Marburger Oberbürgermeister – Teil 2a: 1847 tritt Adam Heinrich Wilhelm Uloth als zweiter Oberbürgermeister von Marburg sein Amt an

Ausschnitt aus Gemälde von Mades im Rathaus (Foto)
Marburg: Marktplatz | Im Oktober 1846 hatte das zuständige Kurfürstliche Ministerium in Kassel der Pensionierung von Theodor Valentin Volkmar zugestimmt. Volkmar war seit 1834 erster Oberbürgermeister der Stadt Marburg gewesen. Im Jahr 1840 auf zehn Jahre gewählt, musste er sein Amt wegen Erkrankung vorzeitig abgeben. Nur wenige Monate nach seiner Pensionierung ist er danach an seiner Krankheit in Marburg verstorben.

Unverzüglich wurde vom Rat der Stadt die Wahl des Nachfolgers angesetzt. Der favorisierte Kandidat für die Wahl des neuen Stadtoberhauptes war Vizebürgermeister Adam Heinrich Wilhelm Uloth. Dieser stellt jedoch umgehend Bedingungen: „Ich beharre auf Anstellung auf Lebenszeit!“

Die notwendige Wahl zum neuen Oberbürgermeister fand Anfang November 1846 statt mit folgendem Ergebnis:

Obergerichtsanwalt Uloth - 27 Stimmen
Obergerichtsanwalt Schantz - 3 Stimmen
Obergerichtsanwalt Goddäus - 4 Stimmen
Obergerichtsanwalt Dr. Sternberg - 1 Stimme
Obergerichtsanwalt Heß - 1 Stimme
Stadtsekretär Schippermann Kassel - 3 Stimmen

Damit war – so hielt es das Protokoll fest – Uloth auf 5 Jahre gewählt.

Uloth bestand jedoch weiterhin auf Anstellung auf Lebenszeit und bekundete vor dem Rat mit ausführlich vorgetragenen Begründungen, dass er die Wahl nicht annehmen könne. Noch am 1. Dezember blieb er bei seiner Forderung.

Doch nachdem ihm offenbar klar geworden war, dass er damit nicht durchkam, muss er seine Nichtannahme der Wahl schnell zurückgenommen haben. Denn schon am 3. Dezember ist vermerkt: „Die Zurücknahme seiner Ablehnung ist genehmigt.“

Am 19. Januar1847 fand die offizielle Amtsübergabe an Uloth im Sitzungszimmer der Kurfürstlichen Regierung statt: „in Eid und Pflicht genommen“. Damit war Uloth das zweite Stadtoberhaupt mit dem Titel „Oberbürgermeister von Marburg“ geworden.

Auf den neuen Oberbürgermeister kamen schwere Zeiten zu.

In seine Amtszeit, die nur bis 1850 dauerte, fielen die Auseinandersetzungen der Regierung, der Konservativen mit den Rebellen von Seiten der Demokraten und Liberalen. Die Rebellen bezogen sich auf die Verfassung von 1830 und planten nichts anderes als eine neue Revolution im Staate.

Gerade in Marburg gab einige sehr aktive und wenig von Widerständen beeindruckte Demagogen. Sie brachten mit flammenden Reden ihr Publikum hinter sich.

Zuerst muss berichtet werden, dass das Jahr 1846 Missernten und eine Kartoffelkrankheit gebracht hatte. Die Folge waren Hungersnot und Teuerungen. 1847 wurde in Marburg eine Suppenküche für die Ärmsten (Marburger Suppenanstalt) eingerichtet.

Es häuften sich Auseinandersetzungen von Aufwieglern mit ihren Anhängern und der Obrigkeit.

An Namen der flammenden Demagogen sind bekannt geworden:
Obergerichtsanwalt Henkel, den demagogische Beredsamkeit auszeichnete. Vor allem zog Professor Bayrhoffer, ein radikaler Junghegelianer die Massen an. Schon 1845 hatte auf der Dammühle aufrührerische Reden gehalten, wie es heißt: „bei Lederer-Freibier“. Bayrhoffer war auch mit einer neuen religiösen Bewegung aktiv, er wurde auch als "Der neue Luther" bezeichnet.

Der bekannteste Name und begeisternder Redner in den Jahren zwischen 1830 und 1840 war Sylvester Jordan gewesen. Dieser hatte 1830 war überall bekannt und als Führer unumstritten gewesen. Jordan hatte seinen Gegenspieler in Minister Hassenpflug. Doch dieser hatte 1837 sein Amt niedergelegt. Jordan, vorher Volksheld, wurde 1839 verraten und saß lange Jahre in Untersuchungshaft im Marburger Schloss.

Bayrhoffer war unumstrittener Nachfolger von Jordan in Marburg. Er riss die Massen mit sich. Die Stadt kam nicht zur Ruhe. Die Ruhestörungen steigerten sich in 1847 und mündeten in Krawalle, die 1848 zum Höhepunkt kamen.

