Marburger Oberbürgermeister, Teil 8b: Dr. Ernst Scheller (1934-1939) - die Ausgliederung der Juden

Oberbürgermeister Dr. Scheller (Presseamt der Stdt Marburg)
 
1938: Verzeichnis jüdischer Gewerbebetriebe in Marburg
 
1938: Aufstellung von Grundstücken der Juden in Marburg
Marburg: Rathaus | Oberbürgermeister Dr. Ernst Scheller, Teil 3 – Juden wurden schon ab 1933 ausgegrenzt

Der im 19. Jahrhundert aufgekommene Antisemitismus hatte in der Stadt Marburg deutlich weniger Zuspruch gefunden als im ländlichen Gebieten. Die damaligen Reichstagswahlen hatten für den bekanntesten Marburger Antisemiten Dr. Böckler („Bauernkönig“) nur in den Dörfern überragende Ergebnisse gebracht. In Marburg gab es viele jüdische Geschäfte. Die Inhaber waren mit ihrem Handel erfolgreich. Aus dem Vereinsleben und der Lokalpolitik waren sie kaum wegzudenken.

Nach der Machtübernahme durch Hitler wurde zusätzlich zu dem Marxismus, der unbedingt zu beseitigen war, den Juden der Kampf angesagt. Nach der Lehre des Rassismus galten die Juden als undeutsch. Auch in anderen europäischen Staaten hatten die Juden mit Anfeindungen zu kämpfen.

Schon Ende März 1933 begann die Propagandamaschine gegen die Juden - von Berlin aus gesteuert - zu laufen. Die Juden wurden mit Boykott belegt. Dieser wurde aber kurz darauf wieder aufgegeben. Begründet wurden die Maßnahmen mit angeblichen Aufrufen im Ausland zum Boykott deutscher Waren.

Die Juden in Marburg hatten umgehend reagiert. In der Oberhessische Zeitung hat der Vorstand der israelischen Gemeinde Marburgs am 30. März 1933 eine Anzeige aufgegeben. Sie hofften - noch - auf einen Erfolg ihrer Klarlegungen und auf die Vernunft der Mitbürger.

Anzeige der Jüdischen Gemeinde Marburgs in der Oberhessischen Zeitung am 30. März 1933

„Die Mitglieder der Jüdischen Gemeine Marburgs haben mit Abscheu davon Kenntnis genommen, daß im Auslande Greuelnachrichten über Misshandlung Deutscher Juden verbreitet und zum Boykott Deutscher Waren aufgefordert wird.
Wir rücken sämtlich weit ab von all diesen durchsichtigen Lügen.
Wahrheitsgemäß und aus innerem Bedürfnis heraus erklären wir, daß bis zum heutigen Tage keinem Juden in Marburg auch nur ein Haar gekrümmt wurde und bitten von dieser Erklärung den zu ihrer Verbreitung erforderlichen Gebrauch zu machen. …“

Diese Darstellungen hielten den Gauleiter Weinrich nicht davon ab, zwei Tage später am 1. April 1933 zum „Boykott des Judentums, der jüdischen Warenhäuser, der jüdischen Einheitspreisgeschäfte, der jüdischen Waren, der jüdischen Viehhändler, der jüdischen Ärzte, der jüdischen Rechtsanwälte“ aufzurufen.

Weinrich formulierte weiter: „Wir wollen keinen jüdischen Beamten, keinen jüdischen Lehrer mehr. In diesem Zusammenhang warnen wir auch nochmals die jüdischen Geldverleiher, die durch rigorose Einforderung von Geldern deutschen Menschen die Gurgel abzudrehen versuchen. … Der Boykott wird in aller Disziplin durchgeführt, gegen Tätlichkeiten und Bedrohungen einzelner Juden wird mit scharfen Maßnahmen vorgegangen.

