf, 1933 gerichtet an die NSDAP zu seiner Bewerbung um die Stelle des Oberbürgermeisters in Marburg, dass er bereits seit 1923 im Dienst der völkischen Bewegung gestanden hätte. So habe er 1924 dem Wahlvorstand des Völkisch-Sozialen Blocks angehört und habe deren Propaganda im Raum Frankfurt geleitet. Infolge dieser Tätigkeit hätte er seine Stellung bei der Bank verloren. Auch für die Zeit von 1925 bis 1932 gibt Dr. Scheller an, dass ihm bei der Oberhessische Zeitung durch den Zeitungsverleger Dr. Hitzeroth dreimal wegen seiner politischen Tätigkeit gekündigt wurde. Dies sei auch der Grund gewesen, dass er erst Ende 1931 in die Partei eingetreten sei.

Mitglied der NSDAP wurde er im Oktober 1931 mit Mitgliedsnummer 813 629. In der Parteigliederung war Dr. Scheller SA-Führer. „Förderndes Mitglied der SS“ war Dr. Scheller ab 1. Juli 1934. Offenbar hatte die finanziell nicht gut gestellt SS in Marburg intensiv um „fördernde Mitglieder“ geworben. Zur gleichen Zeit war auch Bürgermeister Walter Voss als „förderndes Mitglied“ der SS beigetreten.

Dr. Schellers Weg zum Oberbürgermeister in Marburg

Dr. Scheller hatte bald mehrere Parteifunktionen inne. Er wurde in Marburg Kreisamtsleiter der NSDAP für Kommunalpolitik. Zudem übernahm er den Pioniersturm der SA P9/J.11. Nach der Kommunalwahl im März 1933 wurde er wenig später – nach der Absetzung von Oberbürgermeister Johannes Müller durch die neugewählten NSDAP-Abgeordneten – ehrenamtliches Mitglied im Magistrat. Im Juli wurde er mit Dr. Walz zum ehrenamtlichen Beigeordneten gewählt. Dr. Scheller wurde jedoch als einziger neuer Beigeordneter vom Regierungspräsidenten in das Amt eingewiesen, da Dr. Walz inzwischen nach Breslau gegangen war.

Der vorerst in den Ruhestand getretene Oberbürgermeister Johannes Müller wurde im September 1933 ordnungsgemäß in den Ruhestand versetzt. Dieser wurde zum Jahresende wirksam. In die freie Stelle des Oberbürgermeisters von Marburg wurde am 31. März 1934 vom Preußischen Innenminister der Hauptschriftenleiter Dr. phil. Ernst Scheller berufen.

Nach 1933 hatte die Rolle des Oberbürgermeisters in Marburg eine andere Bedeutung erhalten. Wie im gesamten Deutschen Reich sollte in den Gemeinden, Kreisen und Provinzen die Partei, die jeweiligen Führer der NSDAP, die Politik bestimmen. Der Marburger Oberbürgermeister war an die Weisungen des Kreisleiters gebunden. Von 1933 bis zur Übernahme des Landratspostens war dies Krawielitzki. Dieser arbeitete wieder eng mit dem Gauleiter von Kurhessen Hans Weinrich zusammen, welcher die politische Arbeit bestimmte. Der Gau Kurhessen war Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Die administrative Leitung in Hessen-Nassau war Prinz Philipp zu Hessen als dem Oberpräsidenten der Provinz zugeteilt worden.

Als bemerkenswert ist die in Gänze in der Oberhessische Zeitung veröffentlichte Antrittsrede von Dr. Scheller einzustufen. Der Tenor der Rede des neuen Oberbürgermeister an die Marburger Bevölkerung war, dass er dafür sorgen wollte, dass die Verwaltung für die Bürger da sein sollte, den Bürger höflich behandeln und nicht umgekehrt die Verwaltung den Bürger als lästigen Bittsteller ansehen sollte. Dr. Scheller betonte insbesondere, dass er sein zukünftiges Wirken voll in den Dienst der Stadt stellen werde.

Die Amtszeit von Oberbürgermeister Dr. Scheller

Die wichtigsten Ziele, die Dr. Scheller in den Jahren seiner Amtszeit verfolgte, waren die Stärkung des Fremdenverkehrs, die Erhöhung der Studentenzahlen, die Verminderung der Arbeitslosenzahlen und der Wohnungsbau.

