Marburger Oberbürgermeister: Teil 8 - Dr. Ernst Scheller (Einleitung)

Marburg: Rathaus | Von 1934 bis 1939 war Dr. Ernst Scheller Oberbürgermeister der Stadt Marburg. Die Besonderheit der Amtsführung eines Oberbürgermeisters in der Zeit der Herrschaft der NSDAP bringt die Notwendigkeit einer ausführlichen Darstellung.

Wegen des Umfangs der Darlegungen werden in der Einleitung die beiden ersten Teile abgedruckt.

Teil 1: 1933 wird die Verwaltung zum Vollstrecker der Partei
Teil 2: Wie die Partei die Politik in Marburg bestimmte

In einem zweiten Beitrag erfolgt die Darstellung der Judenbehandlung in Marburg und die Stadtpolitik dieser Jahre

Teil 1 – 1933 änderte sich alles in der Kommunalpolitik von Marburg

Nach 1933 hatte die Rolle des Oberbürgermeisters in Marburg eine andere Bedeutung erhalten. Wie im gesamten Deutschen Reich sollte in den Gemeinden, Kreisen und Provinzen die Partei, die jeweiligen Führer der NSDAP, die Politik bestimmen. Der gewählte Oberbürgermeister Johannes Müller wurde als Gegner der NSDAP eingestuft und abgesetzt.

Man wählte jedoch nicht sofort einen neuen, von der NSDAP bestimmten Oberbürgermeister, sondern ließ die Stelle für etwa ein Jahr vakant. Begründet wurde dies nach außen hin mit Sparmaßnahmen der Verwaltung in der wirtschaftlichen Notlage der Stadt („zwecks Vereinfachung der Verwaltung und Erzielung weiterer Ersparnisse“). Die Partei war ab sofort sowieso die bestimmende Kraft auf allen Ebenen.

In dieser oberbürgermeisterlosen Zeit war Bürgermeister Walter Voß, seit 1927 im Amt, der oberste Dienstherr der Marburger Verwaltung. Außer Voß waren bei den Magistratsitzungen noch als Beamte der Stadt zugegen Baurat Hilmer und Syndikus Dr. Läsker. Dazu kamen weitere ehrenamtliche Magistratsmitglieder.

Die Politik im Magistrat bestimmte der Kreisleiter der NSDAP, Hans Krawielitzki. Ebenfalls ehrenamtlich vertreten waren Dr. Scheller, Schriftleiter der Oberhessische Zeitung, und teilweise die NSDAP-Aktivisten Dr. Estor, Sonnenschein, Bingel, Heinze, Kawaletz, Heinze, Kersten, Niderehe und Dr. Walz. Per Beschluss wurde festgelegt, dass die Magistratsitzungen nicht vor 20.15 Uhr beginnen sollten. Damit war ermöglicht die Anwesendheit der Ehrenamtlichen, die jeweils noch einer Arbeit nachgingen. Aus dem Arbeitsprozess sollten die Ehrenamtlichen nicht herausgezogen werden.

Der Marburger Oberbürgermeister war an die Weisungen des Kreisleiters gebunden. Dieser arbeitete eng zusammen mit dem Gauleiter von Kurhessen, Hans Weinrich. Die Parteigliederung Kurhessen gehörte zur preußischen Provinz Hessen-Nassau, die administrativ geleitet wurde von dem Oberpräsidenten Prinz Philipp zu Hessen.

Hermann Bauer versucht, mit Kommentaren in seiner Zeitung die Wähler aufzurütteln

Nach der Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 wurden für den 12. März 1933 Neuwahlen für die Kommunalparlamente angesetzt. Bei Durchsicht der beiden Marburger Zeitungen ist bemerkenswert, dass in der konservativ eingestellten Oberhessische Zeitung nur ein einziges Mal eine Werbeanzeige der NSDAP (zu einem Vortrag des Nationalsozialisten Streicher in den Stadtsälen), aber mehrere Anzeigen anderer Parteien (Deutschen Volkspartei und Zentrum) sowie Berichte über Versammlungen vom Hausfrauenverein, Verein der Gewerbetreibenden und Mieterbund zu finden sind.

Anders sah es in dem von Hermann Bauer herausgegebenen Hessischen Tageblatt aus. Hier greift Bauer ganz offen die NSDAP in Berichten und Kommentaren an und wirbt darum, dass die Marburger nicht diese „braunen Horden“ wählen sollten.

