Der Marburger Russenfriedhof und dessen sinnlose Zerstörung.

Der Russenfriedhof von SO gesehen

Auf dem Marburger Hauptfriedhof rechts unterhalb des Gräberfeldes des ersten Weltkrieges befindet sich ein kleines Gräberfeld, auf dem unter anderen Soldaten auch 18 russische Krieger des ersten Weltkrieges, die in der chirurgischen Klinik - genau wie die anderen Kriegstoten - nach langem Leiden ihren unheilbaren Verletzungen erlegen sind, ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Ein verwunschener Ort ist es, so sehr beschattet von alten hohen Bäumen, daß dort nur Moos wächst. Bänke laden zum Verweilen ein. In den Boden sind 16 Granitplatten mit Namen russischer Krieger eingelassen. Zudem befinden sich dort noch zwei kunstvoll gestaltete kyrillisch beschriftete Grabdenkmale. Das am unteren Ende gelegene ist aus hellem, das am oberen Ende gelegene aus dunklerem Stein gebildet.

Mit einem kleinen physikalischen Trick konnte ich die stark verrwitterten Inschriften für kurze Zeit lesbar machen. Die des oberen Denkmals lautet: "Kamerad! Es tut uns leid, Euch hier zurückzulassen, aber wir stellen euch zur Gedächtnis ein Kreuz auf. Timofeij L. Timofejew. Verstorben 1919 am 6. Januar." Diese Inschrift ist noch mit dem vor-revolutionären Alphabet geschrieben.

Die des unteren, helleren Denkmals lautet: "Kameraden, Es tut uns im Herzen weh, Brüder, euch zurückzulassen und als Erinnerungs-Geschenk stellen wir Euch ein Kreuz auf. In Marburg 1918." Die Anrede Towa´risch, die unter den russischen Soldaten offenbar damals üblich war, habe ich mit "Kamerad" übersetzt. Die korrekten Übersetzungen verdanke ich einem ukrainischen Studenten, bei dem ich mich hier ausdrücklich dafür bedanke.

Kreuze haben ihnen die Kameraden zur Gedächtnis gesetzt: doch wo sind sie? Ich habe sie noch gesehen: kunstvoll und filigran gebildete orthodoxe Kreuze. Als ich den Friedhof wieder aufsuchen wollte, fand ich ihn nicht - ich hatte mich immer an diesen Kreuzen orientiert, doch die sind weg! Wie kommt das?

Im Sommer 2003 stellte ich fest, daß auf dem Gräberfeld des ersten Weltkrieges ein weißer Grabstein unter dem mehrere deutsche Gefallene beerdigt sind, offenbar mit einem Hammer zerstört worden war. Ich meldete dies der Friedhofsverwaltung und die versuchte, ihn zu reparieren - vergeblich. Auf dem Russenfrieedhof befindet sich auch das schlichte Holzkreuz des Marburger Jägers Heinrich Hofmann aus Schröck, der, geboren Oktober 1900, 1920 seinen schweren Verletzungen erllegen ist. Das obere Ende des vertikalen Balkens ist mit einem Hammer abgeschlagen worden, es liegt noch rechts daneben: sicherlich Ergebnis ein und derselben Attacke! Zwischen diesem Holzkreuz und dem Ort des weißen Grabsteins befinden sich die russischen Grabdenkmäler. Man muß also annehmen, daß auch sie denselben gewissenlosen Verbrechern zum Opfer gefallen sind!

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Weiterveröffentlichungen:

Oberhessische Presse | Erschienen am 07.08.2010
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