Marburger Oberbürgermeister – Nr. 5: Paul Troje (1907-1924)

Oberbürgermeister Paul Troje
   
Die elektrische Straßenbahn in Marburg
 
1914 - Kriegsbeginn in Marburg (Kasernenstraße - heute Gutenbergstraße)
 
Elisabethbrunnen am Wehrdaer Weg
 
Blick auf den Trojedamm (rechts im Bild)
 
Blick auf das neue Stadion am Trojedamm
 
Plakat des 2. Jugendtreffens der Deutschen Turnerjugend 1924
Marburg: Trojedamm | Nachdem Ludwig Schüler in Marburg von seinem Amt als Oberbürgermeister zurückgetreten war, kam es Ende 1906 zur Wahl eines neuen Oberbürgermeisters. Erwin Hölzerkopf, Bürgermeister von Iserlohn, hatte sich beworben und erhielt mit 24:10:3 Stimmen die notwendige absolute Mehrheit. Aber Hölzerkopf lehnte die Wahl ab. Die Zustimmung des Gremiums war ihm nicht ausreichend genug.

Wenig später wurde die Oberbürgermeisterstelle erneut ausgeschrieben. Mit der Bedingung, zugleich das Amt des Direktors der Sparkasse zu übernehmen, wurde das Gehalt auf 8.500 Mark festgesetzt. Aus Einbeck hatte sich der dortige Bürgermeister Paul Troje beworben, zog dann jedoch seine Bewerbung zurück. Nach einem Gespräch mit dem Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Dörffler erneuerte Troje seine Bewerbung. Nach diesen Verzögerungen kam am 15. Mai 1907 zum zweiten Wahlgang. Hierbei wurde Troje mit 26:8:2 Stimmen gewählt.

Mit Troje hatte Marburg einen Oberbürgermeister gewählt, der wohl zu recht als typisch preußischer Beamter eingestuft werden konnte. Paul Troje, evangelisch-lutherischer Konfession, wurde am 21. Januar 1864 in Warnow (West-Prignitz) geboren. Er besuchte das Gymnasium in Bremen und machte dort 1882 das Abitur mit „Gut“. Von 1882-1883 leistete er seinen Militärdienst ab. Infolge Dienstbeschädigung beim Reiten nahm er seinen Abschied vom Militär.

In Kiel studierte er Jura und schloss 1886 das Studium dort mit dem 1. Juristischen Examen ab. Danach war er Referendar in verschiedenen norddeutschen Städten, darunter zweimal in Alfeld/Leine. 1891 legte er die Große Staatsprüfung ab und wurde als Assessor eingestellt. 1893 übernahm er die Stelle eines Bürgermeisters in Einbeck und blieb dort bis 1907. Nach dem Amtsantritt 1907 in Marburg wurde er 1919 wiedergewählt. Nach der Pensionierung 1924 aus Krankheitsgründen zog er sich aus Marburg zurück. Troje starb am 29. Juni 1942 in Einbeck.

Troje war emsiger und stiller Arbeiter im Rathaus

Ende August 1907 fand die offizielle Einführung des neuen Oberbürgermeisters statt. Das Festessen gab es wie immer im „Hotel Ritter“ auf der Ketzerbach. Auf der gleichen Veranstaltung wurde auch der in Pension gegangene ehemalige Oberbürgermeister Ludwig Schüler verabschiedet.

In den Jahren bis zum plötzlichen Ausbruch des Ersten Weltkriegs schritt die Entwicklung der Universitätsstadt wie unter Oberbürgermeister Schüler weiter voran. Tatkräftig arbeitete Troje auf verschiedenen Ebenen.

So entwickelte sich unter Troje das Straßennetz der Stadt sowohl in der Südstadt als auch in der Nordstadt mit mehreren neuen Straßenzügen weiter. Unter ihm gelang auch die endgültige Gestaltung des Friedrichsplatzes. Als das Deutschordensgut aufgelöst wurde, setzte sich Troje mit allen Mitteln für den Ankauf des gesamten Geländes am Ortenberg ein. Ebenso gehen auf sein Konto der Ausbau des Schülerparks und des Friedhofs im Habichtstal und der Neubau des Elisabethbrunnens am Wehrdaer Weg.

