Vergessene Helden. Wie Gemünden(Wohra) 1945 einer Katastrophe entging.

Bahnhof Gemünden(Wohra) Foto aus dem Jahr 1936
 
Heinrich Töpfer, Stationsvorsteher in Gemünden(Wohra) von 1934 - 1947

Gemünden (Wohra): Bahnhof | Gemünden(Wohra) in den Wirren der letzten Kriegswochen 1945. Der Bahnhof der Kleinstadt am Südrand des Kellerwaldes mit damals ca. 1700 Einwohnern war bis zur Streckenstillegung 1972 Betriebsmittelpunkt der Kellerwald- und Wohratalbahn. Die Streckenführung zwischen den jeweiligen Endstationen Zimmersrode und Kirchhain verlief in einem Bogen parallel zur Hauptstrecke, der “Main-Weser-Bahn“. Als gegen Ende des 2.Weltkrieges alliierte Flugzeuge die Lufthoheit über Deutschland übernahmen, häuften sich auch die Angriffe auf alles, was sich auf Straßen und Schienen bewegte.

Die Nebenstrecken der Deutschen Reichsbahn wurden daher immer wieder zur Umleitung der Züge benutzt, wenn die Hauptstrecken nach Bombardierungen unpassierbar waren. So war es auch auf der Wohratal- und Kellerwaldbahn, als in der letzten Märzwoche 1945 die Nachricht eintraf, dass die Stadt Kirchhain, ca. 20km südlich von Gemünden(Wohra) gelegen, von amerikanischen Truppen besetzt worden sei. Der planmäßige Bahnverkehr auf der Strecke war somit nicht mehr möglich und wurde daraufhin eingestellt. Bis zur Besetzung Gemündens war es daher nur noch eine Frage von kurzer Zeit, verbunden mit der Gefahr vorausgehender Bombardierungen.

In dieser Situation entschloss sich Heinrich Töpfer, als damaliger Stationsvorsteher in Gemünden auch den Bahnhof zu schließen und das Personal nach Hause zu deren Familien zu entlassen. Doch dann erreichte ein umgeleiteter Munitionszug, aus Zimmersrode kommend, die Stadt. Da eine Weiterfahrt nach Kirchhain nicht mehr möglich war, kuppelte das Zug- und Begleitpersonal die Lokomotive kurzerhand ab und entschwand mit ihr in die Gegenrichtung. Der Zug mit der hochexplosiven Fracht blieb herrenlos in Gemünden(Wohra) zurück. Nicht auszudenken die Folgen, wenn nur ein einziger Fliegertreffer die Kettenreaktion auslöste. Es musste schnell gehandelt werden.

Heinrich Töpfer bat den noch auf dem Bahngelände befindlichen Heizer, Heinrich Gimpel, um Hilfe, und gemeinsam heizten sie die im Lokschuppen verbliebene Reservelok an. Obwohl keiner der beiden Fahrpraxis besaß, gelang es, nach Stunden des Anheizens die Maschine in Gang zu setzen. Sie setzten die Lokomotive vor den Munitionszug und schoben ihn Richtung Zimmersrode in ein dichtes, für Flugzeuge nicht einsehbares Waldstück. Nachdem sie den Zug mittels Hemmschuhen gesichert hatten, fuhren beide mit der Lokomotive zurück nach Gemünden. Am Karfreitag, dem 30.März 1945 rückten amerikanische Truppen in Gemünden(Wohra) ein, ein Tag vor einem für den 31.März 1945 angesetzten Bombardement. Die Stadt sowie die Bahnanlagen blieben verschont.

Die beiden Eisenbahner, die in letzter Minute den Munitionszug aus der Stadt schafften, Heinrich Töpfer war mein Großvater, taten nur was getan werden musste und verloren keine weiteren Worte über den Vorfall, so dass die Geschichte selbst in Gemünden weitgehend unbekannt geblieben sein dürfte. Die Stadt besitzt einen malerischen Stadtkern, zählt heute ca. 4000 Einwohner und liegt im Landkreis Waldeck-Frankenberg.

Weiterveröffentlichungen:

Frankenberger Zeitung | Erschienen am 06.01.2010
Waldeckische Landeszeitung | Erschienen am 06.01.2010
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15 Kommentare zum Beitrag
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Christine Eich aus Wetter am 31.12.2009 um 20:15 Uhr  
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Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain am 31.12.2009 um 20:50 Uhr  
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Horst Schmiedchen aus Wennigsen am 01.01.2010 um 08:52 Uhr  
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Karl-Heinz Töpfer aus Marburg am 01.01.2010 um 18:47 Uhr  
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Horst Becker aus Wohratal am 01.01.2010 um 23:17 Uhr  
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Karl-Heinz Töpfer aus Marburg am 09.01.2010 um 01:52 Uhr  
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Dieter Goldmann aus Seelze am 09.01.2010 um 16:25 Uhr  
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