Das späte Glück

Marburg: Ockershausen | Jahrelang hatte Karsten als Journalist für eine Zeitung gearbeitet. Stets war er auf der Suche nach einer guten Geschichte gewesen, nach der „Story seines Lebens“, doch gefunden hatte er sie nie. Er befand sich schon im Ruhestand, als er vor ein paar Jahren seine Frau zu Grabe tragen musste. Seither besuchte er sie täglich auf dem Friedhof, der eher einem Park ähnelte als einem Gräberfeld. Der Friedhof lag an einem Hang, inmitten der Stadt, seltene Bäume und Sträucher bereicherten sein Erscheinungsbild. Dieser Reichtum an Grün erschien Karsten wie ein Wald des Lebens, und doch war es die Stätte des Todes und der Trauer.
Das Grab seiner Frau befand sich auf dem älteren Teil der Begräbnisstätte in einer schattigen Senke. Es war ein Familiengrab, in dem all seine Vorfahren ihre letzte Ruhe gefunden hatten und nun auch seine Frau. Das Grabmal war aus einem Tuff-Gestein und trug den Familiennamen. Vor ihm lagen aus dem gleichen Gestein kleinere Grabplatten, und diese trugen die jeweiligen Namen, Geburts- und Sterbedaten der Verstorbenen. Das Grab selbst war mit Efeu überwuchert, und vor der Grabplatte seiner Frau stand ein Strauß mit frischen Blumen, die er ihr jeden Tag brachte.
Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Weges, stand eine Bank, auf der er zu sitzen pflegte. An schönen sonnigen Tagen verweilte Karsten dort manchmal stundenlang, versank in seinen Gedanken und schwelgte in der Vergangenheit.
Manchmal beobachtete er auch die Menschen um sich herum, die genau wie er ihre Liebsten betrauerten. An jenem Tag beobachtete er diesen älteren Herrn, der sich vor einem der Gräber in ungewohnter Lautstärke mit sich selbst zu unterhalten schien. Karsten kam nicht umhin, ihm bei seiner seltsamen Unterhaltung zuzuhören.
„Ich frage mich, ob mein Leben wohl anders verlaufen wäre“, sprach der ältere Herr vor dem Grab.
„Wenn ich doch nur auf sie gehört hätte. Mein ganzes Leben lang habe ich diese Sekunden durchgespielt, immer und immer wieder. Doch leider waren es nur Gedanken und nicht die Realität, denn die hätte anders ausgesehen. Ich bereue nicht mein Leben, nur diese eine Entscheidung. Sie war falsch – falsch für mich. Ein paar Sekunden, die das Leben vieler beeinflussten, für lange Zeit.“ Der ältere Herr senkte traurig seinen Kopf. Er weinte und hielt sich die Hände vor das Gesicht.
„Was für ein seltsamer Mensch“, dachte sich Karsten, dem die Bitterkeit des älteren Herrn nicht verborgen geblieben war.
Karstens Aufmerksamkeit war geweckt, und der Journalist in ihm witterte eine Story. So hörte er auch weiterhin den Ausführungen des älteren Herrn gespannt zu.
„Ich kann nur für mich sprechen, nicht für andere. Vielleicht hat mein Fehler im Leben anderer etwas Positives bewirkt ...? Oder es war Bestimmung, eine göttliche Vorsehung. Viele Varianten sind denkbar“, schluchzte der ältere Herr. Karsten musterte von seiner Bank aus das äußere Erscheinungsbild des Mannes, der eine alte ausgewaschene Bluejeans trug, abgetragene weiße Turnschuhe mit bunten Streifen an den Seiten, und unter seiner hellbraunen Cord-Jacke trug er ein dunkel-blaugelb-kariertes Hemd. Seinen Kopf zierte eine schwarze Baskenmütze, an der eine farbige Brosche angesteckt war.
