REQUIEM AUF EINE KUNSTFORM

von Hans-Rudolf König aus Marburg | am 12.08.2008 | 245 mal gelesen | 8 Kommentare | 0 Bildkommentare | 0 Bilder

Der so genannte Fortschritt ist nicht aufzuhalten und leider bleiben viele lieb gewonnenen Dinge auf der Strecke. Zu den attraktiven Relikten der Vergangenheit zählen auch die kleinen faszinierenden Kunstwerke auf den Schallplattenumschlägen der letzten 50 Jahre.

Vor 60 Jahren legte man noch dicke Schellackplatten auf und drehte an der Kurbel. Der Trichter quakte ins Ohr wie 20 Jahre zuvor bei den Eltern oder gar Großeltern.

Doch dann begann eine rasante Entwicklung in der Herstellung von Schallplatten. Zunächst kam die kleine schwarze Schallplatte (Single) mit 45 Umdrehungen pro Minute auf den Markt. Vorbei war es mit den schweren dicken Taschen, die man zu den Partys schleppen musste, um das Gequake der schwarzen Scheiben mit 78 Umdrehungen pro Minute aus dem Trichter zu hören. Vorbei war das hohe Risiko der Zerbrechlichkeit der Schellack-Ungetüme.

Man wurde mobiler und das Kofferradio ging im Sommer sogar mit ins Strandbad oder abends unter die Bettdecke, weil die ach so deutschen Eltern nicht wollten, dass die Kinder AFN, BBC oder Radio Luxemburg und deren „Urwaldmusik“ hörten.

Sodann begann der Siegeszug der LP (Vinyl Langspielplatte mit 33 Umdrehungen pro Minute). Zunächst konnten sich nur die Erwachsenen solche Luxusartikel leisten. Eine LP mit 12 Musiktiteln kostete immerhin DM 18,00. Das war unglaublich viel Geld. Ein musikbegeisterter kaufmännischer Lehrling verdiente im Monat DM 20,00. Also teilte die Industrie schnell eine LP in 3 gleiche Teile mit je 4 Musiktiteln auf und verkaufte jede dieser so genannten 45er EPs (Extended Play, auf gut deutsch: Füllschriftplatte) für je DM 8,00 an das noch nicht so kaufkräftige jugendliche Publikum.

Doch die Löhne und der Wohlstand stiegen. Der Siegeszug der LP (siehe oben) war nicht mehr aufzuhalten. Die Jugend löste die Erwachsenen als Hauptmusikkonsumenten ab. Die amerikanische Musikindustrie stellte sich völlig auf den jugendlichen Bedarf um. In Europa (und speziell in Deutschland) war man viel schwerfälliger und erkannte nicht schnell genug das jugendliche Kaufpotential (nicht nur in der Schallplattenindustrie).

Dann kam Anfang der 80er Jahre die CD, der Silberling mit dem angeblich perfekten Klang (der oft zu wünschen übrig ließ). Jetzt konnte man schon zwei normale Langspielplatten auf einer CD speichern und für den Preis von einer LP verkaufen. Ein riesiges Geschäft sprang an – doch nicht sehr lange, denn nach 20 Jahren folgten Downloads vom Internet, MP3 Player, I-Pods, usw. Das Resultat dieser rasanten technischen Entwicklung ist die heutige Krise der Schallplattenindustrie. Wer kauft schon eine CD für EUR 20,00 und mehr, wenn er sie im Internet für weniger als die Hälfte kopieren kann?

Doch was haben wir ganz unbemerkt verloren? Die Kunst? Ja, die Kunst des Spagats zwischen der künstlerisch/bildlichen Interpretation des musikalischen Inhaltes einer LP und dem nötigen visuellen „Marktgeschrei“, um die Aufmerksamkeit eines potentiellen Käufers zu erregen. Und das war eine Kunst, die jetzt leider immer mehr in Vergessenheit geraten wird..

Es gab Künstlerateliers, die sich nur mit dem Entwurf von LP-Hüllen (Cover) ihr Brot verdienten. Der Einfallsreichtum dieser Ateliers kannte keine Grenzen, und sehr oft kaufte der unbedarfte Konsument eine LP nur wegen des attraktiven Bildes 30 mal 30 cm auf der Vorderseite, ohne zu wissen, welche Musik auf dem Vinyl gespeichert war.

Leider ist hier nicht der Platz, um mehrere hundert wunderschöne Langspielplattenumschläge zu zeigen. Doch vielleicht vermittelt meine bescheidene Auswahl einen kleinen Eindruck von einer Kunstform, die jetzt kaum bemerkt am Aussterben ist. Der Fortschritt ist eben nicht aufzuhalten.

Aus urheberrechtlichen Gründen habe ich die hier bereits eingestellten Fotos entfernt. Sorry!



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