Hilfe für Waisenkinder in Swaziland

Waisenkinder in Swaziland
 
Klassenraum der neuen Schule in Kambhoke
Kennen Sie Swaziland im südlichen Afrika? Swaziland ist nach Angaben von UNAIDS (HIV/AIDS-Programm der Vereinten Nationen) das Land mit der höchsten HIV-Rate der Welt. Von den nur 1,3 Millionen Einwohnern tragen ca. 40% das tödliche Virus in sich. Die Pandemie fordert im Jahr ca. 20.000 Todesopfer. Infolge dessen zählt das Land etwa 70.000 Waisenkinder. Mit dem Bau der Schule und der Versorgungsstation in zwei ländlichen Regionen des Landes hat der Marburger Verein Terra Tech e.V. Schritte gegen die desolate Versorgungslage der Kinder unternommen. Um mir davon ein Bild zu machen, bin ich im vorletzten Jahr nach Swaziland gereist.

Kambhoke im Süden des Landes ist eine von zwei Stationen, die ich zusammen mit einem Kollegen Andreas Schönemann besucht habe. Hier hat Terra Tech e.V. eine Schule gebaut. Die Gesichter der Kinder, denen wir hier begegnen, sind ernst, kaum eines lacht. Barfüßig oder in kaputten Schuhen und mit alten zerschlissenen Kleidern auf den schmalen Körpern sind sie zur neuen Schule in Kambhoke gekommen. Der Weg dorthin, den sie über die hügeligen und steinigen Straßen zurückgelegt haben, ist weit. In Swaziland sind die einzelnen Höfe (sogenannte Homesteads) – bestehend aus kleinen, der Subsistenzwirtschaft dienenden Feldern, Viehbestand und wenigen Hütten - über das Land zerstreut. Etwa 40 Kinder und Jugendliche im Alter von 5-21 Jahren sind an dem sonnigen Tag im September erschienen. Sie singen und tanzen anlässlich der feierlichen Einweihung der Schule, zu der sie auch Süßigkeiten und Obst bekommen. Doch auch jetzt sind ihre Gesichter ernst und verschlossen. Niemand weiß, was in den Kindern, die elterliche Liebe, Geborgenheit und Unterstützung verloren haben, vorgeht. Auch dem 72-jährigen Mr. Mamba, auf dessen Grundstück sich die Kinder jeden Tag zum Unterricht einfinden, teilen sie sich nicht mit. Seit einigen Jahren kommen sie nun schon zu ihm. Sein Homestead wurde 2001 zur Anlaufstelle für Kinder ohne Eltern und Verwandte. Mr. Mamba entstammt der Familie eines Gemeindevorstehers (Chief), die die Funktion der Gemeindeverwaltung innehat. Zu deren traditionellem Aufgabenbereich zählt auch die Verantwortung und Fürsorge gegenüber Kindern ohne Familie, die generell von Mangelernährung, Krankheit sowie wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung bedroht sind.
Bei Mr. Mamba erhalten die Kinder unter anderem Frühstück und Mittagessen. Die nötigen Nahrungsmittel, die von Frauen aus der Gemeinde zubereitet werden, liefert das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). Auch Unterricht bekommen die Kinder auf dem Homestead; Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben und Wissenswertes über Körperhygiene, Ernährung und HIV-Prävention werden hier gelehrt. Bis vor kurzem hat der Unterricht im Freien unter Bäumen mit nur unzureichenden Lehrmitteln stattgefunden. Nun lernen die Kinder in dem in Braun, Gelb und Blau gestrichenen Gebäude, das von Terra Tech e.V. mit finanzieller Unterstützung des deutschen Entwicklungsministeriums (BMZ) gebaut wurde. Die kleine Schule besteht aus zwei hellen Klassenräumen für insgesamt 80 Schüler, die die Schule regulär an Schultagen besuchen. Außerdem gibt es eine Toilette und einen kleinen Aufenthaltsraum für die Lehrer. Mit zwei großen Tafeln und neu angefertigten Holztischen steht die Einrichtung der Schule der einer staatlichen in nichts nach.
Dass die Kinder keine staatliche Schule besuchen liegt darin begründet, dass Kinder ohne Zahlung von Schulgeld (200-250 Euro im Jahr), Schulkleidung und Schulbüchern prinzipiell nicht aufgenommen werden. Zwar gibt es einen nationalen Fond, aus dem die Schulkosten für alle Waisenkinder bereitgestellt werden sollen, doch die Zahl der bedürftigen Kinder ist so stark gestiegen, dass das Geld nicht für alle ausreicht. Im Parlament in Swaziland wird daher über die Abschaffung des Schulgeldes diskutiert. Solange aber die Worte tatenlos bleiben, trennt das Schulgeld weiterhin viele Aids-Waisen von den Kindern mit Eltern oder Verwandten, die für ihre Kinder finanziell aufkommen. Für viele bleibt Bildung somit unerreichbar. Dabei spielt sie eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit, die gerade unter „Bildungsfernen“ verbreitet ist.