Das Volk in Marburg wurde – so ist die Sichtweise der Seite, welche die Obrigkeit vertraten – in Atem gehalten durch die Presse, Volksredner, Volksfeste, Vereine und Anteilnahme an den Verfassungskämpfen. Professor Bayrhoffer war jeweils Anführer der Aufrührer. Er konnte eine große Menge des Volkes hinter sich bringen. Besonders die Demokraten wurden unter seiner Führung immer revolutionärer und offenbarten sich rein republikanisch. Bayrhoffer war von 1848-1850 von Marburg aus gewählt Mitglied der Ständekammer in Kassel und 1850 ihr Präsident geworden. Nach der Reaktion wurde er verurteilt, flüchtete zuerst nach Zürich und wurde danach Farmer in Amerika

Katzenmusiken und Fenstereinwürfe

Die Krawalle von 1848 waren besonders Katzenmusiken und Fenstereinwürfe der unbeliebten Persönlichkeiten. Unter „Katzenmusik“ muss sich der heutige Leser eine Ansammlung von Lärminstrumenten aller Art vorstellen, die Ohren zerreißenden, schauderhaften Radau verursachten. Dargeboten wurde ein tumultartiges, lärmendes Durcheinander von Trommeln, Pfeifen, Glocken, Hörnern, Ratschen, Blecheimer, Topfdeckel, Trompeten und Dreschflegeln. Alles in höchstmöglicher Lautstärke. Dieses Spektakel aus Geheule, Gejauchze und Gekreische wurde politisch unliebsamen Personen geboten.

Erst als das ausgiebig mehr als einen Monat lang besorgt war, griff Oberbürgermeister Uloth ein und befahl die Bürgergarde, alle diese Ruhestörer sofort zu verhaften. Damit hatte es aber gute Weile. Diese zum Schutz der Ruhe von 1830 gegründete Truppe war auch jetzt noch nicht dazu fähig, war auch selbst, wenigstens mit ihren Mitgliedern, beteiligt, Das oppositionelle Kasseler Witzblatt „Die Hornisse“ beschrieb die Marburger Zustände einmal wie folgt: „Hier amüsiert man sich seit einiger Zeit damit, … die großen Straßenlaternen abzuhängen und irgendeinem beliebigen Dunkelmann vor die Tür zu stellen. Wo ist die Bürgergarde? Antwort: Vor dem Barfüßer Tor bei der Katzenmusik, sie (die Bürgergarde) kann doch nicht überall sein.“

Derartiger Unfug dauerte mit kleinen Pausen das ganze Jahr 1848 bis 1849 an. Als die Bürgergarde sich als zu schlapp erwies, errichtete Oberbürgermeister Uloth ein „freiwilliges Hilfskorps“ für die Bürgergarde. Hauptsächlich Studenten und dreißig Mann vom Turnverein konnten zeitweise größere Ausschreitungen verhindern. Militär lag nicht in der Stadt Marburg. Nur auf dem Schloss, in dem das Zuchthaus angesiedelt war, lagen einige Veteranen zur Bewachung der dort Einsitzenden. Zeitweise befürchtete man sogar Ausbrüche aus dem Zuchthaus.

Ein Bericht liegt vom 3. Weihnachtsfeiertag 1848 vor. Bayrhoffer hatte wieder eine demagogische Hetzversammlung vor dem Rathaus abgehalten. Danach brach die Menge auf, um zuerst dem Bierbrauer und Landtagsabgeordneten Lederer eine Katzenmusik darzubringen und anschließen dem Gymnasialdirektor Vilmar, weil dieser auf ruhige Bürger geschossen haben sollte. Nachdem man die Fensterscheiben eingeworfen und die Türe mit einem Balken zertrümmert hatte, drang man nicht weiter in das Haus ein. Offenbar befürchtete die Menge, Vilmar könnte seine Warnung wahr machen.

Vilmar zur Hilfe kamen Buchhändler Elwert und Apotheker Heß. Auch Oberbürgermeister Uloth konnte keine Ruhe stiften und wurde ebenfalls angegriffen.

1848 - das Revolutionsjahr

1848 war von den rebellierenden Demokraten ein „Volksrat“ gebildet worden. Dieser stellt einen Forderungskatalog mit Anträgen an die Ständekammer in Kassel auf: u. a. Neubau mehrerer Kliniken und eines „anständigen Universitätsgebäudes“, Errichtung einer Irrenanstalt sowie zwei Professuren für Kriegswissenschaften. Auch forderte man die Vereinigung von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Alle acht Tage gab es Diskussionsveranstaltungen im „Europäischen Hof“ oder im Rathaus.

Die republikanischen Parolen gipfelten in revolutionären Parolen wie: „Fürsten zum Land hinaus!“. Die Forderungen lauteten auf ‚Abschaffung der Fürsten, des Adels, der Bürokratie und aller Privilegien des Besitzes („Die Rothschilds in die Luft sprengen!“), alle Tyrannen seien zu beseitigen.

