Die Crowd, die vertraut

Journalistinnen und Reporter der Krautreporter.de (Foto: Copyright: Krautreporter.de)

Die digitale Elite lässt sich überzeugen und finanziert das Experiment Krautreporter.de, ohne das Magazin zu kennen. Erklärungsversuche.

Experimente folgen eigenen Gesetzen Krautreporter.de hat es geschafft: auf den letzten Metern haben sich mehr als 15.000 Unterstützer gefunden, dem Online-Magazin die Summe von über 900.000 € zur Verfügung zu stellen, um ein Experiment zu wagen: ein erstes werbefreies professionell produziertes und täglich erscheinendes Online-Magazin. Ein Novum in der deutschen Presselandschaft, angesichts der Breite der Themen, der Anzahl der Journalisten und letztlich der Summe, die per Crowdfunding eingesammelt wurde.
Im Herbst 2014 soll es losgehen, ein genaues Datum steht noch aus. Dabei gab es viele Gründe, das Projekt in Frage zu stellen . Aus logischer Sicht hätte das Projekt scheitern müssen, aber Experimente sind die Ausnahme der Regel und bilden die Chance, tatsächlich etwas neues zu schaffen.

Vertrauen ist der Anfang von allem

Die Initiatoren von krautreporter.de haben glaubhafte Gründe aufgeführt, warum in das Experiment investiert werden soll. Dabei sprachen sie vorrangig zwei Themenkomplexe an: der (un)bezahlte Online-Journalismus und der Klickwahnsinn der Werbebranche.

„Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin.“ (krautreporter.de)

Erstaunlich, mit welcher Schlichtheit zunächst die Lösung präsentiert wird. Gemeint ist natürlich die Tatsache, dass die großen Online-Portale sich überwiegend durch den Print-Titel (s. BILD, Spiegel, Süddeutsche, FAZ …) finanzieren. Im Online-Bereich wird allein durch die Platzierung von Werbung eine Refinanzierung des Mediums angestrebt. Bei stetig sinkenden Klickraten und immer aggressiveren Werbeformen ist abzusehen, dass dieses Konzept nicht nachhaltig zum Erfolg des Mediums beiträgt.

Sehr gute Gründe dagegen

Es gab viele Gründe, warum die Initiative kraureporter.de hätte scheitern müssen! Allen voran basiert die Crowdfunding-Kampagne auf einem zentralen Mittel: Vertrauen. Unter dem Strich und zwischen den Zeilen wird immer wieder eine Botschaft überbracht: Wir wissen, wovon wir sprechen, wir können es, vertraut uns!
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: den Beweis, wie die Krautreporter ihr Ziel erreichen wollen, den Online-Journalismus neu zu beleben, bleiben sie bis zur ersten Ausgabe schuldig. Außer der Nennung der beteiligten Reporterinnen und Reporter auf einer einfachen Website (und deren in klassichen Medien erworbenen Biografie) sowie Interviews, in denen die Journalisten erzählen, was sie bewegt, das Experiment zu wagen, wurde einfach gar nichts gezeigt.

Der Reporter als Pop-Star

Allein die Person und der Verweis auf die veröffentlichten Geschichten (in Print-Medien) sollte neben dem neuen Businessmodell als Botschaft ausreichen. Ich kenne kaum Beispiele, wo dieses Konzept der Werbung für das Produkt Journalismus so personenbezogen inszeniert wurde!
Ich werde erinnert an Filmtrailer, in denen eine nichtssagende Geschichte dramatisch mit großem Star-Ensemble angekündigt wird und am Ende verwiesen wird auf die Macher des Films, die auch schon den einen oder anderen bekannten Streifen gemacht haben. Übersetzt hieße das für krautreporter.de: „Lesen jetzt online von den Machern von FAZ, Zeit.de & Co. die spannendsten Geschichten, die noch authentischer sind als gedruckt“.

Gutes und weniger gutes Crowdfunding

Die Finanzierung der Krautreporter allein per Crowdfunding innerhalb einer kurzen Zeitspanne von 30 Tagen wirft zahlreiche Fragen auf. Wer soll das Risiko des Projektes tragen? Offenbar allein die Leserinnen und Leser, denn ein benannte finanzielle Vorleistung der Herausgeber gibt es nicht. Natürlich erwächst eine Idee wie dieses Projekt nicht über Nacht im Blumentopf, sondern ist Ergebnis von monatelangen Überlegungen, Planungen, Diskussionen, Skizzen und unbezahlten Stunden, die als Vorleistung unbezahlbar sind.
Einen guten Grund, Risikokapital nicht zu beschaffen, haben die Krautreporter bereits genannt: Unabhängigkeit. Tja, Konseqenz hat auch seine wirtschaftlichen Nachteile und die Gefahr, zu scheitern.

