Marburger Oberbürgermeister – Teil 1: 1835 wurde Theodor Valentin Volkmar erster Oberbürgermeister von Marburg

Marktplatz in Marburg um 1830. Die beiden Häuser links und rechts am Beginn der Nikolaistraße geben heute ein anderes Bild ab. Das Haus links wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt ("Gasthaus Krone"). Das Fachwerk des Hauses rechts wurde verkleidet (heute: Teppichhaus Schramm)
Marburg: Rathaus | Erstes Oberhaupt von Marburg mit dem 1834 neugeschaffenen Titel eines Oberbürgermeisters wurde Theodor Valentin Volkmar. Volkmar stammte aus Frankenberg. Er war dort am 23. November 1781 als Sohn des dortigen Posthalters geboren. 1805 heiratete er Katharina Wilhelmine Hansmann. Vor seiner Bürgermeistertätigkeit war Volkmar Hofgerichts-Prokurator gewesen. Er hatte dementsprechend juristische Vorkenntnisse und entsprach somit den Bedingungen zur Ausführung des Amtes als Bürgermeister einer Stadt.

Bereits im Jahr 1833 und 1834 war Volkmar als Bürgermeister von Marburg gewählt und bestätigt worden.

Die Situation von Marburg um 1830

Für die Stadt Marburg standen die Jahre nach der Franzosenzeit unter Brisanz. Jedoch hatte sich das im 13. Jahrhundert durch die Wallfahrten zur Grabeskirche der Heiligen Elisabeth entwickelte Stadtbild über die Jahrhunderte kaum verändert. Die Häuser, Straßen und Gassen waren angesiedelt am Berg unterhalb des herrschaftlichen Schlosses, umringt und geschützt von der Stadtmauer.

Die Stadttore wurden wie seit Jahrhunderten auch 1835 und danach noch über Jahrzehnte jede Nacht geschlossen. Die Nachtwächter sorgten allabendlich mit ihrem Hornblasen für Ordnung in der Stadt.

Eine Veränderung der Straßensituation hatte es 1723 gegeben. Mit dem Bau einer steinernen Brücke ("Elisabethbrücke") über die Lahn nördlich der Stadt musste der Postkutschenverkehr nicht mehr nur durch Weidenhausen laufen. Über diese neue Verbindung (heute: Bahnhofstraße) kam man von nun an von Norden her direkt zum Elisabether Tor in den Bereich der Ketzerbach und zum Steinweg. Die Bürger von Weidenhausen hatten diese neue Zufahrt, wie man sich denken kann, als große Schwächung ihrer wirtschaftlichen Situation gesehen.

Die Einwohnerzahl von Marburg hatte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit mehr als 7.000 Einwohnern wieder die Werte aus dem Mittelalter erreicht. Pest und der Dreißigjährige Krieg hatten die Einwohnerzahl bis unter 3.000 sinken lassen. Davon musste sich Marburg über viele Jahrzehnte erholen.

In der Franzosenzeit war Marburg 1807 unter König Jérome Sitz einer Präfektur geworden. Es gab nur wenige Zerstörungen. Der neue König, Bruder Napoleons, wurde sogar mit Festreden in der Stadt empfangen. Die Franzosen führten einige Neuerungen ein, so die Nummerierung der Häuser und die Straßenbeleuchtung.

Von nun an brannten in Marburg bis 1863 (von diesem Jahr an gab es Gaslaternen) an eisernen Ketten hängende Öllampen. Sie wurden mit Olivenöl bestückt, das vor allem aus Italien kam. Dort wurde aus den Früchten unzähliger Oliven das Öl gepresst, welches beispielsweise von Gallipoli aus mit unzähligen Schiffsflotten nach Hamburg angeliefert wurde. Dementsprechend teuer war das benutzte Öl. Um zu sparen, verfügte der Marburger Stadtrat unter Bürgermeister Volkmar im Jahr 1833, bei Mondschein keine Straßenlaternen anzuzünden.

Als Spottgesang belegt diese Tatsache eine Strophe aus dem Lied „Ach in Marburg ist´s gar zu schön“:

Steht Mondschein auf dem Papier
Im akademischen Adreßkalender hier,
So brennt der Laterne nicht eene,
Ach in Marburg ist`s gar zu scheene.

Nachdem die Franzosen vertrieben waren, war die Frage, welche Verfassung gelten sollte, über Jahre ein Streitpunkt. Über Jahrhunderte hatte ein „Vierer“, gebildet aus dem Rat der Stadt, über die Wahl des Bürgermeisters entschieden. Doch die Ideen der französischen Revolution waren nicht mehr aus den Köpfen der Menschen zu bekommen.

1824 beschweren sich Bürgermeister und Rath der Stadt Marburg bei der Regierung in Kassel wegen observanzwidriger vorgenommener Wahl des Bürgermeisters. So war beispielsweise die Wahl von Wilhelm Duysing zum Bürgermeister als nichtig erklärt worden.