Bezeichnend für die einseitig parteiische Haltung von Hermann Bauer gegen die NSDAP ist ein halbseitiger als „Faschingsartikel“ getarnter Artikel zum möglichen Auftritt der NSDAP im neuen Parlament, veröffentlicht wenige Tage vor der Kommunalwahl (hier ein Auszug):

„Das neue Stadtparlament tagt

… Für Fastnachtsdienstag früh 9.30 Uhr wurde die erste Sitzung des neu gewählten Parlaments einberufen. Ein Wackelzug durch die Straßen der Stadt bildete die Einleitung. Unter allgemeinen Heilrufen erdröhnte das alte Rathaus … Nachdem die Parlamentarier Platz genommen hatten: Ein völlig verjüngtes Bild; es schien, als wenn die Stadtväter bei Steinach zur Kur gewesen wären. Nur wenig üppiger Bartwuchs, vorwiegend wolliger Flaum! …

Stv. Spitz eröffnet als Alterspräsident und fragt, ob jemand älter sei als er.

Stv. Krekelitzki: Ach was, Alter! Das war früher mal. Mit Hitler kam die Jugend ans Ruder, das Alter hat zu verschwinden, wenn wir kommen. Sprachs, um selbst Stadtverordnetenvorsteher zu spielen.

Stv. Tagmärker erstattet hiergegen ein Gutachten, das darin gipfelt: Wenn schon ein Jugendlicher in den Rohde-Stuhl soll, dann kommt ein Jurist in Frage.

Abg . Bottich platzt sich daraufhin an Krekelitzkis Stätte unter Heil- und Lärmrufen der Tribünenbesucher.

Stv. Etzel: „Zur Geschäftsordnung …“

Präsident Bottich: „Hier gibt es keine Ordnung mehr. Jetzt gilt unsere V e r ordnung: Wer innerhalb der letzten 14 Jahre hier geredet hat, hat zu schweigen!“
… …“

Erklärungen zu den Namen und Begriffen:

Wackelzug = Fackelzug (von der NSDAP oft veranstaltet)
Steinach = Baldur von Schirach
Spitz = Stumpf (Abgeordneter der Bürgerliste)
Krekelitzki = Krawielitzki (NSDAP-Abg., Kreisleiter und „Hoheitsträger der Bewegung“)
Tagmärker = Sonnenschein (NSDAP-Abg.)
Rohde war bisher Stadtverordnetenvorsteher
Bottich = Böttcher (NSDAP-Abg. und Rechtsanwalt)
Etzel = Eckel (SPD-Abgeordner)

Wie wenig Bauer mit seinen scharfen Angriffen gegen die NSDAP das Wahlergebnis von Marburg beeinflussen konnte, zeigten die Ergebnisse vom 12. März 1933:

Partei - Kommunalwahl 1933 - (Sitze) - Kommunalw. 1929 - (Sitze) - Reichstagsw. 1933

NSDAP .......... 7.218 ................... (20) ............... 483 ..................(1) ...........9.444
SPD .............. 1.483 .................... (4) ................ 994 ................. (4) .......... 2.222
KPD ................. 461 .................... (1) ................ 180 ................. (0) ............. 794
Zentrum ......... 710 ..................... (1) ................ 496 ................ (2) ............. 951
DNVP ............ 1.343 .................... (3) .............. 1.194 ................ (4) ......... 1.825
Bürgerl. AG ... 466 ..................... (1) ................ 975 ................ (1) ............ n. a.
DVP ................. 264 .................... (0)................. 965 ................. (3) ............. 595
Mieter ............ 293 .................... (0) .............. 1.216 ................ (5) ............. n. a.
Andere ........... 847 .................... (0) ......... o. Angabe ............ (0) .............. 536

Die NSDAP hatte im Stadtparlament von Marburg vor 1933 - wie auch die KPD - keine Rolle gespielt.

Aussagen von bestimmten Beurteilern, dass die Universitätsstadt bereits in den Jahren vor 1930 „ein rechtsreaktionäres Nest“ gewesen sei, sind nur zutreffend, wenn man die Marburger Bürgerschaft, die immer mehrheitlich national eingestellt war als „rechtsreaktionär“ diskreditieren will.

1930 erhielten die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen 650 Stimmen = 5,5 %. Die Mitgliederzahlen der Partei in Marburg stiegen jedoch ab diesem Jahr stark an.