Weiter anzuführen sind der Umbau der Ketzerbachschule zur Zahnklinik, die Errichtung der Festhalle auf den Bürgerwiesen, der Südpost und des Eichamts am Pilgrimstein. Das Gaswerk wurde erweitert und das Elektrizitätswerk am Rudolphsplatz. Aus diesem Werk kam unter Nutzung der Wasserkraft nicht nur der Strom für die Bevölkerung und die Betriebe der Stadt, sondern auch für die 1911 eingeführte elektrische Straßenbahn. Mit ihr endete die Zeit der Pferdebahn, die zu vielen Spottversen Anlass gegeben hatte.

Marburg war weiterhin eine finanzschwache Gemeinde

Mit Wirkung des Gewerbesteuergesetzes von 1891 ging die Zahl der steuerpflichtigen Gewerbebetriebe in Marburg zurück und das Steueraufkommen der Gewerbebetriebe stagnierte. Zu den Betrieben wie der Marburger Tapetenfabrik und der Rauch- und Kautabakfabrik Niderehe, Seidel und Ostheim sowie den Behringwerken, sämtlich mit einer Belegung nur zwischen 100 und 200 Beschäftigten, kamen keine weiteren nennenswerten Industrieansiedlungen hinzu.

Marburg war eine Beamtenstadt und vor allem abhängig von der Universität. Auch viele vermögende Rentiers waren in die alte Bergstadt übergesiedelt. Das Wachstum der Universität bedingte die beträchtliche Steigerung des Steuereinkommens der Stadt. Unter den Beschäftigten der Universität, vor allem durch die doch große Zahl der Professoren, gab es eine Vielzahl von Beamten mit einem Einkommen von über 10.000 Mark.

1910 brachten 179 Personen (= 5 % der Steuerpflichtigen) mit einem Steueraufkommen von mehr als 9.500 Mark die Hälfte der Steuer in Marburg auf. Die Steuerpflichtigen mit einem Einkommen von 900 bis 9.500 Mark (= 95 %) brachten die andere Hälfte des Steuereinkommens der Stadt auf. Mehr als die Hälfte der Haushalte in Marburg hatten weniger als 900 Mark Einkommen im Jahr und waren nicht steuerpflichtig.

Troje listete 1911 im Kommunal-Landtag die Einwohnerschaft von Marburg wie folgt auf:

40 % Handel- und Gewerbetreibende
40 % Beamte, Pensionäre und Militärpersonen
10 % Studenten
10 % „Sonstige“

Die Ausweitung der Stadt mit den strukturellen Maßnahmen wurde zumeist auf Kreditbasis finanziert. So stiegen die Schulden der Stadt von 1866 bis 1913 von 257.000 Mark auf 8.982.000 Mark, pro Kopf der Bevölkerung von 33 auf 809 Mark. Trotz des deutlich spürbaren Aufschwungs nach 1866 blieb Marburg eine Stadt mit hohen Schulden.

Troje blieb auch nach Jahren in Marburg bei seiner zurückhaltenden Art

Anders als sein Vorgänger Schüler hatte Troje in der Universitätsstadt keine engen Verbindungen zur Bürgerschaft aufgenommen. Sein Vorgänger Schüler war über seine Zeit der Amtsausübung als Oberbürgermeister hinaus in der Kommunalpolitik präsent geblieben. Er pflegte die Teilnahme an einem regelmäßigen Stammtisch mit Marburger Honoratioren. Schüler blieb politisch weiter aktiv als gewählter Abgeordneter im Stadtrat und nahm Einfluss. Troje hingegen blieb den Stammtischen fern. Er blieb die gesamte Zeit seiner Tätigkeit in Marburg der stille Arbeiter im Rathaus.

