Waschbärgeschichten / Teil II Aufzucht mit der Flasche

Bild II/1 Na, wo bleibt die Flasche?
 
Bild II/2 Na endlich; auf Muttis Schoß schmeckt es am Besten
 
Bild II/3 Keiner will warten, da kommt Verstärkung zum Einsatz.
Von einem Campingplatzbesitzer im Kellerwald, der die Jungtiere aus bestimmten Gründen vorzeitig abgeben musste, bekamen wir gleich zwei kleine Waschbären, obwohl wir nur an einen gedacht hatten. Wir ließen uns überzeugen, dass es für zwei Waschbären besser sei, damit das Tier nicht vereinsamt. Erst später habe ich erfahren, dass erwachsene Waschbären Einzelgänger sind. Aber die beiden Geschwister haben sich auch im Erwachsenenalter noch gut vertragen und haben immer zusammen geschlafen.
Jetzt kamen aber zunächst Probleme, deren Lösung nicht in Büchern zu finden war. Als wir die Waschbären bekamen, konnten sie noch keine feste Nahrung zu sich nehmen und mussten mit der Flasche ernährt werden. Eine normale Babyflasche mit Kinderschnuller wäre viel zu groß gewesen. Unsere Kinder kannten aber noch die Puppen-babyflaschen mit einem kleinen Schnuller, der nicht dicker als ein Bleistift war. Man konnte sie - mit kleinen Zuckerperlchen gefüllt - kaufen, die als „Liebesperlchen“ bezeichnet wurden (was aber nichts mit Sex zu tun hatte, mit Viagra schon gar nicht). Die Fläschchen wurden von den Jungtieren nach ei-nigen Übungen auch angenommen. Aber von der Vollmilch, die damals sicher noch fettreicher war, bekamen sie Durchfall. Wir mussten erst herausfinden, wie man sie verdünnen musste, um die Waschbären ausreichend zu ernähren, ohne ihre Verdau-ungsorgane übermäßig zu beanspruchen. Das gelang relativ schnell. Meine Frau hat das Amt der „Amme“ übernommen und sich ihnen liebevoll gewidmet (nachstehende Bilder 1 und 2) . Die Kinder haben sich beteiligt, sofern der Schulbesuch das zuließ (Bild 3). Die Fütterung musste ja nach einem Zeitplan verlaufen. Wenn sie satt waren, machten sie auf dem Schoß ein Nickerchen und lagen mit dem Kopf auf dem Unterarm (Bild 4). In der warmen Armbeuge glaubten sie instinktiv den Bauch der leiblichen Mutter zu entdecken und fingen dort an zu saugen, so dass meine Frau dort einen Fleck bekam, den man im Volksmund „Knutschfleck“ nennt. Das war nicht unbedingt ein Ausdruck von Hunger, denn weitere Milch aus der Flasche hatten sie zuvor nach der Sättigung verweigert. - Sehr bald konnten wir sie auf Reisbrei und dann auf normale Kost umstellen. Dann mochten sie Hunde- und gelegentlich auch Katzenfutter besonders gern. Wir haben uns bemüht, sie spä-ter möglichst artgerecht zu füttern. Aber als sie einen Wurm lange Zeit auf dem Boden hin und her rollten, dass der sich vor Schmerzen krümmte, konnten wir das doch nicht mit ansehen und haben ihnen keine Würmer mehr gegeben. Auf Eier waren sie besonders scharf. - Einmal hatte einer der Waschbären im Garten in der Hecke ein Amselei gefunden, das aus dem Nest gefallen war. Er nahm es sofort in beide Vorderpfoten und hob es hoch. Dann hoppelte er fast wie ein Känguruh – mehr auf den Hinterpfoten und sich vorn auf die Ellenbogen abstütz-end – mit hoch erhobenem Ei in den Käfig, um es dort unge-stört zu verzehren. Diese spezielle Gangart hätte ich gern gefilmt. Mit Hühnereiern haben sie – als sie größer waren - solange gespielt und sie fallen lassen, bis sie zerbrachen und der Inhalt aufgeschlürft werden konnte.
