Marburger Oberbürgermeister – Nr. 7: Johannes Müller (1927-1933)

Johannes Müller, Oberbürgermeister von Marburg 1927-1933 - Presseamt der Stadt Marburg
 
Johannes-Müller-Straße in Marburg
 
Marburg-Besucher zur 400-Jahrfeier der Philipps-Universität
 
Ortenberg in Marburg mit "Kurhotel Ortenberg" - Ansichtskarte 1930
 
Schlosspark-Bühne - Ansichtskarte 1930
Marburg: Rathaus | Nach dem unerwartet frühen Tod des erst zwei Jahre im Amt befindlichen Oberbürgermeisters Georg Voigt und dem unmittelbar bevorstehenden Jubiläum der Universität befanden sich die Verantwortlichen der Stadt Marburg im April 1927 im Zugzwang. Eine Ausschreibung der Oberbürgermeisterstelle selbst bei einem schnellen Verfahren hätte bedeutet, dass die Stadt bei der 400-Jahrfeier der Philipps-Universität ohne Oberbürgermeister gewesen wäre.

Sofort wurde Bürgermeister Johannes Müller als Kandidat genannt. Dieser fungierte seit 1913 als Bürgermeister der Stadt. Zudem war Müller schon vor zwei Jahren ein aussichtsreicher Kandidat für die Position des Oberbürgermeisters gewesen. Mit ihm konnten reibungslos die wichtigen Vorbereitungen zum Jubiläum weiter gestalten werden. Deshalb entschloss man sich im Stadtrat, auf eine Ausschreibung der Stelle zu verzichten und Müller als einzigen Kandidaten zur Wahl zu stellen. Somit wurde nur knapp fünf Wochen nach dem Tod von Georg Voigt am 17. Mai 1927 Johannes Müller zum Nachfolger von Voigt gewählt.

Der Weg von Johannes Müller in das Amt des Oberbürgermeisters von Marburg

Johannes Müller wurde am 10. Juli 1880 in Merseburg geboren. Nach dem Abitur am Gymnasium Merseburg 1899 studierte er Jura in Jena und Halle. 1902 trat er als Referendar in den Staatsdienst ein und bestand 1907 das Assessor-Examen. Seine Beurteilungen über seine Ausbildungstätigkeit beim Magistrat der Stadt Merseburg weisen „vorzügliche“ Beurteilungen vor. Mit diesen Bewertungen erhielt er ab 1908 eine Stelle als Stadtrat in Forst (Lausitz). Dort konnte er sich in verschiedenste Bereiche der Stadtverwaltung einarbeiten.

Von Forst aus hatte sich Johannes Müller im Jahr 1913 nach Marburg auf die ausgeschriebene Bürgermeisterstelle beworben. Oberbürgermeister Troje von Müllers Vorgesetzten in Forst Rückmeldungen über den Kandidaten. Diese fielen eindeutig positiv aus. Als einziges wurde für Müller als Nachteil seine mit 1,60 Meter nur geringe Körpergröße aufgeführt, die er allerdings bei repräsentativen Auftritten durch „Würde und inhaltsreiche Ansprachen mehr als ausgleichen“ konnte. Herausgestrichen wurde sein Interesse für technische Werke, habe er sich doch um den dortigen Ausbau des Elektrizitätswerks zum Drehstromwerk verdient gemacht.

Am 5. August 1913 wurde Johannes Müller mit 26:2 Stimmen für 12 Jahre zum besoldeten Stadtrat von Marburg gewählt. Dieser Titel wurde 1917 in die Amtsbezeichnung „Zweiter Bürgermeister“ umgewandelt.

Die Aufgabenstellungen für Johannes Müller im Marburger Magistrat

In der Zeit des Ersten Weltkriegs hatte der Bürgermeister schwierige Aufgaben zu übernehmen. Er hatte das Wirtschaftsamt übernommen und war mit dem Verwalten des immer stärker werdenden Mangels und dem Eintreiben von Rohstoffen in der Stadt befasst. Ihm oblagen die Sicherstellung der Volkernährung, der Brennstoffe und der sonstigen Bedürfnisse. Bei den Anordnungen musste er naturgemäß zahlreiche Widerstände überwinden, was mehrfach zu Widersprüchen führte.

