1850 erreichte der erste Zug den Marburger Bahnhof - doch die Main-Weser-Bahn wurde erst 1852 fertig gestellt

Bahnhof Marburg im 19. Jahrhundert. Alle ankommenden und abfahrenden Züge hielten auf Gleis 1. Von dort konnten die Reisenden direkt in das Bahnhofsgebäude einkehren.
 
Bahnhof Marburg. 1908 musste dieses Gebäude aus dem Jahr 1850 einem Neubau weichen.
 
Brücke der Main-Weser-Bahn bei Cölbe. Sämtliche noch neute genutzten Brücken über die Lahn (und andere Flüsse) wurden 1850 erreichtet. Die fünf Bogen dieser Brücke waren wegen der jährlichen Hochwasser geplant worden.
Marburg: Hauptbahnhof | Vor 165 Jahren fuhr der erste Zug über die Main-Weser-Bahn in Marburg ein

Am 4. April 1850 konnte erstmalig ein Zug über die neu erbaute Strecke der Main-Weser-Bahn von Kassel kommend in den neuen Marburger Bahnhof einfahren. Mit dem Anschluss von Marburg war jedoch erst die Hälfte der Gesamtstrecke gebaut. Der Weiterbau brachte noch ungeahnte Schwierigkeiten. Interessant sind die einzelnen Phasen der Fertigstellung. Mit Beginn der Vereinbarungen über den Erwerb der Grundstücke bis zur Ankunft des ersten Zuges in Marburg hatte es damals mit nur vier Jahren einen rasanten Baufortschritt gegeben.

Der Streit über die Streckenführung - ob über Fulda und Hanau oder über Marburg und Gießen - war 1845 mit dem Staatsvertrag zwischen der Freien Stadt Frankfurt, dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt und dem Kurfürstentum Hessen-Kassel entschieden worden. Die beiden Städte Marburg und Gießen hatten - selten genug - gemeinsam für die westliche Linienführung gekämpft und gewonnen.

Auch das Königreich Preußen setzte sich für die westliche Variante ein

Mit entscheidend war letztlich auch, dass sich das Königreich Preußen für diese Variante eingesetzt hatte. Denn zu Preußen gehörte die Freie Stadt Wetzlar. Und mit der West-Variante war auch Wetzlar bald an das Eisenbahnnetz anzuschließen und damit eine durchgehende Verbindung von der preußischen Exklave nach Berlin möglich.

1845: 6. Februar - Staatsvertrag zum Bau der Main-Weser-Bahn
1845: Grundstücksaufkäufe
1845: 6. August - Baubeginn auf kurhessischer Seite
1849: 19. Dezember - Freigabe Streckenabschnitt Kassel bis Wabern
1850: 2. Januar - Freigabe Streckenabschnitt Wabern - Treysa
1850: 4. März - Freigabe Streckenabschnitt Treysa - Kirchhain
1850: 3. April - Freigabe Streckenabschnitt Kirchhain - Marburg

Für die damals mit nur etwa 8.000 Einwohnern kleinste „Hauptstadt“ von Kurhessen (neben Marburg trugen noch Kassel, Fulda und Hanau diesen Titel) war somit die lang ersehnte schnelle Verbindung zur Regierung in Kassel gelungen. Bei der Weiterführung nach Süden überschritt die Bahn die Staatsgrenze und gelangte in das Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Der Grenzübertritt lag zwischen Fronhausen und Lollar.

Nachdem Marburg erreicht war, ging es zügig in Richtung Gießen weiter.

1850: 25. Juli - Freigabe Streckenabschnitt Marburg - Lollar
1850: 25. August - Freigabe Streckenabschnitt Lollar - Gießen

Gleichzeitig hatte man auch in Frankfurt von Süden her mit der Fertigstellung der gesamten Linie begonnen.

1850: 10. März - Freigabe Streckenabschnitt Frankfurt - Friedberg
1851: 1. Mai - Freigabe Streckenabschnitt Friedberg über Butzbach bis Lang-Göns

Schwierige Bodenverhältnisse verzögerten den Weiterbau

Allerdings sollte es bis zur Fertigstellung der gesamten Main-Weser-Bahn noch bis 1852 dauern. Zwischen dem Abschnitt Gießen und Lang-Göns wurden ungeahnt schwierige Bodenverhältnisse der zu Baubeginn mutig auf 1850 avisierten Fertigstellung der Gesamtstrecke Kassel - Frankfurt zum Verhängnis.

