Die Legende um den ehem. (kommiss.) Oberbürgermeister Walter Voss als "Retter von Marburg"

Marburg: Rathaus | Um den ehemaligen Marburger (kommissarischen) Oberbürgermeister Walter Voss rankt sich die Legende, er sei 1945 der Retter der Stadt vor der Zerstörung durch die Amerikaner gewesen. Voß wurde in den Jahrzehnten nach 1945 mehrfach gewürdigt und hoch geehrt. Noch zu Lebzeiten von Voß wurde ein Seitenweg des Spiegelslustwegs nach ihm benannt („Walter-Voß-Weg“).

Wenn derzeit eine Neubetrachtung von vorgenommenen Ehrungen des ehemaligen Oberbürgermeisters Karl-Theodor Bleek (1898-1969) wegen seiner jetzt bekannt gewordenen seiner Zeit geleugneten Mitgliedschaft in der NSDAP ansteht, so sollte gleichzeitig die Überprüfung der Einordnung von Walter Voß (1885-1972) als "Retter von Marburg" mit einbezogen werden.

Walter Voß war ab 1923 als Beamter bei der Stadt Marburg beschäftigt, anfangs als Magistratsrat und Beigeordneter sowie als 2. Bürgermeister. 1933 blieb er als Bürgermeister im Amt, nachdem der gewählte Oberbürgermeister Johannes Müller von der NSDAP entlassen worden war. Durchgehend bis 1945 amtierte Voß als Bürgermeister von Marburg. Im März 1944 wurde er zum „Komm. Oberbürgermeister“ ernannt, da die Funktion des Oberbürgermeisters durch den Kriegstod des schon 1939 zum Wehrdienst eingezogenen Oberbürgermeisters Dr. Scheller vakant gewesen war. Bürgermeister Voß hatte Dr. Scheller seit 1939 als Stadtoberhaupt vertreten.

Während der gesamten Zeit des „Dritten Reichs“ hatte Walter Voß in Marburg als willfähriger Beamter des neuen Nazi-Regimes gehandelt. Sein Eintrittsdatum in die NSDAP - wie mehrfach von ihm selbst in Formularen handschriftlich angegeben - war Ende April 1933. Für 1934 gab Voß an, „Förderndes Mitglied der SS“ geworden zu sein. Im Dienste der Stadtverwaltung war er mit der Ausführung der Beschlüsse des NSDAP-Magistrats beauftragt.

Zu den Aufgaben von Voß ab 1933 gehörte beispielsweise die Information der städtischen Dienststellen über die Verfügung zu „Bekämpfung des sogenannten Miesmachertums“. Dies sei die Fortsetzung der marxistischen Hetze, Miesmacher seien unverzüglich namhaft zu machen. Ebenso die Anordnung von Voß, dass Angestellte und Arbeiter der Stadt sofort aus der SPD auszutreten hatten.

Voß führte als Jurist zudem ab 1934 Schulungen für die Bürgermeister im Kreis aus, um sie in die Neuordnung der kommunalen Selbstverwaltung einzuweisen.

Die von Walter Voß vorgetragenen Thesen waren u. a.: „Zur Zeit der Weimarer Republik hat die Selbstverwaltung in jeder Beziehung gründlich versagt.“ In der Selbstverwaltung des nationalsozialistischen Staates gelte die unbeschränkte Führerverantwortlichkeit. Beschlüsse einer Vertretungskörperschaft gäbe es nicht mehr. Beigeordnete im Magistrat (als Beispiel) seien demgemäß nicht mehr beigeordnet, sondern nachgeordnet. Gemeinderäte und Beiräte bildeten kein Gremium, sie wären nur als Einzelpersonen tätig.

Sie könnten als Gremium nicht beschließen oder abstimmen und hätten auch kein Kontrollrecht. Und weiterhin führte Voß aus: „Sie hätten sich nicht, wie es die Stadtverordnetenversammlung es oft getan hätte, als Gegenspieler der Gemeindeverwaltung insbesondere ihres Leiters zu fühlen.“ Die Sitzungen wären nicht öffentlich. Die Mitglieder der Gemeinderäte würden vom Gauleiter ernannt … (aus: Oberhessische Zeitung, 2. Februar 1934)

Zu den Aufgaben von Voß gehörte zudem die Abwicklung der von Berlin aus angeordneten Verfolgungen gegen die Marburger Juden. Dies betraf die Zwangsschließung der jüdischen Gewerbebetriebe und den von der Stadt betriebenen Zwangsverkauf der vorhandenen Waren an Marburger Geschäftsleute. Ebenso wurde 1938 von der Stadt der Zwangsverkauf der jüdischen Grundstücke organisiert. Voß muss dabei jeweils führend tätig gewesen sein.