Wertschöpfung? Ja, irgendwie.

Erst wenn eine Geschichte durch Bilder, Filme, Grafiken und Typografie aufgewertet und in mehreren Ausgaben als Serie oder in Rubriken unterteilt präsentiert wird, besteht auch ein Anspruch, neben der journalistischen Seite Honorare zu verlagen. Wie findet diese grafische Wertschöpfung bei den Krautreportern statt? Im Team der krautreporter.de gibt es (bislang) keine Fotografen, Illustratoren, Gestalterinnen oder Designer. Die für digitale Medien vielbeschworene User Experience wird hinter verschlossenen Türen entwickelt, auch hier gibt es weder Namen noch die dazu gehörenden Gesichter. Wie das digitale Magazin online aufgebaut ist und wie ich als Leser mit den Artikeln interagieren kann, wird nicht verraten. Jeder Abonnent der Krautreporter kauft also die Katze im Sack.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Während der 30-tägigen Crowdfunding-Kampagne habe ich den Eindruck gewonnen, dass allen, denen ich von dem Experiment erzählt habe, keine Kenntniss von den Krautreportern hatten. Die Pressearbeit war also dürftig. So kannten z.B. bei einer Fachveranstaltung von 100 Medienprofis nach 15 Tagen der laufenden Kampagne maximal nur 5 Teilnehmer das Projekt. Das ist eine magere Ausbeute und zeigt auch den Verlauf der Kampagne, bei der erst in den letzten Stunden die erforderliche Zahl an Unterstützern erreicht wurde. Dieser Punkt macht mich nachdenklich: Wenn 28 Journalistinnen und Reporter sich darauf verlassen, das Twitter oder die Weiteremfehlung per E-Mail tatsächlich die Werbung übernehmen können, wieviel verstehen sie von ihrem eigenen Job?

Das Vertrauen der digitalen Elite

Nachdem nun die logischen Punkte genannt wurden, warum das Experiment hätte scheitern können, komme ich zu den Emotionen. Ich glaube nicht, dass die Leserinnen und Leser mit ihren Medien unzufrieden sind. Besonders in Deutschland haben wir nach wie vor eine vielfältige Medienlandschaft, die andere Länder gerne hätten.
Die Krautreporter sprechen die digitale Elite in Deutschland an: Menschen, die täglich online sind, sich überwiegend per Twitter, Facebook und Co. austauschen, dennoch bei klarem Verstand sind und von den digitalem Medien mehr erwarten, als eine Zweitverwertung, Boulevard oder politisch weichgespültes. Die sich auf das Experiment einlassen und bereit sind, das vergleichsweise geringe finanzielle Risiko von 60 € auf sich zu nehmen. Wer hat nicht schon deutlich mehr für einen Service ausgeben, der sich als Luftnummer entpuppt hat?

Seit dem Ablauf der Kampagne wissen wir nun, dass diese Zielgruppe etwas mehr als 15.000 Menschen umfasst. Die Erwartungen sind hoch, denn diese Zielgruppe ist ebenso kritisch, nimmt nicht jeden Satz einfach so hin und recherchiert schon einmal auf eigene Faust. Die Zielgruppe – sonfern sie sich als solche fassen lässt — ist nicht stellvertretend für die deutsche Bevölkerung. Ob die Leserschaft nach Veröffentlichung der ersten Ausgaben dem Medium treu bleibt oder sogar deutlich breiter wird, bleibt abzuwarten.

Liebe Krautreporter: Herzlichen Glückwunsch bis hierhin, ich bin gespannt auf die ersten Geschichten!
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9 Kommentare
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Mike Zehrfeld aus Schwabmünchen | 17.06.2014 | 09:25  
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Volker Beilborn aus Marburg | 17.06.2014 | 11:09  
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Christoph Luchs aus Marburg | 17.06.2014 | 11:14  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 17.06.2014 | 16:53  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 18.06.2014 | 02:32  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 18.06.2014 | 02:50  
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