Großes Gewicht legte Dr. Scheller auf die Festspiele der Stadt Marburg. Die jährlich auf der neuen Freilichtbühne am Schloss durchgeführten Veranstaltungen sollten die touristische Attraktion der Stadt sein und die Fremden anlocken. Faltblätter mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt wurden im gesamten Reich an die Fremdenverkehrsämter verteilt, um Besucher anzulocken. Der Ortenberg wurde 1936 als „heilklimatischer Kurort“ anerkannt. Am Ortenberg lud das „Kurhotel Ortenberg“ die Touristen ein.

Wie der Oberbürgermeister im Dezember 1937 berichtete, hatte Marburg im Übernachtungsverkehr eine Zunahme von 20 % gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. So hätten die Marburger Festspiele nahezu 20.000 Besucher gehabt. Für 1938 sehe das Festspielprogramm die drei Lustspiele von Shakespeare vor, und zwar "Der Widerstenstigen Zähmung", "Ein Sommernachtstraum" und "Viel Lärm um Nichts". Die Ufa hätte einen Kurhessen-Film vorbereitet mit "Aufnahmen von schönen alten Fachwerk- und Kratzputzhäusern". Der Fremdenverkehr sollte Marburg gesteigerte Einnahmen bringen.

In Bezug auf die Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung waren der Stadtverwaltung durch die wie seit jeher schlechten finanziellen Verhältnisse der Stadt Fesseln angelegt. Um den Bürgern kleine Einkünfte zu ermöglichen, verfügte Dr. Scheller, dass kein Beschäftigter der Stadt einen Studenten in Unterkunft nehmen dürfte. Dies sollte als Einnahmequelle den Bewohnern der Stadt zugute kommen, die teilweise arbeitslos waren. Die Beschäftigten der Stadt - so Dr. Scheller in seinen Anschreiben - hätten eine geregelte Einnahme und müssten zurückstehen.

Bei Ausschreibungen zu Baumaßnahmen sind nach Vergabe der Ausschreibungen an Firmen als Bemerkungen am Rand der Anschreiben mit Schellers Anweisungen zu lesen: „Marburger Arbeiter sollen eingestellt werden“. Es sollte hiermit die Einstellung Marburger Arbeitsloser und nicht solcher aus Nachbargemeinden bewirkt werden.

Auch im Sinne nicht nur von Dr. Scheller, sondern auch der Parteiführung waren die Umsetzung von Baumaßnahmen, welche von der Bevölkerung schon seit vielen Jahren gefordert waren, aber noch immer der Umsetzung harrten. Als Beispiel sei aufgeführt die seit dem Weltkrieg notwendige Verlängerung des Schülerparkstegs vom Krummbogen zur Uferstraße.

Der Holzsteg, der eine beträchtliche Verkürzung des Weges vom in den 1920er-Jahren besiedelten Ortenbergs ("Elsässer Viertel") in die Stadt (und umgekehrt an Wochenenden von der Stadt zum vielbesuchten Kaiser-Wilhelm-Turm) anbot, war mehr als baufällig geworden. Zudem führte der primitive Holzsteg nur von Lahnufer zu Lahnufer. Bei Regen mussten die Nutzer durch tiefen Boden oder gar Matsch zur Uferstraße hoch laufen. Bereits 1933 wurde eine stabile Konstruktion realisiert, die bis weit nach dem 2. Weltkrieg Bestand hatte.

Der Bau von bezahlbaren Wohnungen für Minderbemittelte wurde von Dr. Scheller immer wieder in Verhandlungen mit der Regierung in Kassel eingebracht. Aber die Stadt hatte wenig Geld und zudem zu wenige Grundstücke. Noch 1933/34 wurde die Errichtung der Stadtrandsiedlung (heute: Hansenhaus-Siedlung) gefeiert. Im März 1936 kam es in der Schlosserstraße, ausgeführt durch den Spar- und Bauverein (später auch in Ockershausen am Wiesenweg 1), zum Bau von 20 Wohnungen mit je 41 qm in zwei Baublocks. Da geeignetes billiges Gelände für den geforderten Eigenheimbau fehlte, war Marburg der Bau von Wohnblocks gestattet wurden. Die Miete betrug - wie gefordert - einheitlich 25 RM.

An größeren Baumaßnahmen sind außer der Fertigstellung der umfangreichen Straßenverlegung der Reichsstraße 3 (Krummbogen) bis 1934 in den folgenden Jahren die Kasernenbauten im Westen (Tannenberg-Kaserne) und im Norden der Stadt der Bau des Depots (Heeresbekleidungsamt) an der Kasseler Straße zu nennen. Das Staatsarchiv wurde 1938 am Friedrichsplatz (damals "Adolf-Hitler-Platz") errichtet.