Auch für die Ausquartierung und Sammlung der allerdings nur noch wenigen Marburger Juden bis zum Abtransport fiel unter die Leitung der Stadtverwaltung Marburg. Ebenso war Voß zuständig für die Zuweisung von in Marburg zusammengeführten Juden zur Zwangsarbeit in verschiedenen Betrieben der Stadt.

So hatte am 22. Juni 1942 Jakob Schneider für seine Baufirma in einem Schreiben an Bürgermeister Voß darum gebeten, ihm die Beschäftigung von sechs zur Zwangsarbeit zugeteilten Juden zu verlängern. Er bat darum, die drei Marburger Gottfried Goldschmidt und Ludwig und Walter Kanter sowie die aus Fronhausen stammenden Rosenberg, Stern und Hess „nicht für den nächsten Abtransport“ vorzusehen. Die Antwort von Voß ist nicht bekannt.

Walter Voß musste im 2. Weltkrieg immense Arbeit leisten. Er war sowohl für die Bevölkerung zuständig (Luftschutzmaßnahmen, Nahrungsmittelversorgung, Notunterkünfte nach Bombenschäden) als auch für die Beschaffung, Unterbringung und Versorgung der ausländischen Arbeiter, die zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Nach Kriegsende von den Amerikanern entlassen, wollte Voß seine Arbeitskraft der neuen Stadtverwaltung zur Verfügung stellen. Doch eine Wiedereinstellung gelang nicht. Bei der Abwicklung des Spruchkammer-Verfahrens zur Entnazifizierung gelang es ihm 1947, in die Gruppe 5 der Entlasteten eingestuft zu werden und somit die vollen Pensionsansprüche zu erlangen.

Wie Voß diese Einstufung als „unbelastet“ gelingen konnte, zeigen folgende Ausführungen:

Walter Voß gab an, dass er bei seinem Parteieintritt 1933 "im Interesse der Allgemeinheit und des Dienstes" gehandelt habe. Er wäre nicht echtes Parteimitglied gewesen, sondern nur „nominelles“. Das Parteibuch hätte er nicht angenommen. Nachzuweisen sind jedoch in den Akten aus verschiedenen Jahren mehrere von ihm persönlich eingetragene Angaben zu seiner Parteimitgliedschaft samt Parteinummer NSDAP # 2828843 (Stadtarchiv Marburg, Personalakte Walter Voss, Pa 822/1 und /2). Zu seiner Mitgliedschaft als „SS-Förderer“ muss er ein aufwendig gestaltetes SS-Mitgliedsbuch besessen haben (Beispiel s. unter Stadtarchiv Marburg, Personalakte Dr. Scheller, Pa 827/3). „SS-Förderer“ war Voß - zeitgleich mit Dr. Scheller - seit 1934.

Voß wird vor der Spruchkammer zugute gehalten, dass er vor 1933 für die parlamentarische Ordnung eingetreten sei und entsprechende Vorträge gehalten habe. Dass er nach 1933 genau das Gegenteil getan hatte und die Abschaffung der parlamentarischen Ordnung als zwangsläufige Maßnahme zu den Verfehlungen der Weimarer Republik dargestellt und als notwendige Folge die Einführung des Führer-Prinzips verkündet hatte, davon ist vor der Spruchkammer kein Wort verlautet worden.

Zudem hatte Voß beklagt, dass von ihm im Kreis von Nazi-Führern Kreisleiter Krawielitzki einmal als „komischer Oberbürgermeister“ statt „kommissarischer Oberbürgermeister“ gesprochen hatte. Diese ihm später zugetragene Äußerung wollte Voß vor der Spruchkammer als Beweis für die Diskriminierung seiner Person durch die Nazis verstanden wissen. Doch war ein solcher Umgangston in NSDAP-Kreisen keine Ausnahme.

Belegt ist, dass innerhalb der Parteikreise durchaus Herabsetzungen eigener Leute möglich und geduldet waren. So ist bekannt, dass der oberste Würdenträger der Partei, Gauleiter Weinrich - in Abwesenheit - auch mal als „Weinleiter Gaurich“ tituliert wurde. Doch konnte es sich kein Bürger auf der Straße leisten, diese Bemerkung auch nur geflüstert zu benutzen. Auf Diskriminierung der Hoheitsträger stand umgehende Verhaftung und Einlieferung in ein Konzentrationslager.