Troje hatte 1911 nach dem Tod seiner Schwester deren sechs Kinder in seinen Haushalt auf¬genommen. Aus diesem Grund bat er um Erhöhung seines Gehalts auf 9.000 Mark. Zugleich weist er mit dem angefügten Satz: „Ich würde ungern, wenn es überhaupt einmal in Frage käme, meine hiesige Stelle mit einer anderen vertauschen“, darauf hin, dass er nicht unbedingt an der Stadt Marburg klebte. Ob es dieser Hinweis auf Aufgabe seines Amtes oder die Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse war, ist ungeklärt. Jedenfalls genehmigte der Stadtrat die Erhöhung der Bezüge.

Sehr verdient hatte sich Troje um das Musikleben in der Stadt gemacht. 1909 wurde er stellvertretender Vorsitzender des Marburger Konzertvereins und ein Jahr später zum Vorsitzenden gewählt. Während seiner Tätigkeit schuf er einen Betriebsfond und betrieb die Umwandlung des Vereins in eine rechtsfähige Form. Das Kulturleben in der Stadt kann als rege bezeichnet werden. Im „Museum“ (später: „Stadtsäle“) fanden regelmäßig Musik- und Theater- und Varieteaufführungen statt. Oft traten bekannte Künstler als Alleinunterhalter auf oder ergänzten als „Stargast“ das Theaterensemble.

Mit der Zäsur Erster Weltkrieg endete für Marburg der über ein halbes Jahrhundert währende Aufschwung

Für den konservativ eingestellten Troje war die Beherrschung der gewaltigen Aufgaben, die auf die Verwaltung der Stadt in den Kriegsjahren und danach zukamen, wohl eine Sache, der er sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft gewidmet hatte. Doch zeigte sich, dass er körperlich den Anforderungen Tribut zahlen musste. Immer wieder waren krankheitsbedingte Auszeiten des Oberbürgermeisters zu vermelden.

Ausgehend von dem 1914 anfangs euphorisch empfundenen Augusterlebnisses über die bald beginnenden Versorgungsausfälle kam es schließlich zu katastrophalen Verhältnissen für das Leben der Stadtbevölkerung. Schon im ersten Kriegsjahr gerieten viele Familien in Not, weil der Arbeitslohn des in den Krieg eingezogenen Familienvaters und wegfiel und der karge Soldatensold für die vielköpfigen Familien zur Ernährung nicht ausreichte. Noch schlimmer war es für die Familien mit Halbwaisen. Sie waren ohne Ernährer völlig auf sich alleine gestellt.

Umgehend wurde zu Sammlungen zur Unterstützung der Not von Kriegerfamilien aufgerufen. Manchmal wurden über hundert Namen von Spendern veröffentlicht. Troje führte die Spendenliste an. Die aufgeführten Beträge reichten von 2 Mark bis 3.000 Mark. Nach einer Zählung von Stadtobersekretär Dr. Kämmer mussten am 1. November 1915 insgesamt 977 Familien der zum Heere eingezogenen Mannschaften der Reserve unterstützt werden. Es waren meist vielköpfige Familien. Die Zahl der in großer Not lebenden Familien stieg bereits ein Jahr später auf 1146 an.

Es wurde geholfen so gut es ging. An der Spitze der Kriegsfürsorge stand Oberbürgermeister Troje. Er leitete auch die Kriegsbeschädigtenfürsorge für die Verwundeten in den insgesamt siebzehn Lazaretten. Mit Kursen in Stenografie, Buchführung oder Korbflechten sollten den Kriegsverletzten der Umstieg in andere Berufe ermöglicht werden.

Die Verantwortung für die ebenso wichtige und umfangreiche wie undankbare Aufgabe der gesamten Kriegswirtschaft, Verpflegung der Bevölkerung mit, der Beschlagnahme unterworfenen und rationierten Lebensmittel usw. trug der 1913 gewählte Bürgermeister Johannes Müller.

