Ein Hosenmatz und seine Weihnachtsmänner

Marburg: Amöneburg | Als ich gerade mal vier Jahre alt war, konnte ich es kaum abwarten bis Heiligabend. Ab dem ersten Advent glaubte ich in jedem den Weihnachtsmann zu erkennen. Ich wusste, dass er ganz in Rot mit einer Zipfelmütze bekleidet war. Menschen mit Zipfelmützen rannten zuhauf in der Stadt herum und meines Wissens konnten das nur Stellvertreter von ihm sein, bei denen ich natürlich sogleich versucht war, meine Aussichten auf eine gute Bescherung zu verbessern.
„Kannst em Weihmann sagt, dass ich danz baav war“, platzte es aus mir heraus, sobald ein Zipfelmützenträger neben mir stand. Warum das jedoch meiner Mutter nicht recht war, konnte ich nicht nachvollziehen.
„Lass das!“, schimpfte sie dann immer. Dabei zerrte sie an meinem Arm und zog mich weg von meinen vermeintlichen Weihnachtsmannvertretern. Das tat weh. Nicht nur wegen des Schmerzes am Arm, sondern auch weil ich mir nie sicher war, ob sie mich verstanden hatten. Nachher erzählten sie noch Unwahrheiten über mich, wodurch mein Weihnachten mies ausfallen könne. So beschloss ich einmal, mich mitten in der Stadt von Mamas Griff zu befreien und hinter einem Mann, der eine solche Kopfbedeckung trug, herzurennen.
„Ehelich, ich wa danz baaf“, brüllte ich ihm zu. Doch noch bevor ich ihn erreichte, verschwand er im Getümmel der Einkaufspassage. Abrupt stoppte ich meinen Lauf und schaute umher. Hosen, nichts als Hosen. Dunkle, helle, gestreifte und sogar eine karierte waren dabei. Sogleich überkam mich ein mulmiges Gefühl. Ich hatte Angst, ich wollte schreien, doch Mama war schneller.
„Du Sauwanst!“, brüllte sie mich von hinten kommend an, schnappte nach meinem Arm und zog mich zu sich.
„Du sollst doch nicht jedem hinterher laufen. Wie oft muss ich es dir noch erklären, nicht jeder, der eine Zipfelmütze trägt, hat etwas mit dem Weihnachtsmann zu tun“, schimpfte sie. Doch die Waffen eines Kindes können in solchen Momenten wahre Wunder bewirken. Mein aufgesetzter Schmollmund, die Größe meiner Kulleraugen und die eine Träne schienen sie zu besänftigen.
„Lausejunge“, schmunzelte sie.

Dann kam der Tag, an dem bei uns ein Lastwagen vorfuhr, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich stand gerade am Fenster und schaute hinaus. Ich konnte kaum glauben was ich zu sehen bekam. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich stieg aus dem Fahrzeug. Es konnte nicht anders sein. Ein weißer Bart, der dicke Bauch und seine Kleidung liesen mich das zumindest vermuten. Erwartungsfroh rannte ich zur Haustür, denn ich wollte der erste sein, der ihn begrüßte.
„Martin, das ist nicht der Weihnachtsmann“, sagte Mama, die mir zuvorgekommen war. Überwältigt von der Größe und der rauen Stimme des Mannes, stand ich einfach nur so da und bekam kein Wort heraus. Er jedoch zwinkerte mir zu und lächelte mich an, während er mit Mama sprach.
Verlegen wanderten meine Blicke zu Boden. Dann schloss Mama die Haustür und begab sich in den Keller. Ich durfte nicht mit, was mich aufhorchen lies. Eilig rannte ich zum Fenster, stellte mich auf den Stuhl, um besser sehen zu können, und sah wie der Mann große und kleine Pakete in Richtung unseres Kellers trug. Euphorisch hüpfte ich umher. Mehr Beweise brauchte ich nicht, bei den Paketen konnte es sich nur um die Weihnachtsgeschenke handeln. Von wegen, der Weihnachtsmann hat einen Zaubersack. Er liefert vorher aus. Und damit die Täuschung auch echt wirkt, bekommen die Päckchen ihr weihnachtliches Kleid mit Schleifchen kurz vor Heiligabend von Mama und Papa.
Ich musste in den Keller. Zwar schürte der Gedanke an die dunklen Ecken dort unten meine Ängste, doch die Neugier war größer und bezwang das mulmige Gefühl.
Nach dem Mittagessen war ein guter Zeitpunkt. Mama war auf dem Sofa eingeschlafen.
So schlich ich mich hinab. Es dauerte nicht lange und ich wurde fündig. Eine der vielen Kisten stand direkt auf der Gefriertruhe. Sofort versuchte ich sie mir zu greifen, doch es gelang mir nicht. Ich war zu kurz. Mit den Töpfen und Pfannen aus dem Regal neben der Truhe baute ich mir ein Podest. Es war eine wackelige Angelegenheit auf der Stellage zu balancieren. Und kaum, dass ich das Paket in Händen hielt, kam was kommen musste. Einer der Töpfe veränderte seine Position, sodass mein erhöhter Standplatz unter lautem Getöse in sich zusammenbrach. Der Schwerkraft folgend landete ich auf dem Hosenboden. Das Paket stülpte sich über meinen Kopf samt der darin enthaltenen Torte. Der Radau, den die Töpfe und Pfannen verursacht hatten, weckten meine Mama. Eilig stolperte sie in den Keller herab.
„Du Drach!“, schrie sie erbost, als sie die Sauerei, die ich verursacht hatte, erblickte. „Keine fünf Minuten kann man dich alleine lassen. Was machst du hier?“ Ich brauchte ein wenig um zu antworten, steckte mein Kopf doch noch in der Kiste und ein paar Bröckchen von der Torte in meinem Mund.
„Mmpf, Weihmann schenke sehn“, prustete ich.
„Wie, was? Vorhin, das war der Eismann“, entgegnete sie kopfschüttelnd. Dann half sie mir aus meiner misslichen Lage.
„Damit du es weißt, Weihnachten ist für dich gestorben“, schimpfte sie.
Weihnachten war für mich zwar nicht gestorben, nur halt an jenem Tag. Es folgten noch mehrere Standpauken und ins Bett durfte ich auch früher, eigentlich gleich nachdem sie mich gesäubert hatte. Von dem Tag an war ich vorsichtiger, ich rannte nicht mehr hinter jeder Zipfelmütze her und wenn der Eismann klingelte war ich der Letzte, der ihm freiwillig die Tür öffnete.


© Martin Stumpf 2014
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3 Kommentare
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Arnim Wegner aus Langenhagen | 23.11.2014 | 14:33  
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Andreas Köhler aus Greifswald | 23.11.2014 | 15:40  
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Gabriele F.-Senger aus Langenhagen | 23.11.2014 | 16:37  
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