Eine Herabsetzung der Hoheitsträger der Partei außerhalb der Herrschaftskreise war undenkbar. Walter Voß gehörte zum innersten Zirkel der Stadt. Viele Fotos zeigen ihn in der ersten Reihe mit den Hoheitsträgern der Partei und den SA-Größen.

Die Spruchkammer entlastete Walter Voß

Walter Voß hatte aus der Sicht der Nachkriegszeit keine eigenmächtigen Verbrechen in Marburg begangen. Um nach den Regeln der Entnazifizierung die Einstufung „unbelastet“ zu erhalten, musste ein ehemaliger Pg. nachweisen, dass er Widerstand gegen verbrecherische Anordnungen der Partei geleistet hatte und dafür ins KZ oder ein anderes Straflager eingewiesen wurde.

Solche Begründungen konnten für Voß nicht gefunden werden. Die Spruchkammer jedoch konstruierte für Voß einen Ausgleich. Denn der von Voß geleistete Widerstand habe - so die Spruchkammer - Marburg vor der Zerstörung gerettet. Diese Leistung wurde als gleichwertig angesehen und führte zum Spruch „unbelastet“.

Für Voß wurde geltend gemacht, dass er, wie es im Beschluss der Spruchkammer auf Seite 9 lautet, sich gegen den Nazi-Staat gewandt und mit seinem „Widerstand gegen die Zerstörungsbefehle Himmlers vor der Übergabe der Stadt Marburg an die Amerikaner“ die Stadt gerettet habe.

Wenn man die Einnahme von Marburg durch die amerikanischen Truppen am 28. März 1945 genauer betrachtet, so kann von Widerstand der Verantwortlichen im Rathaus keine Rede sein. Die Scharfmacher der Partei hatten Marburg bereits einen Tag vorher, spätestens in der Nacht vom 27. auf den 28. März 1945 von der Bevölkerung unbemerkt verlassen. Es ist in Wahrheit das Verdienst dieser Feiglinge, dass Marburg nicht militärisch verteidigt wurde. Genaueres ist in dem von Voß selbst gegebenen sechsseitigen „Stenogrammdiktat nach dem Gedächtnis“ zu entnehmen: Stadtarchiv Marburg, Personalakte Voss, Pa 822/1, ohne Datum, ohne Unterschrift.

Darstellung von Voß über die Situation in Marburg am 27. und 28. März 1945

Bis zum 27. März hatte Kreisleiter Krawielitzki in Marburg mit einem von ihm zusammengestellten Stab die Befehlsgewalt übernommen. Von diesem Stab war anfangs geplant gewesen, durch die Schutzpolizei in der Nähe der Tannenbergkaserne und auf Spiegelslust Panzerfallen zu errichten. Doch mangels zur Verfügung stehender Kräfte - die Polizisten waren mit der Aufsicht bei den Aufräumarbeiten und dem Dienst in den Luftschutzkellern voll beansprucht - kam dies nicht zur Ausführung. Als die SA dies übernehmen sollte, kam nur einer der in Frage kommenden Ortsgruppenleiter zu der angesetzten Auftragserteilung. Somit unterblieb auch diese Maßnahme.

Die Stadtverwaltung wurde zu den Überlegungen des Stabes nicht informiert. Der zuletzt gefasste Entschluss des Stabes vor seiner Flucht lautete: Marburg war freizugeben, weit außerhalb, wohl am Burgwald, sollten offenbar vom Militär Stellungen bezogen werden. Die Befehle ihrer höchsten Führer Hitler und Himmler, unbedingt die Städte zu verteidigen und notfalls die Brücken zu sprengen, diese Befehle von oben ließen sie Befehle sein. Zudem ließen die Parteigrößen Marburg Marburg sein und verschwanden nahezu unbemerkt über Nacht. Dies kann als das wahre Glück von Marburg angesehen werden.

Im Einzelnen kann folgendes dargestellt werden: Am 27. März 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner, hatte Kreisleiter Krawielitzki die Uniform eines Unteroffiziers des Volkssturms angezogen. Seine Frau hatte er schon vorher per Auto aus Marburg weggeschickt. Krawilitzki wurde acht Tage später in Luxemburg verhaftet.

