Marburger Oberbürgermeister – Teil 3: Georg August Rudolph (1856-1884) war 27 Jahre lang Stadtoberhaupt

Oberbürgermeister Georg August Rudolph
    Marburg: Rathaus | Nach nahezu sechs Jahren ohne einen gewählten Oberbürgermeister wurde der Stadt Marburg im Dezember 1856 durch die Kurfürstliche Regierung der im September gewählte Assessor Georg August Rudolph als neuer Oberbürgermeister bestätigt. In der Zwischenzeit war die Stadt durch den Vizebürgermeister Lederer verwaltet worden.

Vorbei waren endlich die seit 1852 mit jeweiligem Misserfolg abgehaltenen Wahlgänge. Mal kam nicht die notwendige Stimmenmehrheit zustande, mal lehnte der gewählte Kandidat die Bedingungen zur Bestätigung der Wahl ab, mal lehnte die Regierung den Kandidaten ab und in einem Fall war der gewählte Kandidat mit 25 Jahren noch zu jung für das Amt. Nach den Bestimmungen der Hessischen Gemeindeordnung war 30 Jahre das Mindestalter für die Ausübung des Amtes als Oberbürgermeister.

Rudolph war mit dem Gehalt von 800 Talern einverstanden und gab auch an, nebenher kein weiteres „Geschäft“ als das Amt des Oberbürgermeisters auszuüben. Die Verpflichtung des neuen Oberbürgermeisters durch die Kurfürstliche Regierung fand am 16. Januar 1857 in Marburg statt. Sein Gehalt hatte er bereits ab dem 20. Dezember 1856 erhalten. Deshalb ist der offizielle Arbeitsbeginn mit dem Jahr 1856 anzugeben.

Bei seinem Amtsantritt war Rudolph vierzig Jahre alt (geb. 25. Sept. 1816 in Kassel, gest. 13. Dez. 1893 in Marburg) und seit kurzer Zeit in Marburg als Assessor tätig. Er hatte Jura in Marburg und Heidelberg studiert und sich offenbar in seiner Studentenzeit nicht in besonders ungesetzlicher oder respektloser Weise aufgeführt. Die Eintragungen in den vorliegenden Zeugnissen lassen ein für die damalige Zeit „normales“ Studentenverhalten ablesen. Im Zeugnis von 1842 heißt es:

„Wegen Nachtschwärmen und Trunkenheit ist derselbe mit 3 Tagen Carcer betraft worden,“ oder auch: „Wegen ungebührlichem Betragen gegen einen Universitätswächter ist derselbe mit 1 Tag Carcer bestraft worden“.

Solche Karzer-Arreste waren damals beliebt, weil sie dem Studenten sozusagen den Studien-Adel verpassten. Manche Studenten hatten deshalb bewusst versucht, durch eine Strafe zumindest einmal in den Karzer zu kommen. Eine Schrulle, die noch in im 20. Jahrhundert Bestand hatte.

Nach dem Studium war Rudolph Rechts-Praktikant bei Landgericht Kassel gewesen und dort Assessor geworden. In dem Bewertungsschreiben steht lapidar: „hat sich stets gut betragen“. Allerdings wurde 1853 in einer Akte vermerkt: „Rüge wegen Unleserlichkeit der Handschrift.“ Im Juli 1855 war er nach Marburg versetzt worden.

Kurhessen blieb bis 1866 ein rückständiger Staatenteil im Deutschen Bund

Die Verhältnisse in Kurhessen und damit auch in der Universitätsstadt Marburg besserten sich bis 1866, der Annexion durch Preußen, nicht im Geringsten. Die Einwohnerzahl blieb – im Jahr 1856 wurden 7.501 Einwohner gezählt – war über Jahrzehnte fast konstant geblieben. Noch immer wanderten viele Marburger nach Amerika aus.

Die finanziellen Zuwendungen von der Kurfürstlichen Regierung blieben bescheiden. Nach dem Bau des Anatomischen Instituts 1842 am oberen Ende der Ketzerbach (später nach Aufstockung Zoologisches Institut), erteilte die Regierung in Kassel 1856 die Bewilligung zum Baubeginn der Chirurgischen Klinik am Pilgrimstein 2. Die Klinik konnte schon zwei Jahre später eingeweiht werden. Die Universität führte ein bescheidenes Dasein.

