Wanderung über den „Marburger Rücken“ - Teil 2: Aufstieg zur Augustenruhe

Der Obelisk auf der Augustenruhe
 
Obelisk und Schloss im Gegenlicht
 
Blick von der Augustenruhe auf das Lahntal
Marburg: Augustenruhe | Der Wanderweg „Am Weinberg“ wird am Rhenanenhaus zu einer kleinen Fahrstraße und biegt in das Tal des Brümmelsgraben ein. Am Ende, wo die Stichstraße von der Wilhelm-Roser-Straße heraufkommt, muss der Wanderer scharf nach rechts abbiegen. Hier beginnt eine sehr schmale aufsteigende Gasse. Sie führt geradewegs zur Augustenruhe. Das nächste Ziel, die hoch aufragende Kirchspitze, liegt auf der linken Seite.

Der Wanderer muss sich noch einmal scharf nach rechts halten. Mehrere kleine Wege zum Erreichen der Bergspitze der Augustenruhe stehen zur Auswahl bereit. Hält man sich nach rechts, führt der Weg an den oberen Begrenzungen der Gärten des Weinbergs entlang. Der Blick geht dabei in Richtung Grassenberg und Brümmelsgraben. Die früher hier entlang des Weges befindlichen Wiesen sind heute von hohen Sträuchern überwachsen. Man muss wissen, dass das Waldgebiet um die Augustruhe nicht als Wald, sondern offiziell als Park geführt wird. Früher war die Augustenruhe ein Mischgebiet auf Wald und angelegten Rasenflächen.

Bis in die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg, bevor die Marburger Bürger Besitzer von Autos wurden und mit ihrer errungenen Mobilität die weitere Umgebung erkundeten, wurden die heute verschwundenen Wiesen der Augustenruhe als Liege- und Erholungsflächen gerne aufgesucht. An den Wochenenden stiegen die Bürger die vielen Wanderwege hinauf auf die Augustenruhe, bepackt mit einer „Kolter“ (so nennt man in Marburg eine große Decke, auf der sich eine Familie in die Sonne legen kann). Auf der Kolter machte man es sich dann bequem und genoss die Sonne. Verpflegung hatte man natürlich auch mitgebracht.

Bei aufkommendem Regen stand eine Schutzhütte bereit, die noch heute dem Wanderer dient. Sie steht am Abhang zum Ketzerbachtal knapp unter dem Gipfel. Diesen krönt ein über drei Meter hoher Obelisk, der dem Wanderer schon vorher durch die Bäume sichtbar geworden ist. Spätestens hier bemerkt jeder, dass dieser Gipfel eine Geschichte hat. Und die ist aller Ehren wert.

Weil keine ausreichenden Unterlagen, keine Urkunden und Berichte aus der Anfangszeit von Marburg vorliegen, gibt es verschiedene Aussagen zur Bedeutung und Besiedelung dieses Berges. Seine Lage zeigt außerordentliche Vorteile. Nach allen Richtungen bieten zum Teil sehr steile Abhänge den Beherrschern des Berggipfels Schutz. Dass dies schon vor vielen Jahrhunderten genutzt wurde zur Anlage einer Burg, zeigen Reste und weitere deutlich sichtbare markante Bodenformen.

Die Marburger Historiker bieten allerdings verschieden Deutungen an. Von Einigkeit kann keine Rede sein. Wilhelm Kessler vermutet, dass bereits etwa um 800 n. Chr. eine Turmburg auf der „Minne“ (erst seit 1814 trägt der Berg den Namen Augustenruhe) als Grenzpunkt nördlich von Marburg gestanden habe.

Wilhelm Bücking, der Nestor der Marburger Historiker, glaubt, ohne eine Jahreszahl zu nennen, dass auf der Minne die Lützelburg stand. Hermann Bauer bestreitet dies vehement.

Der Historiker Willi Görich nimmt an, dass die hl. Elisabeth im 13. Jahrhundert in ein altes, verlassenes Hofgebäude im Mündungsgebiet der Ketzerbach eingezogen sei. Dieses Hofgebäude und auch die in der Nähe befindliche Mühle seien zugehörig gewesen zur ehemaligen gisonischen Vorgängerburg auf der Minne, der Lützelburg. Rudolf Grenz wiederum bestreitet gänzlich, dass auf der Augustenruhe eine Burg gestanden hätte. Vielmehr sei die angrenzende Kirchspitze viel geeigneter gewesen zum Bau einer Burg oder Befestigung.

Noch im 19. Jahrhundert konnte Wilhelm Bücking offen liegende Mauerreste auf der Bergspitze beschreiben. Heute kann man ihre Lage nur noch erahnen. Sie sind überwuchert. Der Wanderer, der die knapp 100 Höhenmeter vom Tal bis hierher gemeistert hat, kann über die Frage, ob es hier eine Burg gab oder nicht, ein eigenes Urteil bilden. Die gebildeten Marburger Historiker studieren vorrangig zur Geschichte der Hl. Elisabeth, der Elisabethkirche und des Schlosses. Vielleicht wird in einigen Generationen auch das Interesse an der "Lützelburg" erwachen.

Doch nehmen wir den Berg nun in Besitz wie es die Marburger Bürger im 19. Jahrhundert taten. Der Gipfel bietet eine geradezu phantastische Aussicht auf Marburg: Schloss, Lahntal, Ketzerbachtal und vor allem auf die Elisabethkirche. Die Bergspitze überragt die beiden Türme der gotischen Kirche um fast zwanzig Meter und erreicht im Vergleich zum Schlossberg nahezu die gleiche Höhe wie das Schloss.