Die anderen höheren SA- und SS-Führer hatten sich in Deckung gebracht oder waren in der Nacht vom 27. auf den 28. März ebenfalls vor dem Feind geflüchtet. Dazu gehörte einer der wichtigsten Scharfmacher, der Sicherheitsdienst-(SD) Führer der SS, Dr. Müller. Dieser war mitsamt seinem Stab Richtung Norden entschwunden. Somit war Marburg schon vor dem Einmarsch der Amerikaner von den lokalen Hoheitsträgern der Partei befreit.

Den Männern im Rathaus um den (komm.) Oberbürgermeister Voß wurden die Beschlüsse des Stabes nicht mitgeteilt, so gab es Voß in seinem Bericht an. Im Rathaus wurde von der Polizei als Gefahr die von Kassel erhaltene Meldung angesehen, dass zurückflutende „Marodeure“ noch vor dem Einrücken der Amerikaner mit Lkw nach Marburg vordringen und politische Gefangene befreien würden. Gegen diese Gefahr wurde die Polizei bewaffnet und mit fünf Panzerfäusten ausgerüstet.

Zudem hatte Polizeihauptmann Ventzke die Nachricht erhalten, ein wichtiger Kurier sei von Kassel mit einem ebenso wichtigen Befehl unterwegs. Man vermutete entscheidende militärische Anordnungen. Doch es stellte sich heraus, dass der Befehl eine Meldung war, die Bahnwagen in Marburg auf scharfe Waffen hin zu untersuchen. In Kassel hatte man eine illegale Waffenverschiebung auf dem Marburger Bahnhof vermutet.

Nachdem aus den im Rathaus vorhandenen Leitungen der „Befehlsstellen der Warnvermittlung“ letztlich von außerhalb die Meldung kam: “Wir stellen unsere Meldungen ein“, mussten die im Rathaus versammelten Verantwortlichen ohne konkreten Nachrichten auf die Entwicklung der Dinge ausharren. Schließlich wurde - nachdem Geschosseinschläge zu hören waren - vom Rathaus eine Patrouille in die Stadt geschickt. Ihre Aufgabe war, auf umherstreunende "Marodeure" zu achten.Sie kam bis zum Rudolphsplatz. Dort standen bereits amerikanische Panzer.

Die amerikanischen Truppen waren von Lohra her kommend über Ockershausen in die menschenleere Stadt gefahren. Die gesamte Bevölkerung saß in den Bunkern, denn am Morgen hatte es Fliegeralarm gegeben. Die Amerikaner hatten offenbar am Rudolphsplatz einen Halt gemacht, um irgendeinen Verbindung mit Stellen der Stadt zu bekommen. Die das Lahntor hinabkommenden Polizisten waren ihr erster Kontakt mit Menschen in Marburg. Sie entwaffneten die Patrouille und schickten einen Hilfspolizeibeamten ins Rathaus. Dieser überbrachte darauf im Rathaus die Nachricht vom Einmarsch und Besetzung der Stadt durch die Amerikaner.

Die Legendenbildung begann 1946 mit Hermann Bauer

Ein Jahr später veröffentlichte Hermann Bauer in seiner Zeitung „Marburger Presse“ einen Rückblick auf die Ereignisse der beiden letzten Tage vor Kriegsende. Er berichtet, dass die Nazi-Größen die Stadt verlassen hätten und bereit waren, die Stadt dem Untergang preiszugeben. Dann hätten verantwortungsvolle Kräfte der Stadt das Heft in die Hand genommen, denen das „Wohl unserer Stadt über dem eigenen Ich“ gestanden hätten. „Das war Marburgs Glück!“ - so Bauer. Diese Ausführungen bedeuteten der Beginn der Legende, Voß habe Marburg vor der Zerstörung gerettet.

Die Ausführungen von Bauer waren sicherlich gut gemeint. Denn man brauchte zu dieser Zeit einen positiven Helden. Dieser war mit Voß gefunden, indem ihm die Rettung der Stadt unterstellt wurde. Voß selbst konnte mit dieser Darstellung gut leben. Ihm stand noch seine Verhandlung zur Entnazifizierung bevor.

Gleichzeitig schildert Bauer in seinem am 28. März 1946 in der Rückschau veröffentlichten Bericht eine Auseinandersetzung der in Marburg vertretenen Militär-Kommandeure. Als Fazit stellt sich heraus, dass Marburg überhaupt nicht zu verteidigen war: Man hätte aus Kassel in letzter Minute 22.000 Gewehrgranatgeräte und 7.000 italienische Maschinenpistolen erhalten. Doch die zugehörige Munition fehlte in Marburg. Dazu waren 800 Panzerfäuste vorhanden, ihnen fehlten die Zünder.