Aus Teppichresten hatte ich für die Flaschenbabys eine Ersatzmutter gebastelt, an die sich kuscheln konnten (Bilder 5 6 und 7). Aber die gab ja keine Milch. Deshalb war ihnen die menschliche Amme als Ersatzmutter sympathischer.
Als sie einigermaßen sicher auf den Beinen laufen konnten, fingen sie an, zu klettern. An dem Maschendraht des Käfigs kamen sie vorwärts kletternd bald bis an die Decke des Käfigs. Kopfüber nach unten ging nicht und rückwärts klettern, hatten sie noch nicht gelernt. In freier Wildbahn lassen sich Waschbären am Baumstamm runter rutschen und bremsen mit den Krallen. Aber das ging am Maschendraht auch nicht. Nun hingen sie hilflos oben und begannen klagende, fiebende Töne von sich zu geben. Unser Student, der sie von seinem Zimmer-fenster aus beobachten konnte, ging runter und setzte sie wie-der auf den Boden. Das wiederholte sich mehrmals bis sie gelernt hatten, am Maschendraht rückwärts zu klettern. – Als sie größer waren, konnten sie sogar am Maschendraht hängend an der Decke entlang laufen (Bild II /8). Aber zunächst mussten sie erst einmal ihre eigenen Kräfte entdecken, z. B. Klimmzüge machen (s. Bild II/9 und 10).
Als sie das erste Mal im Garten im Gras laufen durften, sind sie ganz hochbeinig mit hochgezogenem Bauch gelaufen, weil sie das Gras kitzelte. Daran haben sie sich aber sehr schnell gewöhnt. Sie ließen sich leicht wieder einfangen und liefen manchmal von selbst in den Käfig. Mit dem rascheln-den Geräusch des Hundefutters ließen sie sich leicht dahin locken, wo sie hin sollten. Aber dressieren ließen sie sich nicht. - Wenn man sie aufforderte „Männnschen zu machen , taten sie das nur wenn man ihnen Futter über den Kopf hielt.
Außenstehende glaubten dann, sie machen das auf Befehl. (Bild 11 und 12).
Aber „stubenrein“ wurden sie sehr bald, nachdem sie nach jedem Stuhlgang außerhalb ihres Klos ausgeschimpft und in die dafür vorgesehene flache Zinkblechwanne getragen wur-den. Das ging später so weit, dass einer bei einem Spaziergang im nahen Wald plötzlich an der Leine zog und zurück wollte. Wir haben ihn gewähren lassen und er ist dann im Dauerlauf zurück in den Käfig gelaufen und hat sich dort in seinem Klo erleichtert. Wir konnten ihm ja nicht sagen, dass er das auch im Wald gedurft hätte.
Wir sind öfters mit ihnen an der Leine durch die nahen Schrebergärten in den Wald spazieren gegangen. Ehrlich gesagt, sind die Waschbären mit uns spazieren gegangen, weil wir ihnen an der langen Leine soviel Freiraum – wie möglich – gewährt haben und sie gingen nicht „rechts bei Fuß“, wie ein Hund. In den Schrebergärten sind sie fast an jedem Gartentür-chen hochgeklettert und haben den Garten inspiziert. Am Boden durch die Latten oder das Gitter des Türchens zu schauen, war unter ihrer Würde. Nach wenigen Sekunden sind sie wieder nach unten geklettert und weiter (manchmal nur bis zum nächsten Gartentürchen) gelaufen.
(Ich muss noch berichtigend hinzufügen, dass es sich um weib-liche Waschbären handelte und ich korrekt "Waschbärinnen" oder "Fähen" schreiben müsste. Feministinnen mögen mir das verzeihen).
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3 Kommentare zum Beitrag
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Petra Pschunder aus Langenhagen am 01.11.2008 um 22:41 Uhr  
7.660
Bodo von Rühden aus Dautphetal am 02.11.2008 um 09:35 Uhr  
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Hans-Rudolf König aus Marburg am 04.11.2008 um 22:01 Uhr  
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