Zwischen den Jahren...

...ist Zeit zum Denken. Zum Nachdenken, was war, zum Vordenken, was kommt.

Kurz vor Heilig Abend veröffentlichte die Oberhessische Presse (OP) online einen Bericht über den Besuch des Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow bei Flüchtlingen im Landkreis Marburg-Biedenkopf. In der Printausgabe erschien der Artikel an Heilig Abend.

Marian Zachow, bei der Landratswahl im September 2013 gegen seine heutige Chefin, Kirsten Fründt, unterlegen, ließ damals plakatieren:
Zuhören, Zupacken, Zachow
Landrat mit Ideen


Der Bericht in der OP inspirierte Ralf Schrader zum Nach- und Vordenken. Er schrieb diese Gedanken auf:

Willkommenskultur auf Oberhessisch


Nach der Lektüre der Anti-Weihnachtsgeschichte „Vize-Landrat will helfen, kann aber nicht“ drängte es mich, den mutmaßlichen Wahrnehmungen und Gedanken der Redakteurin den Nachdruck zu verleihen, der ihnen aus der Sicht des OP-Lesers, der ich seit Menschengedenken bin, zukäme. Der Journalistin, auch wenn ich sie nicht kenne, drücke ich die Daumen für viele weitere, notwendige Recherchen.

Gern hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Es verschluckt, nicht weitergesagt. Scham und Empörung bedrängen mich. Aber es muss heraus. Wie anders soll ich meine Arbeit machen. Meine Arbeit ist die Nachricht. Die besteht nicht nur in der Präsenz vor Ort, im Registrieren einer Situation, eines Faktums, sondern auch im Interessieren von Frauen und Männern, die mich lesen. So habe ich gelernt zu informieren.

Die Nachricht erscheint am 24. Dezember 2014. Die Titelseite der Oberhessischen Presse, ganz unterm Stern des christlichen Friedensfests, stimmt ein in die viermalige Anrufung: frohe Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten.

Es begab sich aber, dass eine Delegation der Kreisverwaltung unter der Führung des „Vize-Landrats“ und Ex-Pfarrers Marian Zachow, CDU, dem Flüchtlingsheim im idyllischen Gladenbach einen Besuch abstattete, um die Willkommenskultur, von der gegenwärtig so viel zu hören ist, vor Ort zu praktizieren.

Als besondere Geste der Herzlichkeit hatte man sich die Überreichung eines afrikanischen Flechtkorbes mit einigen Früchten und Süßigkeiten ausgedacht.

Die im unbeheizten Raum erwartungsfroh ausharrenden Flüchtlinge wollen sich, unverständlicherweise, damit gar nicht zufrieden geben. Anstatt dem stellvertretenden Landrat zuzujubeln, wagen sie es, über ihre Situation zu reden. Vor dem Krieg geflohen. Alles verloren, das nackte Leben gerettet. Jahrelanges Warten auf eine Antwort der Ausländerbehörde, keine Entscheidung über Duldung oder Anerkennung, drohende Abschiebung, mangelhafte Situation der Unterbringung, die fehlende Privatsphäre, der Wunsch zu arbeiten, eigenes Geld zu verdienen. Das Wort Menschenwürde schwebt im Raum, als Ausrufezeichen, unausgesprochen.

Damit hat der ehemalige Pfarrer nicht rechnen können. „I can’t help you“ fällt ihm dazu ein. Gut, dass er so polyglott ist und wahrhaftig eine Fremdsprache spricht. Oder doch wenigstens einen Satz, den er zur Beglaubigung mehrfach wiederholt: „I can’t help you“.

Hätte er im Vorfeld nicht vielleicht doch einen Mitarbeiter mal fragen sollen, ob, oder am Ende gar wie man als Vertreter des Landkreises, als 1. Beigeordneter, so darf man sich schließlich bezeichnen lassen, als oberster CDU-Vertreter einer Großen Koalition, der man mit der Landrätin, SPD, gemeinsam vorsteht, wie man den Flüchtlingen zu Weihnachten, das ist ja das Fest der Liebe, wer wüsste das besser als er, wie man ihnen die eine oder andere Hilfe oder Erleichterung in Aussicht stellen kann, über den besagten afrikanischen Flechtkorb hinaus (der immerhin mit einigen Früchten und Süßigkeiten bestückt wurde), zum Beispiel bei der täglichen Essenszubereitung, 49 Menschen teilen sich 2 Herde, das ist ihm bekannt, ob die Toiletten und Duschen ausreichen, da hätte man sich zumindest erkundigen können. Dass Kontaktangebote zur Gladenbacher Bevölkerung, dass Hilfsangebote organisiert werden müssten, dass man jetzt mal demonstrativ auf die Menschen zugehen könnte, die solchen Kontakt längst aufgenommen haben, unaufgefordert, Fragen über Fragen, das alles ist eine sehr komplizierte Materie. „I can’t help you“.

Da fällt ihm etwas ein, Gott sei dank, ein Angebot: Teilnahme am Leben der Sportvereine, zum Beispiel Kegeln, Singen, Fußball spielen. Ein wahres Komplett- und Rundum-Angebot. Einer weist nachdrücklich darauf hin, dass bisher noch nie ein Verein etwas von sich hören ließ. Auch das noch, peinlich! Also wird man wohl Vereine kontaktieren. Im Januar. Und dann aber der Hinweis: Für einige der Flüchtlinge gibt es ja Deutschkurse ab Januar, die der Landkreis finanziert. Wieder auf sicherem Terrain: Man hat doch was vorzuweisen! So jetzt bitte noch mal: Nennen Sie Ihre Sorgen. Hier ist ein großes Ohr fürs Herzausschütten. Zachow wird bedrängt. Was soll er machen? Er wird etwas sagen müssen. Aus dem kleinen Mund quälen sich Worte heraus, die das Publikum inzwischen auswendig kennt: „I can’t help you“.

Ich habe noch mal nachgedacht. Nicht ich hätte mir gern auf die Zunge beißen sollen. Sagen, was ist, das kann eine bewegende Aktion sein. Das Faktum soll Vorrang haben, nicht die Kosmetik. Dafür ist die Zeitung da. Auf ihrer 11. Seite steht an diesem Tag in großen Lettern: „Ukraine nimmt Kurs auf die Nato“. Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge sind bereits Opfer des Krieges in diesem Land. 18 Milliarden wurden der Ukrainischen Regierung für neue Rüstungsgüter zugesagt.

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Wie war das noch mal?
Landrat mit Ideen?
Zuhören, Zupacken, Z.....?

I can't help!

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