Dr. Scheller war in erster Linie Oberbürgermeister

Obwohl als SA-Führer in der Parteihierarchie eingebunden, hatte sich offensichtlich Dr. Scheller nach Amtsantritt in erster Linie als Oberbürgermeister verstanden und die Parteilinie oft hintan gesetzt. Dabei kam es zu zahlreichen Differenzen mit der Parteileitung.

Die Hoheitsträger Weinrich und Krawielitzki bestimmten die Kommunalpolitik auch bis in Personalentscheidungen hinein. Aber sie mussten oft vor dem Widerstand des Behördenapparates kapitulieren. Es ist erstaunlich, wie sehr bald der neue Oberbürgermeister sich vor die Verwaltung stellte und sich den Anordnungen der Partei entgegen setzte.

Oft wurde dabei Dr. Scheller auch durch die vorgesetzte Verwaltung, Regierungspräsident in Kassel, unterstützt. Solche Auseinandersetzungen zwischen der Partei, die über allem stand und auch für die jeweilige Verwaltung bestimmend war, und den Kommunalbehörden, obwohl auch hier jeweils Parteimitglieder an der Spitze standen, waren während der NSDAP-Herrschaft in vielen Kommunen zu verzeichnen.

In den vorliegenden Akten des Marburger Stadtarchivs ist hier eine Anzahl von heftigen Konfrontationen belegt. Mal ging es darum, dass über die Partei „alte Kämpfer“ in Stellen der Stadtverwaltung gebracht oder befördert werden sollten. In den Erlassen aus Berlin war angeordnet worden, dass die „alten Kämpfer“ bevorzugt behandelt werden sollten. Wenn die Verwaltung von der Eignung der Parteigenossen nicht überzeugt war, gab es rigorose Ablehnung. Dies traf auch zu für auswärtige Bewerber, die als „alte Kämpfer“ angedient wurden und Einstellung suchten.

1933 fand kein genereller Austausch der Bediensteten zugunsten von Parteigenossen statt

Erstaunlich ist auch festzustellen, dass bei den städtischen Behörden - im Rathaus, in den Ämtern, der Polizei usw. - bis auf wenige Einzelfälle, die jedoch meist untergeordnete Positionen wie die Tätigkeit als Stadtbote betrafen, kein Austausch des Personals erfolgte. Vor allem bei Beförderungen wehrte sich die Stadt vehement dagegen, dass „alte Kämpfer“ sich in Beförderungsstellen drängten. Weder bei den Beamten, auch nicht bei den Angestellten und Arbeitern wurde das Personal durch SA-Leute oder „alte Kämpfer“ ersetzt.

Zu den nur in wenigen Fällen darzustellenden Fällen der Ausgrenzung von Gegnern und Einstellung von Parteigenossen im Jahr 1933 schreibt Dr. Ulrich Hussong in der Januar-Ausgabe 1998 von „Studier mal Marburg“:

„Vier sozialdemokratische Arbeiter wurden im Juli entlassen, außerdem eine Fürsorgerin und ein Polizeihauptwachtmeister, der eine Hakenkreuzbinde beleidigt haben sollte. Von den städtischen Schulen teilten drei Lehrer ihr Schicksal, einer aus rassischen und zwei aus politischen Gründen … Zählt man die Zahl zusammen, so sind von den insgesamt 510 Beschäftigten bei Stadtverwaltung, Sparkasse, städtischen Schulen, Bädern, Gas-, Wasser- und Eiswerk und der Straßenbahn 13 Personen entlassen worden.“

Vielmehr trat die große Mehrheit der städtischen Beschäftigten im Mai 1933 in die NSDAP ein. Dieser „Schachzug“ verwehrte es den „alten Kämpfern“, umgehend in die von ihnen gewünschten Positionen einzurücken und andere missliebe Beamte oder Angestellte zu verdrängen.

In den Entnazifizierungsprozessen nach Kriegsende wurden fast durchgängig diese Parteieintritte als „im Interesse der Allgemeinheit und des Dienstes“ dargestellt. Diese Formulierung wählte beispielsweise Bürgermeister Walter Voss im Jahr 1945 zu seiner Entlastung. Voss war ebenfalls im April 1933 Parteigenosse geworden. Die 1933 neu eingetretenen Parteimitglieder wurden von vielen „alten Kämpfern“ allerdings als nicht gleichwertig angesehen.