1925 - 11 Miglieder der NSDAP in Marburg
Ende 1930 - 243 Mitglieder
Ende 1932 - 691 Mitglieder
1933 - 641 Neuaufnahmen

(aus: Dern, Festschrift der NSDAP)

Die Wahlerfolge der NSDAP in Marburg nach 1930 folgen dem allgemeinen Trend. Die Wirtschaftskrise, dazu die klar rechts stehenden Berichte der Oberhessische Zeitung, die wesentlich mehr Leser an sich binden konnte als die Zeitung von Hermann Bauer sowie Aktivitäten der SA-Gruppen in Marburg wie Fackelzüge und diszipliniert besuchte Veranstaltungen, beliebte Musikdarbietungen des SA-Spielmannszugs usw. konnten die anderen Parteien kaum etwas entgegenstellen.

Vorbei waren auch die Zeiten vor 1930, als die NSDAP sich in Marburg durch unqualifizierte Vertreter darstellte. Diese Parteiführer hatten die Bürger abgeschreckt. Im Stadtparlament saßen bis 1929 Geschäftsleute, Handwerker, Lehrer und Arbeiter. In Teilen eine Honoratiorengruppe wie vor 1914.

Nachdem man den Oberbürgermeister Müller abgesetzt hatte und auch bald die Zeitung von Hermann Bauer verboten hatte, regte sich kaum Widerstand. Die politisch Interessierten Marburger, denen Recht und Gerechtigkeit für alle und ihre persönliche Freiheit obenan standen, mussten zusehen, wie eine durch musikalische Aufmärsche, Fahnenschmuck, Illuminationen und flammende Reden beeinflusste Mehrheit auf die für viele als abstrakt angesehenen Bürgerrechte verzichten konnte.

Hermann Bauer gelang in der von ihm herausgegebenen letzten Ausgabe seiner Zeitung (ab 29. April 1933 Verbot) ein mutiger Protest. Aber Bauer war chancenlos.

Bauer informierte seine Leser darüber, dass seine Zeitung bedroht werde. Die Marburger Geschäftsleute würden darüber informiert, dass ihnen ein Boykott drohe, wenn sie weiter bei Bauers Zeitung Inserate aufgeben würden. Dadurch war Bauer in seiner wirtschaftlichen Existenz untergraben. Er schreibt zum Schluss: „Ich bitte jeden gerecht und aufrichtig Denkenden mich in meinem Kampf gegen Unwahrhaftigkeit und Gemeinheit, für Recht und Gerechtigkeit zu unterstützen. Der Wahrheit die Ehre!“

Doch Bauer verlor seinen Kampf gegen die Partei. Nach dem Presseverbot musste er bald darauf einige Tage in Schutzhaft verbringen. Seine Druckerei wurde ihm jedoch nicht weggenommen. Er konnte mit privaten Druckaufträgen seine Arbeiten weiterführen und damit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Angeführt werden muss zudem, dass er - trotz seiner unbestrittenen Antihaltung zu der herrschenden Partei - in späteren Jahren gleichwohl Druckaufträge von SA und HJ bekam. Allerdings musste er billiger anbieten als seine Konkurrenten. Er selbst belegt in seinen Unterlagen, dass er von Marburger Parteigenossen immerhin als Fremdenführer für die Stadtbesichtigung eines hohen auswärtigen Parteiführers empfohlen wurde. Zudem wurden seine historischen Kenntnisse bei Stadtteilveranstaltungen gerne genutzt.

Beliebt war schon vor 1933 der Musikzug der Standarte J. 11 des SA unter Führung ihres Musikzugführers Herguth. Die Marschmusik der SA-Kapelle war perfekt eingeübt. Als Krönung konnte sich der Zug sogar im Februar 1933 in Kassel bei einem Vorbeimarsch beim Führer auszeichnen.

Zudem wurden - und dies wird von den meisten bei der nachträglichen Betrachtung der Entwicklung vergessen - über Maßnahmen, die eventuell Widerstand hervorrufen konnten, keine Informationen weitergegeben. Keinen negativen Einfluss, eher eine Zustimmung großer Kreise versprach man sich von Meldungen wie: „Acht Vertreter der KPD wurden in Schutzhaft genommen.“ Damit war für die NSDAP die Sichtweise verbunden, dass die Kommunalwahlen „in völliger Ruhe“ ablaufen konnten.