Gegen Elemente, die den disziplinierten Boykott der nationalen Bewegung in Misskredit zu bringen versuchen, dadurch, dass sie gegen Juden tätlich vorgehen, dass die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen oder Plünderungen vorzunehmen versuchen, wird mit barbarischen Mitteln vorgegangen werden.“

Die Partei wollte demnach einen klinisch reinen Boykott, niemand sollte sich die Hände dreckig machen. Leider wurde dies nicht von den fanatischen Nazis überall eingehalten. Von Bestrafungen, gar vom Einsatz barbarischer Mittel gegen Übergriffe ist nichts bekannt. Am folgenden Mittwoch wurde der Boykott für beendet erklärt „weil er durch die Entwicklung überflüssig geworden ist.“

Auch in Marburg fanden sich fanatische Judengegner, die aus verschiedensten Gründen auf primitive Art gegen bekannte Juden vorgingen, vor allem Geschäftsleute. Der ausgerufene Boykott wurde jedoch schon am nächsten Tag in einem Zeitungsartikel zurückgenommen.

Bis 1938 hatte der Großteil der Marburger Juden die Stadt verlassen

Es gab in den Jahren nach 1933 immer wieder Zeiten, in denen die Juden in relativer Ruhe gelassen wurden. Die Ausnahme waren die fanatischen Nazis. Während auf den Dörfern die soziale Kontrolle wesentlich stärker wirkte und die Fanatiker ihr Spiel treiben konnten, war in Marburg für einige Juden noch ein anonymes Leben bis 1938 möglich.

Wenn auch noch die meisten Marburger in jüdischen Geschäften weiterhin einkauften, so waren zumindest die Angehörigen der bei der Stadt oder auch bei der Universität Beschäftigten gezwungen, alle Kontakte mit Juden zu beenden. Dies traf auch die Kinder, die meist kein Verständnis aufbringen konnten, warum sie mit alten Spiel- und Klassenkameraden plötzlich keinen Kontakt mehr haben durften.

In den Jahren nach 1933 hatten immer mehr Marburger Juden den Ausweg der Auswanderung gewählt. Nahezu alle, die genug Geld hatten oder Verwandte im Ausland verließen Marburg. Dies kam der Absicht der Partei entgegen, ein Deutschland ohne Juden zu erreichen. Von 66 jüdischen Geschäften im Jahr 1933 existierten fünf Jahre später nur noch 19. Die Ärmsten waren letztlich am schlimmsten dran. Für sie oder für diejenigen, die immer noch glaubten, dass irgendwann der Spuk des „Dritten Reiches“ ein Ende finden werde, folgte schließlich im Verlauf des Krieges, als alle Gesetze außer Kraft gesetzt waren, die Deportation und Vernichtung.

Die Bürger der Stadt erhielten über die Lokalzeitung keine Aufklärung über die Entwicklung. Nur wenig wurde von Mund zu Mund weitergegeben. Die Denunzianten konnten überall mithören. Und jede als gegen die Partei gerichtete Äußerung führte zur sofortigen Verhaftung.

Wie groß der Anteil der schweigenden Mehrheit war, welche „eigentlich“ die Maßnahmen gegen die Juden missbilligt hatte, kann nicht beziffert werden. Nimmt man jedoch die Aussagen der vielen Parteigenossen nach 1945 vor der Spruchkammer zur Entnazifizierung als wahr entgegen, so muss sogar die Mehrheit der Parteigenossen heimlich Antinazi gewesen sein.

Der Synagogenbrand am 9. November 1938

Von Jahr zu Jahr wurde für die Juden in der Stadt das Leben immer unzumutbarer. Die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 begründeten eine Hetzkampagne. Unheilvoller als in der Stadt Marburg waren die Auswirkungen in einigen Orten des Kreisgebiets.

Doch es kam noch schlimmer. Im November 1938 nutzten die Nationalsozialisten die Ermordung des Gesandtschaftsrats von Rath zu einem inszenierten Anschlag auf die Synagogen in Deutschland.

Auch in Marburg wurde die Synagoge in der Universitätsstraße von SA-Verbänden in Brand gesetzt. Erst 1947 kam es zu einer Verhandlung über diese Tat. Nur wenige wurden als Täter ermittelt. Erinnerungslücken der Beteiligten - sämtlich SA-Fanatiker - erschwerten die notwendigen Bestrafungen, von Reue war keine Spur.