Widerstand gegen Übernahme und Beförderung "Alter Kämpfer"

An dem Beispiel eines Polizisten Kö., zugehörig zu den „alten Kämpfern“, der eine Beförderungsstelle zum Polizeimeister beanspruchte, wird der Kampf der Stadt gegen die Parteiführung deutlich. Die von dessen Frau vorgebrachten Denunziationen gegen den von der Stadtverwaltung ausgewählten Polizisten („war früher sozialdemokratisch gesinnt“, „keine Hakenkreuzfahne ausgehängt“ usw.) wurden dem Denunzierten vorgelegt. Es gelang der Verwaltung, diese Denunziationen zu entkräften und dagegen den „alten Kämpfer“ als ungeeignet hinzustellen.

Auch in anderen Fällen konnten Denunzierte sich gegen die Anschuldigungen verteidigen und NSDAP-Genossen keine Vorteile erringen.

SA wurde mit anderen Nutzern gleichbehandelt

1933 übernahm die Partei in Form der SA-Abteilungen umgehend die Macht in Marburg. Die SA beherrschte die Stadt. Und dies wurde nicht nur durch die vielen Aufmärsche und Fahnenappelle deutlich. Die SA belegte mit ihren Gruppierungen öffentliche Räume der Stadt und ging davon aus, dass die SA jederzeit die Oberhoheit und Verfügungsgewalt dazu hätte.

Dies änderte sich jedoch bald. Durch den Oberbürgermeister wurde den SA-Gliederungen die Nutzung der Räumlichkeiten (Belegung, Heizung, Kosten der Hausmeisteranwesenheit usw.) in Rechnung gestellt. Unendgeldliche Nutzung kam nicht in Frage. Dies zeigte sich selbst in kleinen und kleinsten Kostenaufstellungen, welche die SA an die Stadt zahlen sollten.

1934 erging an alle Dienststellen der Stadt die Aufforderung, der SA keine Räume mehr unendgeldlich zur Verfügung zu stellen und es wurde eine Aufstellung aller Nutzungen durch die SA angefordert. Die daraufhin eingegangenen Berichte lauteten anschließend fast durchgängig: „Belegung durch die SA: Fehlanzeige“.

Bezeichnend sind dazu folgende in den Akten befindliche Vorgänge:

1934 hatte die SA den Antrag gestellt, Holz aus dem Stadtwald für ihre Sonnenwendfeuer gratis zu erhalten. Dr. Scheller lehnte jedoch ab: Auch die SA sollte wie alle anderen Bürger für Holz aus dem Bestand der Gemeinde bezahlen. Die Stadt wäre finanzielle sehr schlecht aufgestellt.

1935 bat der II. Sturmbann 35, SS-Standarte, die Stadt Marburg um Übernahme der Leihgebühr einer Bühne zum Rosenmontagsfest der SS, Kosten: 8,00 RM. Die Stadt lehnte ab. Zu diesem Antrag gab es mehrere Schriftwechsel und Mahnungen. Dabei berief sich Dr. Scheller auf einen Erlass des Innenministers. In diesem Erlass war den Verwaltungen strikt verboten worden, Kosten der SA zu übernehmen oder zu erlassen. Auch allen „Umgehungsversuchen“ seitens der Parteileitungen sei entgegenzutreten.

Bei der jährlichen Haushaltskontrolle durch die Kasseler Regierung zeigte sich, dass selbst kleinste Ausgaben in einstelliger Höhe beanstandet und ihre Rücknahme angefordert wurde. So war die Stadt 1937 - wie viele einzelne Parteigenossen - als „förderndes Mitglied“ der SS-Sturmbanns II/35 beigetreten mit einem Monatsbeitrag von 2 RM.

Der Regierungspräsident beanstandete diese Mitgliedschaft als „unzulässig“. Die Anweisungen waren regide. Die Zahlungen an die SS durch die Stadt mussten sofort eingestellt werden und bereits gezahlte Beiträge waren zurückzufordern. Über die Rückforderung von 6 RM entspannte sich daraufhin zwischen Stadt und SS ein Austausch mehrerer Schriftstücke mit Mahnungen und Zurückweisungen.