In der nun allein agierenden Oberhessische Zeitung wurden Meldungen wie die folgende als „Lokalberichte“ den Lesern in der „Stadtzeitung“ dargebracht:

„Wegen Mißhandlung der Pferde das Fuhrwerk abgenommen

Am Pfingstsonntag abend bemerkten SS- und SA-Männer wie Pferde eines Chaisefuhrwerks von ihrem Lenker schwer misshandelt wurden. Sie schritten ein und es entspann sich eine kleine Schlägerei mit den Insassen des Wagens. Es wurde festgestellt, dass das Fuhrwerk einem hiesigen Geschäftsmann gehört, das von einem Arbeiter, der bei diesem beschäftigt ist, mit seinen Freunden einen Ausflug gemacht hatte. Sie hatten dabei sehr stark dem Alkohol zugesprochen.

Die Fahrt ging ihnen zu langsam und aus diesem Grunde mussten die Pferde mit einem Knüppel misshandelt werden. Die SS- und SA-Männer nahmen dem Lenker die Pferde ab und brachten diese zur Polizeiwache, von wo aus dem Besitzer die Pferde und der Wagen wieder zugestellt wurden. Ein richtiger Denkzettel in Gestalt eines hohen Strafmandats dürfte die gerechte Strafe sein.“

Die neue Macht in Marburg konnte - so der Bericht - nicht nur mit schöner Marschmusik glänzen, sondern die Leute der NSDP sorgten auch für Ordnung.

Wie beeindruckend dies selbst auf kritisch eingestellte Mitmenschen wirkte, zeigt die im Folgenden abgedruckte Predigt des neu eingestellten Pfarrers Schimmelpfeng an seine Gemeinde:

„Liebe Gemeinde,

mit Frühlingsgrün und Fahnenschmuck ist der erste Mai 1933 von dem deutschen Volke in allen seinen Ständen begrüßt worden. Noch vor kurzer Zeit riss derselbe Tag tiefe Abgründe auf und zog scharfe Trennungsstriche mitten durch unser deutsches Volk. Zum ersten Mal geschiehts heute, dass gewollt ist, dass der Maientag aller Stände und Stämme, aller Arbeiter von Hand und Hirn zusammengefügt wurde zum Tag der Arbeit.
…“

Besser hätte kein Führer der SA eine Rede zum 1. Mai halten können. Den Tag der Arbeit, den die NSDAP in Besitz genommen hatte und einmal mehr mit Aufmärschen, Fahnenschmuck und Marschmusik die Bevölkerung einnebelte.

Auf der anderen Seite wurde aber auch schon klare Kante gezeigt. Die Partei, ihr Führer und die örtlichen „Hoheitsträger der Bewegung“ waren ohne Abstriche zu respektieren. Kritik war unerwünscht. Auch „Gerede von Miesmachern“ sollte unterbunden und sogar gemeldet werden, damit deren Verursacher verstummten.

Über radikale Maßnahmen gegen Widerständler wurden im Normalfall keine Informationen weitergegeben, wenn diese eventuell Widerstand hervorrufen konnten. Dies wird von den meisten Darstellungen bei der nachträglichen Betrachtung der Entwicklung von 1933 vergessen.

In nur kurzer Zeit wurde in Marburg die Gleichschaltung betrieben - und war erfolgreich. Widerstand wurde sofort ausgeschaltet. Die Mehrheit der Marburger blieb gegenüber den Verletzungen von Grundrechten untätig. Man wollte seine Ruhe haben. Und dies trat ein, wenn man von den zahlreichen Aufmärschen und Appellen absieht.

Hermann Bauer berichtete noch in seiner Zeitung von dem Selbstmord des jüdischen Sprachwissenschaftlers Professor Hermann Jacobson. Seine Frau lebte weiterhin in Marburg. Sie wurde 1944 wegen „politischer Äußerungen“ in das Marburger Gerichtsgefängnis eingeliefert. Von weiteren Selbstmorden wurde in den folgenden Jahren nur in Kurzmeldung berichtet. Die Bevölkerung musste sich ihren Teil denken.