Ab 1916 übernahm Müller mehrmals die Geschäfte des Oberbürgermeisters bei den krankheitsbedingten Ausfällen von Oberbürgermeister Troje. Müller konnte die von seinen bisherigen Stationen mitgebrachten Kenntnissen gut in die Verhandlungen einbringen bei der Anbindung des Marburger Elektrizitätswerks an die Staatliche Edertalsperre und Ausweitung zu einer Überlandzentrale.


Während seiner Tätigkeit in Marburg wurde bekannt, dass sich Johannes Müller bis 1921 mehrfach auf Leitungsstellen in mehreren Städten des Deutschen Reiches beworben hatte, so in Landberg/Warthe, Sterkrade, Moers am Rhein, Schmalkalden, Görlitz, Mühlheim/Ruhr, Detmold, Elberfelde und Bad Kreuznach, zuletzt auf die Positionen eines Oberbürgermeisters in Oldenburg und Insterburg. Allerdings waren Müllers Bewerbungen nicht von Erfolg gekrönt.

Im März 1925 seine Wiederwahl anstand, erhielt Müller das Vertrauen der Stadtverordnetenversammlung für eine weitere Amtszeit von zwölf Jahren (bis 1937).

Wahl zum Oberbürgermeister im Jahr 1927 und Jubiläumsfeier 400 Jahre Philipps-Universität

Durch den tragischen Tod von Oberbürgermeister Georg Voigt stand Marburg 1927 vor einer schwierigen Situation. Auf Grund des Zeitdrucks war man zu dem außergewöhnlichen Beschluss gekommen, die Stelle nicht in einem wohl längeren Verfahren auszuschreiben, sondern den Mann, den man seit vierzehn Jahren als Sachwalter der Stadt kannte, zur Wahl zu stellen. Die Argumente waren:

„Herr Müller hatte jahrelang gerade die Dezernate inne, die am leichtesten Konflikte hervorriefen. Es weiß doch jeder, dass Herr Müller in den 14 Jahren seines Hierseins die größte Last der Arbeit getragen hat. Die Anerkennung dieser Leistung und seiner Arbeitskraft wird auch von niemandem bestritten …“

Der mit großer Mehrheit in sein neues Amt Gewählte wies in seiner Dankesrede nicht nur auf die kommenden Aufgaben hin wie Erneuerungen in der Verkehrstechnik, Ausbau des Fremdenverkehrs und Beseitigung mangelhafter hygienischer Verhältnisse in der Stadt, sondern betonte auch, dass er die von seinem Vorgänger Voigt begonnen Projekte fortsetzen wolle.

Marburgs Stadtentwicklung ab 1927

Die beiden ersten Jahre der Amtszeit von Oberbürgermeister Müller brachten für Marburg eine positive Wende. Die Entwicklung Marburgs kam Jahren des Stillstands voran. Es flossen wieder vermehrt Einnahmen in die Stadtkasse. Auch die Feierlichkeiten zur 400-Jahrfeier der Philipps-Universität und die Stärkung des Fremdenverkehrs wirkten sich günstig aus. Nahe der Universität fand in der Biegenstraße der „Jubiläumsbau“ (als Kunstinstitut auch „Ernst-von-Hülsen-Haus“ genannt) fristgereicht zur Jubelfeier seine Vollendung. Das „Museum“ stellte eine neue Attraktion der Universitätsstadt dar.

Politisch brachten das Ausscheiden der Stadt aus dem Kreis Marburg (1929) und die damit gewonnene Selbständigkeit Vorteile. Mit der Preußischen Verwaltungsreform 1932 gab es einen selbständigen Stadtkreis Marburg und den Landkreis Marburg. Die Stadt Marburg war Verwaltungssitz beider Kreise. 1930 war es zur Eingemeindung des Hausdorfes Ockershausen gekommen und zur Angliederung von Teilen der Cappeler Flur.

Mit den wieder gestiegenen Einnahmen der Marburger Straßenbahn konnten endlich die aus dem Jahr 1903 stammenden und ausgeleierten Gleise durch eine thermitgeschweißte Anlage ersetzt werden. Außerdem vervollständigten zwei neue zweiachsige Straßenbahnwagen den Fuhrpark. Sie konnten gut eingesetzt werden bei den Tausenden, die bei den Feierlichkeiten zum Universitäts-Jubiläum transportiert werden mussten. Zudem herrschte viel Betrieb in der Stadt bei den mehrmals auf dem Afföller stattgefundenen Flugtagen.