Das Verhältnis der Hoheitsträger der Partei war offensichtlich schon sehr bald nach Amtsantritt von Dr. Scheller belastet. Inwieweit von gegenseitiger Nichtachtung oder gar Gegnerschaft gesprochen werden kann, ist nur zu erahnen. So wird berichtet, dass bei den Paraden Oberbürgermeister Dr. Scheller wie alle anderen SA-Leute in seiner Uniform teilnahm. Aber er marschierte nicht Seite an Seite mit den Hoheitsträgern und SA-Führern, sondern reihte sich von der Parteiführung getrennt bei den HJ-Verbänden ein.

Bezeichnend für den Machtanspruch der Partei und Nichtbeachtung der Verwaltung dürfte folgendes Ereignis sein:

Am 26. Mai 1935 hatte Gauleiter Weinrich im Rathaus der Stadt Marburg eine Besprechung mit den Gauamtsleitern abgehalten. Oberbürgermeister und Bürgermeister waren über diese Belegung der Räumlichkeiten des Rathauses nicht informiert worden. Es gab zu diesem eigenmächtigen Verhalten der Hoheitsträger der Partei zwar keine offizielle Beschwerde von Dr. Scheller. Aber er setzte an Gauleiter Weinrich ein Schreiben ab, in dem er auf die fehlende Information hinwies (eine Verweigerung der Rathausnutzung wäre sowieso nicht möglich gewesen) und in ironischem Tonfall um bessere Kommunikation bat: „Auch Herr Bürgermeister Voss bedauert es sehr, Sie in meiner Vertretung infolge Unkenntnis nicht begrüßt zu haben.“

Als Oberbürgermeister war Dr. Scheller auf korrektes Verhalten seiner Untergebenen bedacht. In Anschreiben wandte er sich gegen Unpünktlichkeit: „Sie wird nicht geduldet“. Auch verbot er umgehend ihm bekannt gewordene Praktiken von Verkaufsgeschäften der Beschäftigten. Offenbar hatten auswärtige Vertreter Beamte und Angestellte der Stadt mit Werbungsgeschäften ködern können.

Über die persönlichen Verhältnisse von Dr. Scheller ist wenig bekannt und belegbar. Seine Wohnung befand sich in der Friedrichstraße 10 in der 1. Etage zusammen mit anderen Mietern. Aus den Akten geht hervor, dass er am 14. Juni 1937 den Regierungspräsidenten bat, dass ihm die Übernahme der Pflegschaft „der Kinder des im vorigen Jahr tödlich verunglückten hiesigen Universitätsrektors Dr. Baur“ genehmigt wird. Ob sie in seine Wohnung übergesiedelt sind, ist nicht angezeigt.

Bei Kriegsausbruch sofortige Einberufung von Dr. Scheller

Als der von Hitler angezettelte Krieg nahte, wurde im Juli 1939 Dr. Scheller als Oberleutnant d. R. zum Kompanieführer ernannt. Es folgte mit dem ersten Mobilmachungstag die Einberufung des Marburger Oberbürgermeisters zum Heeresdienst. Seine UK-Stellung, die man im Rathaus beantragt hatte, wurde nicht bewilligt. Offensichtlich wurde die Stellung des Oberbürgermeisters als des Leiters der Verwaltung von der Partei als nachrangig angesehen. Die Hoheitsträger der Partei sowie nahezu alle SA-Führer in Marburg blieben während des Krieges in UK-Stellung.

Nachdem die nach Ende des Frankreichfeldzugs Dr. Schellers Truppeneinheit nach Deutschland zurückbeordert wurde und teilweise an Ernteeinsätzen teilnahm, bewirkte er ab August 1940 eine Beurlaubung vom Heer. Bürgermeister Walter Voss formuliert in seinem Schreiben an das Heer in der Zeit des Nichteinsatzes: „Seine Beurlaubung erscheint auch deshalb erwünscht, weil seine Entscheidung herbeigeführt werden muss in einer Reihe von schwebenden kommunalen Angelegenheiten wie u. a. zur Frage des „Sofort-Programms“ im Siedlungswesen …“. Am 10. Februar 1941 trat Dr. Scheller wieder in den Kriegsdienst ein.

Ab Februar 1941 stand Marburg - wie schon die Monate ab September 1939 - ohne Oberbürgermeister da. Die Vertretung übernahm Bürgermeister Walter Voss. Für diesen hatte Dr. Scheller erfolgreich den UK-Antrag gestellt, als der Jurist als Kriegsgerichtsrat ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogen werden sollte.

