"Die Riesenschlacht in Flandern" Ein Marburger erlebt Waterloo - Fortsetzung.

Hornsignal zur Reveille. Postkarte um 1900, Dachbodenfund, von mir geklebt.
 
Französische Kürassiere beim Versuch der Erstürmung der britischen Höhenstellung. Aus: Adolphe Thiers "Histoire du Consulat et de l´Empire"

Fortsetzung

Im November 1815 veröffentlichten die "Marburger Anzeigen", das wöchentlich erscheinende Amtsblatt des Universitätsbuchdruckers Bayrhoffer, in fünf Teilen den Erlebnisbericht eines Marburgers, der als Angehöriger des "englischen Corps de Genie" die Schlacht bei Waterloo miterlebt hatte. Der hochgebildete Autor, er war wohl Angehöriger der "King´s German Legion", die auch über eine Pionierabteilung verfügte, goß seine Erlebnisse in die Form eines Epos, nur in Gedichtform konnte er dieses Ungeheuerliche wiedergeben!

Am Nachmittag des Sonntag, 18.6. 1815 hat Wellington seine Stellung auf dem Mont St. Jean bei Waterloo gegen die unablässig angreifenden Franzosen halten können. Allmählich treffen Blüchers 40.000 Preußen - unter ihnen der Verfasser des Epos - auf dem Schlachtfeld auf dem Mont St. Jean ein. Aus der Ferne konnte er den Abwehrkampf der Truppen Wellingtons verfolgen Der Autor hat diese Verse kurz nach der Schlacht und noch ganz unter deren Eindruck stehend verfaßt.

Doch Wellingtons verdünntes Heer
Sieht durch die lichten Reihn
Sein nahes Grab je länger mehr,
Und - steht, sich ihm zu weihn.

Die Sonne neigt sich und mit ihr
Der Sieg zum Corsen hin,
Er wähnt sich Herr vom Mordrevier,
Und träumt, die Briten fliehn.

Sieh! - da bemerkt er Waffenblitz
Sich rechts ihm nahn mit Hast,
Und hört das preußische Geschütz
Im Rücken, und erblaßt.

Durchrast verzweifelnd wuthentbrannt
Des Schlachtgetümmels Plan,
Und schnellgefaßt und schlaugewandt
Rennt er die Leibwach´ an:

"Verloren, Krieger, ist die Schlacht,
Das Vaterland zugleich?
Auf, Rettung steht in eurer Macht,
Und beider Loos bei Euch!

Ich zähl´ auf Euch, bewährt mein Wort,
Ihr, längst mit Ruhm gekrönt,
Erstürmt mit mir den Hügel dort,
Auf den der Feind sich lehnt.

Bin ich dort Meister - unser ist
Der Tag! - wir, Sieger, wir!
Euch dankt, als seine Retter grüßt
Euch Frankreich dann mit mir!"

Und wie aus einem Munde tönt´s:
"Der Kaiser lebe hoch!"
Gleich einem Ungewitter dröhnt´s
Bis nach des Hügels Joch.

Unhemmbar wie die Meerfluth wältzt
Der Haufen sich heran,
Verfolgt, ob jeder Schritt ihn schmelzt,
Des Todes Ehrenbahn.

Aus vierzig schweren Stücken stürmt
Verderben auf die Schaar,
Sie klimmt, ob Rumpf auf Rumpf sich thürmt,
Hinan den Mordaltar.

Hinauf, hinauf! So brüllt´s und keicht´s
Von Glied zu Glied hinauf!
Dort ist das Ziel! vorwärts! erreichts! -
Vollendet ist der Lauf!

Ein feuerspeiender Vesuv
Empfängt der Hügel sie,
Aus ist ihr tödtlicher Beruf,
Fort ihre Energie!

Achttausend Feuerröhre sprühn
Den Tod in ihre Reihn,
Achttausend Bayonnette glühn
Und rennen auf sie ein.

Und in der Sonne Abendgold
Stürzt Schaar auf Schaar ins Grab,
Der wirre Menschenklumpen rollt
Den Hügel jäh hinab.

Ihm nach der Kern von Albion!
Ihm nach in voller Wuth!
Und tausend tausend waten schon
Im gift´gen Frankenblut.

Im schönen Bund vereint sich itzt
Das Heldenpaar des Tags,
Umarmt sich, beider Auge blitzt
Am Ziel des Riesenschlags.

Umgarnt von Blüchers tapfrem Heer
Mäht Bülow´s starker Arm
Die Franken wie ein Ährenmeer,
Mäht gräßlich Schwarm auf Schwarm.

Es flucht von Mund zu Mund und brüllt -
Es rette sich wer kann!
Und Weh und Angstgeschrei erfüllt
Des Todes weiten Plan.

Die lange Blutarbeit verkürzt
Die Nacht nicht, Blüchers Stahl
Durchzückt die Finsterniß und stürtzt
Noch Franken ohne Zahl.

Der letzte Hauch von Mann und Roß,
So klingt des Feldherrn Wort,
Schnaub´ auf die flüchtgen Feinde los,
Auf! vorwärts! immerfort!

Bis zu des Corsen Wagen stürmt
Die rasche Reuterschaar,
Jedoch von schwarzer Nacht beschrimt
Entwischt er der Gefahr.

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Werner Szramka aus Lehrte | 17.06.2015 | 15:22  
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