„Weißt du noch? 1971 hier in Marburg“, fuhr der ältere Herr fort, „Ich hatte gerade mit meinem Studium begonnen, als du mir über den Weg liefst. Ich wusste es sofort, innerhalb weniger Sekunden war ich total verliebt in dich. Was hatte ich nicht alles unternommen, um dich, natürlich nur aus purem Zufall, wieder zu treffen. Vorlesungen besucht, nur weil du diese besuchtest. Mich mit Menschen getroffen, die mir suspekt waren, nur um in deiner Nähe sein zu können. Sehr oft lungerte ich auch vor deiner Studentenbude herum, nur um dich eventuell am Fenster zu sehen. Ich tat all die Dinge, die ein verliebter Gockel so tut, nur dich ansprechen, das traute ich mich nicht.“ Der ältere Herr unterbrach sein Selbstgespräch und schaute umher. Er bemerkte Karsten auf der Bank und begrüßte ihn, indem er seine Baskenmütze kurz lupfte. Karsten stand auf und grüßte seinerseits kopfnickend. Der ältere Herr indes drehte sich wieder zu dem Grab und fuhr mit seinen Ausführungen fort.
„Irgendwann hatte die Vorsehung wohl dann ein Einsehen und gab mir die Möglichkeit, dich doch noch anzusprechen. Es passierte in der Mensa. Einen Augenschlag lang war ich mit mir selbst beschäftigt, und als ich mich mit meinem Tablett in Händen umdrehen wollte, standest du direkt hinter mir. Ich kippte dir mein Mittagessen über Hemd und Hose und mir fuhr sogleich ein Schock durch meinen Körper, doch du riefst nur:
„Spaghetti, ich mag Spaghetti!“ Für einen Augenblick lachte der ältere Herr.
Karsten stutzte: „Diese Geschichte, woran erinnert mich diese“, fragte er sich, doch er fand noch keine Antwort in seiner Erinnerung.
„Es sind diese Momente im Leben, die so unwichtig erscheinen, doch irgendwann ein ganzes Leben bestimmen.
Ich nutzte die Chance der Vorsehung, und kurze Zeit später waren wir ein Paar. Wir studierten gemeinsam – die Liebe und das Leben. Viele wundervolle Momente folgten, die mich für den Rest meines Weges an dich erinnerten, bis heute. Ich halte diese in meinem Herzen, bis es seinen letzten Schlag tun wird.“ Wie aus heiterem Himmel schlug der ältere Herr mit seiner Faust mehrmals auf seine Brust. Hierbei schrie und fluchte er sogar.
„Warum willst du nicht aufhören zu schlagen, warum nicht, hör endlich auf, du verfluchtes Herz!“
Karsten erschrak und zuckte kurz zusammen, während der ältere Herr unvermindert mit seiner Geschichte fortfuhr.
„Es war der 28. April 1972 abends kurz vor 22 Uhr, wir waren mit dem Auto unterwegs. Wir wollten auf eine Studentenfete, wir kannten uns nicht aus, weswegen wir stritten. Du wolltest, dass ich nach rechts abbiege, doch ich bog nach links ab, und übersah hierbei den uns entgegenkommenden Pkw. Dieser kurze Augenblick bis zum Aufprall, er kommt mir heute vor wie Jahre. Ich sah sie ganz genau. Ein Mann und eine Frau saßen in dem auf uns zu rauschenden Wagen. Ich bekam noch mit, wie sich die Frau ihre Hände vors Gesicht hielt, danach wurde es dunkel um mich herum. Meine Entscheidung, sie war falsch.“ Der ältere Herr bückte sich und griff nach einem größeren Stein, der dort lag. Er hob ihn auf und warf diesen senkrecht hoch in die Luft, breitete seine Arme aus und verfolgte den Flug des Steines. Auch Karsten verfolgte die Flugbahn. Er sah, wie der Stein nach oben zischte, stoppte und wieder auf den älteren Herrn hinuntersauste. Nur um Haaresbreite verfehlte der Stein den älteren Herrn.
„Du willst mich nicht!“, schrie der ältere Herr daraufhin, während er noch immer nach oben blickte.
„Du wolltest mich nie, wann endlich nimmst du mich, seit Jahren versuche ich es nun schon, doch du verschmähst mich!“
Erschüttert über das Tun des älteren Herrn saß Karsten zitternd auf der Bank. Er wollte aufstehen und hinüber laufen, doch nachdem nichts geschehen war und der ältere Herr mit seiner Erzählung unbeirrt fortfuhr, blieb Karsten sitzen.