Die Strecke über Bad Nauheim bis Lang-Göns war fast ganz ebenes Terrain und leicht zu überwinden gewesen. Von Lang-Göns bis Gießen traten hingegen große Schwierigkeiten auf. Die Einzelheiten beschrieb der Giessener Heimatkundler Helmut Faber vor wenigen Monaten in einer Giessener Zeitung bei der Rückschau auf die im Jahr 1897 erfolgte Eröffnung des Güterbahnhofs von Großenlinden.

Im Lückebachtal war ein etwa 2,50 Meter tiefer Torf- und Moorboden zu überwinden. Dieser stets unruhige Boden war bei feuchtem Wetter für Menschen kaum passierbar und musste nicht allein bei Erbauung der Brücke über den Lückenbach, sondern sogar in der ganzen Dammbreite auf etliche Hundert Meter Länge ausgehoben werden.

Nach Herstellung der Gleisanlage wurde der Torf zum Aufschütten der Dämme und Böschungen wieder benutzt. Nun trat eine weitere Hauptschwierigkeit auf, der Durchstich des Bergrückens über die sogenannte „Lindener Mark“ bis zur Gemarkungsgrenze Klein-Linden und Gießen. Dieser Berg sollte nach der Projektion auf eine Tiefe von 24 Meter abgetragen werden. Der Boden dieses großen Einschnitts, meist bestehend aus sogenannten „Letten“ musste - vor allem in Winter durchführbar - mit Pulver gesprengt werden.

Aus diesem Grund mussten bis 1852 alle Reisenden, die von Frankfurt kamen, in Lang-Göns aussteigen. Sie wurden dann mit der Postkutsche nach Gießen befördert - und umgekehrt. Am 15. Mai 1852 gelang schließlich der Lückenschlusses zwischen Lang-Göns und Gießen und der erste Zug konnte durchgehend von Kassel nach Frankfurt fahren.

In den ersten Jahren nur eingleisiger Verkehr auf der Strecke

Die Trasse war von Beginn an auf zwei Gleise angelegt. Auch sämtliche noch heute benutzten Sandsteinbrücken über die Lahn und andere Flüsse hatten von Beginn an die notwendige Breite für den doppelgleisigen Verkehr. Doch es wurde zuerst nur ein Gleis verlegt. Erst ab 1865 lief der Eisenbahnverkehr über die Main-Weser-Bahn doppelgleisig. Und bald schon verringerte sich die Reisezeit von Marburg zum Hauptbahnhof Kassel von anfangs drei Stunden auf unter zwei Stunden. Diese Reisezeit galt für die Benutzung des Schnellzugs. Dessen Fahrplan verzeichnete über die Strecke von gut hundert Kilometern keinen Zwischenhalt.

Selbst bei Einbeziehung der Verzögerung bis zum Jahr 1852 ist die Leistung, dass von Planung bis Realisierung der Main-Weser-Bahn nur sechs Jahre vergingen, als heute kaum noch nachvollziehbar zu bewundern. Das Lob für die Ingenieure und Bauarbeiter kann nicht groß genug angesetzt werden.

Anmerkung:

Noch mehr Bewunderung ob dieser Leistung muss der heutige Betrachter zollen, wenn man auf die zerrütteten damaligen politischen Verhältnisse in Kurhessen blickt. Der Kurprinz Friedrich Wilhelm lag in jahrelangem Streit mit der Ständekammer, von der er in finanziellen Fragen in großen Teilen abhängig war. Es gab Auseinandersetzungen der Konservativen mit den Rebellen von Seiten der Demokraten und Liberalen. Zudem gab es in der fürstlichen Familie genug Ärger. Sein Vater Wilhelm II. hatte sich mit seiner Geliebten in sein Schloss nach Hanau zurückgezogen. Und zudem kündigte sich mit den Streitereien und Aufständen das Revolutionsjahr 1848 an.

Mehr Informationen dazu: Philipp Losch, Geschichte des Kurfürstentums Hessen, Marburg 1922
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4 Kommentare
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Werner Szramka aus Lehrte | 06.04.2016 | 17:51  
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Wolfgang O. H: Schmenner aus Marburg | 07.04.2016 | 01:10  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 07.04.2016 | 09:42  
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Wolfgang O. H: Schmenner aus Marburg | 07.04.2016 | 18:55  
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