Leider wurde der Verlauf der Straßenbahn in Marburg – anders als zu dieser Zeit in mehreren vergleichbaren Städten im Deutschen Reich geschehen – mit der grundlegenden Erneuerung nicht auf zwei Gleise erweitert. Als 1931 die Stadt stolz auf „20 Jahre elektrische Straßenbahn“ verweisen konnte, betonte Oberbürgermeister Müller bei einer Feier, dass die Marburger Straßenbahn der einzige Betrieb der Stadt in dieser Zeit gewesen sei, der immer einen Gewinn in die Stadtkasse einbringen konnte.

Mit dem Luisabad am Rudolphsplatz konnte Marburg ab 1927 ein modernes Hallenbad vorweisen. Gelingen konnte dies durch die großherzige Stiftung von Luisa Haeuser („Luisabad“). Das Bad war für eine Stadt der Größe von Marburg (26.000 Einwohner und rund 4.000 Studenten) vorbildlich und über weite Grenzen hinweg mit seinen Einrichtungen unerreicht. Am 15. Juli 1928 konnte das Sommerbad auf dem Hirsefeld eröffnet werden. Das bisher einzig mögliche Baden in der Lahn hatte ein Ende.

Die Stadt wurde Eigentümer der staatlichen Gärten auf dem Schloss. Übernommen wurde das Schosscafé und das Gelände des westlichen Schlossparks. Marburg wurde „Stadt der Festspiele“. Die Vorstellungen fanden ab dem Frühjahr 1928 im neuen „Schlosspark-Theater“ statt. Die das Freilufttheater kennzeichnenden drei Bögen waren weithin sichtbar. Nach relativ kurzer Bauzeit wurde im April 1932 auf den Lahnbergen das „Sanatorium Sonnenblick“ eröffnet.

Auch die Marburger Bürger wurden aktiv. Das Jahr 1928 gilt als das beste Baujahr dieser Zeit. So entstand neben mehreren Villen ein großes Hotel auf dem Ortenberg. Erbauer des großen Hotels, das dem Schlossberg gegenüber lag und beste Aussicht in das Lahntal bot, war der Gastronom Paul Lowka. Dieser war zudem Pächter der Stadtsäle und der Restauration auf Spiegelslust gewesen. 1936 wurde der Ortenberg sogar Kurgebiet („Kurhotel Ortenberg“). In der Biegenstraße eröffnete das Lichtspieltheater "Capitol" seine Pforten (800 Zuschauer).

Die Universität errichtete mehrere Institute und Kliniken. So entstanden die Hals-, Nasen- und Ohrenklinik sowie die Kinderklinik in der Deutschhausstraße. Wie das Luisabad wurde auch der Bau der Kinderklinik durch eine Spende eines Stifters ermöglicht worden: George D. Horst aus Reading (USA) finanzierte die Errichtung der Klinik. Das Carolinenhaus führte den Namen seiner Tochter.

Nach 1930 bestimmte wirtschaftliche Not die Politik


Es gab weitere Planungen in der Stadt. So sollte es eine Verlegung der B3 östlich der Lahn geben, Brückenverbesserungen und eine neue Wohnsiedlung am Hansenhaus. Vieles jedoch konnte aus Geldmangel nicht realisiert werden. Ab 1930 wurde die Wirtschaftslage im Deutschen Reich immer kritischer.

Die Notlage vieler Familien wegen fehlender Arbeitsplätze machte sie zu Unterstützungs-Empfängern. Die politische Lage war von Aufmärschen linker und rechter Parteien geprägt. Die Nationalsozialisten fanden in Marburg bis 1930 in der Bevölkerung und auch in Studentenkreisen keinen nennenswerten zahlenmäßigen Zuspruch. Erst die Krisenjahre und die den anderen Parteien überlegene Propaganda ermöglichten ein starkes Anwachsen. So kam die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933, die man noch als geheime Wahl einstufen kann, in Marburg auf 57,6 % der Stimmen. Im Reichsdurchschnitt waren es 43,9 % gewesen. Dies Ergebnis führte dazu, dass Marburg als eine Hochburg der NSDAP geführt wurde.

Die nur eine Woche später angesetzte Neuwahl der Stadtverordnetenversammlung brachte folgende Zusammensetzung:

NSDAP – 20 Stadtverordnete
Kampffront Schwarz-Weiß-Rot – 3
Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft – 1
Zentrum – 1
SPD – 1
KPD - 1

Im gesamten Reich brachten die Nationalsozialisten nun die Macht an sich. Nach sofortiger Übernahme der Polizeileitungen wurden alle Verwaltungspositionen in den preußischen Provinzen und in den übrigen Ländern besetzt. Schon kurz danach begann der Sturm auf die Rathäuser.

