REQUIEM AUF EINE KUNSTFORM
Der so genannte Fortschritt ist nicht aufzuhalten und leider bleiben viele lieb gewonnenen Dinge auf der Strecke. Zu den attraktiven Relikten der Vergangenheit zählen auch die kleinen faszinierenden Kunstwerke auf den Schallplattenumschlägen der letzten 50 Jahre.
Vor 60 Jahren legte man noch dicke Schellackplatten auf und drehte an der Kurbel. Der Trichter quakte ins Ohr wie 20 Jahre zuvor bei den Eltern oder gar Großeltern.
Doch dann begann eine rasante Entwicklung in der Herstellung von Schallplatten. Zunächst kam die kleine schwarze Schallplatte (Single) mit 45 Umdrehungen pro Minute auf den Markt. Vorbei war es mit den schweren dicken Taschen, die man zu den Partys schleppen musste, um das Gequake der schwarzen Scheiben mit 78 Umdrehungen pro Minute aus dem Trichter zu hören. Vorbei war das hohe Risiko der Zerbrechlichkeit der Schellack-Ungetüme.
Man wurde mobiler und das Kofferradio ging im Sommer sogar mit ins Strandbad oder abends unter die Bettdecke, weil die ach so deutschen Eltern nicht wollten, dass die Kinder AFN, BBC oder Radio Luxemburg und deren „Urwaldmusik“ hörten.
Sodann begann der Siegeszug der LP (Vinyl Langspielplatte mit 33 Umdrehungen pro Minute). Zunächst konnten sich nur die Erwachsenen solche Luxusartikel leisten. Eine LP mit 12 Musiktiteln kostete immerhin DM 18,00. Das war unglaublich viel Geld. Ein musikbegeisterter kaufmännischer Lehrling verdiente im Monat DM 20,00. Also teilte die Industrie schnell eine LP in 3 gleiche Teile mit je 4 Musiktiteln auf und verkaufte jede dieser so genannten 45er EPs (Extended Play, auf gut deutsch: Füllschriftplatte) für je DM 8,00 an das noch nicht so kaufkräftige jugendliche Publikum.
Doch die Löhne und der Wohlstand stiegen. Der Siegeszug der LP (siehe oben) war nicht mehr aufzuhalten. Die Jugend löste die Erwachsenen als Hauptmusikkonsumenten ab. Die amerikanische Musikindustrie stellte sich völlig auf den jugendlichen Bedarf um. In Europa (und speziell in Deutschland) war man viel schwerfälliger und erkannte nicht schnell genug das jugendliche Kaufpotential (nicht nur in der Schallplattenindustrie).
Dann kam Anfang der 80er Jahre die CD, der Silberling mit dem angeblich perfekten Klang (der oft zu wünschen übrig ließ). Jetzt konnte man schon zwei normale Langspielplatten auf einer CD speichern und für den Preis von einer LP verkaufen. Ein riesiges Geschäft sprang an – doch nicht sehr lange, denn nach 20 Jahren folgten Downloads vom Internet, MP3 Player, I-Pods, usw. Das Resultat dieser rasanten technischen Entwicklung ist die heutige Krise der Schallplattenindustrie. Wer kauft schon eine CD für EUR 20,00 und mehr, wenn er sie im Internet für weniger als die Hälfte kopieren kann?
Doch was haben wir ganz unbemerkt verloren? Die Kunst? Ja, die Kunst des Spagats zwischen der künstlerisch/bildlichen Interpretation des musikalischen Inhaltes einer LP und dem nötigen visuellen „Marktgeschrei“, um die Aufmerksamkeit eines potentiellen Käufers zu erregen. Und das war eine Kunst, die jetzt leider immer mehr in Vergessenheit geraten wird..