Die größte Aufmerksamkeit auf dem Gipfel jedoch gilt dem Obelisken. Die Inschrift gibt seinen Ursprung und seine Bedeutung an. Gewidmet ist er der hessischen Kurfürstin Auguste. Der auf einem Podest stehende Obelisk erinnert an den Besuch der patriotischen Kurprinzessin Auguste am 14. Mai 1814. Auguste war Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. Deshalb befindet sich auf dem Denkmal, das von Johann Jacob Dauber errichtet wurde, der preußische Adler.

Weshalb die Marburger Bürger so erfreut waren über den Besuch der hohen Dame, muss aus den damaligen Zeiten abgelesen werden. Die Zeiten der Franzosenherrschaft (Jerome residierte in Kassel) waren kurz vorher beendet, noch viele fremde Truppen waren bis 1813 durch die Lande gezogen und endlich war Frieden eingekehrt. Die Kurfürstin war mit großen Ehren empfangen worden. Hier der Bericht aus der damaligen Zeitung (wahrscheinlich aus der Feder von Prof. und Superintendent Karl Wilhelm Justi):

„Am 13. Mai 1814 nachmittags wurde die erhabene Königstochter, die Kurprinzessin Auguste mit ihren hoffnungsvollen Kindern in der ehem. landkommenthurlichen Wohnung [Hermann Bauer erläutert: im Deutschhaus hinter der Kirche] von dem Offiziers-Corps, sämtlichen Civilbehörden, den Mitgliedern der Universität, der Geistlichen von allen drei brüderlich-vereinten Confessionen [das waren damals die Lutherischen Geistlichen Justi, Creuzer und Usener, die beiden Reformierten Münscher und Schlarbaum sowie der katholische Pfarrer von Eß], desgleichen einigen Damen begrüßt. Alle fühlten sich durch Ihre herzgewinnende Holdseligkeit beglückt.“

Justi war es eine besondere Ehre, „I. k. H.“ durch die St. Elisabethkirche zu geleiten, wobei er besonders auf die leere Sakristei hinwies, die des kostbaren goldenen Schreins beraubt war, seitdem dieser am 6. Dezember 1810 von Jerome nach Kassel entführt war. Und weiter heißt es in dem Zeitungsbericht:

„Nachdem I. k. H. die St. Elisabethkirche verlassen hatte, nahm Sie die reizende Umgebungen Marburgs in Augenschein“, d. h. die ganze erlesene Gesellschaft kletterte die noch unwegsame Minne hinauf, „eine große Menge der Bewohner Marburgs folgte der edlen Fürstin mit Jubel nach, und überall tönte Ihr die laute Herzensfreude des Volks entgegen …“

Bei den Ketzerbächern muss der Aufstieg der Kurfürstin auf die Minne einen besonderen Ein-druck hinterlassen haben. Sie beschlossen, zum Andenken an den Besuch ein Denkmal auf der Minne zu errichten. Einer der ihren, der Steinmetz Dauber, fertigte eine 18 bis 20 Zentner schwerer Stein in Form eines Obelisken an. Die Bewohner der Ketzerbach schafften den Stein am 18. November 1814 den Berg hinauf. Unter lautem Jubel und Gesang von jungen Mädchen, reichlich mit Kränzen geschmückt, - so wurde in der Zeitung vermeldet – wurde der Stein aufgerichtet.

Auguste war es auch, die noch im gleichen Jahr dafür sorgte, dass der von den Franzosen gestohlene goldene Schrein von Kassel wieder nach Marburg gebracht wurde. Am 12. August 1914 wurde dieser wieder mit aller Würde in die Elisabethkirche aufgestellt. Allerdings musste man Mitteilung machen von den zahlreichen Verlusten, die der Schrein in Kassel erlitten hatte. Die Stellen, an denen Jerome kostbare Edelsteine herausreißen ließ, sind noch heute am Schrein sichtbar.

Wenn der Wanderer neben dem Obelisken eine kurze, verdiente Rast einlegt, kann auch noch der Lebensgeschichte der Kurfürstin gedacht werden. Die Ehe von Auguste mit dem Kurfürsten hatte „politische“ Hintergründe. So konnte Auguste, die sechs Kinder gebar, keine glückliche Ehe führen. Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel hatte aus Berlin eine Geliebte mit nach Kassel gebracht, Emilie Ortlöpp. 1821 erhob Wilhelm II. diese zur Gräfin von Reichenbach und später zur Gräfin von Lessonitz. Das Paar hatte acht Kinder. Kurfürstin Auguste war zeitweilig aus Kassel vom Hof verbannt. 1841 heiratete der Kurfürst Emilie Ortlöpp und führte von da an eine morganatischer Ehe. Doch er musste aus Kassel entweichen und lebte fortan abgeschieden in Hanau.

Wie der Wanderer bemerken muss, führt ihn der Weg nicht nur auf aussichtsreiche Höhen, sondern auch in tiefe Abgründe der Moral aus der Zeit vor zweihundert Jahren. Die damals vor allem in der Biedermeierzeit bürgerlich geprägte Moral war in Adelskreisen weitgehend übernommen worden. Die Zeit, in der den Fürsten alles erlaubt und nichts übel genommen wurde, nahm langsam ein Ende.
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Oberhessische Presse | Erschienen am 17.01.2015
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2 Kommentare
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Hans-Rudolf König aus Marburg | 16.01.2015 | 09:33  
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Karl-Heinz Gimbel aus Marburg | 16.01.2015 | 09:40  
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