1848 geht als das Revolutionsjahr in die Marburger Geschichte ein. Bereits im März war es zu Tumulten auf dem Markt gekommen. Volksversammlung reihte sich an Volksversammlung. am 9. November gab es Tumulte am Rathaus bei der Musterung und der 17. Dezember ist als “Die Marburger Revolte“ verzeichnet.

Die Marburger Stadtverwaltung

Die Einwohner Marburg waren sicherlich gespalten und nicht alle auf der gleichen Linie. Viele sahen ihr Heil in der Auswanderung. Für das Jahr 1849 werden angegeben: von 8428 Einwohnern wanderten 853 aus.

An administrativen Maßnahmen ist der Stadtverwaltung ist nur wenig zu berichten. Die Bautätigkeit in der Stadt war bereits seit 1840 so gut wie zum Erliegen gekommen. Viele Häuser standen zum Verkauf. Aber es gab keine Käufer.

Immerhin konnten die städtischen Bediensteten bezahlt werden:

die Branntweinaufseher, die Nachtwächter samt Obernachtwächter, die Marktmeister, Kirchendiener, Aufseher, Totengräber, Executanten, Torschreiber, Ausrufer, Pflastermeister, Stadtdiener, Erheber, Flurhüter, der Leihhauskassier und der Pedell.

Positiv ist anzusehen, dass ab 1847 mit dem Bau der „Main-Weser-Bahn“ begonnen wurde und Marburg bald den Anschluss an die Welt bekommen sollte. Eine Reise nach Frankfurt oder Kassel war bisher mit mindestens drei Tagen anzurechnen. Mit der zukünftigen Eisenbahn sollten es drei Stunden werden. Die Bahnlinie mit sämtlichen Brücken wurde zwar auf zwei Gleise trassiert und gebaut. Doch wurde zuerst nur ein Gleis gelegt.

Im Februar 1848 berichtetr Oberbürgermeister Uloth über den mit dem Staate, der ,Kurfürstliche Bezirks-Direction, abzuschließenden Vertrag über den Ankauf des Richtsbergs am Glaskopf und am Kirchhainer Weg. Ebenso wird bekannt, dass Oberbürgermeister Uloth mit einer Gehaltskürzung im Notjahr 1847 (Reduzierung auf 600 Taler statt 700 Taler) nicht einverstanden war: „Ich lasse mir das nicht gefallen!“ Er gibt an, im Amtsvorstand viele außergewöhnliche Mühe gehabt und „viele Geschäfte veranlaßt zu haben“.

Hier wird bereits deutlich, dass sich Uloth in Marburg nicht so recht wohlfühlte. Die Studentenstadt war besonders von den Unruhen dieser Revolutionsjahre betroffen. Uloth musste dabei die Staatsmacht vertreten. Diese war anfangs recht lässig mit den Unruhen und Tumulten umgegangen. Die örtliche Bürgergarde war der Lage nur wenig gewachsen. Viele dürften auch mit den Demonstranten sympathisiert haben.

1849 kam es im „Hessischen Ständerath zu Kassel“ zur Steuerverweigerung. Auflösungen des Rats durch Minister Hassenpflug brachten keine gewollten Ergebnisse. Am 7. September 1850 griff die Regierung in Kassel durch. Der Kriegszustand wurde verhängt.

Am 14. September 1850 hatte Uloth noch das Stadtratsmitglied David Lederer (1801-1861) „an Stelle des hier abgegangenen Beigeordneten von Goddäus“ zu seinem Stellvertreter ernannt.

Uloth hatte sein Haus in Marburg bestellt. Denn er hatte sich schon längst um eine andere Stelle in einer anderen Stadt bemüht. Und am 13.10.1850 wurde

„Oberbürgermeister Uloth zu Marburg allergnädigst zum Regierungsrath ernannt und demselben ein Jahresgehalt von 1.000 Talern aus der Staatskasse vom 1. des Monats an huldreichst bewilligt derselbe auch mit der Stelle des Bezirks-Directors zu Hersfeld beauftragt worden ist …“ gez. Hassenpflug

Uloth verließ wohl ohne Wehmut die unruhige Universitätsstadt und nahm ein deutlich höher besoldetes Amt in Hersfeld an.

Adam Heinrich Wilhelm Uloth war von 1845 bis 1846 Vizebürgermeister und von 1847 bis 1850 Oberbürgermeister der Stadt Marburg.

(Auszug aus einer größeren Ausarbeitung - im Entwurf)

Auf Nachfrage: Nach Teil 2a folgt Teil 2b mit dem Titel: Oberbürgermeisterlose Zeit (1850-1856), Teil 3 wird dem dritten Oberbürgermeister (Rudolph) gewidmet sein.
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Horst Becker aus Wohratal | 17.12.2015 | 22:23  
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