Die Marburger Bevölkerung erfuhr aus der Presse kein Wort von den Ereignissen in der Stadt am 8. November 1938. Die zur Ruine gewordene Synagoge wurde bald gänzlich abgerissen und es blieb eine Baulücke. Auch die Maßnahmen, die umgehend im Anschluss an die Ereignisse gegen die Juden ergriffen wurden, fanden ohne Information der Öffentlichkeit statt. Nur zufällig konnten Marburger von Einzelmaßnahmen Kenntnis erhalten.

In den - leider nur unvollständig erhaltenen - Akten aus der Zeit ab 1933 ist nachzulesen, was damals geheim gehalten wurde

Die folgenden Ausführungen sind entnommen aus dem noch - und nur unvollständig - erhaltenen Akten der Stadt Marburg. Keiner der Marburger Bürger verfügte über diese Informationen. Die Oberhessische Zeitung brachte wie immer keine Informationen.

Am 10. November 1938 wurden 31 Juden in Schutzhaft genommen und nach dem Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Es waren vorrangig Juden, deren Geschäfte und Grundstücke man enteignen wollte. Nach Zustimmung zum Hausverkauf und Arisierung der Geschäfte wurden sei nach und nach aus Buchenwald entlassen.

Einige konnten anschließend auswandern. So wurde bekannt, dass Julius Stern, Barfüßer Straße 26, sein Geschäftshaus für 26.000 RM verkaufen und Marburg verlassen konnte.

Hier die in den Akten dokumentierte Enteignung der im Jahr 1938 noch in Marburg befindlichen Juden:

In Marburg wurden die Anweisungen aus Berlin konsequent umgesetzt:

Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben
vom 12. November 1938, veröffentlicht im Reichsgesetzblatt Nr. 189 (Auszug):

In § 1 wurde für die Juden bestimmt:
(1) Betrieb von Geschäften untersagt
(2) auf Märkten Waren anzubieten,
(3) wird gegen die Verordnung verstoßen, sind Geschäfte polizeilich zu schließen

§ 2
Juden dürfen nicht mehr Betriebsführer, leitende Angestellte oder Mitglied einer Genossenschaft sein.

Verordnung vom 14. November 1938
Alle Schäden, die durch Empörung des deutschen Volkes an jüdischen Gewerbebetrieben und Wohnungen entstanden sind, sind sofort zu beseitigen. Kosten trägt der Jude (= Inhaber).

Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe in Marburg (Lahn)

(ist als Grafik im Bildanhang einzusehen)


In einem Telegramm aus Berlin wurde zusätzlich darauf hingewiesen, dass „jede Sondermaßnahme“ zu unterbleiben habe.

Der Oberbürgermeister schrieb an alle Juden, dass innerhalb von vier Wochen der Gewerbebetrieb abzuwickeln sei, kein Verkauf mehr zulässig sei, sondern die Waren an den örtlichen Leiter der „Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, Herrn Kaufmann Körner, Frankfurter Straße 35 anzugeben sei.

Sally Goldschmidt schreibt am 13, Dezember 1938 dem Oberbürgermeister:

„Teile ganz ergebenst mit, dass ich keinen Gewerbebetrieb besitze und ich nur lediglich als Handelsvertreter im Textilwesen tätig war.“

Aufstellung von Grundstücken der Juden in Marburg

(ist als Grafik im Bildanhang einzusehen)


Die Enteignung der jüdischen Grundstücke ist offenbar landesweit auf Widerstand gestoßen. Am 2. Dezember 1938 schreibt der Gauwirtschaftsberater aus Kassel an alle Kreisleiter:

„Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass diese Verschacherung von jüdischen Grundstücken in der gesamten Bevölkerung nur Unzufriedenheit und Unruhen hervorruft, ja bei vielen Leuten wird wieder die sucht geweckt, möglichst viele mühelose Spekulationsgewinne zu machen … und dass gerade die größten Schweinehunde für außerordentlich billiges Geld Grundstücke erwerben.“

Er schlägt vor, dass die Stadtverwaltungen nach Möglichkeit die Grundstücke erwerben sollten oder die Hess. Heimat (Wohnungsbauverein).