1831 hatte es in Kurhessen unter Stabführung des beredten Marburger Staatsrechtlers Sylvester Jordan eine neue Verfassung gegeben. Es war die wohl fortschrittlichste Verfassung im Deutschen Bund. Doch der Kurfürst wandte sich gegen die Einführung der Festlegungen wo er nur konnte.

1835 erhielt Marburg als Stadtoberhaupt einen Oberbürgermeister

1834 führten die Neuerungen zur Bildung einer neuen Gemeinde-Ordnung für Kurhessen. Sie kam am 23.10.1834 zum Zuge. Marburg erhielt wie die anderen "Hauptstädte" von Kurhessen (Kassel, Hanau, Fulda) einen Oberbürgermeister.

1835 kam es zur ersten Wahl eines Oberbürgermeisters in Marburg. Der Bewerber Volkmar, bereits zwei Jahre Bürgermeister der Stadt und durch diese Tätigkeit bei der Wahl klar im Vorteil, erhielt 40 Stimmen, seine Konkurrenten Obergerichtsanwalt Baumgart erhielt 4 Stimmen und Obergerichtsanwalt Metz 1 Stimme. Damit war Volkmar auf 5 Jahre gewählt.

Die Aufgabenstellung des neuen Oberbürgermeisters unterschied sich nicht von den Aufgaben als bisheriger Bürgermeister. Aber der Titel wog schwerer. Die Bezeichnung "Ober" im Titel bedeutete in vielen Bereichen eine Höherstellung. So gab es einen Oberschultheißen, einen Obernachtwächter, einen Oberförster, und auch - neben vielen anderen - einen Obergerichtskanzleiregistratoren.

Für einen Oberbürgermeister waren diese Jahre schwierige Zeiten. Seit 1831 hatte es in Marburg immer wieder Unruhen in der Bevölkerung gegeben. Tumulte, Volksversammlungen, Hetzreden in Wirtshäusern waren an der Tagesordnung. Höhepunkt der Unruhen war 1833 der Sturm auf die Hauptwache.

Die Regierung in Kassel setzte eine Untersuchung ein und sorgte mit Macht für Ruhe. Bei den Befragungen in den Untersuchungen soll Oberbürgermeister Volkmar ausgesagt haben, dass er keinen der Aufrührer erkannt habe. Eine wohl kaum zutreffende, aber bezeichnende Aussage. Volkmar wird Jahre später auf diese schwierigen Zeiten verweisen, als er zum Ende seiner Tätigkeit schwer erkrankte.

Die Bürgerschaft erkundete zur dieser mit aufkommender romantischer Begeisterung die schöne Marburger Umgebung. Einige Gasthäuser lagen in der Umgebung wie Hansehaus, Dammühle und Kalter Frosch. Aber auch Ruhesitze am Dammelsberg, auf Spiegelslust und an anderen Stellen mit Blick auf die Stadt wurden angelegt.

Allerdings ging auch eine Tradition verloren: 1834 fand letztmalig ein Grenzgangfest statt. In der Beschreibung heißt es, dass Bürgermeister Volkmar und Vizebürgermeister Ulrich der Gesellschaft vorangeschritten seien. Die Bürgermeister der angelaufenen Nachbargemeinden waren jedesmal dabei.

Die wirtschaftliche Situation der Stadt Marburg

Nachdem noch ab 1830 einige private Bauherren markante Häuser in der Stadt errichtet hatten (1830: „Alter Ritter“ - Ketzerbach 1, 1834: „Europäischer Hof“ - Elisabethstraße 12, erste Überwölbungen der Ketzerbach), kam in der Stadt ab 1840 die Bautätigkeit durch die Bürger praktisch zum Erliegen. Der Stadt und dne Bürgern fehlten die finanziellen Mittel. Marburg war sehr arm.

Der Oberbürgermeister bekam im Jahr anfangs 500 Taler, später 700 Taler. Das war nicht schlecht. Im Vergleich dazu musste der Obernachtwächter mit 70 Talern und jeder der weiteren sechs Nachtwächter mit 50 Talern im Jahr auskommen. Meist musste eine weitere Beschäftigung herhalten.

Über noch weniger Geld dürften die mehr als 150 Schuhmacher der Stadt verfügt haben. Demgegenüber brachten die Studenten, fast alle Kinder vermögender Eltern, der Stadt und den Vermietern und Handwerkern gute Einnahmen.

Ein Professor stellte dar, dass je 100 Studenten in der Stadt etwa 20.000 Taler umsetzten. Das waren pro Student um die 200 Taler pro Jahr als Verfügungsmasse. Ein Studentenzimmer brachte den Vermietern 10 Taler pro Semester. Ein Schoppen Bier kostete 8 Pfennige. Bierkonsum war demnach für die Studenten kein Luxus. Noch nach 1900 war eine Biermarke auf einem Verbindungshaus 10 Pfennige wert. Diese Marken wurde manchmal von Studenten beim Kutscher der Pferdebahn (ab 1903) als Fahrschein eingetauscht.