An Bautätigkeiten der Stadt Marburg kann bis zum Übergang als Kreisstadt der Provinz Preußen angeführt werden:

1859 Überwölbung der Ketzerbach.
1861 Neuaufbau des Marktbrunnens, nachdem Studenten den alten Brunnen zerstört hatten.
1862 Gründung des Gaswerk im Afföller, zunächst von privater Hand. Im darauffolgenden Jahr brannten die ersten Gaslaternen statt der Öllampen in der Stadt,
1865 fanden die ersten Bestattungen auf dem neuen Friedhof an der Ockershäuser Allee statt. Die drei Friedhöfe am Michelchen, in der Barfüßer Straße und an der Pfarrkirche wurden aufgelöst.
1865 wurde an der Untergasse nach Abbruch von fünf Häusern ein Neubau für das Kurfürstliche Gymnasium begonnen.

Aber die großen „Baustellen“ der Stadt wie die ungelöster Frage der oft stinkenden Kloaken durch die noch immer frei im Stadtgebiet in den Straßen den Berg hinab laufenden Abwässer, die mangelhafte Trinkwasserversorgung bestanden weiterhin. Viele Zustände in der Stadt erinnerten an mittelalterlichen Verhältnisse.

Wie führte sich der neue Oberbürgermeister in der Stadt ein. Er kannte Marburg aus seiner Studienzeit, war aber erst gerade vor einem Jahr aus Kassel wieder in die Universitätstadt gekommen?

An den Auseinandersetzungen um die Überwölbung der Ketzerbach kann ein Bild von dem neuen Oberbürgermeister gezeichnet werden. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit kam ein Streit im Stadtrat um Mittelzuweisung für die Beseitigung der noch offenen Ketzerbach zur Entscheidung. Letztlich war es ein Konflikt, ein Konkurrenzkampf zwischen den Stadtteilgemeinden Oberstadt gegen die Bewohner der Ketzerbach.


Marburg war damals unterteilt in vier Stadtquartiere:


Quartier I: Barfüßer Straße, Markt, Mainzer Gasse und alle Straßen oberhalb dieses Bereichs,
Quartier II: alle Straßen und Gassen unterhalb dieses Bereich, dazu die Wettergasse bis zurr Wasserscheide (Renthof),
Quartier III: Steinweg, Pilgrimstein und alle Straßen nördlich davon, darunter die Ketzerbach mit Hinzunahme des Bereichs bis zum Elisabether Tor und die Teile auf dem Biegen,
Quartier IV: Lahntor, gesamt Weidenhausen mit den Bereichen vor Weidenhausen bis Hansenhaus, Grün mit samt den Bereich vor dem Grüner Tor und auf der Weide.

Die Oberstädter, unterstützt von den Bewohnern der anderen Stadtquartiere, wollten nicht den hohen Ausgaben für eine Überwölbung zustimmen. Sie befürchteten, dass der Stadtsäckel der immer noch „geldarmen Stadt“ nach den Ausgaben für die – nach Meinung der Oberstädter eigentlich abseits der Stadt angesiedelten - Ketzerbächer keine Mittel mehr für ihre Anliegen bereitstellen könnte. Der Anführer der Überwölbungsgegner war mehrmals, neben dem am Markt ansässigen Kaufmann Eberhard auch David Lederer gewesen.

Lederer war über sechs Jahre in der oberbürgermeisterlosen Zeit als Vizebürgermeister faktisch Amtsinhaber gewesen. Sein Versuch Oberbürgermeister zu werden war gescheitert. Zudem musste er mit dem Amtsantritt von Rudolph in den Stadtrat zurückkehren, denn dieser hatte ihn nicht zu seinem Vizebürgermeister bestellt. Im Stadtrat blieb Lederer politisch sehr aktiv. Durch seine langjährige Erfahrung war er ohne Zweifel eine politische Führerpersönlichkeit.

Als der über viele Jahre andauernde Streit um die Ketzerbach im Jahr 1858 in die entscheidende Phase ging, waren Lederer und Rudolph Gegner. Lederer legte Beschwerde gegen die schließlich nach langem Hin und Her getroffene positive Entscheidung der Regierung zur Überwölbung ein. Er hatte die Stadtratsmehrheit im Rücken. Rudolph vertrat die Entscheidung der Regierung und hatte sich auch im Stadtrat für die Überwölbung gestimmt.

Für die Streitigkeiten wurde viel Papier beschrieben. So war Lederer einmal mit einem über 20-seitigem Papier nach Kassel gereist, um die Beschwerde dort zu begründen. Aber die Ketzerbächer hatten neben in ihrem Sinne eingebrachten hygienischen Gutachten auch eine Kostenbeteiligung zugesagt.

Letztlich setzte sich die Argumentation von Rudolph gegen einige ungeschickt formulierte Beschwerdepunkte durch. Die Überwölbung der Ketzerbach wurde 1859 vollendet. Der neue Oberbürgermeister hatte sich taktisch klug verhalten und seine Position gefestigt. Er sollte noch mehr als zwanzig Jahre im Amt bleiben.

