Die Schlacht am Halys und der längste Tag im Jahr 2012

Der Meridianstein der Gerling-Sternwarte der Philipps-Universität Marburg. Der Stein wurde 1841 in Wehrda errichtet und dient zur präzisen Justierung der Teleskope der Sternwarte. Dort wurden u.a. Zeitmessungen vorgenommen.
Schon seit Urzeiten regeln der Lauf der Gestirne die Zeiteinteilung der Menschen. So nutzte man in der Antike die Sonne, um den Tag in 12 gleiche Tagstunden und die Nacht in ebenfalls 12 gleichlange Nachtstunden zu gliedern. Damals nahm man alles noch recht gelassen, eine Verabredung wurde i.d.R. nicht genauer als ½ Stunde getroffen.

Mit der Entwicklung der immer besseren Beobachtungs­technik der Astronomen wurde auch die Präzision der Zeiteinteilung erhöht. Allerdings sind einer Sonnenuhr Gren­zen gesetzt: wegen der Größe der Sonnenscheibe am Him­mel hat auch der Schatten eine deutliche Breite. Eine Son­nenuhr geht „nur“ auf etwa eine Minute genau. Also nutz­te man ab dem 19. Jahrhundert mit den immer besser werden­den Sternkatalogen die tägliche Drehung des Sternenhimm­els, um die Sternzeit zu vermessen. Daraus leite­te man dann die Sonnenzeit ab. In Marburg übernahm der Physiker Chris­tian Ludwig Gerling diese Aufgabe. Für eine präzise Zeitmes­sung ist eine ordentliche Justierung erforderlich. Gerling setzte dazu in etwa 4 km Entfernung im Nor­den der Sternwarte in Wehrda eine Landmarke – den Meridianstein, und versah ihn mit einer Skala, die dann anhand einer Messreihe präzise eingemessen wurde. Die fünfte Marke von Ost liegt exakt im Meridian – im Nord-Bogen der Sternwarte.

Im 20. Jahrhundert übernahmen Atomuhren die Herrschaft über unsere Uhrzeit. Allerdings nur schein­bar. Denn beim Studium historischer Sonnenfinsternisse zeigte sich ein Problem. Während der Schlacht der Meder und Lyder am Ha­lys (heutige Türkei) im Jahre 585 v. Chr. ereignete sich eine Sonnenfinster­nis, die Schlacht wurde beendet und ein Frie­densvertrag geschlossen. Berechnet man den Verlauf der Sonnenfinsternis mit der heutigen Tageslänge, dann stellt man mit Erstaunen fest, dass diese Finsternis keineswegs in der Türkei sichtbar war – so die Berechnungen. Was kann die Ursache dieser Diskrepanz sein? Eine Sonnenfinsternis ist so markant und beeindruckend, die Geschichtsschreiber werden sich si­cher nicht geirrt haben. Der Fehler liegt also in den Berechnungen: offensichtlich war früher der Tag etwas kürzer, die Erde drehte sich etwas schneller. Im Laufe der Jahrtausende wurde sie wohl merk­lich gebremst. Auch die Ursache kennt man mittlerweile: es ist die Reibung der Gezeiten Ebbe und Flut.

Heute misst man die Änderung der Tageslänge mit präzisen Beobachtungen weit entfernter Galaxien. Der Effekt ist klein, aber dennoch merklich. Genau vorhersagen lässt er sich nicht. Er addiert sich zur Zeit etwa zu einer Sekunde in 500 Tagen. Hinkt die wahre Zeit der Erde merklich hinter der Zeit der präzisen Atomuhren her, dann müssen diese für einen Moment angehalten werden: eine Schaltsekun­de wird eingefügt. Die letzte Schaltsekunde benötigte man am 31. Dezember 2008 und die nächste folgt am kommenden Samstag: der 30. Juni ist der längste Tag in diesem Jahr, er ist um eine Sekunde länger als alle anderen.

Übrigens: die Schlacht am Halys ist aufgrund dieser nun korrigierten Rechnung das ge­naueste datierte historische Ereignis der Weltgeschich­te!

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Oberhessische Presse | Erschienen am 30.06.2012
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Siegfried Kuhl (sk1941) aus Marburg am 28.06.2012 um 12:39 Uhr  
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