Immerhin ist der Kampf gegen die Pandemie schon eingeläutet worden. „Eine Nation im Krieg gegen HIV/AIDS“ ist in diesem Sinne der Schlachtruf der Regierungsorganisation NERCHA (Nationaler Notstandsrat für HIV/AIDS). NERCHA existiert seit 2003 und finanziert Projekte, die die Vision „Ein Aids freies Swaziland“ zu verwirklichen versuchen. Doch die Zeit drängt. Nach aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen wird sich die Bevölkerung von Swaziland bis 2050 um ca. 60% reduzieren, wenn die HIV-Invasion nicht aufgehalten wird. Kampagnen von NERCHA und internationalen Hilfsorganisationen betreiben daher Aufklärung im großen Stil. Dazu gehören zum Beispiel Werbeplakate oder Graffitis am Rande des Highways. Sie versuchen das Thema Aids, die Notwendigkeit eines Tests, die Aufforderung zur sexuellen Enthaltsamkeit oder den Gebrauch eines Kondoms ins öffentliche Bewusstsein zu rufen.
Doch obwohl HIV/AIDS auf der politischen Agenda steht, ist die Krankheit in der Bevölkerung ein Tabu und wird, wie die davon Betroffenen, stigmatisiert. Einer, der diesen gesellschaftlichen Umgang zu spüren bekommt, ist Jabu Sithole. Seit kurzem weiß er, dass er HIV-infiziert ist. Es hatte Jabu viel Überwindung gekostet, die Wahrheit seiner Frau Sphephile, mit der er zwei Kinder hat, zu sagen. Doch sie will es nicht akzeptieren, wechselt das Thema, wenn er damit beginnt - obwohl sie aller Wahrscheinlichkeit nach selbst infiziert ist. Dieses ablehnende Verhalten sowie die Resignation vor der Krankheit wirken sich nicht gerade begünstigend auf den Entschluss zu einer antiretroviralen Therapie aus. Dabei steigert sich die Lebenserwartung eines Infizierten, der mit der Einnahme der Medikamente beginnt und konsequent fortführt, deutlich. Noch dazu werden die Medikamente von der Regierung kostenfrei zur Verfügung gestellt. Jabu ist einer, der sich überzeugen ließ und nun noch auf eine lange Lebensdauer hoffen kann. Diejenigen, die sich nicht überzeugen lassen oder nicht wissen, dass und wo sie Hilfe bekommen, werden im Durchschnitt mit 34 Jahren aus dem Leben gerissen. Es trifft vor allem die Menschen auf dem Land, die abgeschnitten sind vom Rest des Landes. Und vor allem sind es Frauen (und damit deren Kinder), die von HIV und AIDS betroffen sind und in jungen Jahren sterben. Einfluss auf ihre Lebenserwartung hat vor allem die im Land verbreitete Polygamie, was der Pandemie den Weg ebnet. In dieser Hinsicht haben die Männer ein einflussreiches Vorbild: König Mswati III, Herrscher der autokratischen Monarchie. Bislang ist er mit 13 Frauen verheiratet. Beim traditionellen „Reed Dance“ (Schilfrohr-Tanz) bietet sich ihm jährlich die Gelegenheit unter über 50.000 jungen, unverlobten Mädchen (Jungfrauen) eine weitere Braut auszuwählen.