Über gezielte Maßnahmen wie Verbote und „Übernehmen“ von Häusern, die nach 1945 in den wenigen erhaltenen Akten nachlesbar sind, wurde in der Presse nichts berichtet. Die ab Mai 1933 noch einzig vorhandene Marburger Tageszeitung Oberhessische Zeitung brachte vorrangig Berichte aus Berlin und von den dortigen NSDAP-Vorgaben. Die wenigen Lokalberichte behandelten Angelegenheiten der Partei oder unkritische Betrachtungen zur Natur in den einzelnen Jahreszeiten.

Im November 1933 konnte man in der Presse die Meldung lesen, dass ein Marburger wurde wegen Beleidigung der Reichsregierung ins Gefängnis eingeliefert worden war. Diese Meldung war als Warnung zu verstehen. Damals nicht der Öffentlichkeit bekannt, aber heute den Forschern aus Unterlagen ersichtlich, ist der Fall eines Sparkassenangestellten. Dieser hatte sich geweigert, bei einer Kundgebung das Horst-Wessel-Lied mitzusingen und wurde entlassen.

Entlassungen der Beamten, Angestellten und Arbeiter im öffentlichen Dienst gab es nur wenige. Es traf vor allem bekannte Mitglieder der Parteien KPD und SPD. Mitgliedschaft in der NSDAP vor 1933 war gering, aber nahm in 1933 stark zu. Der 1. Mai 1933 war Eintrittstag von vielen Bürgern Marburgs in die Partei.

Die neuen NSDAP-Mitglieder (Pg.) konnten sich das gesamte Jahr über an den Aufmärschen, Fackelzügen und Festlichkeiten der neuen Ordnung erfreuen. Viele täuschten sich anfangs über den wahren Charakter der nun herrschenden Partei. Die Fassade des vorherigen öffentlichen Lebens blieb bestehen: Kino, Theater in den Stadtsälen, sonntäglicher Kirchenbesuch und Wanderungen in die Natur.

Die Stadt war oft voll in Flaggenschmuck getaucht. Allerdings waren bald neben dem Blau-Weiß-Rot der Marburger Farben nur noch Hakenkreuzfahnen erlaubt. Die bunten Fahnen der Verbindungen waren verschwunden wie die Verbindungen selbst. Die Verbindungshäuser wurden „Gemeinschaftshäuser“ der Studenten.

Hier eine Auswahl von größeren Veranstaltungen mit Festzügen durch die Stadt:

1. Mai – Tag der nationalen Erhebung
14. Mai - Umzug Gewerkschaftsbund
25. Mai – Reichswandertreffen
3.-5. Juni – Bannertreffen der Hitler-Jugend mit 15.000 Beteiligten#
8. Juni – Göring in Marburg
13. August – Aufmarsch Standarte Jäger 11 mit vielem Fahnenschmuck
4. September – begeisterter Empfang von 160 SA-Männern, die aus Nürnberg von Reichsparteitag der NSDAP kamen
1. Oktober – Erntedankfest als Volksfest mit Suppenküchen

Viele Marburger Parteigenossen der NSDAP (Pg.) nahmen zudem am Treffen von 4.000 SA-Leuten in Biedenkopf teil, die dort in kaum endenden Kolonnen aufmarschiert waren. In Marburg hatten die einzelnen SA-Gruppierungen die Lokale der Stadt zu ihren Treffpunkten gemacht: u. a. Fronhof, Hannes, Freidhof, Ritter.

Teil 2 – Die Partei hatte das Sagen

Die NSDAP war 1933 umgehend darauf aus, den Parlamentarismus auszuschalten und eine dauerhaft autoritäre Regierung zu etablieren. Unter den Parteienstaat wollte man einen Schlussstrich ziehen. Die „Parteien des Marxismus“ sollten keine Rolle mehr spielen. Die NSDAP-Vertreter bestimmten nun wo es langging. Die bisherigen Träger der Macht, die Parlamente und deren Repräsentanten waren nur noch ausführende Organe und an die Anordnungen der Partei gebunden. Die Partei mit ihren Hoheitsträgern (Gauleiter und Kreisleiter) standen oft feindlich den Leitern der Kommune gegenüber, obwohl diese ebenfalls hohe Parteimitglieder waren.

