Altersbilder im Judentum – Vortrag bei Religion am Mittwoch

Eigene Grafik nach Daten der Mitgliederstatistik der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (Stand: 31.12.2012). Es handelt sich um die jüdischen Gemeinden und Landesverbände, welche dem Zentralrat der Juden in Deutschland zugehören.
 
Ein Foto von Religion am Mittwoch. Hier ist Prof. Dr. Edith Franke vom Fachgebiet Religionswissenschaft mit der Autorin zu sehen. Copyright: Maria Mahler 2014.
Marburg: Religionskundliche Sammlung |

Am 9.4. war es soweit – Genau ein Jahr nachdem ich meine Masterarbeit abgegeben habe, konnte ich sie bei Religion am Mittwoch vorstellen. Und damit konnte ich die seit Jahren erfolgreiche Reihe für das Programm 2014/2015 sogar beginnen.

Mit der Veranstaltungsreihe, die vom Fachgebiet Religionswissenschaft der Uni Marburg, von der Religionskundlichen Sammlung und dem Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst (REMID e.V.) organisiert wird, verbinde ich viel. Durch Religion am Mittwoch habe ich von vielen spannenden Themen rund um Religion(en) erfahren und überhaupt erst mitbekommen, dass es REMID gibt, bei dem ich jetzt im Vorstand bin.

Erst habe ich allgemein etwas zum demografischem Wandel, zu Altersforschung und Judentum in Deutschland gesagt. Der größte Teil waren dann die Altersbilder in den heiligen Schriften, in der hebräischen Bibel (Tanach) und im Talmud.

Hier kann ich nur einige Beispiele Älterer erwähnen, die ein “biblisches Alter” erreicht haben: Methusalem (969), Adam (930), Abraham (175), Sarah (127), Mose (120) und Hiob (140). Allein bei diesen Personen wird das Alter sehr differenziert beschrieben – Abraham und Sarah, beide schon alt, Sarah in der Menopause bekommen trotzdem noch einen Sohn. Abraham stirbt “alt und lebenssatt”, eine Ideal was an einigen Stellen zu finden ist. Im Gegensatz zu manch anderen älteren Personen in der Bibel (die blind, taub und/oder träge sind) wird Mose mit 120 noch als gesund beschrieben. Sein Lebenswerk bleibt trotzdem in gewisser Weise unvollendet – er kann nicht mit dem Volk Israel über den Jarden ziehen. Bei Hiob sind Zweifel an Altersidealen besonders deutlich – ist Weisheit im Alter nicht vielleicht nur ein Ideal, dem wenige gerecht werden? Auch Hiob stirbt alt und lebenssatt und erlebt noch seine Kinder, Enkel und Urenkelkinder. Die Familie, die nachfolgenden Generationen, sind hier und an anderern Stellen besonders wichtig. Die Ältesten als ratgebende Institution werden an vielen Passagen in der Bibel erwähnt – ihren Rat nicht zu folgen, hat einem König nach biblischer Überlieferung seinen Thron gekostet.

In verschiedenen Metaphern wird das Alter in Tanach und Talmud mit der Vegetation z.B. wachsendem Gras verglichen, auch in Koholet/Prediger 12 sind verschiedene Umschreibungen des Alters zu finden. Es werden z.B. die Müllerinnen erwähnt, die feiern, dass sie immer weniger werden – laut mehrerer Autoren sind hier die Zähne gemeint.

Die lebenslaufübergreifende Perspektive betrifft Gebote und Ideale, die unabhängig vom Alter sind. Das Gebot, die Älteren, die Eltern und/oder die LehrerInnen zu ehren ist ebenso zentral wie das Ideal der Wohltätigkeit (Zedaka) und das Lebenslange Lernen. Im Talmud wird das Lernen in der Jugend als leichter als im Alter beschrieben, das Lernen von Erwachsenen ist hingegen gehaltvoller. Aber wichtig ist zu schauen, was “in dem Krug” ist – in manchem neuen Krug findet sich alter Wein, also altes Wissen, in manch altem Krug hingegen befindet sich nicht einmal neuer Wein. Das Ideal eines langen Lebens spiegelt sich auch in dem hebräischem Geburtstagswunsch wieder, welcher mit “Bis 120!” Übersetzt wird.

Diese Altersbilder aus den Schriften waren für die von mir befragten Juden und Jüdinnen in Senioreneinrichtungen nicht unbedingt relevant. Es wurden sehr individuelle Altersbilder deutlich, die mal mehr, mal weniger jüdische Einflüsse aufwiesen. Die Lebensgeschichte einiger InterviewpartnerInnen war besonders durch die Shoa geprägt. Einigen GesprächspartnerInnen war es wichtig, diese Erfahrungen als Zeitzeugenweitergegeben. Eher mit Humor wurde die Schwangerschaft Sarahs im hohen Alter gesehen – dann müsse man ja im Altersheim auch noch aufpassen. Die Altersgrenze 120 und der Geburtstagwunsch waren auch Thema in manchen Gesprächen – Einerseits müsse man ja 120 werden und ein Interviewpartner würde den Arzt verklagen, sollte man das Alter nicht erreichen. Anderseits wurde die Abwandlung des Geburtstagwunsches - bis 100 wie 20 - von einer älteren Dame als Unverschähmtheit angesehen, da es ein unerreichbares Ziel sei.

Nach dem Vortrag kam die Diskussion auf rheinländisches, deutsches Judentum (Jekkes) in Israel bzw. Amerika und ob dieses auch heute noch so gelebt würde. Auch die Frage, ob die Elternverehrung Grenzen hat wurde angeregt diskutiert. Hierkönnen Sie noch ein Interview zu meiner Arbeit lesen.


Maria Mahler
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