Marburg hatte damals eine Vielzahl von Kneipen. 1847 wurden 76 Schankwirte, 6 Speisewirte, 4 Gasthäuser mit und 10 ohne Weinzwang (viele mit Kegelbahn), 14 Weinwirte, 2 Branntweinbrennereien, 2 Destillateure und 5 Branntweingroßhändler gezählt. Diese dürften vor allem von den fast 300 Studenten profitiert haben.

Einen Lichtpunkt für die Entwicklung der Stadt setzte 1845 der Vertrag, die Eisenbahnlinie zwischen Kassel und Frankfurt („Main-Weser-Bahn“) über Marburg zu planen. Fulda hatte sich sehr bemüht, aber Marburg hatte gewonnen. 1847 wurde mit dem Bau der Bahnlinie begonnen.

Größter Bauherr der Stadt war auch damals schon die Universität. Diese bezog ihre Mittel von der kurhessischen Verwaltung aus Kassel. Von 1839 bis 1842 wurde die neue Anatomie am Ende der Ketzerbach erbaut. Später aufgestockt wurde sie als Zoologisches Institut genutzt.

Der Dörnberger Hof, am Renthof 6 gelegen, wurde 1843 zum Naturwissenschaftlichen Institut (Sternwarte) umgebaut. Ab 1846 wurde nach Plänen von Professor Lange neben dem Elisabeth Hospital am oberen Pilgrimstein die Chirurgische Klinik errichtet. Einige Marburger Handwerker konnten von diesen Bauaktivitäten der Universität profitieren.

1840 Wiederwahl von Volkmar als Oberbürgermeister auf zehn Jahre

Als es 1840 der Gemeindeordnung gemäß zur erneuten Wahl des Oberbürgermeisters in Marburg kam, stellte Volkmar den Antrag, auf Lebenszeit gewählt zu werden. Er verband dies mit Hinweisen auf schwere Opfer sowie der drückenden Last der zahllosen Geschäfte und der unzähligen verdrussvollen Beschwernissen der bereits sieben Jahre ausgeübten Dienstes als Bürgermeister und als Oberbürgermeister. Die Wahl auf Lebenszeit stellte er als Bedingung, damit er wieder zur Wahl antreten würde.

Am 14.10.1840 wurde vom Ausschuss der Antrag von Volkmar, auf Lebenszeit gewählt zu werden, abgelehnt.

Am 19.10.1840 antwortet Volkmar des Ausschuss-Vorsteher: „Es ist nicht möglich, mich noch mal einer Wahl auf 5 Jahre unterziehen. … Ich würde auch gegen mein Ehrengefühl handeln, da ich bereits seit 1803, mithin schon 37 Jahre, und während dieser Zeit 15 Jahre in der Verwaltung, folglich viel zu lange gedient habe, um nochmals 5 Jahre auf Probe dienen, während dieser Zeit den Rest meiner im Dienst erschütterten Gesundheit aufreiben und dann von dem unverbürgten Zufalle einer neuen Wahl und deren Bestätigung abhängen zu müssen. …"

Dem Antrag von Volkmar „auf Lebenszeit“ wurde nicht entsprochen. Aber er wurde am 4.11.1840 wiedergewählt, jedoch nicht auf fünf, sondern auf 10 Jahre.

Im November 1845 erkrankte Oberbürgermeister Volkmar. Er wurde durch den Vizebürgermeister Heinrich Wilhelm Uloth vertreten. Dieser war im August 1845 zum Vizebürgermeister gewählt worden. Volkmar hatte nach seiner Erkrankung von seinem Gehalt von 700 Talern an Uloth 200 Taler abgegeben für dessen Tätigkeit als Vertretung.

Im Juni 1846 schreibt Vizebürgermeister Uloth an die Regierung in Kassel, dass der hiesige Ortsvorstand durch die Verhinderung des Oberbürgermeister Volkmar wegen der fortdauernden Krankheit seit einem dreiviertel Jahr durch ihn verwaltet worden sei.

Die Krankheit von Volkmar wurde wie folgt beschrieben: Die Krankheit habe er sich durch die Anstrengungen und den „öfteren im Dienst erlittenen Ärger“ zugezogen. Lange Zeit habe dieser jede Nacht den Tod des Erstickens zu befürchten gehabt.

Im Oktober 1846 bestätigt das Kurfürstliche Ministerium des Inneren in Kassel, dass Volkmar wegen Krankheit sein Amt niederlegen kann. Er erhielt ab November 1846 eine Pension von 500 Thalern jährlich. Aber nur wenige Monate darauf ist Volkmar im Aler von 66 Jahren am 8. Februar 1847 in Marburg verstorben. Seine Frau überlebte ihn um zehn Jahre.

Dieser Bericht ist Teil 1 einer Folge über die "Marburger Oberbürgermeister im 19. und 20. Jahrhundert"
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Volker Beilborn aus Marburg | 06.12.2015 | 08:43  
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