In der Rangordnung des Dritten Reichs rangiert an erster Stelle die Partei. Im Kreis Marburg war der oberste Hoheitsträger der Partei Kreisleiter Krawielitzki mit dem Kreisstabsleiter Deisenroth. Unter dem Kreisleiter rangierten die SA- und SS-Stäbe. Ihre Führer waren Brigadeführer, Stammführer, Sturmführer, Bannführer, Jungbannführer sowie Standartenführer mit jeweils aufsteigenden Führungsfunktionen. Zudem hatte der Marburger Kreispropagandaleiter eine wichtige Aufgabe. Er wurde später zum Gaupropagandaleiter befördert.

Über die gesamte Stadt waren SA-Organisationen verteilt. Der SS-Stab residierte in der Barfüßerstraße. Das Hochzeitshaus (Nicolaistraße 7) war der Marburger Loge abgenommen worden. Es diente den einzelnen Stämmen als Versammlungsstätte.

Kreisleiter Hans Krawielitzki

Im Kreis Marburg war Hans Krawilitzki der Kreisleiter der Partei. Er bestimmte als „Hoheitsträger der Bewegung“ die Parteilinie unangefochten und rigoros. Alle Bürgermeister des Kreises sowie der Oberbürgermeister der Stadt Marburg hatten nach seinen Anweisungen zu handeln.

Hans Krawielitzki, 1900 in Vandsburg, Westpreußen, geboren kam mit seinem Vater, Pfarrer bei Hebron (Wehrda), 1908 nach Marburg. Nach Besuch des Realgymnasiums und kurzer Kriegsteilnahme bestand er 1920 die Reifeprüfung und studierte Rechtswissenschaften in Marburg und Berlin. Bereits 1927 war er der NSDAP beigetreten, Parteinummer 68.068. Wie Krawielitzki in seinem Lebenslauf schreibt, musste er bereits 1927 „infolge Versagens des damaligen Ortsgruppenleiters“ die Führung der Ortsgruppe und des ganzen Bezirks übernehmen. Ein Examen sei ihm nicht möglich gewesen, da er seine „volle Arbeitskraft in dem großen Bezirk der NSDAP benötigt“ wurde. Ab 1932 übernahm er mit der Neuorganisation der Partei die Kreisleitung Marburg. 1933 wurde er Mitglied des Preußischen Landtags und Mitglied im Stadtrat von Marburg.

Krawilitzki arbeitete eng mit dem Gauleiter von Kurhessen, Hans Weinrich, zusammen. Dieser war 1922 in die NSDAP eingetreten und galt als „alter Kämpfer“.

Gauleiter Hans Weinrich

Da die NSDAP in Preußen mehr Gauleiter hatte als Provinzen, so blieben einige Gauleiter ohne die politisch bestimmende Funktion eines Regierungspräsidenten. Kurhessen gehörte zu der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Oberpräsident in Hessen-Nassau wurde Prinz Philipp von Hessen. Für Weinrich blieb die Funktion des Gauleiters in Kurhessen. Die Gauleiter ohne administrative Funktion nahmen oft für sich eine Kontrollfunktion ein. Dies trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für Weinrich zu. Der fanatische Parteigänger verstand sich wohl in erste Linie als Aufpasser.

Offensichtlich war Weinrich, wie auch durch später bekannt gewordene Äußerungen belegt, von den Berliner Parteiführern nicht als besonders intelligent eingestuft worden. Aber er war arbeitsam und der Partei ergeben. 1943 wurde er aller Ämter enthoben. Man warf ihm vor, versagt zu haben. Seine Verfehlungen bei der Abwehr hätten zu dem Chaos beim Bombenangriff Kassel geführt. Zudem war er beim Angriff nicht in Kassel, hatte jedoch, als er sofort zurück nach Kassel kam, sich vor allem um die Rettung seiner Möbel gekümmert: 1947 wurde er als Hauptschuldiger zu 10 Jahren verurteilt, aber schon 1950 entlassen.

In engen Parteikreisen in Marburg ging für Gauleiter Weinrich die Bezeichnung „Weinleiter Gaurich“ um. Doch konnte es sich kein Bürger auf der Straße leisten, diese Bemerkung auch nur geflüstert zu benutzen. Auf Diskriminierung der Hoheitsträger stand umgehende Verhaftung und Einlieferung in das Gefängnis, später in ein Konzentrationslager.