Ein weiterer wichtiger Beamter der Stadt zu dieser Zeit war der Stadtkämmerer Dr. Richard Kämmer. Thema seiner Dissertationsarbeit war „Die Finanzwirtschaft der Stadt Marburg in den letzten 100 Jahren“ gewesen. Er trug den Titel Obersekretär und war damit oberster Beamter der Stadtverwaltung. Aus seinen Aufzeichnungen der schweren Zeit ab 1914 sind die in diesem Bericht aufgeführten Daten übernommen.

Sehr bald kam es in der Stadt zu wirtschaftlichen Notmaßnahmen für die gesamte Bevölkerung

Sowohl die deutsche Regierung als auch das Militär 1914 waren von einer kurzen Kriegsdauer ausgegangen („Weihnachten feiern wir den Sieg unter dem Christbaum“). Auf längere Kriegshandlungen war man nicht vorbereitet gewesen. Sehr bald kam es zu einer Mängelversorgung.

Die Ernährungslage wurde kritisch. In Marburg wurde die Brotkarte am 15. März 1915 eingeführt. Jedes geeignete Plätzchen in Anlagen oder Brachflächen wurde zum Anbau von Kartoffeln genutzt. Die Not der Bevölkerung wurde immer größer.

Vom Marburger Rathaus aus wurde die Ernährungsfürsorge organisiert. Im Magistrat fand die Verwaltung des Mangels statt. Bald nach der Brotkarte folgten Rationierungen von Lebensmittel aller Art. Es ging hierbei um die Brot- und Mehlfürsorge, Milch, Speisefett, Fleisch, Kartoffel, Gemüse und Obst. Im Hastenpflugschen Haus am Markt 8 wurde eine Kriegsküche eingerichtet.

Auch Einschränkungen für den Verkauf von Bekleidung sollten folgen. In den Schulen gab es Schließungen wegen Kohlenmangel oder Einquartierungen. Die Schuljugend wurde kollektiv zu Beeren-, Pilz- und Brennnesselsammlungen verwandt.

Der Leiter des Kgl. Gymnasium Philippinum wurde mit einem Orden belohnt, weil die Schülerschaft mit ihren Lehrern „sich ganz besonders der Laubheugewinnung angenommen“ hatte.

Vom Ausschuss für Kriegsfürsorge wurden die Direktoren der höheren Schulen angeschrieben, dass ihre Schüler (-innen) die alten Mützen sämtlich an eine Sammelstelle abgeben sollen. Altkleidung wurde zu Stoffschuhen verarbeitet. Schuhe gab es nur auf Bezugschein und unter Abgabe der alten, abgetragenen Exemplare.

Von Berlin gab es Anweisungen an die Stadt zum Sammeln von Rohstoffen. Vor allem hatte man es auf das Gold der Einwohner abgesehen. Am 24. März 1915 wurde in der Oberhessischen Zeitung vermeldet, dass eine Sammlung der Schüler an der Oberrealschule den Betrag von 22.380 Mark ergeben hatte. Abgegeben wurden die vorhandenen 10- und 20-Mark-Goldmünzen. Sie wurden umgetauscht gegen Papiergeld.

Zur Abgabe von Metallen aller Art wurde aufgerufen. Hier als Beispiel für die Bekanntmachungen für die Marburger Bevölkerung in der Lokalzeitung betreffend Beschlagnahme, Enteignung und Meldepflicht von Einrichtungsgegenständen bzw. freiwillige Ablieferung von Kupfer:

Abzugeben ist: „Kupfer, vorgearbeitet, insbesondere geschmiedet, gewalzt, gezogen, gegossen, gehobelt, gefräst, z. B. Drähte, Seile, Bleche, Schienen, Stangen, Profile, Schalen, Kessel, Röhren, Nieten, Schrauben, Muttern, unfertige Armaturen und Gußstücke …“

Darunter fielen vor allem auch Alltagsgegenstände wie Türgriffe und Treppengeländer, Kerzenleuchter (auch von Klavieren), Aschenbecher, Aushängeschilder oder Garderobenständer. Auch Glocken der Kirchen wurden abgehängt und beschlagnahmt. So wurde die Glocke der Rathausuhr auf dem Marktplatz gewogen und brachte 250 kg Kupfer.

