ZUM TODE VON CHRIS HOWLAND: NACHRUF AUF EINEN BEFREIER

Dear Chris,

Ein „Schallplattenjockey“ ist kein Mensch, der auf Schallplatten reitet, sondern vielmehr jemand, der im Studio eines Radiosenders sitzt und versucht, mit ausgewählten Musikstücken und mehr oder weniger hörenswerten Kommentaren seine Hörer zu unterhalten. Du selbst prägtest damals, Ende der Fünfziger Jahre, mit typisch britischem „Understatement“ diese bescheidene Berufsbezeichnung für Dich und das was Du im Studio tatest. Später machten daraus Andere den Disc-Jockey oder gar DJ. Doch je moderner, je zeitgemäßer die Bezeichnung wurde, desto schlechter wurden Deine Möchtegern-Nachfolger, die schließlich als Plattenaufleger und Plattenverkratzer endeten.

Für meine Generation, den „Nachkriegskindern“ warst Du viel, viel mehr, als Du es Dir jemals erträumt hast. Dein Sprung vom BFN (British Forces Network) zum deutschen NWDR-Radio im Jahre 1952 und Deine dortigen Sendungen „Rhythmus der Welt“ und „Spielereien mit Schallplatten“, sowie ab 1961 Deine Sendung „Musik aus Studio B“ des WDR, brachten dem deutschen Funk wieder viele jugendliche Hörer zurück, die man bereits an die Sender der Besatzer AFN und BFN verloren hatte.

Damals lag der deutsche Hörfunk in den Händen von ewig gestrigen Redakteuren, die noch gar nicht bemerkt hatten, dass aus den Trümmern eine neue Generation heranwuchs, die nichts, aber absolut nichts von der „Smokingmusik“ deutscher Radiostationen wissen wollte. Klassik und harmlos verwässerte „Populärmusik“ von Rundfunkorchestern oder Schnulzensängern aus der deutschen Provinz wurden den mehr oder weniger leidenden Hörern täglich um die Ohren geschlagen. Wir, die deutsche Jugend, schaltete ab oder um auf AFN (im Süden) und BFN (im Norden).

Doch dann kam plötzlich eine knarrende, stolpernde Stimme mit starkem englischem Akzent durch den Äther geweht. Ein gewisser „Heinrich Pumpernickel“ wagte es „kackfrech“ ausländische „Populärmusik“ zu spielen. Unsere Eltern schrien Zeder und Mordio, weil es „früher so etwas nicht gegeben hätte!“ Doch wir Jugendlichen waren nicht nur „very amused“ sondern glücklich, dass es Jemanden gab, der uns überhaupt wahrnahm. Und der warst Du, dear Chris.

Dein schlechtes Deutsch verstanden wir besser, als die englischen und amerikanischen Ansagen der Militärsender, und es war für uns unglaublich, Deiner vielseitigen Musikauswahl zu lauschen. In jenen Tagen öffnetest Du uns alle Türen zur unendlichen musikalischen Freiheit, die vom Jazz über Gospel, Blues, Boogie, Rhythm & Blues, Rock and Roll bis zum Calypso reichte. Und zu jedem Titel, den Du auf den Plattenteller legtest, hattest Du eine fundierte Information oder einen flotten Spruch. Du sprachst uns aus dem Herzen, Du gabst uns Hoffnung, Du gabst uns das Gefühl, verstanden zu werden, Du warst einer von uns, ganz nah an unseren jugendlichen Träumen. Dafür sind wir Dir bis heute, und so lange wir noch leben dankbar. Ohne Dich wäre unsere Welt viel graubrauner gewesen.

Vor ein paar Jahren schriebst Du mir: „Der Funk ist heute leider nicht mehr das, was er damals war. Alles ist computerisiert und der Mensch spielt eine immer kleinere Rolle. Das ist ein großer Fehler, und irgendwann wird (hoffentlich) jemand den Leuten zeigen, wie man es machen soll. Und die Musik……..?“

Dear Chris, Du hast es uns Allen gezeigt, wie man es machen kann. Jetzt hast Du uns leider zurück gelassen mit unseren schwarzen Scheiben von damals und den lustigen Erinnerungen an „Heinrich Pumpernickel“. Bald treffen wir uns wieder, ganz da oben zu einer wilden Rock and Roll-Party. Und dann: „boing!“

Dein Rock and Roll Opa, http://www.megawelle.fm/
Sonntags & Donnerstags um 18.05 MEZ
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Oberhessische Presse | Erschienen am 14.12.2013
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Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 03.12.2013 | 16:28  
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