Gleichschaltung war auf allen Ebenen von der Parteileitung angesagt - Beispiel „Deutsche Christen“

Besonders war es der Partei daran gelegen, Einfluss auf gut organisierte Organisationen außerhalb der NSDAP zu nehmen. So war der Geheimbund „Loge“ umgehend verboten worden. In Marburg sollten die „Deutschen Christen“ Einfluss ausüben innerhalb der evangelischen Kirche. Vor dem 2. Weltkrieg waren in Marburg die Kirchen von den Gläubigen noch gut besucht. Und was der Pfarrer von der Kanzel predigte fand Gehör. Auch die Kirchenblätter wurden in fast allen Familien gelesen.

Von einer Tagung des Landeskirchenrats in Kassel fand Pfarrer Dr. Ritter im Gemeindeblatt sehr kritische Worte. Er erlaubte sich zudem, seine Bewertung der Tagung, die offensichtlich von gelenkten SA-Gruppen massiv gestört worden war, in einem Bericht an die Gemeinde darzulegen.

Pfarrer Dr. Ritter schrieb: „Leider hat der Landeskirchentag einen Antrag angenommen, nach dem in allen kirchlichen Anstalten, Verbänden usw. 75 % Deutsche Christen in den Vorständen aufgenommen werden müssen.“ Es ging damals um den Ausschluss nicht arischer Christen aus kirchlichen Ämtern. Und weiter: „Eine solche Vergewaltigung unserer Kirche … (muss) unbedingt verhindert werden.“ Die SA saß in Kassel auf der Tribüne und lärmte, wenn die Reden nicht in ihrem Sinn dargeboten wurden. Einige Pfarrer wollten sich die Störungen nicht gefallen lassen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen, bei denen drei Pfarrer blutig geprügelt wurden.

Kurz nach Veröffentlichung des Blattes kam es zu Demonstration vor Ritters Haus in der Wörthstraße. Der Pfarrer wurde festgenommen, allerdings kam es zu keinem Prozess. Vor allem auch an den Schulen begannen sofort nationalsozialistische Indoktrination, geleitet von Schulrat Clößner und Kreisinspektor Seufer.

Am 3.April 1933 beschloss der Magistrat erste Ehrungen und Umbenennungen

Paul von Hindenburg und Adolf Hitler wurden zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt. Der Friedrichsplatz wurde in Adolf-Hitler-Platz, die Gutenbergstraße in Hermann-Göring-Straße und die Uferstraße in Bernhard-Rust-Straße umbenannt. Außerdem erhielt die Oberrealschule den Namen „Adolf-Hitler-Schule“, die Südschule wurde zu „Horst-Wessel-Schule“ und die Nordschule zur „Schlageter-Schule“. Ein Oberst hatte dem Magistrat vorgeschlagen, die Haspelstraße umzubenennen in „Franz-von-Papen-Straße“. Der Vorschlag wurde jedoch abgelehnt. Weitere Umbenennungen folgten später. Zuletzt wurde 1938 ein Teilstück der Biegenstraße zur „Straße der SA“ umbenannt.

Gegen Miesmachertum und Flüstereien

Nach der Absetzung von Oberbürgermeister Johannes Müller war Bürgermeister Walter Voß einziger Hauptamtlicher im Magistrat der Stadt. Er hatte die Anweisungen der Parteileitung im Rathaus und für die Stadt Marburg umzusetzen. So wies er alle Bediensteten an, das sogenannte „Miesmachertum“ unbedingt zu bekämpfen. Gerede und Flüstereien seien Fortsetzung der marxistischen Hetze. Miesmacher seien unverzüglich namhaft zu machen.

Weitere Anweisungen von Voß an alle Dienststellen waren:

- Angestellte und Arbeiter der Stadt sollten sofort aus der SPD austreten

- Der Hitlergruß beim Absingen des Deutschen Lieds und des Horst-Wessel-Lieds sei für alle Pflicht, auch ohne Mitgliedschaft in der NSDAP

- Sämtliche Beamten, Angestellten und Arbeiter der Behörden grüßen im Dienst und innerhalb der dienstlichen Gebäude durch Erheben des rechten Armes. Es wird von den Beamten erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen

Auch die Verwendung von Floskeln und Formalitäten wurden exakt angeordnet:
„ergebenst“ und „ersuchen“ sei zu verwenden in Schreiben an gleichgestellte Dienststellen, dafür „gehorsamst“ und „bitten“ an höhergestellte Dienststellen.
5
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
2 Kommentare
11.963
Volker Beilborn aus Marburg | 13.04.2016 | 21:00  
2.159
Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 13.04.2016 | 22:57  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.