„Als es wieder hell um mich herum wurde, lag ich in einem Bett. Viele Gesichter, kein mir bekanntes, es waren Fremde. Nur ein Augenblick des Lichts und es wurde wieder Dunkel um mich herum. Heute habe ich das Gefühl, dieser Augenblick in diesem Bett, in diesem Zimmer, es wären Stunden gewesen, da ich mich an jedes Gesicht und dessen Worte erinnere, doch in Wahrheit, war es nur ein Wimpernschlag. Und dann wacht man auf, begreift, was passiert ist, und einem wird ganz am Rande, fast lapidar, mitgeteilt, dass die Frau, die du geliebt, die Frau deiner Träume ihren Verletzungen erlegen ist. Durch meine Schuld. Ich wollte sterben, ich will es noch immer, doch der Tod wollte mich nie. Er wollte meine Freundin und hat sie bekommen. Alleine mit dieser Schuld ein ganzes Leben lang. Du trägst die Schuld, du erträgst sie, du musst sie ertragen, da der Tod dich nicht will.“
Der ältere Herr sackte in sich zusammen und kniete sich auf das Grab. Mehrmals hintereinander schlug er mit geballter Faust in die Erde, bevor er seine Hände über den Kopf legte und jämmerlich zu weinen begann.
Karsten fiel es nun plötzlich wie Schuppen von den Augen:
Er war es, der über diesen schweren Verkehrsunfall damals einen Bericht schrieb. Zwei Fahrzeuge waren auf einer Kreuzung mit hoher Geschwindigkeit aufeinander geprallt, dabei wurden zwei Personen getötet. Soweit er sich noch erinnern konnte, verbrannten eine Frau und ein Mann bis zur Unkenntlichkeit. Es war die Story, die sein Leben verändert hatte. Denn danach beschäftigte er sich nur noch mit dieser Art der Berichterstattung.
Karsten stand von der Bank auf und begab sich zu dem älteren Herrn. Dort beugte er sich nieder, legte seine Hand auf dessen Schulter und versuchte beruhigend auf diesen einzuwirken.
Der ältere Herr stand auf, er schämte sich für seine Worte und Taten. Er vermochte kaum, Karsten anzublicken.
„Jedes Jahr am Tag des Unfalls, an ihrem Todestag, komme ich hier her an ihr Grab und weine um sie.
Schon sehr oft versuchte ich, mir das Leben zu nehmen, ich schnitt mir die Pulsadern auf, sprang von einer Brücke, und einmal stellte ich mich mitten auf die Autobahn. Doch es war immer jemand da, der Schlimmeres verhinderte, so wie Sie heute hier sind und auf mich aufpassen.“ Karsten blickte dem älteren Herrn in die Augen und erkannte darin dessen Verzweiflung. Gemeinsam schritten sie zur Bank, setzten sich und tauschten ihre Namen aus.
Karsten konnte es nicht fassen, diesen Menschen hatte man damals für tot erklärt, und er hatte darüber berichtet, auch er hatte die Fehler anderer nicht gesehen. Er kannte die Frau, die der ältere Herr hier beweinte. Nicht weit entfernt, oberhalb der Senke, hinter einigen Bäumen und Büschen beweinte diese jedes Jahr den älteren Herrn an dessen Todestag.
Zwei Menschen, die sich einst liebten und durch unglückliche Umstände den jeweils anderen zu Grabe trugen, waren gar nicht gestorben.
Jahrelang hatte Karsten nach einer Story gesucht, hier und heute stand sie vor ihm, dieser Mann wurde einst für tot erklärt. Ein Mann, der von einer Frau betrauert wurde, sein Grab nur einige wenige hundert Meter entfernt. Karsten bat den älteren Herrn, ein Stück des Weges mit ihm zu gehen, und lenkte ihre Schritte zu dem Grab. Dort saß die ältere Dame, die verloren geglaubte Liebe des älteren Herrn.
Es gibt Augenblicke im Leben, in denen das Erlebte unbeschreibbar ist. Karsten sah zwei Menschen, die sich einst so sehr liebten und nur durch tragische Verwirrungen aus den Augen verloren. Über 40 lange Jahre waren sie sich fern und doch ganz nah, er sah beide eng verschlungen, vor dem Grab des einen ...
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2 Kommentare
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lothar hofmann aus Marburg | 21.02.2014 | 16:57  
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Martin Stumpf aus Amöneburg | 22.02.2014 | 12:29  
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