1866 Ende des Kurfürstentums Hessen und Annexion durch Preußen

Nachdem der Kurfürst im Deutschen Krieg auf der österreichischen und damit auf der falschen Seite stand, gehörte Kurhessen zu den Verlierern. Die Preußen besetzten 1866 das Land und annektierten es. Ab sofort war Hessen preußische Provinz. Der anfängliche Widerstand einiger treuer Kurhessen war bald verschwunden. Die schnelle Zustimmung derehemaligen Kurhessen zur neuen Preußenprovinz war dem preußischen König Wilhelm I. peinlich gewesen – wie er später niederschriebie. Besonders unangenehm berührt war er 1867 bei einer Durchfahrt durch Marburg, wo ihn eine begeistert zujubelnden Menge begrüßt hatte.

Die Herabstufung zu einer Provinz sollte für die Hessen kein Schaden sein. Kurhessen galt bis zu dieser Zeit als sehr rückständig. Es mussten einige Zöpfe abgeschnitten werden, damit es im Land aufwärts gehen sollte.

In Marburg änderten sich einige Gepflogenheiten, die noch aus dem Mittelalter stammten. So wurden ab 1866 nicht mehr die Stadttore jede Nacht verschlossen. Auch wurde das Zuchthaus aus dem Schloss heraus genommen und nach Kassel verlegt. Jede Viertelstunde hatte vom Schlossturm der Schlossbläser in der Nacht die Zeit geblasen. Auch diese – wohl nette und heimelige – Tradition war beendet worden. Das Staatsarchiv zog in die Schlossräumlichkeiten ein.

Hatte Marburg mit der Eisenbahnverbindung Kassel-Frankfurt, der „Main-Weser-Bahn“, ab 1852 nach Norden und nach Süden den Anschluss an die Welt gefunden, so kam aus Berlin jetzt reichlich finanzielle Unterstützung. Doch zuvor musste sich Marburg noch dagegen wehren, dass die noch kleine Universität (sie erhielt erst nach dem Ersten Weltkrieg den Namen „Philipps-Universität“) nach Frankfurt verlegt wurde.

Doch diese beabsichtigte Wegnahme der wichtigsten Marburger Institution konnte zum Glück verhindert werden. Und der preußische Staat hat anschließend die Marburger Universität so weit unterstützt, dass sowohl die Universität als auch die Stadt aufblühen konnten.

Dazu kam noch, dass Marburg Garnisonstadt wurde. Ein großes Kasernengebäude wurde ab 1868 gebaut (Kasernenstraße, heute Gutenbergstraße). Marburg prosperierte.

Auflistung einiger hervorzuhebender Ereignisse und Baumaßnahmen:

1867/68 Frauenklinik Hebammenlehranstalt wird gegründet
ab 1870: Erweiterung der Universität mit Abbruch des Dominikanerklosters und anschließend Neubau der Universität am Lahntor
1873 Neubau des Pharmazeutisch-Chemischen Instituts am Marbacher Weg 1
1873-1877 Errichtung der Landesheilanstalt an der Cappeler Straße
1881 das Chemische Institut wird in der Bahnhofstraße 7 erstellt
1885 Bau der Universitäts-Augenklinik, Obere Rosenstraße (jetzt: Robert-Koch-Straße)

Auch im Stadtbild änderte sich vieles:

1873 Verbindung Untergasse zum Philosophengärtchen (heute obere Gutenbergstraße) wird hergestellt
1875 das Kalbstor, seit 1605 verschlossen gewesen, wird wieder geöffnet
1878 Gründung der Städtischen Höheren Mädchenschule (ab 1912: Elisabethschule)
1879 die bisherigen Tonwasserrohre werden durch eiserne Rohre ersetzt
1880 Planungen für das Südviertel werden aufgestellt, erste Dammschüttungen erfolgen ab 1885 mit Höherlegung der Haspel-, Wilhelm-, Schul- und Wörthstraße (später: Liebigstraße)
1884 Eröffnung des Schlachthofs in der Nähe des Rudolphsplatzes

Die Handwerker profitierten von den Bauaktivitäten der Universität. Aber nicht nur Bauhandwerker, Fuhrleute, Metallschmiede usw. erhielten Aufträge, auch neue größere Firmen entstanden wie

1870 Brauerei Bopp am Pilgrimstein wird gebaut
1874 Marburger Tapetenfabrik entsteht

Auch das bürgerliche Leben in der Stadt nahm – nach den politisch aufregenden Jahren – einen Aufschwung: eine Vielzahl von Bürgervereinen entstanden, Gesangvereine, Musikgruppen wie Zitterkranz, der sich in der Alten Post regelmäßig traf. Die Wirtshäuser rund um Marburg hatten am Sonntag regen Besuch

Marburg erhält wieder mehrere Zeitungen: Oberhessische Zeitung (ab 1866), Hessische Landeszeitung (ab 1884) und das erste Adressbuch, noch mit den alten Häuserbezeichnungen nach laufenden Nummern (fast 1.000 Häuser waren nummeriert) erscheint in der Druckerei Koch.