König Mswati III ist über die Landesgrenzen hinaus vor allem für seinen luxuriösen Lebensstil bekannt. Obwohl im Land Armut herrscht, scheint sein Augenmerk auf der Erweiterung seines materiellen Reichtums zu liegen. Dazu gehören nach einem Bericht der südafrikanischen Zeitung Saturday Star auch acht Mercedes-Limousinen mit vergoldeten Nummernschildern, die per Luftfracht aus Deutschland eingeflogen wurden.
Gegen die Armut, vor allem die der Waisenkinder, versuchen andere vorzugehen. Beispielsweise hat NERCHA mit Unterstützung von UNICEF Versorgungsstationen für die Waisen im Land etabliert, sogenannte Neighbourhood-Care-Points (NCP). Hier werden die Kinder von Frauen aus der umliegenden Gemeinschaft betreut und mit einer Mahlzeit versorgt. Die Nahrungsmittel – Maisbrei mit Bohnen – liefert das Welternährungsprogramm in großen Säcken. Von 2005 bis 2006 ist die Zahl der notdürftigen Versorgungsstationen, an denen 33.000 Waisen versorgt werden, von 345 auf 438 gestiegen. Doch der Bedarf ist nach wie vor sehr groß, worin sich das Ausmaß der Versorgungskrise zeigt, mit der die Verwandten der vielen elternlosen Kinder, insbesondere die Großmütter, überfordert sind.

Terra Tech e.V. hat daher die Idee der Kinderversorgung aufgenommen und an einem zweiten Projektstandort im Nordosten des Landes, in Majembeni, eine weitere Versorgungsstation aufgebaut. Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Nähe der umliegenden Homesteads auf einer Anhöhe und ist zur Anlaufstelle für Kinder geworden, die zu Hause keine Mahlzeit mehr erhalten. Das hier ausgegebene Maismehl wird ebenfalls vom Welternährungsprogramm zur Verfügung gestellt. Wieder sind es die Frauen der Gemeinde, die für die Kinder kochen und diese versorgen; Männer sind an der Versorgung des Nachwuchses weniger interessiert. Somit wird auch der Unterricht für die 120 Kinder vorwiegend von den Frauen gehalten, der in einem nur wenige Meter entfernten Schulgebäude stattfindet. Terra Tech e.V. hat die nicht-staatliche Schule mit dem nötigen Mobiliar ausgestattet. Sowohl in Majembeni als auch in Kambhoke ist es Ziel, den Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen soweit voranzubringen, dass sie irgendwann auf eine staatliche, weiterführende Schule wechseln können – wenn der Besuch dort kostenfrei wird.

Nachdem der Bau der Schule in Kambhoke und der Essenstation in Majembeni abgeschlossen sind, ist das Engagement von Terra Tech e.V. in Swaziland nun vorläufig beendet. Da aber die Not der Kinder noch immer sehr groß ist, bleiben weitere Hilfestellungen eine mögliche Option für die Zukunft.

Wenn Sie Näheres über die Arbeit von Terra Tech e.V. erfahren möchten, können Sie die Internetseite www.terratech-ngo.de besuchen oder den Verein unter Tel. 06420/839940 (Tel.) bzw. 06420/839941 (Fax.) oder info@terratech-ngo.de (E-mail) kontaktieren. Mit Spenden auf das Konto 44440 bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf (BLZ 53350000) können Sie die Hilfsprojekte von Terra Tech e.V. unterstützen.

Andrea Kornek
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2 Kommentare
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Christine Eich aus Wetter | 07.11.2008 | 07:06  
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Andrea Kornek aus Marburg | 07.11.2008 | 10:16  
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