Die Absetzung von Johannes Müller als Oberbürgermeister im März 1933


Am 28. März 1933 endete die Amtszeit von Oberbürgermeister Müller durch Intervention der Nationalsozialisten. Johannes Müller selbst beschreibt die Maßnahme wie folgt:

„Heute Vormittag, kurz vor 11 Uhr erschienen als Vertreter der NSDAP die Herren Krawielitzki, Stoevesandt, Dr. Wagner, Böttcher und Schmidt. Sie erklärten, dass die Stadtverordneten der NSDAP nicht bereit wären, mich von mir verpflichten zu lassen. Sie forderten mich weiterhin auf, mein Amt niederzulegen; dem Sinne nach erklärten sie, dass, solange ich auf dem Rathaus wäre, die Magistratsmitglieder und Stadtverordneten der NSDAP eine Mitarbeit ablehnen würden. …“

Müller rief daraufhin bei der Regierung in Kassel an. Von dort erhielt er den Rat, zunächst seinen Urlaub einzureichen. Nachdem dies Müller mitgeteilt hatte, gab der Referendar Stoevesandt der von den SA-Verbänden auf dem Marktplatz zusammen gerufenen Anhängern das Ergebnis der Verhandlungen bekannt.

Am 28. Juni 1933 beschloss man, Oberbürgermeister Müller in den Ruhestand zu versetzen. Die Stelle sollte zunächst unbesetzt bleiben. Der Kreisleiter der NSDAP, Stadtrat Krawielitzki, gab folgende Erklärungen zu Abwahl von Müller zu Protokoll:

Müller habe sich alsbald nach dem 9. November 1918 „mit den Tatsachen abgefunden“. Er sei ein typischer Vertreter liberalistisch-demokratischer Gedankengänge. Häufig hätte es scharfe Gegensätze mit der aufstrebenden nationalen Bewegung, der Universität und der Garnison gegeben. So habe er im Sommer 1931 eine Kundgebung der Studentenschaft gegen Versailles verboten. Auch nach dem 30. Januar 1933 hätte Müller dieses Verhalten noch fortgesetzt, indem er der NSDAP überall Schwierigkeiten zu bereiten versuchte, dafür aber Linkskreise unterstützt habe.

Nach Ausführungen zu einigen Äußerungen Müllers wurde noch dargelegt, dass Müller am Tage nach der Hissung der Hakenkreuzfahne und der schwarz-weiß-roten Fahne auf dem Rathaus gesagt hätte, was der Unsinn mit den Fahnen solle, man wisse gar nicht, wie lange das daure. Den letzten Anstoß zur „Demonstration der Bürgerschaft“ vor dem Rathaus am 28. März 1933 und die Aufforderung zum Rücktritt habe die Einziehung der Hakenkreuzfahne auf dem AOK-Gebäude gegeben, die auf Befehl von Müller erfolgt sei.

Zum 1. Oktober 1933 kündigte Müller seine Dienstwohnung in der Barfüßerstraße 1 und verzog nach Jena. Das Ruhegehalt wurde ihm ordnungsgemäß ausgezahlt. Seine Dienstgeschäfte wurden nach Müllers Rücktritt von Bürgermeister Voß, seit 1922 in den Diensten der Stadt stehend, und ehrenamtlich von Dr. Scheller und Privatdozent Dr. Walz übernommen.

1945 nach dem Ende des Terrorregimes der NSDAP meldete sich Johannes Müller in Marburg zurück (Bericht folgt). Er blieb nach der Pensionierung in Marburg wohnen. Anlässlich seines 70. Geburtstags stimmte die Stadtverordnetenversammlung im Jahr 1950 für die Umbenennung der Grimmstraße, einer kleinen Seitenstraße der Deutschhausstraße, in „Johannes-Müller-Straße“. Der Alt-Oberbürgermeister starb am 19. April 1964 im Alter von 84 Jahren und wurde auf dem Friedhof in der Ockershäuser Allee begraben.
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Volker Beilborn aus Marburg | 09.02.2016 | 20:35  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 09.02.2016 | 20:39  
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Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 10.02.2016 | 14:17  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 12.02.2016 | 21:21  
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