Die Glocken wurden auf "Glockenfriedhöfen" geliefert, von wo sie eingeschmolzen werden sollten. Einige der aus Marburg abgelieferten Glocken kamen zurück. So im Jahr 1927 rechtzeitig zur 400-Jahrfeier der Universität Glocken der Elisabethkirche.

Bei Zinn wurde u. a. angegeben, dass Bierglasdeckeln, Bierkrugdeckeln aus Zinn einschl. der zugehörigen Scharniere abzugeben seien.

Die Aktionen wurden noch ausgedehnt auf „Beschlagnahme und Meldepflicht von gesammelten rohen Menschenhaaren“. Auch Gebrauchsmittel des täglichen Bedarfs werden reglementiert. Ab Januar 1017 wurde eine Seifenkarte ausgegeben. Pro Monat wurden 50 Gramm Feinseife, 250 Gramm Seifenpulver zugestanden. Ab Januar 1918 wird die Abgabenmenge von Seifenpulver pro Abschnitt der Seifenkarte auf die Hälfte reduziert.

Frauen der Honoratioren organisierten Hilfemaßnahmen

Schon in der ersten Kriegswoche begannen in Marburg sich Personen zu Hilfsaktionen zusammenzuschließen. Die gesamte Kriegs- und Notzeit über waren viele Personen in Hilfsdiensten tätig. „Frau Oberbürgermeister Troje“ war mit „Frau Geheimrat Exzellenz von Behring“ und den Frauen anderer Marburger Exzellenzen im Vaterländischen Frauenverein an führender Stelle im Einsatz. Oberbürgermeister Troje hatte schon im August 1914 auf seine Repräsentationsgelder in Höhe von 1.000 Mark zugunsten dieses patriotischen Vereins verzichtet.

Am Hauptbahnhof wurden von Beginn des Krieges an Erfrischungsstationen für durchfahrende Truppen eingerichtet. Bei Tag und Nacht wurden an einzelnen Tagen bis zu 15.000 Tassen Kaffee und bis zu 14.000 belegte Brötchen ausgegeben. Die hierzu benötigten Lebensmittel stellte – so hieß es - bereitwilligst die Landbevölkerung zur Verfügung.

Als schon bald die Wanderarbeitsstätte nahe Cappel zum Lazarett eingerichtet wurde, übernahm die Straßenbahn zu jeder Tages- und Nachtzeit den Transport der Verwundeten vom Hauptbahnhof zum Südbahnhof.

Nach einem Bericht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das sich 1905 in Marburg gegründet hatte, wurden vom DRK im Ersten Weltkrieg insgesamt 7.255 Krankentransporte in Marburg durchgeführt. Zu den Aufgaben gehörte das Aus- und Einladen der Verwundeten, der Abtransport vom Bahnhof zu den Lazaretten und der Rücktransport aus den Lazaretten zu den Zügen.

Die Zahl derjenigen, die Hilfe leisteten, war beträchtlich und erreichte eine ansehnliche dreistellige Zahl. Für ihre Mobilität erhielten sämtliche Helferinnen und Helfer unentgeltlich eine Monatskarte der Marburger Straßenbahn. Doch 1915 gab es dazu Kritik bei den Verantwortlichen der Straßenbahn, weil mehrere Hundert Monatskarten an die Hilfsdienste ausgegeben werden sollten und zu Einnahmeverlusten führten. Um eine Reduzierung wurde gebeten. Schließlich führte die Liste der fortlaufend eingesetzten Helferinnen noch 43 Namen.

Mit Trojes Gesundheit muss es zu dieser Zeit nicht zum Besten bestellt gewesen sein. Bereits im Jahr 1916 kommt es dazu, dass er nur noch halbtags zum Dienst im Rathaus antreten kann. Troje selbst schrieb bei Urlaubsgesuchen: „ich bedarf der Ausspannung …“. Bürgermeister Johannes Müller übernahm jeweils den Dienst an Trojes Stelle. Mitteilungen aus dem Rathaus beispielsweise zur Kartoffelversorgung an die Bevölkerung zu Rationierungen und Sammlungen von Rohstoffen wurden immer öfter von Müller unterzeichnet.