Am 20. Dezember 1938 Kopie einer Notiz von Oberbürgermeister Dr. Scheller:

„Bis auf weiteres sind alle Veräußerungen von jüdischen Häusern und Grundstücken von der Preisprüfungsstelle dem Kreisleiter vorzulegen, um zu verhindern, dass unerwünschte Elemente sich in den Besitz ehemals jüdischer Häuser und Grundstücke setzen.“

Berlin, 24. Februar 1939
Reichswirtschaftsminister zu Ablieferungspflicht der Juden für in ihrem Eigentum befindliche Gegenstände aus Gold, Platin oder Silber an öffentliche Ankaufsstellen. „Ein Ablehnen des Kaufangebots durch die Juden kommt nicht in Frage.“

Am 24. März 1939 geht es dem Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten darum, was mit den Ruinen der Synagogen geschehen soll.

„Von Enteignung ist abzusehen, um nicht den Anschein zu bestärken, als gehöre es zu den Zielen der Rassenpolitik des Dritten Reichs, den Juden ihre religiöse Betätigung unmöglich zu machen.“

Im Weiteren wird ein geschickter Weg empfohlen, wie mit den Grundstücken umzugehen ist.

Nicht allen Juden gelingt es, wie angeordnet, ihr Geschäft „abzuwickeln“. Für drei Geschäfte wird ein Abwickler von der Stadt bestellt (Willy Mengel, Gisselberger Straße 10, Bücherrevisor). Für anteilig etwa 2.000 RM an ihm zustehenden Gebühren werden Waren und Inventar „abgewickelt“:

Fa. Blumenfeld Nachf., Katz, M., Wettergasse 4:
Aufkäufer sind die Firmen Biehusen, Plitt, Werner, Geschw. Weber, Weber, Möller, Braumöller, Knabe, Weigel, Stoll, Wegerich, Hentrich, Schade, Dern. Das Inventar ging im Ganzen an die Fa. August Braun

Meier, Wolf, Universitätstrasse 20:
Aufkäufer sind die Firmen Piscator, H. v, d, Emde, Biehusen, Möller

Stern, Julius, Barfüßer Straße 26:
Aufkäufer sind die Firmen Piscator, Busch, Hausmann, Berdux, Hechtelberger

Verfügungen des Oberpräsidenten in Kassel zur Ausschaltung von Juden vom 2. Dez. 1938:

Verkauf jüdischer Grundstücke (wurde „vertraulich zur Kenntnis“ gebracht):

„Für alle Grundstücke, die nicht von der öffentlichen Hand gekauft werden, ist ein möglichst angemessener Preis, d. h. mindestens der Einheitswert zu erzielen, weil wir gar keine Ursache haben, Privatleute durch günstige Judenverkäufe zu bereichern, während bei der Auszahlung an Juden, die auswandern, das Reich ja doch fast das gesamte auszuzahlende Geld erhält. Bei Veräußerungsverträgen mit Privatleuten … ist die bevorzugte Behandlung von Parteigenossen, insbesondere von alten Kämpfern selbstverständlich.“

Und weiter hießt es: „Bei der Abwicklung ist ständige Fühlungnahme mit der Kreisleitung erforderlich.“

Vielen der hier Aufgeführten gelang es, Marburg zu verlassen. Aus der Amtszeit von Oberbürgermeister Dr. Scheller sind keine weiteren Aktenvermerke vorhanden.
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5 Kommentare
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Wolfgang O. H: Schmenner aus Marburg | 15.05.2016 | 15:53  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 15.05.2016 | 22:27  
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Romi Romberg aus Berlin | 16.05.2016 | 00:40  
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Wolfgang O. H: Schmenner aus Marburg | 16.05.2016 | 22:22  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 17.05.2016 | 10:00  
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