Es gab Künstlerateliers, die sich nur mit dem Entwurf von LP-Hüllen (Cover) ihr Brot verdienten. Der Einfallsreichtum dieser Ateliers kannte keine Grenzen, und sehr oft kaufte der unbedarfte Konsument eine LP nur wegen des attraktiven Bildes 30 mal 30 cm auf der Vorderseite, ohne zu wissen, welche Musik auf dem Vinyl gespeichert war.
Leider ist hier nicht der Platz, um mehrere hundert wunderschöne Langspielplattenumschläge zu zeigen. Doch vielleicht vermittelt meine bescheidene Auswahl einen kleinen Eindruck von einer Kunstform, die jetzt kaum bemerkt am Aussterben ist. Der Fortschritt ist eben nicht aufzuhalten.
Aus urheberrechtlichen Gründen habe ich die hier bereits eingestellten Fotos entfernt. Sorry!
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Ein tolles Thema! So weiß ich, dass mein Mann nicht nur Wert auf besondere Schallplattenumschläge legte, sondern auch einige Bild-Schallplatten in seiner Sammlung hat. Es gab z.B. eine Platte in Form der Stones-Zunge - für unsere heutigen CDs unmöglich, denn sie müssen ja genau in die Aussparung des CD-Players passen.
Liebe Grüße aus Roth von Edith
Also ich für meinen Teil halte meine alten Schallplatten samt Cover immer noch in Ehren. Viele meiner Platten habe ich mittlerweile auf CD überspielt, aber die kleinen und großen Originale in Schwarz werde ich trotzdem auch weiterhin behalten. Manchmal kaufe ich sogar noch die eine oder andere Platte von Freunden und Bekannten dazu.
@Edith, es gab jede Menge solcher "Picture Discs", wie z.B. das Stones Logo, das Du hast. Das begann schon in den 60ern mit farbigem (nicht schwarzem) Vinyl in den tollsten Farben.
@Traudel, das mit dem Rätsel sagt meine Frau auch immer :))
Aber Hobby ist Hobby und: wenn schon, denn schon.
Sonnige Grüße an Alle
@Wolfgang, ich habe noch 400 neuwertige LPs in Runkel/Lahn bei Freunden stehen. Wie wär's?
Vielen Dank für diesen tollen Bericht. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Nachdem ich als Jugendlicher in den 60er/70er Jahren schon eine ganz nette Vinylsammlung hatte, war es bezeichnender Weise die Einführung der CD, die mich Anfang der 90er Jahre erneut zum Schallplatten sammeln angeregt hatte. Ich begann, mir auf Flohmärkten, in Second Hand Geschäften und auf Plattenbörsen zunächst alt vertrautes auf Vinyl nachzukaufen. Die Sammlung ist bis heute beträchtlich angewachsen und es sind tatsächlich auch zahlreiche Stücke dabei, die ich nur des Covers wegen im Schrank stehen habe.
Die besten Sachen brenne ich zusätzlich zum bequemeren Hören (z. B. für unterwegs) auf CD, aber die original Platten bleiben im Schrank. Ab und zu zelebriere ich es dann rgelrecht, diese Platten aufzulegen. Leider fehlt meistens die Zeit.
Noch einmal zum Thema CD: Es gibt zahlreiche meiner selbst gebrannten CDs, die plötzlich Nebengeräusche bekamen und unbrauchbar wurde. Und bei original gefertigten läßt tatsächlich in den meisten Fällen die Klang-Qualität zu wünschen übrig.
Zum Glück gibt es heute schon wieder Trends, aktuelles und auch altes neu auf Vinyl herauszubringen.
Gruß
Ralf
Danke für den tollen Beitrag. Ich habe ca. 450LP's aus den siebzigern immer noch: mein kleiner privater Schatz.
Gruß Fred
Danke für die Hommage an die Langspielplatten. Ich habe noch ca. 1600 LPS und ca. 500 Singles von Ende der 70 er bis Ende der 80 er Jahre und möchte eigentlich keine davon hergeben. Das geht so von Abba bis ZZ Top !!!


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