Nach Kriegsende verschärfte sich die Situation der Einwohnerschaft von Marburg

Am 10./11. November 1918 wurde von Revolutionären in Marburg das Rathaus besetzt. Zeitweise wehten rote Fahnen auf dem Rathaus. Aber alle Seiten wollten Blutvergießen vermeiden. Es hieß von den Aufständischen: „Jeder muss Ordnung und Disziplin halten.“ Demonstrationsumzüge beherrschten zeitweise das Bild der Stadt.

Für kurze Zeit wusste niemand, wie es weiter gehen würde. Auf die politischen Umstände insgesamt soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Die Bevölkerung war auf sich alleine gestellt. Auf eine administrativ geregelte Versorgung der Bürgerinnen und Bürger war nach Kriegsende noch weniger zu hoffen als während des Krieges.

Für die Siegermächte stand die Feststellung der alleinigen Kriegsschuld von Deutschland mit entsprechenden Reparationsleistungen und Diskriminierungen im Vordergrund. Eine wirtschaftliche Erholung in Deutschland und Verbesserungen der Arbeits- und Einkommenslage wurde massiv behindert. Als Folge davon bestand in Deutschland jahrelange Not, verbunden mit totaler Geldentwertung.

Wegen der nicht zufriedenstellenden Situation mit großer Arbeitslosigkeit war an eine politische Stabilisierung nicht zu denken. Parteienzersplitterung, begünstigt durch ein uneingeschränktes Verhältniswahlsystem, brachte labile Verhältnisse. Sie mündeten in die zweite große Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Doch soweit konnte damals niemand vorausschauen.

So gut es irgend ging, wurde die pure Not weiter verwaltet. Die hohe Zahl der Kriegbeschädigten konnte nur schwer in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Arbeitsstellen waren zudem rar und schlecht bezahlt. Zudem kam es zu Spekulationen mit Nahrungsmittel. Vor allem der Kartoffelpreis litt unter schlechten Ernten und Zurückhaltung einiger Händler. Wucherpreise waren nicht zu vermeiden.

Weil der Kauf von Schuhen für viele unerschwinglich war, wurde wenn es irgend ging barfuß gelaufen. Fleischlose Wochen wurden propagiert, Kohlen- und Holzmangel kam hinzu. Doch das Leben ging trotz aller Nöte und Widrigkeiten weiter. Allerdings gab es auch Übergriffe in den Läden und die Selbstmordrate stieg stark an. Ob große Teile der Bevölkerung, die von den immensen Entbehrungen betroffen war, sich von politischen Kämpfen beeinflussen ließen, ist fraglich.

Die Verwaltung der Stadt bestand in der Form der Vorkriegsjahre weiter. 1919 wurde Troje als Oberbürgermeister mit 36 Ja-Stimmen und einer Enthaltung wiedergewählt. Die Bestätigungsurkunde lautete auf 12 weitere Jahre. Sein Gehalt betrug nun 10.500 Mark. Es sollte jährlich um 500 Mark bis 12.000 Mark steigen, zuzüglich erhielt er ein Wohngeld von 1.300 Mark pro Jahr. Die Familie Troje hatte inzwischen ihren Wohnsitz von Deutschhausstraße 28 an den Marbacher Weg 20 verlegt.

Die Zeiten blieben unruhig. Als 1919 Soldaten der Marburger Garnison in die Stadt zurückkehrten, hielt Oberbürgermeister Troje eine bewegende Rede. Jeder wusste, auf welcher Seite der Oberbürgermeister in den harten politischen Auseinandersetzungen zwischen Rechts und Links stand.