Im Eisenbahnbau werden die Planungen für Anschlussbahnen von Marburg aus nach Norden und Westen langsam konkreter:
1883 Baubeginn der Eisenbahnstrecke Marburg – Cölbe – Laasphe
1887 Baubeginn der Eisenbahnverbindung von Marburg nach Frankenberg

Rudolph wurde hoch geehrt

Rudolph hatte als Oberbürgermeister von Marburg die Aufgabe, die noch immer wie im Mittelalter am Schlossabhang klebende Stadt in die neue Zeit zu führen. Er blieb über zwanzig Jahre lang Leiter des Magistrats, auch vertrat er Marburg für mehrere Jahre im hessischen Kommunal-Landtag in Kassel.

Von der Bürgerschaft erhielt er höchste Anerkennung für sein Wirken. Schon im Jahr 1869, zu seinen Lebzeiten, wurde eine Straße nach seinem Namen benannt. Im Wochenblatt vom 31. September 1869 heißt es:

„Dem mehrfach gefühlten Bedürfnis, die Strassen unserer Stadt, soweit sie noch keinen Namen haben, mit solchen zu belegen, soll an einem öffentlichen Platz nunmehr entsprochen werden, dachdem derselbe am vergangenen Sonnabend seine Taufe erhielt. Es war ein recht heiterer Abend, der die Anwohner des Platzes an der Weidenhäuser Brücke und viele andere zu diesem Zwecke vereinte. Da die Anlage des Platzes ihre Entstehung nur dem Herrn Oberbürgermeister verdankt, konnte es nicht anders sein, als dass derselbe auch Pate wurde und heißt mithin Rudolphsplatz …“

Zu seinem 25. Dienstjubiläum als Oberbürgermeister wurde ihm im Dezember 1881 sowohl von den Sängern der Liedertafel, dem Liederkranz als auch von den Sängern des Liedervereins vor seinem Wohnhaus auf der Ketzerbach ein Ständchen dargeboten.

Am 3. August 1884 wurde Rudolph Ehrenbürger der Stadt Marburg und erhielt eine Gedenktafel mit den wichtigsten Marburger Stationen seiner Amtszeit: Ketzerbach, Bahnhofstraße, Kaserne, das Mädchen-Schulgebäude in der Universitätsstraße, das Schlachthaus, Wasserleitung usw. Die Tafel wurde bei Elwert in der Reitgasse ausgestellt, damit die Bevölkerung diese Tafel betrachten konnte.


Am 13. Dezember 1883 schrieb Rudolph an die Regierung um seinen Abschied:


„Infolge meines nun seit Jahren zunehmenden Kopfleidens fühle ich mich zu meinem Leidwesen außer Stande, den mir als Oberbürgermeister unserer Stadt abliegenden Verpflichtungen weiter nachkommen zu können.“ Er bat weiterhin, ihn vom Amt unter „Anweisung meiner Pensionssumme zu entbinden“.

Vizebürgermeister Professor Ubbelohde, Vater des später berühmten Malers Otto Ubbelohde, übernahm daraufhin die Aufgaben des Stadtoberhaupts bis zur Bestellung eines Nachfolgers. Die Stelle wurde im Februar 1884 ausgeschrieben. Der neue Oberbürgermeister hieß anschließend Ludwig Schüler.

Den wohl besten Nachruf auf Oberbürgermeister Rudolph, der am 15. Dezember 1893 in Marburg verstarb, ist ein Nachtrag aus der Studienzeit:

Rudolph war Mitglied des „Corps Teutonia Marburg“ gewesen. Zeitweilig hatte er auch dem „Cops Guestphalis Marburg“ angehört. Dort war er 1840 ausgetreten und es gab folgende Bemerkung zu Rudolph

„Rudolph, der schon von Anfang an den Leuten mit seinem Hang zur Teutonia missfiel, trat aus,
um zu o c h s e n , vielleicht zu unserem Besten unter missbilligender Verwunderung der anderen.“

(Beitrag wird noch ergänzt)
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3 Kommentare
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Heinrich Rautenhaus aus Marburg | 30.12.2015 | 00:40  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 30.12.2015 | 09:00  
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Heinrich Rautenhaus aus Marburg | 31.12.2015 | 03:02  
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