Nach diesen Darlegungen von Bauer hätte selbst das Militär vor dem amerikanischen Einmarsch eigenmächtig keine Verteidigung organisieren können. Die Parteiführung hatte sowieso - bevor sie sich in die Ferne verzog - die Verteidigung von Marburg abgesagt.

Die Marburger Bürger hatten von den Vorgängen nichts mitbekommen. Durch den am Morgen des 28. März erfolgten Fliegeralarm aufgeschreckt waren sie in die Bunker geflüchtet. Nach dem schweren Angriff vom 22. Februar 1945 hatte es in Marburg weitere Bombenwürfe mit Todesopfern gegeben. So zuletzt am 23. und gleich mit drei Angriffen am 25. März 1945. Niemand wollte mehr in den letzten Kriegstagen durch Zufallstreffer zu Tode kommen.

Auch der Autor dieses Berichts saß mit seinen Eltern im "Europäer", dem mit Fassungsvermögen von fast 3.000 Leuten der weitaus größte Schutzbunker von Marburg. Es muss früher Nachmittag gewesen sein, als die Ersten den Bunker verlassen durften und sich herauswagten in die Elisabethstraße. Dort sahen sie mit Erstaunen und großen, manche mit ängstlichen Augen die amerikanischen Panzer stehen und dann durch die Bahnhofstraße fahren. Für meine Eltern brachte der Tag eine große Erleichterung. Nicht nur der Krieg war vorbei, sondern auch die Herrschaft der NSDAP hatte ihr Ende gefunden.

Zu "Luftschutz gegen Fliegerangriffe in Marburg im 2. Weltkrieg":

http://www.myheimat.de/marburg/politik/vor-75-jahr...

Marburg war kampflos an die Amerikaner gefallen. Später wurde konstruiert, in Marburg hätte es eine Widerstands-Leistung zur Rettung der Stadt gegeben. In Wahrheit hatte es keinen Kampf zwischen einzelnen Personen oder Gruppen um Verteidigung oder Übergabe der Stadt gegeben. Es hatte sich einfach so ereignet, dass die Amerikaner am Rudolphsplatz standen - und die Stadt bereits in ihrem Besitz war.

Die Spruchkammer postulierte 1947 die Legende, der Widerstand von Voß hätte Marburg vor der Zerstörung gerettet

Durch den Freispruch für Voß vom März 1947 in seinem Verfahren vor der Spruchkammer wird schon zwei Jahre nach Kriegsende die Legende um den Widerstand von Voss gegen die Zerstörung von Marburg zur Wahrheit erhoben. Konkret wurde von der Spruchkammer jedoch niemand benannt, gegen den Voß Widerstand geleistet hätte. Zu dem Militär hatte Voß keine Verbindung. Angemerkt von der Spruchkammer wird, dass Voß gegen die Befehle Himmlers Widerstand geleistet hätte. Diese abstrakte Leistung ist gleichfalls nicht nachvollziehbar. Vielmehr muss dieser „Widerstand“ den lokalen Hoheitsträgern der NSDAP zugesprochen werden. Ob sie dafür zu ehren sind, muss bezweifelt werden.

Weite Kreise von Marburg dachten nicht an Gegenwehr. Der weitaus größte Teil der Marburger befand sich bei der Einnahme der Stadt durch die amerikanischen Truppen in den Luftschutzbunkern.

Wie man die Situation am besten beschreiben kann, ist vielleicht in den Aufzeichnungen von Georg Triebstein nachlesbar. Dieser war während des Krieges im direkt an Marburg grenzenden ehemaligen „Hausdorf“ Wehrda Hauptlehrer gewesen und hatte in seiner - in Maschinenschrift vorliegenden - „Kriegs-Chronik 1939-1945/46 von Wehrda“ über den 29. März 1945 auf S. 92 formuliert:

„In der Hauptstraße unseres Dorfes haben viele Einwohner die weiße Flagge aufgezogen oder aus dem Fenster gehängt. Auffällig ist, dass gerade Hauptnationalsozialisten, die nur so trieften von Vaterlandsliebe und Kampf für den Führer, mit zu den ersten gehörten, die die weiße Fahne hissen.“

Anmerkung :
Einige Teile dieses Berichts sind übernommenen aus Teil 9 meiner Folge bei myheimat über die Marburger Oberbürgermeister vom 16. Juni 2016:

http://www.myheimat.de/marburg/politik/marburger-o...
9
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