Die Auseinandersetzungen im Stadtrat waren von harten Gegensätzen geprägt. Im Juli 1922 werden Zwischenfälle in Marburg vermeldet. Die Störungen waren vor allem Demonstrationen und Raufereien. Einmal drang die Menge gewaltsam in das Rathaus ein. Troje sieht sich in der Stadtverordnetenversammlung Vorwürfen ausgesetzt. Doch der Magistrat steht zu Troje.

Als Wunder kann vermerkt werden, dass es in Marburg in dieser Zeit gelang, einige Maßnahmen der Stadtentwicklung zur Vollendung zu bringen. Vor allem ist dabei die lange angemahnte Hochwassersicherung von Weidenhausen zu anzuführen. Der kleine, den Wassern kaum Widerstand leistende kleine Damm an der Lahn wurde an einigen Stellen nach hinten verlegt. Mit dem deutlich höheren Damm nördlich und südlich von Weidenhausen angelegt, konnten die fast alljährlichen Überschwemmungen des Marburger Brückenvororts beseitigt werden. Der angelegte Deich erhielt den Namen „Trojedamm“.

Hinter dem Trojedamm entstand 1923 In Zusammenarbeit von Universität und Stadt ein für die damalige Zeit vorbildliches Sportstadion. Troje hatte für den Sportplatzbau geworben, Stiftungen von Gutsbesitzer Hoffmann und mit Hilfe des tatkräftigen Eingreifens der Geheimräte Prof. Hensel und Prof. André gelang das Werk.

Das neue Stadion bescherte der Stadt im folgenden Jahr zwei sportliche Großereignisse mit in einem Fall sogar 20.000 Teilnehmern aus dem gesamten Reich: das Akademische Olympia und das Deutsche Turnerjugendtreffen.

Im Oktober 1923 musste Bürgermeister Johannes Müller immer wieder statt Oberbürgermeister Troje die Dienste im Rathaus übernehmen. Auch war mit Walter Voss am 21. September 1922 eine zusätzliche Position im Magistrat besetzt worden. Beide, die zu dieser Zeit mit Troje im Magistrat zusammen gearbeitet hatte, Johannes Müller und Walter Voss, sollten Jahre später in der Marburger Lokalpolitik noch eine führende Rolle spielen.

Wegen eines Ohnmachtsanfalls ging Troje am 7. Mai 1924 für zwei Monate in Kur. Nach Rückkehr von der Kur schreibt Troje an den Stadtrat: hiermit „trete ich aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand“. Er sei wegen des Abfalls seiner Leistungsfähigkeit durchschnittlich nur noch Halbtagsarbeiter gewesen. in seinem Abschiedgesuch formuliert er: „Die Schwierigkeiten waren in den letzten zehn Jahre himmelhoch aufgetürmt.“ Er habe seine Pflicht erfüllt und schließt einen Dank an.

Nach 17 Jahren Oberbürgermeister in Marburg geht Troje im 61. Lebensjahr in Pension. Er bedauerte in einem Schreiben, nicht persönlich Lebewohl sagen zu können. Einige Zeit später gab es am 12. September 1924 für Troje eine Abschiedsfeier im Rathaus. Hier wurde ihm von den Vertretern des Magistrats und des Stadtrats der Dank für seine Tätigkeit in der Stadt ausgesprochen.

Troje zog sich mit seiner Familie nach Einbeck zurück. Danach kam es nur noch zu schriftlichen Kontakten mit Troje, jeweils zu runden Geburtstagen. Noch 1941 erhält das Ehepaar Troje von der Stadt Marburg ein Blumengebinde anlässlich der Goldenen Hochzeit. Am 29. Juni 1942 stirbt Paul Troje in Einbeck im Alter von 78 Jahren.
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6 Kommentare
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Volker Beilborn aus Marburg | 29.01.2016 | 10:51  
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Werner Szramka aus Lehrte | 29.01.2016 | 14:10  
2.158
Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 29.01.2016 | 17:40  
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Gernot Haack aus Marburg | 30.01.2016 | 10:02  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 31.01.2016 | 12:51  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 02.02.2016 | 11:53  
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