Zu einer erneuten Beurlaubung oder UK-Stellung des Oberbürgermeisters sollte es nicht mehr kommen. Dr. Scheller wurde am 29.12.1941 in Feodosia/Krim bei einer Autofahrt durch einen Treffer in den Kopf - offenbar abgegeben von einem Heckenschützen - schwer verwundet. Das Geschoss – so schrieb Scheller am 5. Januar 1942 aus dem Lazarett in Semiferopol – sei hinter dem linken Augapfel in die Stirn eingedrungen und habe den Sehnerv zerstört.

Er war guten Mutes, dass das Geschoss aus dem Kopf entfernt und die linke Gesichtshälfte wieder korrigiert werden konnte. Der diktierte Brief, zum Schreiben war er nicht fähig, da er den Kopf nicht heben konnte, endet „mit herzlichen Grüßen“ und wie die meisten seiner Schreiben nicht mit dem üblichen und geforderten „Heil Hitler“. Auch kämpferische Parolen fehlen völlig.

Tod Dr. Schellers am 16. Januar 1942

Wenige Tage später kam die Kunde von seinem Tod nach Marburg. Nach angeblich erfolgreicher Operation sei eine Entzündung eingetreten, der Scheller am 16. Januar erlegen war. Die Presse würdigte seinen „Heldentod“. Bemerkenswert ist ein sechsseitiges Schreiben von Bürgermeister Voss, seinem Vertreter im Rathaus, an die Schwester von Dr. Scheller.

Das im warmherzigen Ton gehaltene Schreiben - in Teilen phrasenhaft im Duktus der Ideologie der NSDAP - belegt, dass Voss mit seinem Oberbürgermeister in gutem Verhältnis gestanden haben muss. Besonders betonte Voss das gute Verhältnis von Dr. Scheller zu seinen Mitarbeitern. Dr. Scheller und Voss hatten mehrere Jahre gemeinsame Arbeit im Magistrat geleistet.

Bemerkenswert ist ein Brief des Marburger Lehrers und Kriegsteilnehmers Ludwig Mütze an Bürgermeister Voss. In dem Schreiben informierte er den Bürgermeister, dass er am Grab des verstorbenen Oberbürgermeisters auf der Krim gewesen sei und ein Foto gemacht habe. Er schrieb weiter: „Ich könnte mir denken, dass die Stadtverwaltung das Bild vergrößern und im Oberbürgermeisterzimmer des Rathauses aufhängen lässt.“

Ludwig Mütze war kein Parteigenosse und nach Kriegsende einer der führenden Köpfe der Entnazifizierung in Marburg. Hermann Bauer und Ludwig Mütze waren zudem Gründungsmitglieder des Marburger „Staatspolitischen Ausschusses“. Dieser beriet und unterstützte nach Kriegsende die Amerikaner und war Grundstein zum wichtigen politischen Neubeginn und Errichtung einer neuen Ordnung in der Universitätsstadt.

Nach dem Tod von Dr. Scheller wurde sein Vermächtnis bekannt. Zwei Drittel des Erbes von Dr. Scheller (insgesamt 28.219,15 RM) kam den nahen Verwandten zugute. Als weitere Erben waren u. a. die „Stadtrandsiedler in Marburg“ (Hansenhaus-Siedlung) aufgeführt. Diese wurden mit 1/12 des Erbes bedacht, mit 1/24 seine Stammtischbrüder vom Stammtisch „Käsebrett“. Des Weiteren waren als Erben eingesetzt die Angehörigen der Stadtverwaltung Marburg. Diese erhielten 1/24 des Erbes „für Notfälle“, 1/24 des Erbes entsprachen 1.175,80 RM. Ein solches Bedenken seiner Beschäftigten durch einen verstorbenen Oberbürgermeister ist ansonsten nicht bekannt.

Bürgermeister Voss bedankte sich bei der Schwester des Toten für die im Vermächtnis ausgesprochene Unterstützung, die den städtischen Beamten im Notfall dienen sollte: „Es ist wiederum ein Beweis dafür, wie der Verstorbene sich das Wohl der ihm unterstellten Beamten stets angelegen sein ließ und gibt uns die Möglichkeit, manche Not zu lindern, der man sonst wohl kaum abhelfen könnte.“

Für Dr. Scheller gab es keinen Nachfolger. Die Besetzung der Stelle wurde auf die Zeit nach Kriegsende verschoben. Bürgermeister Voss blieb bis 1945 Leiter der Stadtverwaltung, zuletzt eingesetzt als „Kommissarischer Oberbürgermeister“.
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